Von Klawitter, Nils
Irgendwann im Frühjahr 2004 gab es in Güsen kein Geld mehr. Bei Frank Jansky zumindest kam nichts mehr an. Jansky betreibt in dem sachsen-anhaltischen Dorf eine Anwaltspraxis. Er vertritt Handwerker und kleine Baufirmen. "Die Leute konnten ihre Rechnungen nicht mehr zahlen", sagt er.
Jansky hörte damals etwas von Regionalwährungen und dachte: "Det isses." Statt in Euro müsste in der verarmenden ostdeutschen Diaspora mit Waren und Dienstleistungen bezahlt werden können, so seine Idee. Die Verrechnungseinheit: regionale "Urstromtaler". Anfang Oktober 2004 hatte sich ein Netz aus Handwerkern, Kartenlegern, Kräuterberatern und Biowasserwirblerhändlern in und um Magdeburg gefunden, die bereit waren für eine Währungsreform.
Am Tag der Deutschen Einheit stieg Janskys Genossenschaft aus dem Euro aus.
Annika Pietsch, bis dahin Angestellte in Janskys Kanzlei, wurde Chefin der Zentralbank - einer kleinen blauen Kassette, die sie mit sich herumträgt. Die Scheine mit der ockerfarbenen Sachsen-Anhalt-Karte druckt sie in ihrer Wohnung. Fälschen könne man die nicht, das habe sie sicherheitshalber "selbst schon mal versucht".
Pietsch tauscht Bürgern Euro in Urstromtaler und gewährt Mitgliedern Urstromtaler-Kredite. Auch ihr Zentralbank-Job wird in Urstromtalern entlohnt, mit denen sie bei den inzwischen 165 Vereinsmitgliedern bezahlen kann. Beim Bio-Laden etwa, der die Käserei dann damit vergütet, die ein paar Scheine an den Tischler weiterreicht, der ihr den Ziegenstall repariert. So ungefähr. Im Idealfall soll auf diese Art ein Kreislauf entstehen, der die regionale Wirtschaft stärkt und den Geldabfluss aus der Gegend verhindert.
22 solcher bunten Blüten sind im Land bereits im Umlauf, 31 in Vorbereitung. Sie heißen Kann Was, Nahgold, Carlo oder Volmetaler und werden steuerlich wie Euro verbucht. Bei Frank Jansky, der aus einem kleinen Büro in Magdeburg auch den Dachverband Regiogeld leitet, war vor kurzem sogar eine Reporterin der BBC, um sich die wundersame Geldvermehrung in Deutschland erklären zu lassen.
Am erfolgreichsten läuft bisher der Chiemgauer, den der Waldorflehrer Christian Gelleri 2002 als Projekt mit sechs Schülern in Bayern startete. Im vergangenen Jahr kletterte der Jahresumsatz in der Regionalwährung auf 1,5 Millionen Euro. Im Umlauf sind derzeit etwa 90 000 Chiemgauer, die - anders als der Urstromtaler - gegen Gebühr in Euro zurückgetauscht werden können. "Unser Geld fließt dreimal schneller als der Euro", sagt Gelleri. Dafür setzt er die Eigentümer allerdings unter Ausgabestress: Alle drei Monate verliert der Chiemgauer zwei Prozent an Wert und muss mit dem Kauf einer Marke "aufgeladen" werden.
Die Idee zu diesem sogenannten Schwundgeld stammt von Silvio Gesell, einem deutschen Kaufmann und Sozialreformer. Gesell erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine schwere Wirtschaftskrise in Argentinien, die er darauf zurückführte, dass zu viel gespart worden war und zu wenig Geld zirkulierte. Seine Lösung: Geld müsse, wie andere Waren auch, verderblich werden. Banknoten sollten "rosten".
Lokale Währungen verhinderten, dass Geld aus den heimischen Regionen abgesaugt werde und in die Renditeregionen China und Indien wandere, sagt Margrit Kennedy, die einige Bücher über Alternativwährungen geschrieben hat. "Regiogeld wirkt wie ein homöopathisches Heilmittel für das Chaos und das Leid, was die internationalen Finanzmärkte auf der Welt erzeugen", so Kennedy.
Für Gerhard Rösl sind solche Thesen "Sozialromantik von Leuten, die nicht strukturiert denken". Rösl ist Volkswirt mit einer Professur an der Fachhochschule Regensburg. Für die Bundesbank verfasste er eine Studie zu Regionalwährungen. Leicht vereinfacht gesagt steht darin, das Regiogeld sei ein netter Gag für Touristen - ansonsten weitgehend ökonomischer Unsinn.
Nützen würde es nur in deflationärem Umfeld, wenn versiegende Liquidität kompensiert werden müsse - wie etwa 1932 im österreichischen Wörgl, als die Gemeinde erfolgreich Arbeitswertscheine ausgab. Oder jetzt im Urstromtal bei Magdeburg, wo den Menschen langsam der Euro abhandenkommt.
Im Chiemgau dagegen kam der Startimpuls für die neue Währung von wohlhabenden Eltern, die monatlich 200 Euro in Chiemgauer tauschten, um das Schulprojekt ihrer Kinder zum Laufen zu bringen. Das Alternativgeld blieb eine Luxuswährung: Mit der Aufladegebühr, der Rücktauschabgabe und den Inflationskosten zahlen die Nutzer auf jeden Chiemgauer 15 Prozent drauf - risikolose Bruttoeinkünfte für Gelleris Vereinsbank.
Teile dieses Geldes legt Gelleri - nicht ganz im Sinne der Erfindung - bei einer Bank auf ein Tagesgeldkonto. "Spätestens da sollten die Alarmglocken schrillen", sagt Rösl, der von einem "Schneeballsystem" spricht. Der am Ende zahle immer drauf.
Inzwischen hat Gelleri seinen Beruf als Lehrer aufgegeben. Die Chiemgauer-Gebühren fließen so zuverlässig, dass er als hauptamtlicher Kassenwart fungiert. Jedes einzelne Ziel des Chiemgauers - Förderung der regionalen Vereine und der örtlichen Wirtschaft - könne man "auch mit Euro erreichen", gibt selbst Gelleri zu.
In Gießen wickelt Winrich Prenk gerade das Projekt Justus ab. Über 4000 Euro investierte der Ingenieur in die Währung, aber der Taler wollte irgendwie nicht wandern. Jetzt musste er "das Spielzeug wieder einsammeln".
In Wirklichkeit, so Prenk, "kosten alle Regios ein Schweinegeld". NILS KLAWITTER
DER SPIEGEL 10/2007
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