17.02.2007

PORNOGRAFIENackt im Netz

Immer öfter landen private Aufnahmen auf Schmuddelseiten im Internet - die Abgebildeten sind meist ahnungslos.
Der Anrufer nannte keinen Namen und kam sofort zur Sache. Gerade sei er im Internet auf dieses scharfe Filmchen von ihr gestoßen. Jetzt habe er natürlich Lust auf wilden Sex mit ihr. Ob er mal vorbeischauen dürfe?
Birgit H. dachte zunächst, dass der Mann, der sie an einem Sonntagmorgen im Oktober vergangenen Jahres unsanft aus dem Schlaf riss, wahllos eine Telefonnummer gewählt hatte. Doch dann meldeten sich weitere Unbekannte bei ihr, und das konnte kein Zufall mehr sein. Die 27-Jährige fand mit Hilfe eines Anwalts heraus, dass private Filmaufnahmen, die sie beim Duschen zeigen, in einem Internet-Forum für Sexkontakte veröffentlicht worden waren. Als Täter kommt eigentlich nur ihr Ex-Freund in Frage - doch der bestreitet, den Clip ins Netz gestellt zu haben.
Die Zahntechnikerin aus dem Rheinland geriet ungewollt in die Porno- und Spannerwelt des Internets - und sie teilt dieses Schicksal mit immer mehr Frauen in Deutschland. Der Missbrauch privater Nacktaufnahmen sei zu einem "sehr ernsthaften Problem geworden", klagt Günter Maeser, leitender Internet-Fahnder des bayerischen Landeskriminalamts.
Das Team um Maeser bekommt allerdings nicht nur regelmäßig Meldung über Rachefeldzüge verschmähter Liebhaber. Immer wieder stoßen die Beamten auch auf Aufnahmen von Frauen, die offenbar heimlich von Fremden gefilmt oder fotografiert worden sind.
Auch der Hallenser Oberstaatsanwalt Peter Vogt, der als Kopf der Operationen "Mikado" und "Marcy" schon Hunderte pädosexueller Internet-Surfer hochgehen ließ, beklagt einen "explosionsartigen Anstieg" der Opferzahlen. Fast wöchentlich bekommt der Strafverfolger aus Sachsen-Anhalt nun Anzeigen von bloßgestellten Frauen auf den Tisch. Meist taucht pikantes Foto- und Filmmaterial von ihnen auf Schmuddelseiten oder Videoportalen wie YouTube auf - oft angefertigt von Ex-Freunden, in damals noch verliebteren Zeiten.
Wie sehr die Opfer unter der Präsentation im Netz leiden, zeigt ein Fall, der Ende Dezember das Oberlandesgericht in Schleswig beschäftigte. Weil ihr Ex-Freund sie im Internet mit Aktfotos und voller Adresse als Prostituierte auf Männersuche ausgegeben hatte, musste eine Frau nach etlichen Belästigungen ihre Wohnung aufgeben. Die Richter bestätigten Urteile der vorherigen Instanzen und sprachen ihr 25 000 Euro Schmerzensgeld zu.
Manch einem findigen Computernutzer reicht sogar ein schlichtes Porträtfoto, um die Verflossene oder eine andere verhasste Bekannte zum Futter für Sexhungrige zu machen. Mit Hilfe eines Computerprogramms montierte kürzlich jemand den Kopf einer Düsseldorferin auf den Rumpf eines Porno-Starlets in einschlägiger Haltung. Das Resultat sieht echt aus und wurde in einer Tauschbörse tausendfach heruntergeladen. "Meine Mandantin fiel aus allen Wolken, als sie davon erfuhr", sagt Rechtsanwalt Tobias Strömer, der sich seit zehn Jahren mit Internet-Kriminalität beschäftigt.
Es sind nicht nur die vergrätzten Ex-Partner oder andere rachsüchtige Zeitgenossen, die den Strafverfolgern zu schaffen machen. Gut im Geschäft sind auch Spanner, die Videos unbemerkt drehen. Mittels Fotohandys oder winziger Digitalkameras können sie der gierigen Netzgemeinde rund um die Uhr Voyeurmaterial liefern: Einblicke in Umkleidekabinen, öffentliche Toiletten, Schwimmbäder und Solarien.
Listete die Suchmaschine Google unter den Spanner-Schlagworten "upskirt" (Blick unter den Rock) und "downblouse" (Blick unter die Bluse) im Jahr 2004 etwa vier Millionen Angebote auf, sind es jetzt schon fast acht Millionen. Einige führen auch zu beliebten Internet-Seiten wie MyVideo, die täglich millionenfach besucht werden. "Da draußen gibt es unzählige Frauen, die gar nicht ahnen, dass sie nackt oder halbnackt auf solchen Seiten präsentiert sind", sagt LKA-Mann Maeser.
Den Ermittlern fällt es oft schon schwer genug, rachsüchtige Ex-Partner oder Heimlich-Filmer zu überführen. Völlig unmöglich ist es aber, die weitere Verbreitung der Bilder und Filme zu stoppen. Was dem Publikum gefällt, wird innerhalb von Stunden hundertfach heruntergeladen, getauscht und weiterverbreitet. Rechtsanwalt Strömer kann seinen Mandantinnen daher nur raten, sich mit der immerwährenden Peepshow im Netz abzufinden: "Sie kriegen das sowieso nie wieder raus."
Die Zahntechnikerin Birgit H. tut sich freilich schwer mit ihrem Nacktauftritt - zumal die Geschichte alsbald in ihrer Firma die Runde machte. Es dauerte nicht lange, bis Kollegen lästerten, sie könne das scharfe Material doch auch selbst ins Netz gestellt haben. Gegen die Unterstellung ist sie machtlos.
GUIDO KLEINHUBBERT
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 8/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 8/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PORNOGRAFIE:
Nackt im Netz

Video 00:57

Drohnenvideo Aleppo, die zerstörte Stadt

  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale