05.03.2007

Der Konzern des Zaren

Weltmeister beim Erdgasexport, das teuerste Unternehmen in Europa, Deutschlands wichtigster Energielieferant: Gasprom ist Wladimir Putins beste Waffe. Was will der russische Präsident damit - und lässt sich so die verlorene Weltmacht neu begründen?
Damals war es Zar Peter, der mit Hilfe einiger der besten europäischen Architekten aus dem sumpfigen Gelände Prachtbauten stampfen ließ, um ein "Fenster zum Westen" zu öffnen. Aber auch, um zu zeigen: Seht her, wir sind souverän und müssen uns vor niemandem verstecken.
Diesmal, drei Jahrhunderte später, ist es ein anderer Zar, der mit seinen Bauwerken für St. Petersburg die Welt beeindrucken will: Wladimir Putin, seit 2000 russischer Präsident. Er sieht sich in dieser Tradition, ein Bild Peters des Großen hängt über seinem Kreml-Schreibtisch.
Es geht um das Hauptquartier von Gasprom, der Lieblingsfirma des Kreml-Chefs. Die Ostsee-Metropole soll ein neues Wahrzeichen erhalten - nicht irgendeines, sondern einen finalen Beleg für die Rückkehr Russlands in den Kreis der Weltmächte; ein Herrschaftssymbol für den Konzern der Konzerne, die Noch-Nummer-Fünf international, die aber nach dem Willen des Staatspräsidenten bald Weltfirma Nummer eins werden soll. Für diesen Gasprom-Tower, diese glas- und stahlglitzernde Manifestation der Macht, darf nur der Himmel die Grenze sein.
Sechs ausländische Architekten bat das vom Kreml mit einer 50-Prozent-plus-eine Aktie-Mehrheit kontrollierte Unternehmen, seine neue Zentrale zu entwerfen. Die Besten der Branche aus Paris, London, Rotterdam und Rom sollten wetteifern; auch Daniel Libeskind, Designer des neuen World Trade Center in New York.
Der siegreiche Entwurf des Londoner Architekturbüros RMJM besteht aus einem 77 Stockwerke hohen Turm, 200 000 Quadratmeter Bürofläche, integriert darin ist ein Fünfsternehotel; geschätzte Baukosten: zwei Milliarden Dollar. Gegenüber dem Smolny-Kloster geplant, soll der Wolkenkratzer einer spitz zulaufenden Fackel gleichen, die je nach Beleuchtung ihre Farbe ändert und so an das flammende Gasprom-Emblem erinnert. Er wird alle anderen Petersburger Bauwerke in den Schatten stellen, zusammenschrumpfen lassen, einschüchternd wirken. Ein 396-Meter-Monstrum in einer Stadt, die Neubauten über 48 Meter in diesem Viertel gesetzlich verbietet.
Aber was zählen schon Vorschriften, wenn Gasprom etwas will. Welche Rolle spielt es, wenn die Unesco sich um die Verschandelung des Weltkulturerbes sorgt und empörte Bürger protestierend durch die Straßen ziehen. Putin-Freundin und Gouverneurin Walentina Matwijenko lobt den Plan in höchsten Tönen, die Stadt sei stolz, wenn die Zentrale der größten Firma des Landes hierherziehe. Der Putin-Vertraute und Gasprom-Chef Alexej Miller meint gar, das Bauwerk werde "zur Geburtsstunde einer neuen Petersburger Mentalität".
Ein architektonisches, vor allem aber ein politisches Ausrufezeichen. Der Gigantenfinger
soll die Zwerge das Fürchten lehren, all die Kleingläubigen, die das neue Reich immer noch schlechtreden, all diejenigen, die in ihrer Vermessenheit glauben, es mit dem Kreml-Chef aufnehmen zu können.
Mit ihm, dem judogewandten Aufsteiger, der schon seine Doktorarbeit Energiefragen widmete und im Jahr 2003 Gasprom "einen mächtigen Hebel zur Einflussnahme auf den Rest der Welt" nannte. Der den Rohstoffsektor, das Kernstück seiner Strategie, mit der er Russland auf die Bühne der Supermächte zurückbringen will, sein "Allerheiligstes" nennt. Und der nach dem Ende seiner Kreml-Zeit Chef der Firma werden könnte.
Obwohl der Kreml-Chef offiziell "gar keine Einwirkung" auf Gestalt und genaue Plazierung des Gasprom-Tower nehmen will und sagt, nichts sei entschieden: Hier baut ein Machtmensch an seiner Zukunft, an der Zukunft des Landes, und beides ist für ihn mitunter identisch. Ein Pokerface, 56 Jahre, unnachgiebig, undurchsichtig: Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Gasputin.
