17.02.2007

Die Macht der Hilfsverben

Band 28 der SPIEGEL-Edition: Erich Fromms scharfsichtige Gesellschaftsanalyse „Haben oder Sein“
Ja doch, die Welt verändern. Das wollte er und schämte sich nicht dafür, vom Haben und vom Sein schrieb er und von der Chance, die es gebe, der Diktatur des Habens zu entfliehen, er schrieb es, als das hässliche Wort Gutmenschentum noch nicht erfunden war, das heute alles zu ersticken vermag, was nach utopischem Denken klingt.
Es war 1976, als "Haben oder Sein" erschien, das Jahr der Dioxin-Katastrophe in Seveso, das Jahr der ersten großen Brokdorf-Demonstration: Der Psychoanalytiker, Philosoph, Sozialforscher Erich Fromm, 1900 geboren, schrieb sein spätes Werk hinein in eine Zeit, die sehr empfänglich dafür war - jene Zeit, als in den Bücherregalen die blauen Marx-Engels-Bände zur Seite gerückt wurden, um Platz zu schaffen für die Texte der Frauen-, der Schwulen-, der Alternativbewegung; als die Bibliografien geisteswissenschaftlicher Werke zwangsläufig mit A wie Adorno begannen. Fromm stand nicht in jeder Literaturliste, doch im Gegensatz zu Adorno, seinem Mitstreiter und Rivalen aus dem legendären Frankfurter Institut für Sozialforschung, wurde er von Millionen gelesen.
Gelesen und zitiert und zu Tode paraphrasiert, seine "Kunst des Liebens" vor allem, 1956 erschienen und millionenfach verkauft; nicht klammern, loslassen, zu sich selbst finden, jenes Siebziger-Jahre-Begleitgemurmel für Beziehungsdiskussion und Gesellschaftsanalyse, häufig fand es seine Quellen in den Schriften Fromms, was ihm den Ruf des Kuschelphilosophen verschaffte, den man schließlich nicht mehr lesen mochte, sehr zu Unrecht, wie ein frischer Blick auf sein Werk erschließt.
"Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft" schrieb er im Tessin lebend, nach Europa zurückgekehrt aus jahrzehntelangem Exil in Mexiko und den USA, den ersten Herzinfarkt hatte er hinter sich, es blieb sein letzter großer Text. Haben und Sein - zwei substantivierte Verben, aus denen eine Weltsicht entsteht. Zwei Menschentypen, zwei Gesellschaftstypen besiedeln die Erde: Das Haben entspricht dem Geist einer nekrophilen Gesellschaft, die tote Dinge verehrt, während die biophile Gesellschaft des Seins den Menschen als ihren Mittelpunkt begreift.
Fromm schrieb das in eine Zeit hinein, die anfing, über die "Grenzen des Wachstums" zu diskutieren, der erste Bericht des Club of Rome lag vor. Er schrieb es in einer Welt, so befand er, die ihre Lebensgrundlagen vernichtet und sich nur ändern kann, wenn sich die Psyche des Menschen ändert, der in ihr lebt.
Scharfsichtig seine Analyse des modernen "Marketing-Charakters", schon in den vierziger Jahren hat er sie entwickelt, nun führt er sie näher aus: Alles ist austauschbar, der Mensch beginnt sein konstantes Selbst einzubüßen, wird zur "Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt": Ich bin, was ich habe, und was ich habe, hat mich.
Als Vision setzt er dagegen eine Welt des Seins. Aus Marx, Buddha, Jesus, Freud speist sich diese Vision, dazu Spinoza und Meister Eckhart, er sagt: Es gibt Hoffnung. Fromm ist der Erfinder der Analytischen Sozialphilosophie, er war von 1930 an Mitarbeiter in Max Horkheimers Institut für Sozialforschung und bis zum Zerwürfnis im Exil eine der prägenden Persönlichkeiten der Frankfurter Schule, und er hat eine andere Botschaft als die pessimistische seiner Kollegen. Spöttisch zitiert wurde gern ein Spruch, der ihn seit der Jugend begleitete: "Lieber Gott, mach mich wie Erich Fromm, dass ich in den Himmel komm."
Was ungerecht ist, denn Fromm sagt nicht: Alles wird gut. Er sagt, der Mensch müsse verändert werden und die Gesellschaft, und bei beidem lohne der Versuch - was ermutigender klingt als die Botschaft Adornos, derzufolge es kein richtiges Leben im falschen geben kann.
Konturen der künftigen Gesellschaft hat Fromm entworfen, manches davon wirkt wie im 21. Jahrhundert verfasst, der Aufruf zum Verbraucherboykott als politischem Druckmittel beispielsweise, die Forderung nach einem garantierten jährlichen Mindesteinkommen für jeden Bürger, das liest sich wie Beiträge zu den aktuellen Debatten der Republik.
Faszinierend ist sein Ansatz, die Gesellschaft mit dem Blick des Psychoanalytikers zu studieren, und einer der interessantesten Aspekte daran ist sein Umgang mit dem Begriff "Religion".
Fromm, ein Kind aus jüdisch-orthodoxem Hause, der sich entfernt hat von der Orthodoxie - er ist der Meinung, dass jede Gesellschaft eine Grundkonstante hat: Sie muss "das allen Menschen eigene religiöse Bedürfnis erfüllen". Er stellt die Ketzerfrage, ob die westliche Gesellschaft wirklich so christlich ist, wie sie sich dünkt - ihn erinnert die Verklärung des Siegenmüssens nicht an die Botschaft Jesu; unser Vorbild, sagt er, ist "immer noch der heidnische Held".
Seine eigene Religion, die des "radikalen Humanismus", mag manchem gestrig erscheinen. Sie ist es nicht. BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 8/2007
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