17.02.2007

BILDUNG

Die Insel-Lösung

Von Koch, Julia

Weder Pisa-Schock noch Rütli-Schule konnten das dreigliedrige Schulsystem erschüttern; nun bricht es im ländlichen Raum mangels Kindern zusammen: Viele Kommunen planen Gemeinschaftsschulen nach skandinavischem Vorbild. Kritiker bangen um die Qualität der gymnasialen Ausbildung.

Es ist eine Schule wie aus einem Lehrfilm über Pisa-Primus Finnland: Bunte Vorhänge im Klassenzimmer, blonde Kinder in den Bänken, und die Lehrerin verkündet die Sieger im Englisch-Vokabeltest. An diesem Dienstag hat Sophie gewonnen. Sie kriegt eine Krone aus Goldpapier und darf sich auf den Thron zwischen den Tischreihen setzen. Lehrerin Carola Berger macht ein Foto.

Sophie und ihre Mitschüler aus der 5a sind keine Gymnasiasten, aber auch keine Haupt- oder Realschüler. Sie sind am Ende der vierten Klasse nicht nach Schulformen sortiert worden. "Wir wollen, dass jedes Kind den höchstmöglichen Abschluss schafft", sagt Schulleiter Gunter Neuhaus, "die schwächeren Schüler können sich hier an den guten orientieren."

Gäbe es hierzulande Bildungsforscher, Schulminister oder GEW-Funktionäre, die noch nicht durch finnische Lehranstalten gepilgert sind, sie könnten sich jetzt aufmachen ins Leipziger Land. Die Paul-Guenther-Schule im sächsischen Geithain, 50 Kilometer südöstlich von Leipzig, ist Deutschlands erste staatliche Gemeinschaftsschule.

Seit vergangenem Sommer lernen alle Geithainer Fünftklässler zusammen im imposanten Schulgebäude aus den zwanziger Jahren. Das Gymnasium im Westen des 6300-Einwohner-Städtchens wird seine Achtklässler noch bis zum Abi führen, dann gehen dort die Lichter aus.

Schon heute pendeln Pädagogen vom Gymnasium an die neue Gemeinschaftsschule, denn alle "Pauli"-Schüler sollen sich gymnasialen Anforderungen stellen, sagt Schulleiter Neuhaus. Für welche Schulform ein Kind von der Grundschule vorgeschlagen wurde, wissen die Lehrer meist gar nicht - Neuhaus hat die Laufbahnempfehlungen weggeschlossen.

Zu seiner neuen Rolle als Vorreiter einer Schulstrukturreform kam der Direktor nicht aus Berufung. Der Mathe- und Physiklehrer ist kein Gleichheitsromantiker, eher einer, der seinen Schülern nicht ohne Krawatte gegenübertritt, der in der Kantine über die Tischmanieren wacht und den es graust, wenn an vermeintlich fortschrittlichen Lehranstalten die Schüler ihre Lehrer duzen.

Nicht die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit treibt Neuhaus um; ihn plagt eine andere Sorge: In Geithain werden die Kinder knapp. Im Sommer 2005 durfte keine der beiden weiterführenden Schulen am Ort eine fünfte Klasse einrichten - zu wenig Anmeldungen. Als Neuhaus dann bei einer Info-Veranstaltung zum Schülerschwund in Dresden auch seinen Geithainer Gymnasialkollegen antraf, erinnert er sich, "da war klar, dass wir uns zusammentun müssen". Schon im darauffolgenden Sommer konnte die Gemeinschaftsschule mit 76 Sextanern an den Start gehen, vorerst als Schulversuch.

Es wird nicht bei Geithain bleiben. In Sachsen, das wie alle neuen Länder besonders vom Kindermangel betroffen ist,

startete bereits eine zweite Gemeinschaftsschule, sechs weitere Anträge liegen im Kultusministerium.

Aber auch den Westen hat der Schülerschwund erreicht: In Nordrhein-Westfalen sind einige Gemeinden kurz davor, ihre Lehranstalten zusammenzulegen, um den Standort zu retten. Hessens SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti will mit der Gemeinschaftsschule im Wahlprogramm 2008 gegen CDU-Ministerpräsident Roland Koch punkten. Und bei Schulleiter Neuhaus erkundigten sich im vergangenen Jahr auch bayerische Delegationen, wie es denn klappe mit dem vereinten Lernen. "Gerade konservative Politiker sind ungewöhnlich bereit, sich auf pädagogische Neuerungen einzulassen, um ihre Schulen zu halten", sagt Ernst Rösner vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung.