Die Welt weiß viel über Exxon Mobil, General Electric, Toyota, Microsoft, die anderen Big Shots unter den Großunternehmen der Welt; sie weiß zu wenig über Gasprom. Was für ein Konzern ist das, dessen Börsenkapitalisierung zwischenzeitlich 290 Milliarden Dollar überstiegen hat, dessen gegenwärtiger Marktwert höher ist als das Bruttosozialprodukt von 165 der 192 in der Uno vertretenen Nationen? Wie tickt ein Unternehmen, das ein Sechstel der weltweiten Erdgasreserven kontrolliert und mit einem Fingerschnipsen die Energiezufuhr nach Westeuropa unterbrechen, unsere Wohnungen erkalten lassen kann?
Die Gasprom-Story hat Helden und Halunken, sie spielt in den überheizten Politiker-Hinterzimmern von Moskau wie in der Eiseskälte von Sibirien; in den von Erpressung bedrohten Pipeline-Transitländern Ukraine, Weißrussland und Armenien; "auf Schalke" im Ruhrgebiet der Malocher wie im Schweizer Millionärssteuerparadies Zug und in Sotschi am Schwarzen Meer, Putins zweiter Sehnsuchtsstadt, wo er mit den auch von Gasprom finanzierten Olympischen Spielen wohl sein Lebenswerk krönen will.
MOSKAUER MACHTSPIELE
Das Hirn von Gasprom sitzt in der siebten Etage der Konzernzentrale am südlichen Stadtrand von Moskau und ähnelt einem anderen machtvollen Lenkungszentrum der Welt - der CIA-Koordinierungszentrale in Langley, USA.
In der Bedeutung steht die russische der amerikanischen Leitzentrale in nichts nach. Russlands Freunde werden in geheizten Stuben sitzen, so lautet hier die implizite Nachricht - alle anderen mögen sich warm anziehen.
Wer Gas hat, besitzt Macht. Erdgas ist heute eine der wichtigsten Energiequellen der Erde, morgen vielleicht sogar die bedeutendste. Bis zum Jahr 2030 dürfte der weltweite Bedarf um zwei Drittel zulegen - Putin und seine Strategen kennen den Wert ihrer Trümpfe und sind offensichtlich bereit, sie auszureizen. Während Europa noch erschrocken über die Diversifizierung seiner Energieversorgung debattiert, schafft Gasprom Tatsachen. Vergangenes Jahr wurde bekannt, dass der russische Monopolist zwei Milliarden Dollar in die zwangsverstaatlichte Gasindustrie Boliviens investieren will. Gleichzeitig laufen Verhandlungen mit Algerien und Libyen über eine gemeinsame Ausbeutung der dortigen Vorkommen.
Neuerdings hält Putin sogar die Bildung einer Gas-Opec nach dem Muster des Kartells der erdölexportierenden Nationen für eine "interessante Idee". Gemeinsam mit Iran und Katar, den Staaten mit der zweit- und drittgrößten Gasreserve, wäre der Kreml so in der Lage, eines Tages die Weltmarktpreise zu diktieren. Könnte mit ökonomischer Erpressung auf das antworten, was er als militärische Provokation durch die Bush-Regierung sieht - die Ausweitung der Nato an russische Grenzen und neuerdings die Stationierung eines Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien. "Wir werden diese Länder ins Visier nehmen", droht Moskau.
Wie Adern ziehen sich grüne PipelineLinien über einen riesigen Bildschirm in der Gasprom-Zentrale. Die dicksten Arterien pumpen Gas aus der Schatzkammer Sibirien nach Westeuropa, die dünnen Äderchen stellen kleinere Abzweigungen dar. Das innerrussische Pipeline-Netz von Gasprom misst 463 400 Kilometer. Es ist das größte der Erde, und Tausende Kilometer außerhalb der Landesgrenze kommen dazu. Zwischen den Linien leuchten die bisher entdeckten Gasfelder auf.
Eine Leuchtanzeige meldet: "Guten Tag, heute ist Donnerstag, der 1. März, 06.30 Uhr", damit Wladimir Podmarkow und sein sechsköpfiges Team nicht vergessen, dass draußen Tag ist und nicht Nacht. Es gibt keine Fenster, und bis auf das Summen der Klimaanlage und das gelegentliche Klappern der Computertastatur ist das Schweigen absolut. Nichts soll die Männer und Frauen der Morgenschicht von ihrer Arbeit ablenken. Sie brauchen höchste Konzentration. Sie messen die Mengen, die durch das Pipeline-Netz fließen, sie lenken Gasströme mit einem blitzschnellen Tastendruck um, wenn es irgendwo zu Versorgungsengpässen kommt.
