17.02.2007

UMWELTDer Dreck der anderen

Fast im Verborgenen hat sich in Deutschland eine Boombranche entwickelt: Verbrennungsanlagen importieren massenhaft Giftmüll. Hochbelastete Abfälle aus Australien sorgen jetzt für Unmut.
Die Reise ist so penibel geplant, als wäre ein Staatsoberhaupt im Anmarsch. Für den Transport werden besonders zuverlässige Containerschiffe gesucht, das Personal erhält eine spezielle Schulung, und die Kapitäne haben Weisung, dichtbefahrene Seewege zu meiden. Aus Sicherheitsgründen.
Es gilt, eine gefährliche Ladung um den halben Globus zu schippern: Vier Frachter sollen 22 000 Tonnen Sondermüll aus Australien nach Schleswig-Holstein bringen. Die Giftbehälter dürfen nur unter Deck gelagert werden, denn es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass einer der Container etwa bei einem Orkan ins Meer stürzt.
In Deutschland angekommen, wird das kontaminierte Gut per Bahn und Lkw zu speziellen Verbrennungsanlagen geschafft: nach Brunsbüttel, Herten, Dormagen und Leverkusen. Dort sollen die krebserregenden Hexachlorbenzole aus der Lösemittelproduktion des australischen Chemiekonzerns Orica bis Ende 2008 "unschädlich gemacht werden", wie die Betreiber der Müllöfen versichern.
Die Fahrt vom einen zum anderen Ende der Erde offenbart einen Geschäftszweig, der hierzulande bislang im Verborgenen boomte: Deutschland hat sich zu einem der wichtigsten Importländer für Giftmüll aus der ganzen Welt entwickelt, zu einer gigantischen Entsorgungsstation für den Rest der Welt. Es kommen Munitionsabfälle aus Schweden, Pestizide aus Kolumbien, asbesthaltiger Schutt aus Amerika, toxischer Arzneimüll aus Neuseeland, Lösemittel aus China und Bleibatterien aus Montenegro.
Nichts, was Mensch, Tier und Umwelt schadet, scheint auf der Importliste zu fehlen, die beim Umweltbundesamt akribisch geführt wird. Und die Menge hat sich seit 2000 verdreifacht - auf über zwei Millionen Tonnen. Die Einfuhr von Asbestabfällen stieg in diesem Zeitraum um 400, die von Industrieschlämmen gar um 450 Prozent.
Grund für diese Art von Wirtschaftswachstum sind ausgerechnet die vergleichsweise strengen deutschen Umweltgesetze. Sie haben dafür gesorgt, dass hier die besten Sondermüll-Verbrennungsanlagen der Welt gebaut wurden, das größte Know-how vorhanden ist. Die Hightech-Öfen rentieren sich aber nur bei hoher Auslastung - ohne die internationale Akquise
hätten die deutschen Betreiber Überkapazitäten von bis zu 20 Prozent zu beklagen. Allein mit dem Auftrag aus Australien machen sie 22 Millionen Euro Umsatz.
Weil die Deutschen sich also danach drängen, den Dreck wegzumachen, haben sich andere Länder klammheimlich aus der Verantwortung gestohlen. In der vor 18 Jahren geschlossenen Baseler Konvention haben sich bis heute 170 Staaten verpflichtet, ihren Giftmüll möglichst im eigenen Land zu entsorgen - eigentlich eine Schutzmaßnahme gegen den Abfalltourismus in Drittweltländer.
Doch so weit müssen etwa die Niederländer, die zwei Sondermüll-Verbrennungsanlagen in Rotterdam stillgelegt haben, ihren Unrat gar nicht schicken. Gleich hinter der Grenze, in Nordrhein-Westfalen, warten dankbare Abnehmer, sie bekommen 900 Euro pro Tonne. "Ihr habt so gute Anlagen", sagt Paul Braams von der Rotterdamer Müllverbrennung, "warum sollten wir dann unsere Öfen für viel Geld erneuern?"
Während Organisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vor unkalkulierbaren Risiken der Giftmüllverbrennung warnen und die Geschäftemacherei der Müllentsorger anprangern, kann Joachim Beyer die Aufregung nicht verstehen. Der Diplom-Ingenieur ist Chef der Sonderabfallverbrennung der Bayer Industry Services, zuständig für mehrere Spezialöfen in Leverkusen und Dormagen. "Wir haben nichts zu verbergen", sagt der Anlagenchef bei der Führung durch sein Leverkusener Reich, in dem der Abfall bei 1000 bis 1200 Grad verbrannt wird.