So erlebt die Gesamtschule, gescheitertes Lieblingsprojekt sozialdemokratischer Bildungspolitik der siebziger Jahre, eine erstaunliche Renaissance. Nur dass sie jetzt nicht mehr so heißt. "Den Begriff kann man vielen nicht mehr zumuten", sagt Rösner, "das ist der Preis für 30 Jahre schulpolitischen Grabenkampf."

Ohnehin sind die bislang geplanten Gemeinschaftsschulen keine wahren Wiedergänger der Gesamtschulen: Weil sie weniger aus ideologischen denn aus pragmatischen Überlegungen entstehen, sind sie freier in ihrer Organisationsform. Wie lange die Kinder ausschließlich gemeinsam unterrichtet werden und wann zumindest in den Hauptfächern eine Trennung nach Leistung erfolgt, entscheidet jede Schule für sich.

Vor allem aber bleibt ihnen das größte Problem der bestehenden Gesamtschulen erspart: die unmittelbare Nachbarschaft mit Gymnasien. Denn die neuen Gemeinschaftsschulen sind meist die einzige Schulform am Ort. Sie müssen deshalb nicht alle wirklich leistungsstarken Schüler ans Gymnasium abtreten.

Ob die Schul-Chimären bis zum Abitur führen, wird von Fall zu Fall entschieden. Mitunter reichen die Schülerzahlen nicht für das Kurssystem der Oberstufe - dann bleibt den Gemeinschaftsschulkindern nach der zehnten Klasse nur die Möglichkeit, aufs nächstgelegene Gymnasium zu wechseln. Auch ob die Pauli-Fünftklässler an ihrer Schule Abitur werden machen können oder später pendeln müssen, ist noch ungewiss.

Als erstes Bundesland hat Schleswig-Holstein in diesem Jahr die Gemeinschaftsschule sogar per Gesetz eingeführt (siehe Grafik). Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) feierte bereits "das Ende des Aussortierens".

Ganz so revolutionär fällt die Schulreform im Norden dann aber doch nicht aus: Als Zugeständnis an den Koalitionspartner CDU stehen die Gemeinschaftsschulen zwar als Option im Schulgesetz, es sieht jedoch außerdem vor, Haupt- und Realschulen im Land zu sogenannten Regionalschulen zusammenzuführen. Die Gymnasien bleiben erhalten, können aber theoretisch bei einem Zusammenschluss zur Gemeinschaftsschule mitmachen.

So werden auch in Schleswig-Holstein die Gemeinschaftsschulen vorerst vor allem dort entstehen, wo sich die Kommunen nicht anders zu helfen wissen. Und nicht immer geht die Fusion so glatt über die Bühne wie im sächsischen Geithain, vor allem dann nicht, wenn die Gymnasien mit ins Boot sollen.

Nichts zeigt dies so deutlich wie das Beispiel von Schleswig-Holsteins erster Gemeinschaftsschulgründung auf Fehmarn. Die Ostseeinsel leidet seit Jahren unter Schülerschwund. Eine der vier Grundschulen sollte bereits geschlossen werden - sie rettete sich durch einen pädagogischen Trick: Die Klassen eins bis vier werden dort jetzt gemeinsam unterrichtet. Als dann im Jahr 2003 der Landesrechnungshof auch dem Insel-Gymnasium zu wenig Schüler zum langfristigen Überleben attestierte,

fragte sich Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt, "ob wir eigentlich noch ein zeitgemäßes Schulsystem haben".

Die 13 000-Seelen-Insel leistet sich neben dem Gymnasium eine Haupt-, eine Real- und eine Förderschule. Sie alle sollen von diesem Sommer an die "Inselschule" bilden - eine Bildungsstätte für alle Fehmarner Kinder, egal ob mit Gymnasialempfehlung oder mit besonderem Förderbedarf.

Seit die Stadtvertreter die Insel-Lösung im vergangenen März abnickten, tobt auf Fehmarn ein erbitterter Schulkampf: Bewahrer gegen Erneuerer, Gymnasialanhänger gegen Gemeinschaftsschulfans, Itze gegen Eifesch.

Die "Interessengemeinschaft zielorientierter Eltern" (Itze) will vor allem das Gymnasium retten; die Mitglieder der "Elterninitiative Fehmarnschule" (Eifesch) träumen von einer neuen Pädagogik, die allen Kindern gerecht wird, von fachübergreifendem Lernen, von "gelebter Toleranz, Mitmenschlichkeit und Demokratie" - so heißt es im Schulkonzept.

"Ich war schon überrascht, dass ich noch mal die alten Schlachten schlagen sollte", sagt Gerhard Jens, vormals Leiter der Gesamtschule Elmshorn, der die Fehmarner Schulreform im Auftrag des Kieler Bildungsministeriums begleitet.