Um sieben Uhr Moskauer Zeit (fünf Uhr deutscher Zeit) trifft aus dem Gasprom-Lagezentrum in Berlin die tägliche Bestellung für Westeuropa ein: von E.on Ruhrgas, von der BASF-Tochter Wintershall, Gaz de France, den Spaniern, den Italienern. Ist es kalt zwischen Flensburg und Palermo, wird mehr geordert.
Um kurz nach neun geht der Abteilungsleiter zum Rapport in die Vorstandsetage in den fünften Stock. Dort sind die Wände mit edlen Hölzern getäfelt, dort ist kein Staubkorn zu sehen. Vorstandschef Alexej Miller, 45, ist ein Ordnungsfanatiker und Perfektionist. Gibt es Probleme, weil sich irgendwo ein Unfall ereignete oder Transitländer Gas abzapfen, besteht der Chef auf detaillierten Berichten. Läuft alles geschmiert, ist der Leiter der Schaltzentrale nach fünf Minuten wieder an seinem Arbeitsplatz.
Weltmacht Gasprom, Europas wertvollster Konzern, Putins Schwert: Auf dem großen Bildschirm im Kontrollzentrum kann mühelos die weltweite Expansion des Kraken besichtigt werden, dessen Fangarme in alle Richtungen zuschlagen. Hier vollzieht sie sich zivilisiert, geräuschlos. Hier sind die wütenden Proteste der Regierungen nicht zu hören, denen die Gaspreise auf Weltmarktniveau angehoben werden, weil Gasprom Geld braucht. Oder weil der Kreml Staaten bestraft, die sich wie die Ukraine und Georgien von Moskau ab- und der Nato und der EU zuwenden. Hierher dringen keine Debatten über die zwischen den Herren Putin und Schröder abgesprochene Ostsee-Pipeline, den Ärger der Polen und Balten.
Ungefähr in der Mitte der Europakarte blinkt die Pumpstation Kurskaja auf; von dort drehte Gasprom der Ukraine Neujahr 2006 das Gas ab. Moskau hatte den Preis
zunächst verdreifacht, die Verhandlungen mit Kiew drohten zu scheitern; man einigte sich schließlich auf fast das Doppelte. Im Januar 2007 wiederholte sich in Weißrussland das Spiel; tagelang stoppte Russland den Öl-Fluss. Wieder wurde den Westeuropäern bewusst, dass Gas und Öl für den Kreml auch politische Waffen sind.
Schon heute versorgt Gasprom rund 30 europäische Länder. Estland und die Slowakei hängen zu 100 Prozent am Gas aus dem Osten, Griechenland zu 80, Polen zu 60 und die Bundesrepublik zu 36 Prozent - Deutschland ist der größte Gasprom-Kunde.
Die nächste Karte zeigt Sibirien und Nordostasien. Beinahe jungfräulich sieht sie aus. Dort sind nur wenige Gasfelder bekannt, aber mit der Entdeckung weiterer großer Vorkommen wird gerechnet. Energieexperte Podmarkow ist sicher, dass Russlands Gasvorkommen bis in eine weit entfernte Zukunft reichen. "Was wir jetzt kennen, genügt für 80 Jahre, wir werden noch mehr finden, und der technische Fortschritt wird es ermöglichen, in größerer Tiefe zu fördern", sagt er.
In Ostsibirien verlaufen nur wenige Rohrleitungen. Auch das soll sich bald ändern. Mit dem energiehungrigen China hat Putin vor einem Jahr ein Abkommen geschlossen, der Bau einer ersten Gas-Pipeline aus dem russischen Altai ins chinesische Xinjiang ist bereits im letzten Planungsstadium. Neben China sollen auch Indien und Japan beliefert werden, sogar die USA: Gasprom, ein neuer Star unter den "Global Players". Sehr wahrscheinlich, dass das rasant wachsende russische Unternehmen versuchen wird, auch größere Beteiligungen an deutschen Energieherstellern wie RAG oder RWE zu übernehmen oder zumindest an Stadtwerken wie Leipzig. Kreml-Chef Putin hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er den westeuropäischen Endkunden langfristig selbst beliefern will.