In der Sprache des Chemikers heißt das: Äußerst giftige organische Verbindungen werden zerschlagen. Übrig bleiben Schlacken, die im Wasserbad erstarren. "Man könnte sie zum Wegebau benutzen", so Beyer und langt zur Demonstration der Ungefährlichkeit in einen Haufen dunkler Brocken, die wie geschreddertes Glas aussehen. "Schnittwunden sind die schlimmsten Gefahren, die davon ausgehen", sagt er. Der Bayer-Konzern kippt die Schlacken auf die werkseigene Deponie.
Übrig bleiben aber auch gasförmige Bestandteile des Sondermülls, die beim Abkühlen auf etwa 300 Grad zum Beispiel die tückische Eigenschaft besitzen, sich wieder zu giftigen Furanen und Dioxinen zusammenzusetzen. "Sie endgültig zu knacken", erklärt Beyer, sei die Aufgabe diverser Brennkammern, Rotationswäscher, Kondensationsfilter und des über 30 Meter großen Katalysators.
Was dann in knapp 100 Meter Höhe den Schornstein verlasse, liege weit unter den vorgeschriebenen Grenzwerten, sagt der Bayer-Mann. Messbar allenfalls noch in Pikogramm - billionstel Gramm also.
Wissenschaftler halten dagegen, dass es eine Müllverbrennung ohne schädliche Emissionen nicht gebe. Harry Rosin, Professor für medizinische Mikrobiologie, hält die Beteuerungen der Industrie gar für eine "Verdummbeutelung".
Selbst bei den besten Anlagen würden "krebserregende Partikel" in die Luft geblasen. Und irgendwann komme der ganze Dreck dann wieder auf die Erde zurück. Die Moleküle würden dort etwa von grasenden Kühen gefressen und so in die Nahrungskette gelangen. Selbst kleinste Giftmengen reichten dann aus, die Gesundheit von Menschen zu schädigen.
Für Experten wie Rosin steht zudem fest: Die Nachbarn der Müllerverbrennungsanlagen werden die Zeche zahlen für eine umstrittene Wirtschaftsförderung vergangener Jahre. Den Anwohnern sei "weisgemacht worden, die Betriebe seien unverzichtbar für die Region", sagt Günter Dehoust vom Darmstädter Öko-Institut. Aber jetzt müssten sie feststellen, "dass wegen der Überkapazitäten der Müll aus aller Herren Länder akquiriert wird".
In Brunsbüttel formiert sich inzwischen Widerstand dagegen, dass die Region weltweiter "Umschlagplatz für Sondermüll" wird, so die Sprecherin des örtlichen Umweltvereins. Die vier Schiffe mit den 22 000 Tonnen aus Australien sollen im Hafen von Brunsbüttel gelöscht werden. Rund die Hälfte des Abfalls soll in der dortigen Hochtemperatur-Verbrennungsanlage landen. Die andere Hälfte wird auf Güterzüge und Lastwagen umgeladen und dann über 400 Kilometer durch die Bundesrepublik transportiert.
Dabei ist umstritten, ob etwa die kommunale Anlage im westfälischen Herten überhaupt geeignet ist, den australischen Chemie-Cocktail aus der Welt zu schaffen. "Wegen der niedrigen Verbrennungstemperatur von nur 900 Grad können die Chlorverbindungen in Herten nicht restlos beseitigt werden", mahnt Claudia Baitinger, Abfallexpertin des BUND. Für Johannes Remmel, den Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Düsseldorfer Landtag, stellt sich zudem die grundsätzliche Frage, "ob es die Aufgabe kommunaler Entsorger ist, weltweit Giftmüll einzuwerben".
In Herten werde "nur schwach kontaminierter Müll verbrannt, alte Fässer und andere Verpackungen", versichert Orica-Sprecher John Fetter, "und Herten hat ein spezielles Verfahren entwickelt, in dem 900 Grad ausreichen".
Der Bundesumweltminister und die Düsseldorfer Landesregierung haben daher auch keine Einwände gegen den Müllhandel. Im Gegenteil. "Deutschland übernimmt mit seinen sehr guten Anlagen zur Sondermüllverbrennung ein Stück umweltpolitische Verantwortung", sagt Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Das Zeug hier zu entsorgen, sei immer noch besser, als gefährliche Stoffe unsachgemäß irgendwo zu deponieren oder ins Meer zu kippen. Für die Zukunft wünscht sich der Sozialdemokrat allerdings, dass die Müll-Exporteure eigene Verbrennungsanlagen bauen - am besten mit Technik made in Germany.
China, bislang eher zurückhaltend in Sachen Umweltschutz, scheint Gabriels Vision umsetzen zu wollen: In Peking und einem Industriegebiet im Nordwesten sollen zwei mustergültige Sondermüll-Verbrennungsanlagen entstehen. Gebaut werden soll mit deutschem Know-how.
UDO LUDWIG, BARBARA SCHMID
Von Udo Ludwig und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 8/2007
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