Von Knöfel, Ulrike
Ihn zeichnete diese Mischung aus Verrücktheit, scheuer Egomanie und auch Undurchschaubarkeit aus, die notwendig ist, wenn aus einem Künstler eine Legende werden soll. Natürlich kam PR-Geschick hinzu.
"Gleichgültig, wie gut du bist, wenn du nicht auf die richtige Weise vermarktet wirst, wird sich niemand an dich erinnern", erkannte Andy Warhol.
Sein Tonbandgerät nannte er "meine Ehefrau". Seine Immigrantenmutter lebte jahrelang bei dem erwachsenen Sohn. Und jeder, der schön oder seltsam, der süchtig nach Exzentrik oder Drogen war, versammelte sich in seiner Factory: seinem mit Alufolie verkleideten Atelier mitten in Manhattan. Das entwickelte sich zur Tages- und Nacht-WG der künstlerischen Halbwelt und Independent-Szene. Die Prä-Punkrocker von The Velvet Underground nahmen hier ihre Musik auf.
Dem Tod kam er bereits 1968 nahe. Die obsessive Männerfeindin Valerie Solanas hatte in zwei seiner Filme mitgespielt, nun schoss sie ein paar Kugeln in seinen Körper. Die Ärzte retteten ihm das Leben. Doch die Schmerzen malträtieren ihn bis an das Ende seiner Tage.
Am 22. Februar 1987 starb er mit gerade 58 Jahren nach einer Gallenblasenoperation. Der 20. Todestag in der kommenden Woche dürfte, weltweit, ein Gedenkmarathon auslösen. Nicht, dass ihn jemand vergessen hätte.
Aus dem Jenseits bestimmt er den Takt des Kunstmarkts. Auktionshäuser reißen sich darum, seine Werke versteigern zu dürfen. Frühjahrs- oder Herbstversteigerungen in London und New York ohne einen Warhol? Undenkbar.
Weil der Mann einst ungeheuer produktiv war, scheint der Nachschub grenzenlos zu sein. An den Geboten zeigt sich, in welcher Verfassung das Geschäft gerade ist - Warhol ist zum Marktindex geworden.
Und zum Statussymbol. Früher hatte die Upperclass dieser Welt die Impressionisten an der Esszimmerwand hängen, heute kauft sie Warhol für ihre Villen und Penthäuser. Sie gibt, von Amerika bis China, längst bis zu zweistellige Millionenbeträge dafür aus. Der Rekord liegt bei 17,4 Millionen Dollar, gezahlt für eines seiner 1972 entstandenen Mao-Bilder.
Die Einflussreichen des Marktes mussten ihn gar nicht erst nachträglich zu einem Mythos aufbauen, wie das bei anderen Künstlern zur Wertsteigerung ihrer Arbeiten versucht wird. Warhol hatte das schon zu Lebzeiten selbst erledigt. Insofern war er das Gegenmodell zu van Gogh, der seine Sonnenblumen nicht loswurde.
Für Warhol gilt wie für alle großen Künstler: Jedes nachfolgende Jahrzehnt entdeckt ihn neu, anders. So verfährt auch Hollywood. Über die tragisch-schöne Muse Edie Sedgwick (die, nachdem Warhol das Interesse an ihr verlor, zu Bob Dylan überlief) kam in Amerika gerade ein Film heraus. Irgendwo läuft fast immer eine Ausstellung mit seinen Werken, erscheint ein neues Buch.
Das Kuriose ist, dass Warhols Kunst, all seine gemalten oder in Serie gedruckten superbunten Popstars und Suppendosen, den Begriff des Originals, der Authentizität in Frage stellten. Für sein Leben aber war
bestimmend, dass gerade das Inszenierte und Übertriebene das Einzigartige und Echte war.
Walter Benjamin hatte das "Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" wegen der Auraverluste von Kunstwerken kritisiert, Warhol dagegen fühlte sich darin sehr wohl. Er gehörte zur zweiten Generation der Pop-Art-Künstler. Und er ging in der Kunst wie im Leben seinen unverwechselbaren Weg.
1928 wurde er als Andrew Warhola in Pittsburgh geboren. Seine Eltern stammten aus einem Ort am Rande der Slowakei. Sie gehörten der Volksgruppe der Ruthenen an. Vor ein paar Jahren begab sich ein Dokumentarfilmer nach Osteuropa auf die Spuren des Warhol-Clans. Er begegnete Verwandten, die dem amerikanischen Warhol frappierend ähnlich sahen und die früher viele der Grafiken, die der Cousin geschickt hatte, zerknüllt und in die Schuhe gestopft hatten, damit diese trockneten.