Am äußersten rechten Rand des Bildschirms in der Gasprom-Schaltzentrale liegt Sachalin. Die Insel war im vergangenen Jahr Schauplatz eines regelrechten Energiekrimis. Mit Hilfe der russischen Regierung gelang es Gasprom, den Ölmulti Shell als Mehrheitsaktionär aus dem weltgrößten integrierten Öl- und Flüssiggasprojekt zu verdrängen, Investitionsvolumen 22 Milliarden US-Dollar. Wahr ist, dass ein Konsortium unter Führung von Shell 1996 den Zuschlag zum Schnäppchenpreis erhielt. Damals lag Russland wirtschaftlich am Boden und bot Ausländern extrem günstige Investitionsbedingungen.
Wahr ist aber auch, dass Moskau ein durchtriebenes Spiel inszenierte; dass die Regierung angebliche Umweltverstöße von Shell beim Pipeline-Bau monierte und so lange das Projekt blockierte, bis der Konzern resignierte. Der Shell-Vorstandsvorsitzende Jeroen van der Veer musste im Dezember zum Kotau im Kreml antreten. Er bedankte sich artig für die Gnade, nicht ganz vom Spielfeld gekegelt worden zu sein. Wenigstens bekamen Shell und Partner noch 7,45 Milliarden Dollar für die 50 Prozent plus eine Aktie, die sie an Gasprom abtraten.
Wladimir Putin, der Energiezar, hatte wieder einmal erreicht, was er wollte: die Staatskontrolle über ein lukratives Projekt, das den Gas- und Ölmarkt nach Asien und Amerika öffnet. Wenn Russland im Energiegeschäft mit dem Westen zusammenarbeitet, bestehen künftig nicht mehr die kleinsten Zweifel, wer der Koch und wer der Kellner ist. Ausländer sind fortan nur als Minderheitsaktionäre willkommen, als Nächsten dürfte es BP treffen; der Ölkonzern ist das letzte verbliebene Unternehmen aus dem Westen, das in einem großen Joint Venture mit den Russen noch 50 Prozent Anteile besitzt. Die Regierung hat die Firma schon mal mit dubiosen Steuernachforderungen überzogen.
Während Gasprom - Mitarbeiterzahl: knapp 400 000 - im Ausland expandiert, arbeitet es in Russland mit Macht an der Wiederherstellung seines Monopols. Noch gehören Pipelines und einige kleinere Gasfelder Konkurrenten. Kürzlich jedoch gelang es den Energielobbyisten von Gasprom, eine Entscheidung des russischen Kartellamts zu kippen. Es hatte Gasprom verboten, russische Gaskonkurrenten zu schlucken. Schon im vergangenen Jahr erwarb die Firma für gut zwei Milliarden Dollar 19,4 Prozent am Konkurrenten
Nowatek. Branchenkenner rechnen mit der baldigen Komplettübernahme.
Und auch in anderen Energiebereichen engagiert sich Gasprom: Der Konzern übernimmt womöglich die Mehrheit an einem Gemeinschaftsunternehmen mit der russischen Kohlefirma Suek. Erst kürzlich hat Putin gemahnt, den Energiemix im Land zugunsten der Kohle zu verändern; offensichtlich soll das lukrative Gas, mit dem in Russland fast die Hälfte des Stroms erzeugt wird, mehr in den Export fließen. Zurzeit verbrauchen die Russen etwa zwei Drittel ihrer Fördermengen selbst.
Darüber hinaus ist Gasprom auch an dem Atomexportunternehmen beteiligt, das im iranischen Buschehr den umstrittenen Reaktor baut. Über den massiven Einstieg ins Stromgeschäft will der Konzern offensichtlich erreichen, den gesamten Energiesektor von der Produktion bis zum Verkauf zu beherrschen.
Wie ein Brennglas offenbart Gasprom, die Nummer eins der Kreml AG, so den Kern der Industriepolitik Putins: In Bereichen, in denen Russland durch seinen Rohstoffreichtum glänzen und technologisch mithalten kann - wie der Energiegewinnung, der Rüstungs- und Weltraumindustrie -, sichert sich der Staat die Mehrheit. Rückständige Wirtschaftssektoren öffnete der Präsident für ausländische Kapitalbeteiligungen auch über 50 Prozent, darunter die Autoindustrie.
