26.02.2007

VEREINTE NATIONEN„Teheran ist am Zug“

Der neue Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, 62, über den Atomkonflikt mit Iran und die Rolle Deutschlands bei internationalen Konflikten
SPIEGEL: Herr Generalsekretär, der Streit um das iranische Atomprogramm spitzt sich zu. Was kann die Uno tun, um eine militärische Eskalation des Konflikts abzuwenden?
Ban: Der Uno-Sicherheitsrat hat Teheran im Dezember ultimativ ernste Bedingungen gestellt und erste Sanktionen verhängt. Es ist jetzt äußerst wichtig, dass die iranische Führung die Auflagen der Resolution vollständig erfüllt. Es gibt noch einen politischen Spielraum, den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen. Die Gespräche dürfen deshalb nicht an Schwung verlieren. Die EU, angeführt von Deutschland, spielt dabei eine wichtige Rolle. Und auch wenn der Dialog zurzeit etwas in einer Sackgasse steckt, baue ich darauf, dass Irans Führung den Spielraum nutzen wird.
SPIEGEL: Präsident Mahmud Ahmadinedschad signalisierte vorige Woche überraschend, er wolle doch über eine Aussetzung der Urananreicherung reden. Halten Sie das für glaubwürdig?
Ban: Er hat den Vorschlag zugleich an die Bedingung geknüpft, dass alle westlichen Atomnationen ihre Programme zur Anreicherung ebenfalls stoppen sollen. Ich weiß nicht, was er damit bezweckt. Jetzt ist erst einmal Teheran am Zug, anstatt neue, eigene Bedingungen zu stellen.
SPIEGEL: Sie sind seit acht Wochen im Amt, Sie haben schon dezidiert zum Atomkonflikt mit Nordkorea Stellung bezogen, sich in Sachen Iran aber zurückgehalten. Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen beiden Ländern?
Ban: Nordkorea hat sich ernsthaft auf Verhandlungen eingelassen, und die gemeinsame Vereinbarung vom Januar mit China, Japan, Russland, Südkorea und den USA ist ein großer Schritt voran. Wir haben das Stadium wortreicher Erklärungen verlassen und verbindliche Handlungsschritte vereinbart. Nordkorea hat sich eindeutig verpflichtet, am Ende alle Atomanlagen und -programme abzubauen. Im Gegenzug wurden wirtschaftliche Unterstützung, vor allem Energie und Öl, zugesagt sowie Sicherheitsgarantien und eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Amerika und Japan in Aussicht gestellt.
In Iran liegt der Fall bislang ganz anders. Und die Folgen für Frieden, Sicherheit und Stabilität in der ganzen Region sind viel bedrohlicher.
SPIEGEL: Anders als im Fall Iran hat Washington gegenüber Nordkorea Verhandlungsbereitschaft gezeigt.
Ban: Zunächst ist es wichtig, mit Iran im Gespräch zu bleiben. Jetzt muss die Europäische Union die politische Führung übernehmen und die Verhandlungen voranbringen. Aber es ist nicht so, dass die USA Gespräche ablehnen oder verweigern. Die Amerikaner haben ja bei den Verhandlungen praktisch immer mit am Tisch gesessen.
SPIEGEL: Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat der iranische Chefunterhändler Ali Laridschani eine Beschränkung der Anreicherung auf nichtwaffenfähiges Uran ins Gespräch gebracht. Ein Kompromiss?
Ban: Die Freiheit eines jeden Landes, Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen, ist nicht frei von Bedingungen. Dazu gehören das glaubwürdige Bekenntnis zur friedlichen Nutzung, die Einhaltung internationaler Vereinbarungen und die Überprüfbarkeit aller technischen Details durch die Internationale Atombehörde IAEA. Deshalb müsste Iran zuerst deren Inspektoren ins Land lassen und alle Atomeinrichtungen und -programme öffnen, um die Weltgemeinschaft von seiner Friedfertigkeit zu überzeugen.
SPIEGEL: Offenbar sehen Sie die Chancen für eine Verständigung mit Nordkorea optimistisch, für Iran aber nicht?
Ban: Ich bin nicht sicher, ob ich richtig optimistisch sein kann, aber es gibt eine sehr ermutigende Entwicklung in Nordkorea. Jetzt müssen die Vereinbarungen und Zusagen umgesetzt werden. Die internationale Gemeinschaft sollte diesen Prozess aktiv unterstützen.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von der Regierung in Berlin?
Ban: Ich brauche die Kooperation und Unterstützung aller Mitgliedsländer. Deutschland aber muss bei internationalen Konflikten und neuen Herausforderungen eine Führungsrolle spielen, nicht nur als drittwichtigster Beitragszahler der Uno, sondern erst recht wegen der EU-Ratspräsidentschaft und des Vorsitzes der G-8-Staaten.
SPIEGEL: Deutschlands Wunsch nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat haben Sie noch 2005, als südkoreanischer Außenminister, abgelehnt. Und heute?
Ban: Als Uno-Generalsekretär muss ich objektiv und zurückhaltend sein. Wichtig ist vor allem, dass der Sicherheitsrat erweitert wird und die dramatischen Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis widerspiegelt. Die Frage ist nur, wann und wie. Ich will versuchen, so demokratisch und transparent wie möglich eine Reform des Sicherheitsrats voranzubringen.
INTERVIEW: MANFRED ERTEL, GERHARD SPÖRL
Von Manfred Ertel und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 9/2007
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