17.02.2007

AUTOMOBILE

Witz auf Rädern

Von Winter, Steffen

Zwickau feiert den Geburtstag einer Legende: Vor 50 Jahren wurde der erste Trabant zusammenmontiert.

Was haben sie in der DDR gelacht über ihre "Pappe", wie das einzigartige Auto aus Baumwollabfällen genannt wurde: Über den zweiten Platz im Windkanalwettbewerb etwa - mehr Luftwiderstand habe nur eine Schrankwand gehabt. Oder über die spannende Frage, wie der Wert des Trabant zu verdoppeln wäre: einfach volltanken. Und wie ist er zu vervierfachen? Eine Banane auf den Rücksitz legen.

Mehr als drei Millionen Mal lief die Zielscheibe unzähliger Späße, das kantige Zweitakt-Auto aus dem VEB Sachsenring in Zwickau, bis April 1991 vom Band. Unvergessen sind die Trabant-Karawanen, die sich 1989 lärmend und stinkend über die neuen Grenzübergänge quälten. "Die Deutsche Einheit hatte ein Geräusch", so "Auto-Bild": "Däng, däng, däng, deräng."

In diesem Jahr feiert die sächsische Stadt Zwickau das Trabi-Jubiläum, denn vor 50 Jahren lief das Auto zum ersten Mal vom Band. Ende April eröffnet nun das Internationale Trabant-Register eine Ausstellung, im Mai plant das Kulturamt der Stadt eine Super-Trabi-Show, im Juni startet dann die Trabi-Rallye, zur Trabi-Live-Parade werden tausend Plastebomber in der Stadt erwartet. Und für den 9. November

plant der Oberbürgermeister eine Festveranstaltung für geladene Gäste.

Dabei sind die Trabis heutzutage keineswegs nur Museumsstücke, erstaunlich viele Stinker scheppern noch munter über Deutschlands Straßen. 52 432 Trabant sind bundesweit derzeit zugelassen - es gibt damit in der wiedervereinigten Republik mehr Trabant- als Jaguar-Fahrer.

Entstanden ist der eigenwillige Plastebomber aus schierer Not: Im sächsischen Zwickau sollten die einstigen Horch- und Audi-Werke nach dem Krieg für die Ostgenossen einen eigenen Volkswagen bauen. Das Problem: Es gab zu wenig Blech. Versuche mit Pappe verliefen zunächst vielversprechend - bis der erste Regen kam und die Karosserie unschöne Beulen warf.

Den Ausweg fand schließlich der DDR-Ingenieur Wolfgang Barthel, er nannte seine Erfindung Duroplast: Baumwollabfälle vom sowjetischen Brudervolk wurden mit Phenolharz zu Karosserieteilen verpresst. Der SED war der Geistesblitz einen Nationalpreis II. Klasse wert, und am 7. November 1957 rollte der Trabant P 50 erstmals aus der Montagehalle: 500 Kubikzentimeter Hubraum, 18 PS, 90 Stundenkilometer Spitze.

Zwei Arbeiter seien nur nötig, um das Ding zu bauen, waren sich die Ostler sofort sicher: "Einer faltet, einer klebt." Und wie nennt man einen Unfall mit drei Trabis? Richtig: Tupperparty.

Werner Lang kann mitunter selbst lachen über die zahllosen Trabi-Witze, doch eigentlich ist der 84-Jährige so etwas wie die tragische Figur in der Trabant-Saga. Lang war Chefkonstrukteur, er hat immer wieder versucht, den Zweitakter zu modernisieren oder wenigstens ausreichende Stückzahlen davon zu bauen.

Sein Lieblingswitz ist der über den Standard-Trabant P 601, der fast 30 Jahre vom Band lief. "Was bedeutet 601? 600 haben ihn bestellt, einer hat ihn bekommen." Der Automobilbau "hatte in der DDR nie Priorität", bedauert der Entwickler.

Doch innovativ seien sie immer gewesen, schwören alte Sachsenring-Ingenieure - wenn nur die Staatsführung nicht ständig gebremst hätte. 1967 konstruierte das Team um Lang zum Beispiel den P 603 - ein Vollheck-Fahrzeug mit Viertaktmotor. Die Form war revolutionär: Erst sieben Jahre später lief im Westen der VW Golf vom Band.

Nur, der 603 wurde nie gebaut. "Wir mussten die Entwicklung auf Anweisung aus dem Politbüro abbrechen und alle Konstruktionsunterlagen ins Archiv geben", so Lang. Dort seien sie später verschwunden. Er habe wilde Verschwörungsgerüchte gehört, wispert der Chefentwickler, die Pläne seien bei Volkswagen in Wolfsburg gelandet. Gern legt Lang das Foto des 603 neben das eines Golf I: "Die sehen sich doch verblüffend ähnlich."

Edgar Haschke sorgt nun dafür, dass die Erinnerung an den Trabant nicht verblasst. Er ist Geschäftsführer des Internationalen Trabant-Registers; die Mitglieder dieses Fan-Clubs haben der Stadt ein Trabant-Denkmal aus Sandstein gestiftet. In einer alten Fabrikhalle polieren sie die originale Duroplast-Anlage, um der Nachwelt künftig das Verfahren erklären zu können.

Denn trotz aller Euphorie sind die Trabis vom Aussterben bedroht. Ersatzteile werden nicht mehr produziert, selbst das Tanken ist mühsam geworden: Das Gemisch, das für die markante Abgaswolke sorgt, fließt aus keiner Zapfsäule mehr. Die Trabi-Freaks müssen Öl und Normalbenzin per Hand mixen. Dass die Bastler überhaupt noch über die Runden kommen, haben sie der ostdeutschen Sammelwut zu verdanken. Weil es selten etwas gab, wurde erst mal alles gehortet: Bremsleitungen, Vorschalldämpfer, Zylinderkopfdichtungen, Keilriemen. Da das Zeug nun doch langsam mal wegmuss, bekommt der Club bis heute originalverpackte Ersatzteile.

Und Anfang des neuen Jahrtausends gab es sogar noch mal einen Hoffnungsschimmer für die Trabant-Freunde. Das Modell sollte wieder produziert werden: Ingenieure und Finanzexperten wollten den Trabi als "AfriCar" in Südafrika etablieren. 3000 Euro nur sollte das Auto kosten, doch eine staatliche Arbeitsgruppe der Südafrikaner winkte am Ende ab. Dieser Witz auf Rädern habe nicht einmal auf dem ärmsten aller Kontinente Chancen.

Immerhin hat Haschke mit seinen Getreuen das Äußerste verhindern können - die Produktion eines Kondoms mit dem Trabant-Schriftzug. Als er von den Plänen eines Gummi-Fabrikanten erfuhr, sicherte sich Haschke eilig die Namensrechte, schon wegen dieses blöden Witzes: Was ist der Unterschied zwischen einem Trabant und einem Kondom?

Es gibt keinen: Beide behindern den Verkehr. STEFFEN WINTER

* Am 10. November 1989 auf der Glienicker Brücke in Berlin.

DER SPIEGEL 8/2007
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