Im Falle von Gasprom sind Wirtschaft und Politik so eng miteinander verbunden, dass sie kaum auseinanderzuhalten sind. Der stellvertretende Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, 41, neben seinem Amtskollegen, dem Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow, 53, Favorit für die Putin-Nachfolge im kommenden Jahr, ist gleichzeitig Aufsichtsratschef von Gasprom. In dem Spitzengremium sitzen mit den Ministern German Gref (Wirtschaft) und Wiktor Christenko (Industrie) gleich zwei weitere Kabinettsmitglieder. Am wichtigsten aber: Mit dem Wirtschaftsingenieur Miller hat Präsident Putin im Jahr 2001 einen Vertrauten zum Gasprom-Vorstandsvorsitzenden gemacht, der seinem Herrn in Treue verbunden ist.
Der Weg vom Kreml in die Gasprom-Zentrale ist 13 Kilometer weit, geografisch gesehen. Tatsächlich passt zwischen Putin und Miller nicht einmal ein Blatt Papier. Die beiden kennen sich seit mehr als einem Jahrzehnt aus ihrer Heimatstadt St. Petersburg. Beide haben es aus kleinen Verhältnissen bis ganz nach oben geschafft. Miller immer auf leisen Sohlen, "wie ein sowjetischer Spion" (so Minister Gref) - und immer im Schatten seines Mentors Putin.
Der als Streber verschriene Miller erreichte in der Schule und auf der Universität stets die Bestnoten. Ende der Achtziger, in den Zeiten von Gorbatschows Perestroika und Glasnost, gehörte der Mann ohne KGB-Ausbildung zu einem Kreis junger Reformer. Der spätere Chefprivatisierer Anatolij Tschubais holte ihn in die Petersburger Stadtregierung, wo Miller im Komitee für Auslandsbeziehungen Karriere machte. Sein direkter Chef: Wladimir Putin.
Miller passte perfekt zum strengen und effektiven Arbeitsstil seines Vorbilds. Putins Büro, so hieß es bewundernd in der Stadtverwaltung, sei das einzige, das keine Dokumente verschlampe. Miller arbeitete 16 Stunden am Tag, verlangte von seinen Mitarbeitern ebenfalls das Äußerste. Ein unbequemer Chef: Gerade hat Miller der Moskauer Gasprom-Zentrale ein Personal-Kontrollsystem verordnet, mit Eintrag ins Buch.
Auf Wunsch Putins soll Miller den Konzern reformieren, ihn effizienter machen, international vorzeigbar. Und gewisse Auswüchse stoppen: Während der wilden Privatisierungszeit waren einige aus dem Gasprom-Umfeld unverhältnismäßig reich geworden.
Die Unternehmensoberen Wiktor Tschernomyrdin und Rem Wjachirew tauchten als Milliardäre auf den Listen westlicher Magazine auf.
Dem Putin-Vertrauten Miller werden keine "Abzweigungen" aus dem Firmenvermögen nachgesagt; er hat in seinen fast sechs Jahren an der Gasprom-Spitze den Wert des Unternehmens nahezu verzwanzigfacht, was nicht nur an den enorm gestiegenen Weltmarktpreisen für Energie lag. Daran, dass Gasprom auch zwei Jahrzehnte nach Beginn der russischen Wirtschaftsreformen noch ein Staat im Staat ist, hat Alexej Miller aber nichts ändern können oder wollen. Gasprom lässt Satelliten ins All schießen, betreibt Hotels und eine Fluglinie. Es verarbeitet Fisch, näht Pelzjacken, unterhält Hühnerfarmen und füllt Mineralwasser ab - ein Erbe aus der Sowjetzeit, als Großbetriebe meist eine komplette Infrastruktur unterhielten, um ihre Mitarbeiter von der Wiege bis zur Bahre zu versorgen.
Noch immer ist Gasprom Großgrundbesitzer von Agrarland in Putins Reich. Und eine eigene Bank hat der Konzern selbstverständlich auch. Eine Medien-Holding besitzt den früher Putin-kritischen Fernseh-Privatsender NTW. Gemeinsam mit Gasprom kontrolliert der Staat nach Schätzungen des Moskauer Journalistenverbandes direkt und indirekt zwei Drittel der russischen Presse.
Westliche Unternehmensberater sehen die Aktivitäten jenseits des Kerngeschäfts mit großer Skepsis. Die meisten, die heute bei Gasprom arbeiten, werden sich darüber nicht beschweren. Die Moskauer Zentrale müssen sie im Grunde nur zum Schlafen verlassen. Es gibt eine Zahnarztpraxis, einen Optiker und ein Blumengeschäft. Neben dem Gasprom-Metzger verkauft ein Gasprom-Obstladen Ananas und Kiwi. Ein Reisebüro des Hauses vermittelt Urlaub zu Billigpreisen nach Israel und Dubai. Der firmeneigene Supermarkt bietet Herrenanzüge, Damenslips, Scheuermittel - immer ein wenig billiger als in den Geschäften draußen.