Im Wochentakt beharken sich Itze- und Eifesch-Anhänger in den Leserbriefspalten des "Fehmarnschen Tageblatts". Eifesch lädt zu Diskussionsveranstaltungen mit gemeinschaftsschulfreundlichen Bildungsforschern, Itze sammelt Unterschriften. Man grüßt sich nicht mehr.

Ende Januar trug Itze-Vertreter Bernd Ochsen 1200 Unterschriften gegen die Gemeinschaftsschule ins Fehmarner Rathaus. Mit einem Einwohnerantrag will Itze die Schulfusion verhindern und damit eine "allgemeine Verschlechterung des Bildungsniveaus", so Ochsen.

"Wer die Schülerzahlen auf Fehmarn sieht, weiß aber, dass die Gemeinschaftsschule die einzige Lösung ist", hält Eifesch-Sprecher Frank Kley dagegen. Ochsens Unterschriftenpaket sei zudem auf windige Weise zustande gekommen: Sogar im Altersheim hätten die Itze-Leute gesammelt.

Am Aschermittwoch müssen Fehmarns 23 Stadtvertreter nun erneut über die Inselschule abstimmen. Zwar ist der Beschluss vom vergangenen März rechtssicher, auch wenn die Fehmarner eine Schulform gewählt haben, die damals noch gar nicht im Schulgesetz stand. Aber Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt will ein Ende des Schulgezerres: "Wir sind ja gute Demokraten und sichern den Beschluss noch einmal ab."

Derzeit sieht es so aus, als würden die Stadtvertreter mehrheitlich für die Inselschule stimmen. Dann könnte nur noch ein Bürgerbegehren die Fusion stoppen. "Wir werden diese Möglichkeit innerhalb der Interessengemeinschaft erörtern und entscheiden", sagt Itze-Mann Ochsen.

Dabei ist das fehmarnsche Schulkonzept ambitionierter als etwa das der Geithainer Pauli, das Schulleiter Neuhaus gemeinsam mit seinem Gymnasialkollegen und einer Leipziger Wissenschaftlerin selbst zusammengeschrieben hat.

Fehmarns Lokalpolitiker reisten nach Finnland und quer durch die deutsche Reformschullandschaft, Scharen von Experten stellten auf der Insel ihre Ideen vor: Rainer Domisch und Kirsti Mäensivu von der finnischen Schulverwaltung, Wissenschaftler Rösner, Pädagogen von der Bielefelder Laborschule und der Wiesbadener Helene-Lange-Schule, einer Vorzeige-Gesamtschule mit exzellentem Pisa-Schnitt.

Am Leitbild der Inselschule feilte ein Pädagogen-Team aus allen vier Lehranstalten gemeinsam mit Ingrid Kaiser, ehemals pädagogische Leiterin der Helene-Lange-Schule. Sie muss den Lehrern vor allem beibringen, mit unterschiedlichen Leistungsniveaus umzugehen. "Die Kollegen haben jahrelang an benachbarten Schulen gearbeitet und kannten sich gar nicht", staunte sie. "Die meisten haben noch nie so heterogene Gruppen unterrichtet, wie sie sie jetzt vorfinden werden."

Jede der geplanten Inselschulklassen soll daher von einem "Lehrer-Tandem" betreut werden, zwei Pädagogen von jeweils unterschiedlichen Schulformen. "Wenn zwei Lehrer für eine Klasse verantwortlich sind, müssen sie sich wirklich über jedes einzelne Kind austauschen", erklärt Kaiser.

Dass der Gemeinschaftsunterricht die begabten Kinder unterfordern könnte, glaubt Kaiser nicht. "Lernen funktioniert nicht in Fächergrenzen, sondern in Fragestellungen und Problemen", erklärt die Reformpädagogin, "und eine Fragestellung kann man auf sehr unterschiedlichen Niveaus angehen." Und warum sollen nicht die stärkeren Schüler die Fragen der schwächeren beantworten? "Es gibt fast nichts Schwierigeres, als gut zu erklären", glaubt Kaiser.

Die Fehmarner hoffen, dass die Gemeinschaftsschule nicht nur das Abitur auf Fehmarn sichert, sondern auch die Quote erhöht. Die liegt auf der Insel bislang mit mageren 17 Prozent unter dem Landesschnitt. "Ich möchte, dass 30 Prozent der Fehmarner Kinder hier Abitur machen", sagt Bürgermeister Schmiedt. Dafür allerdings wird er ein paar neue Pädagogen brauchen: Wenn die Inselschule kommt, will sich rund ein Drittel der Gymnasiallehrer aufs Festland versetzen lassen.

JULIA KOCH


DER SPIEGEL 8/2007
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