05.03.2007

Heißer Sturm

Warum die utopisch wirkenden Aufwind-, Wellen- und Gezeitenkraftwerke so schwer zu realisieren sind
Der 1000 Meter hohe Stahlbetonturm steht inmitten eines Treibhauses von sieben Kilometer Durchmesser. Sobald die Wüstensonne auf die Gläser brennt, erhitzt sich die Luft im Innern und strömt durch den Turm gen Himmel. Die aufwärtsrauschenden Winde treiben Turbinen an und stellen so bis zu 200 Megawatt elektrische Leistung bereit.
So faszinierend das Konzept für das Aufwindkraftwerk mit seinem heißen Sturm auch erscheint: Bisher fand sich niemand, der das gigantische Glashausprojekt finanziert. Lediglich ein deutlich kleinerer Prototyp (mit 194 Meter Turmhöhe) wurde in Spanien gebaut - und nach Sturmschäden wieder stillgelegt.
Genie und Wahnsinn liegen oft eng beieinander, wenn Visionäre über die Nutzung erneuerbarer Energien jenseits von Solarzelle, Windrad und Biokraftwerk nachdenken. Nicht nur die Wüsten, auch die Meere könnten demnach als Energiequellen angezapft werden - der Durchbruch steht aber gleichfalls noch aus.
Das Gezeitenkraftwerk nahe Saint-Malo in der Bretagne etwa leistet zwar seit rund 40 Jahren gute Dienste; doch kaum irgendwo sonst finden sich ähnlich gute Bedingungen mit mehr als 14 Meter Tidenhub. Ein Massenphänomen kann die Stromerzeugung aus Ebbe und Flut damit kaum werden. Das könnte die Nutzung der Wellenkraft schon eher; doch dabei gibt es ein anderes Problem. Wellenkraftwerke wurden in unterschiedlichsten Bauformen in der Vergangenheit häufig Opfer allzu schwerer See.
Immerhin nährt nun ein Projekt auf der schottischen Insel Islay neue Hoffnungen: Dort werden nicht die Wellen direkt genutzt, sondern Luftströmungen, die von den Wellen erzeugt werden - was die Anlage bereits mehr als sechs Jahre an der rauen See Schottlands überleben ließ. Mit 250 Kilowatt spielt das Kraftwerk aus Sicht der großen Energiewirtschaft gleichwohl noch in der Spielzeugliga.
Ein anderes Prinzip der Wellenkraft wird gerade vor den schottischen Orkney-Inseln getestet: eine 150 Meter lange Stahlschlange namens "Pelamis", die im Wasser schwimmt und an den Gelenken der einzelnen Elemente die Bewegungsenergie aufnimmt, um daraus Strom zu gewinnen.
Auch mit Meeresströmungskraftwerken - sie sehen aus wie Windräder unter Wasser - wird bereits experimentiert. Vor der Küste Devons in Südengland wurde im Sommer 2003 unter dem Namen "Seaflow" ein solches Forschungsprojekt gestartet. Doch für diese Technik kommen ebenfalls nur ausgesuchte Standorte mit bestimmten Strömungs- und Tiefenverhältnissen in Frage.
Das am skurrilsten anmutende Meeresprojekt überhaupt steht im norwegischen Trondheim: ein Osmose-Kraftwerk. Durch eine Membran wandern Wassermoleküle aus einem Süßwasser- in ein Salzwasserbecken und bauen auf diese Weise ein Druckgefälle auf. Das lässt sich schließlich mittels einer Turbine nutzen.
Aber auch diese Technik wird sich wohl auf Einzelprojekte beschränken. Die Anlagen müssten in Flussmündungen errichtet werden, wo Süßwasser auf Salzwasser trifft. Das Problem dabei: Der Schiffsverkehr würde eingeschränkt.

DER SPIEGEL 10/2007
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