Die Gasprom-Mitarbeiter gehören zu den Gewinnern der Umwälzungen, die Russland in den vergangenen zwei Jahrzehnten erschüttert haben. Viele freuen sich über 16 Monatsgehälter im Jahr: Nummer 13 zu Neujahr, Nummer 14 für die Damen zum Weltfrauentag und für die Herren zum "Tag der Verteidiger des Vaterlandes", Nummer 15 zum Abschluss des Geschäftsjahres im April und Nummer 16 zum "Tag der Gasarbeiter" am 2. September.
Um 21 Uhr, wenn die Tagschicht die Schaltzentrale an die Nachtschicht übergibt, kommen die letzten Mitarbeiter aus dem Sportkomplex mit seinen Tennisplätzen, Massagezimmern und den im Hallenbad integrierten Jacuzzi. Sie passieren die prächtige Eingangshalle, ehe sie über die Granittreppe ins Freie treten. Raus aus dem Angestelltenparadies und rein in den Moskauer Kampf um das nächste, größere Auto, die nächste, geräumigere Wohnung und die nächste, exotischere Fernreise.
Kurz vor Mitternacht brennt nur in einigen wenigen Büros das Licht. Einzig im Kontrollzentrum arbeitet das Team in voller Besetzung, die Mitarbeiter beobachten den Druck in den einzelne Pipeline-Abschnitten, addieren die Produktionsdaten einzelner Felder und frösteln ein wenig, wenn die Außenstation Nowy Urengoi minus 54 Grad und scharfen Nordwind meldet. Und schwitzen symbolisch mit, wenn Vietnam 38 Grad plus meldet.
Ganz oben, rund um die gläserne Pyramide im 34. Stock des Gasprom-Hochhauses, flimmert blaues Neonlicht: Kennzeichen dafür, dass der Riese niemals schläft. Im Foyer steht ein Prometheus, der wohl symbolisieren soll, dass hier das Feuer immer brennen wird. Und dass dieser Firma, diesem Nonplusultra des neuen Russland, keiner in die Quere kommen sollte.
DUBIOSE DRAHTZIEHER
Das Haus, in dem der schärfste, mutigste und kenntnisreichste Gasprom-Kritiker arbeitet, liegt in einem Hinterhof der Moskauer Altstadt. Nur die Fassade lässt ahnen, dass hier einmal, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, reiche Kaufleute wohnten.
Auf dem Weg zu seinem kleinen Büro passiert der Journalist Roman Schleinow, 31, rissige Wände, von denen der Putz bröckelt, rostende Heizkörper, gesprungene Kacheln. In den mit Büchern und Zetteln vollgestopften Zimmerwaben flackert das Licht, Telefone surren, Computerbildschirme blinken. Hier sitzt die Redaktion der regierungskritischen Zeitung "Nowaja gaseta", Auflage 70 000; der vielleicht letzte, mit Sicherheit aber wichtigste Hort der investigativen Reportage in Russland.
Zu traurigem Ruhm kam das Blatt im vergangenen Oktober, als Anna Politkowskaja, 48, ermordet wurde - womöglich von Auftragskillern, die in höchsten Kreisen angeheuert wurden. Die Enthüllungsjournalistin hatte Russlands politische Elite immer wieder mit ihren Berichten über Korruption und Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bis aufs Blut gereizt.
Sie saß vier Zimmer entfernt von Schleinow. Die Kollegen hatten wochenlang ein großes, schwarzgerahmtes Bild von ihr aufgehängt. "Wir versuchen immer noch alles, um den Mord aufzuklären", sagt Schleinow. Er gilt als harter Hund,
Freunde sagen, Gefühle gönne sich dieser Typ, schlaksig, cool und stets lässig in Jeans und Cordjacke, nur in den seltensten Ausnahmefällen.
