17.02.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Vom Glück, am Ast zu hängen

Von Kneip, Ansbert

Warum Mats, das faulste Tier der Welt, endlich arbeitslos ist

Die Mittagszeit ist keine gute Zeit, um ein Faultier zu besuchen. "Mittags schlafen sie", sagt John Nyakatura, er schließt die Tür zum Tierhaus auf: "Sehen Sie? Da vorn", sagt er, "da liegt es."

Ein braunblondes Fellknäuel, Choloepus didactylus, in einer Höhle aus Sperrholz, die Schnauze im Fell verborgen, ein Arm (vielleicht auch ein Bein, der Laie kann das nicht unterscheiden) reckt sich nach oben, die Krallen schlaff über einen Ast gelegt, nichts bewegt sich.

Im Grunde gibt es überhaupt keinen guten Zeitpunkt, ein Faultier zu treffen, man kann sagen, dass aus Faultiersicht Besucher zu jeder Zeit ungelegen kommen. Faultiere ruhen am Morgen, ebenso am Nachmittag, sie ruhen große Teile der Nacht. Ihre Wachphase liegt in der Dämmerungszeit. Dann wollen sie: ein bisschen fressen, ein bisschen dösen, vielleicht ein bisschen klettern, aber nur vielleicht. Einmal die Woche müssen sie kacken.

John Nyakatura beobachtet seit Anfang 2004 Faultiere im Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena. Er schreibt seine Doktorarbeit über ihre Fortbewegung, er filmt sie beim Klettern. Weil Faultiere praktisch den ganzen Tag vom Ast baumeln, hat die Evolution ihnen andersartige Gelenke entstehen lassen als anderen Säugetieren, für Biologen ist das aufschlussreich. Und außerdem gibt es ein Projekt mit der TU Ilmenau, dort soll ein Kletterroboter entstehen, der sich an natürlichen Vorbildern orientiert. Affen und Eichhörnchen werden dafür untersucht, und aus Jena soll John Nyakatura etwas über die Kletterkunst der Faultiere beisteuern.

"Die Tiere müssen natürlich kooperieren", sagt er.

Mats, sein erstes Forschungsfaultier, kam 2004 nach Jena. Damals war er 14 Jahre alt, das Geschenk eines schwedischen Zoos. Vielleicht waren die Schweden sogar ganz froh, Mats in die Wissenschaft zu geben, als Publikumsliebling war er nicht agil genug.

Mats mochte vor allem seine Ruhe. Er fraß Reis und gekochte Eier, viel mehr interessierte ihn nicht. "Er muss sich eingewöhnen", dachte Nyakatura.

Schon gar nicht wollte Mats an der Stange klettern, die seinen Käfig mit einem zweiten verband. Dort lebte Lisa , eine junge Faultierdame, auch sie eher zurückhaltend, jedenfalls zu Anfang.

Auf der Verbindungsstange sollten die Faultiere gefilmt werden, gut zweieinhalb Meter Kletterstrecke, gegenüber der Stange war eine Kamera aufgebaut. Ein paar Mal hat Mats an der hölzernen Stange geschnuppert, einmal sogar zwei Krallen daraufgelegt. Aber dann schien ihm das doch alles zu aufregend, zu ungewohnt, zu anstrengend. Mats blieb passiv.

Vor rund hundert Millionen Jahren hatten sich die Vorgänger der Faultiere von den anderen Säugetieren getrennt. Und es scheint, als wollten sie seitdem den ganzen hektischen Evolutionszirkus nicht mehr mitmachen. Das "Survival of the fittest", das ewige "Schneller, Höher, Weiter" der Natur - die Faultiere hielten sich da raus.

Sie sind, das muss man leider sagen, nicht besonders klug. Sie haben Klugheit aber auch nie benötigt, in ihrem Schädel dominiert der Bulbus olfactorius, der Riechkolben.

Sie brauchten scharfe Augen nie zu entwickeln, weil sie ohnehin überwiegend Blätter fressen, und die hängen direkt vorm Gesicht. Ihre Körpertemperatur liegt ein paar Grad unter der der meisten Säugetiere, sie kommen wahnsinnig langsam in Schwung, schon das Aufwachen finden sie mühsam. Aber für jemanden, der nicht viel vor hat am Tag, ist das völlig okay.

Koalas ruhen noch etwas mehr als Faultiere, aber sie hängen nicht mit dem Kopf nach unten, deshalb wirken sie irgendwie aktiver und besitzen einen besseren Ruf.

Faultiere haben kaum Feinde, ab und zu pflückt ein Greifvogel eines aus dem Baum. Aber wer sich nicht bewegt, der wird auch nicht gesehen. Sie sind perfekt angepasst an eine Umgebung, in der man durch Nichtstun am weitesten kommt.

Und Mats war das perfekte Faultier.

Lisa kletterte nach ein paar Monaten recht brav an der Stange. Mats nicht.

Nichts konnte ihn locken, John Nyakatura kochte ihm Nudeln, er schnitt Gemüse in bissgerechte Häppchen, er schnippelte Obst, besorgte Blattwerk, ließ ihn die Leckereien schnuppern - alles vergebens. Mats kooperierte nicht.

14 Jahre Zoo hatten Mats eines gelehrt: Essen kommt. Man muss dem Futter nicht hinterhersteigen, irgendwann füllen die Menschen ja doch den Napf.

Im Herbst 2005 starb Lisa, die Hoffnungsträgerin der Forscher, an einem Darmverschluss. Und für Mats suchten die Biologen nach einem anderen Zuhause, zum Forschen in Jena war er definitiv nicht geeignet. Seit Ende letzten Jahres lebt er im Duisburger Zoo.

John Nyakatura arbeitet nun mit Evita und Julius, zwei Leih-Faultieren aus Dortmund. Die Tiere klettern bereits, die Kamera steht ausgerichtet.

Von Mats hat John neulich ein Foto gesehen aus dem Zoo in Duisburg: Er hängt am Ast, die Blätter in Griffweite, die Augen geschlossen. Man muss sich Mats als glückliches Faultier vorstellen. ANSBERT KNEIP


DER SPIEGEL 8/2007
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