Andy Warhol lebte eine armselige Kindheit. Aber er besaß Talent. Ein Selbstporträt als 13-Jähriger, mit Bleistift gezeichnet, erinnert an Schiele. In den ersten Jahren in New York arbeitete er als Gebrauchsgrafiker, verdiente gut. Dann aber machte er sich daran, die elitäre Kunstszene der Stadt aufzumischen. Er war es, der den Mythos Manhattan erneuerte.
Über Jahre hat er an seinem zeichnerischen Ausdruck gearbeitet, hat den für ihn charakteristischen, leicht brüchigen Ausdruck der Linie zu seinem Markenzeichen gemacht. Später half ihm das Verfahren des Siebdrucks, Fotorealismus mit Expressivität zu verbinden. Wie Fremdkörper liegen die Farbflächen da verrutscht auf den Motiven.
Er liebte Technik, vor allem, wenn sie es ihm ermöglichte, kreativ zu sein. Er fotografierte, schrieb Filmgeschichte, rannte mit dem Tonband herum. Doch malte und zeichnete er immer auch konventionell.
Ihn, der so schmächtig, blass und leicht zu übersehen war, fesselte Popularität jeder Art, alles, was magisch, schön oder brisant war und Aufmerksamkeit auf sich zog.
Das galt für die Ikonen aus Film und Weltpolitik, für eine verheißungsvolle Elizabeth Taylor, einen übermächtigen Mao, Cola-Flaschen, Dollarnoten und auch die Detonation einer Atombombe. Auf seine Weise wurde er zum Chronisten Amerikas, dessen, was dort in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielte.
Wenn er darüber hinaus das "Abendmahl" von Leonardo da Vinci als Vorlage nahm und eine Camouflageversion für das 20. Jahrhundert malte: War das ein respektloser Umgang mit der Kunstgeschichte oder Ausdruck der Ehrerbietung? Wohl beides.
Gern erweckte er den Eindruck, Dinge zu mögen, die kein tieferes Geheimnis haben, bei denen die Oberfläche schon alles verrät. Deshalb gefiel ihm die Schweiz, die ein großes Nichts sei und wo "jeder reich ist". Nach Tratsch war er geradezu gierig. Wenn seine gute Freundin Bianca Jagger ihren lilafarbenen Fuchs zweimal trug, dann merkte er sich das.
Wer genug Geld und Kontakte hatte und ein Porträt von ihm wollte, bekam eines. So wählerisch war er nicht. Er lebte, er liebte, doch ständig umgab ihn die Aura von Melancholie und Verletzlichkeit - seine Beziehungen zu den Männern waren auch nicht immer reines Glück.
Das Sterben aber und die Frage, ob danach etwas kommt, beunruhigten ihn. Da war das Attentat und der Tod seiner Mutter, 15 Jahre vor dem eigenen. Ihn irritierte die Einsicht, "wie fragil das Leben ist".
Viele Bilder sind Vanitasstücke, all die Totenschädel und Pistolen. Er schuf die Marilyn-Bilder nach ihrem Tod, weil er erkannte, dass sie durch den Selbstmord erst zur Ikone wurde. Jackie Kennedy zeigte er als trauernde Witwe.
Jemand wie er, der bekundete, eine Maschine sein zu wollen, schuf dann aber auch sehr menschliche Piss-Paintings. Berühmt ist sein Ausspruch dazu, dass es jeder zu 15 Minuten Ruhm bringen könne. Früh erkannte er, dass die Menschen immer weiter veräußerlichen. Die Welt ist zum Laufsteg geworden, und jeder möchte Star sein.
Künstler seien niemals Intellektuelle, deshalb seien sie ja Künstler, so sah es Warhol. Vielleicht ist er deshalb beliebter denn je. Er scheint es dem Publikum einfach zu machen. Doch hinter der Oberfläche steckt mehr. Seine Bilder sind eine Attacke auf die Realität und Nachweis der Sehnsucht nach Leben.
Kurz vor seiner Gallenoperation reiste er nach Europa, auch nach Paris. Zurück in New York: Valium, Aspirin, Schmerzen, Angst vor der Operation.
Warhol - auch sein postumer Schatten - ist nicht minder bekannt als die von ihm abgebildeten Stars, nicht weniger populär. Insofern hat er seine Mission erfüllt. ULRIKE KNÖFEL
DER SPIEGEL 8/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.