Würde man die Gasprom-Zentrale und das "Gaseta"-Gebäude nebeneinander- stellen, die "Gasowiki" vom Konzern schauten von ganz weit oben auf die Journalisten hinab. Schwindelerregend auch der Höhenunterschied der Gehälter. Ganz zu schweigen von den Investitionsmöglichkeiten: Gerade hat Gasprom die amerikanische PR-Firma PBN - sie machte unter anderem die Chiquita-Banane in Russland bekannt - mit einer Kampagne zur Verbesserung seines Rufs beauftragt. Elf Millionen Dollar dürfen die Image-Polierer im Jahr 2007 ausgeben, der Etat der Oppositionszeitung liegt darunter. Das Blatt hat mehrere private Förderer, auch Michail Gorbatschow hilft mit Geldern seiner Stiftung. Die "Gaseta" kratzt aber immer am Existenzminimum, kaum jemand wagt es, Anzeigen zu schalten - der Kreml könnte es verübeln.
Fünf Dutzend Journalisten gegen die Staatsmacht, ein einzelner Gasprom-Kritiker gegen einen Weltkonzern: David gegen Goliath. "Solch ein Kampf kann durchaus Spaß machen", sagte Schleinow. "Sie glauben gar nicht, wer uns alles mit Informationen füttert und uns Interna steckt. Gasprom in den Neunzigern - das war eine Katastrophe. Die Firma mag unter Miller in den letzten sechs Jahren professioneller geworden sein. Aber sie wurde um keinen Deut transparenter."
Auf einem mächtigen Panzerschrank gleich neben der Tür in Schleinows Büro stehen drei gerahmte Vorladungen vom Inlandsgeheimdienst FSB. Die Sicherheitsoffiziere haben gegen den Reporter wegen des "Verrats von Staatsgeheimnissen" ermittelt, ihn bis jetzt aber immer wieder laufen lassen. Vielleicht haben die Geheimdienstler bei einem nächtlichen Besuch auch schon heimlich seine Computerfestplatte geknackt; an das Allerheiligste aber sind sie nicht herangekommen.
Im Panzerschrank sind die wichtigsten Dossiers verborgen, hier stapeln sich die Ergebnisse seiner investigativen Recherchen: die Akte Gasprom.
Der Journalist hat berichtet, wie der ehemalige Finanzminister Boris Fjodorow Gasprom-Papiere für Ausländer aufgekauft haben soll, denen der Erwerb in Russland notierter Wertpapiere damals verboten war. Er hat beschrieben, wie sich die Nachfolgeorganisationen des KGB um den einflussreichen Posten des Gasprom-Sicherheitschefs stritten - und wie Sergej Uschakow den Kampf für sich entschied. Der hatte es in 28 Jahren zu einem führenden Geheimdienstmann in Putins Heimatstadt St. Petersburg gebracht.
Schleinow hat Indizien dafür gesammelt, dass Familienmitglieder und Freunde einiger Konzernchefs das Werbebudget des Konzerns "anzapfen". Er hat angeprangert, dass Walerij Jasew, der führende Gaslobbyist im Parlament, seiner Tochter den lukrativen Schmuckladen auf dem Duma-Gelände zugeschanzt haben soll. Es blieb ohne Folgen.
Für seinen größten Scoop aber hält der Reporter die Geschichte um die Firma Eural Trans Gas (ETG), die längere Zeit als Zwischenhändler von Gasprom für den Gasexport von Turkmenistan in die Ukraine fungierte.
Die ETG wurde im Jahr 2002 im Budapester Handelsregister eingetragen. Gründer: der israelische Anwalt Zeev Gordon. Er übergab später Anteile an drei Rumänen: an eine alte Schauspielerin und ein jüngeres Paar. Gordon ist Anwalt von Semjon Mogiljewitsch, der als Mafia-Pate gilt und sogar bei der US-Bundespolizei auf der Fahndungsliste steht.
Massive Kritik an der ETG wegen seltsamer Abrechnungspraktiken kam von dem in Moskau tätigen Investmentfonds Hermitage Capital Management, der Gasprom aufforderte, sich von der ETG zu trennen. Seit Juli 2004 wird das Turkmenistan-Ukraine-Geschäft
über ein neugegründetes Unternehmen abgewickelt: "Rosukrenergo" hat seinen Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug.
Nach Recherchen des "Gaseta"-Reporters geriet auch dort wieder Mogiljewitsch ins Blickfeld. Ukrainische Behörden ermittelten gegen ihn, kamen aber nicht weiter. Mogiljewitsch bestreitet, mit der ETG oder Rosukrenergo je in Verbindung gestanden zu haben. Und auch der Verdacht, dass führende Politiker in Moskau und Kiew an den undurchsichtigen Strukturen verdient haben könnten, ließ sich nicht erhärten. Klar ist nur, dass ETG und Rosukrenergo für Dienstleistungen stehen, die eigentlich nicht nötig sind - Gasprom könnte sein Gas und das Gas, das er billig bei den Turkmenen erwirbt, auch direkt in die Ukraine verkaufen.
