26.02.2007

SERIENDer schwarze Hai

Die Büro-Comedy „Stromberg“ kehrt zurück - das Beste und zugleich Furchtbarste, was das deutsche Fernsehen zurzeit zu bieten hat.
Der Dritte Weltkrieg wird in einem Büro beginnen - nicht in Washington oder Peking vor einer Weltkarte, eher in Dortmund oder Darmstadt zwischen hornhautfarbenen PC-Monitoren und Kaffeemaschinengesprotzel.
Irgendein Ingo oder Heinz-Dieter wird plötzlich anfangen, Rache zu nehmen an Chef-Ekel oder mobbenden Kollegen. Und dann wird das weitergehen von Flur zu Flur in den nächsten Waschbetonkomplex und so fort. Denn Büro ist Wahnsinn, menschlicher Abgrund, Hölle mit Hydrokultur und "zu 90 Prozent Psycho-Krieg", sagt Bernd Stromberg, inzwischen Ex-Leiter der Abteilung Schadensregulierung M bis Z bei der Capitol Versicherung AG.
Und Stromberg sprach: "Büro ist, wie unter lauter Haien zu schwimmen. Da brauchste nur einmal Nasenbluten zu kriegen, und schon ist Feierabend. Die warten ja nur alle darauf ... da kannst du jahrelang die Kuh gewesen sein, die den Karren vom Eis ... sobald du einmal bockst, sobald du einmal einbrichst im Eis, da sind die Haie gleich da ... Aber ich kann auch ein Hai sein! Ich bin der schwarze Hai unter den ganzen weißen hier. Äh, wie bei den Schafen, nur umgekehrt ..."
So ist Stromberg. Und so heißt auch die ProSieben-Serie, die nun in die dritte Staffel geht (ab nächsten Montag immer 22.45 Uhr) - als nunmehr vollendetes Triptychon des Alltagsgrauens, ein Fanal der Dienstleistungsgesellschaft, ein Denkmal gegen das Prinzip Großraum.
Stromberg ist das Unterste, was die Evolution hervorgebracht hat. "Stromberg" ist das Beste, was das deutsche Fernsehen momentan zu bieten vermag. Das ist kein Widerspruch, sondern das Gesetz dieser Serie, die vom Hassfaktor ihres Stars lebt.
Er schleimt nach oben und tritt nach unten. Er ist bösartig und verschlagen, sarkastisch und intrigant, gemein, egoistisch, geschmacklos und fachlich inkompetent. Das Größte an diesem Midlife-kriselnden Herrenwitz ist seine Selbstüberschätzung.
"Fingerspitzengefühl ist ja das A und O", sagt Stromberg. Und dann rät er der Sachbearbeiterin, die er eben rausgeschmissen hat: "Sehn Sie's doch mal positiv: Sie ham viel mehr Zeit für Ihre Hobbys." Oder er wanzt sich an den Rollstuhlfahrer ran, dessen Behindertenparkplatz er blockiert: "Dass Sie überhaupt Auto fahren können ... Hut ab!" Und wenn sein neuer Vorgesetzter sagt, er fühle sich von Strombergs Leuten akzeptiert: "Ja gut, Hitler dachte auch bis zum Schluss, dass ihn die Deutschen ..."
Das ist ebenso Stromberg wie: "Die ganzen Randgruppen ... Behinderte, Schwule, Frauen ... bin ich dafür ... solange es menschlich stimmt." Mit solchen Schoten hat er das "Fremdschämen" zur fast schon olympischen Disziplin gemacht. "Ich bin ja quasi die perfekte Mischung aus jung, aber sehr erfahren ... gibt's in der Form sonst nur auf'm Straßenstrich." Das sind so seine peinlichen Weisheiten, um die herum es mittlerweile Fanclubs gibt, ein PC-Spiel und neuerdings sogar ein Langenscheidt-Wörterbuch ("Chef - Deutsch / Deutsch - Chef").
Stromberg ist eine archetypische Vorgesetzten-Karikatur, die zwischen serviler Ich-bin-doch-euer-Bernd-Pose und Belegschaftsfresser laviert. In der ersten Staffel rutschte er langsam ins Karriereabseits. In der zweiten ging's dann steil bergab, bis er schließlich im Kellerarchiv seiner Versicherung landete - ohne Untergebene, ohne Frau, ohne Aussicht, ohne Macht.
Und wie man es von allen großen Hassfiguren kennt - von Ekel Alfred über "Kleines Arschloch" bis Dieter Bohlen -, blieb doch auch an dieser Hasskappe ein Hauch von Restsympathie kleben. Amüsieren uns die Billigpointen oder nur die verzweifelten Versuche, damit einen Lacher zu landen? Wer sich das fragt, ist von Stromberg schon gefangen.
Und im gleichen Maße, wie die TV-Figur ein Inferno nach dem anderen erlebte, stieg ihr Darsteller auf: Christoph Maria Herbst, 41, hat nach der Schule eine Lehre bei der Deutschen Bank gemacht und in Dinslaken Theater gespielt. Nun hat er den Grimme-Preis und einen Status als Dauergeheimtipp für alles, was hiesiges Fernsehen an Herausforderungen noch bereithält. Möglich, dass er bereits überschätzt wird. Aber wenn Herbst Pech gehabt hätte, wäre er heute in einer Bankfiliale selbst ein Stromberg. Er hatte Glück: Er durfte "Stromberg" werden.
Dabei wäre Herbst nur halb so gut ohne sein filigranes Ensemble von Bürosklaven: Da ist Erika, die Betriebsnudel. Ulf, der grottenfaule Aufrisskönig. Tanja, die Abteilungsschönheit. Und Ernie, der eigentlich Bert heißt, also Berthold, und von allen gemobbt wird, weil er schwitzt, petzt und Dinge sagt wie "Wunderbärchen", "Okäse" oder: "Ich bin 'n Typ, der auch mal aneckt ... wie Ché Guevara oder James Bond oder so."
Alle reden gelegentlich direkt in die Kamera, die diese Büroabgründe filmt, als wäre es eine Dokumentation über realen Angestelltenwahnsinn. Der Trick ist nicht neu, sondern wie viele andere großartige Kleinigkeiten von der BBC-Serie "The Office" abgeguckt. Aber ehrlich gesagt: Lieber gut geklaut als schlecht erfunden.
Komplett absurd wird es nun, weil Stromberg zu Beginn der dritten Staffel von seinen Vorgesetzten mit dem Argument aus dem Keller erlöst wird, dass er durch seine TV-Präsenz ja auch Werbewert besitze. Herbst/Stromberg hat mittlerweile tatsächlich Reklame gemacht - für die Telefonfirma Tele 2. Von dem Unternehmen war der Schritt entweder genial oder absolut irre. Denn wer setzt schon auf ein derartiges Ekelpaket als Werbeträger?
So verschwimmen nun endgültig Realität und Fiktion. Alles klärchen? Okäse? Oder wie Stromberg formuliert: "Man muss mich ja auch im Gesamtkontext sehen" ... jetzt mal menschlich zum Bleistift. THOMAS TUMA
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 9/2007
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