"Wie so oft macht es die geschickte internationale Verflechtung der Firmen schwer, den letzten Beweis zu finden", sagt Schleinow. Dass auch deutsche Unternehmen wie Siemens ihre Korruptionsprobleme haben, ist dem russischen Journalisten bewusst. Den Skandal um die Veruntreuung der Belegschaftsgelder bei Enron sieht er als Beweis dafür, wie schlimm der Kapitalismus in den USA aus dem Ruder laufen kann. "Aber da gibt's einen wesentlichen Unterschied: Bei Ihnen werden die Fälle untersucht, die Schuldigen müssen gehen, jedenfalls meistens. In Moskau zucken die Verantwortlichen aber nur mit den Schultern - Vetternwirtschaft gilt als normal."
Russland steht im Korruptionsindex der in Berlin residierenden Transparency International auf Rang 126, im schlimmsten Viertel der erfassten Staaten. Und wenige nehmen ein Risiko auf sich, um Licht in das Dunkel möglicher Moskauer Machenschaften zu bringen. Sieht man von der "Nowaja gaseta" ab, herrscht in der Medienlandschaft ein erschreckender Einheitsklang. Beispielhaft war das jetzt wieder bei der blumigen Ergebenheitsadresse zum Geburtstag des Gasprom-Chefs Miller zu beobachten.
"Ihnen gebührt Anerkennung für höchste Professionalität und den Mut zu neuen Lösungen", hieß es da. "Ihren Anstrengungen ist es zu danken, dass der Ausdruck ,nationale Reichtümer' für die Bevölkerung Russlands konkrete Gestalt angenommen hat." Der Text erschien in der "Iswestija", einer noch vor wenigen Jahren angesehenen, kritischen Zeitung, inzwischen Teil des Gasprom-Imperiums. Unterschrieben haben die peinliche Huldigung Repräsentanten der 16 Medienunternehmen, die der Konzern in seiner Holding Gasprom Media gebündelt hat.
Kein Wunder, dass sich der Enthüllungsjournalist Schleinow manchmal vorkommt wie Sisyphos. Aufgeben wird er trotzdem nicht. Gerade hat er veröffentlicht, dass der Ex-Schachweltmeister Anatolij Karpow, zu allen Zeiten extrem
Kreml-nah, in einen undurchsichtigen Deal verwickelt sein könnte. Karpow dementierte kühl. Kein Staatsanwalt übernahm.
Wieder etwas für den Panzerschrank, zur Weiterrecherche, zur Wiedervorlage.
DREHSCHEIBE DEUTSCHLAND
Es gab einmal ein Kohlerevier, wo die tausend Feuer in den Hochöfen nie ausgingen; es gab einmal einen Fußballclub, der Heimat aller Malocher war, Stolz des kleinen Mannes. Und beides verband ein Name: Gelsenkirchen.
Doch Gelsenkirchen ist keine Bergarbeiterstadt mehr, die Zechen sterben längst ihren wohldosierten Tod, 2018 spätestens wird die letzte vermutlich ihr Leben aushauchen. Und Schalke 04 hat aufgehört, ein Verein der Kumpel zu sein, obwohl sie im Stadion immer noch vor jedem Spiel ein paar Takte des Steigerlieds spielen.
Spätestens an diesem Januarabend 2007 wird die neue Zeit für alle im Stadion sichtbar: Feuerwerkskörper prasseln hernieder, weißer Rauch steigt vom Rasen auf, ohrenbetäubend ist die Festmusik - der Kohle-Traditionsclub hat sich ans große Gas verkauft, der neue Schalke-Sponsor kommt aus Russland. Auf den Trikots der Königsblauen wird bis 2012 ein fremdartiger, grellweißer Schriftzug prangen: "Gazprom".
Gefeiert wird das mit einem Freundschaftsspiel gegen Zenit St. Petersburg, die Lieblingsmannschaft von Putin; sie gehört zu 75 Prozent Gasprom. Schalke gewinnt gegen den russischen Tabellenvierten 2:1, aber das interessiert kaum jemanden. Selbst bei Fouls werden die Gäste nur leise, für Ruhrpottverhältnisse geradezu liebevoll ausgepfiffen. Die Fans wollen es den "Dortmunder Hurensöhnen", den "Lederhosen-Scheißern" und den "nach Fisch stinkenden Bremern" zeigen, konkurrenzfähig um die Meisterschaft sein.
Sie wissen, dass der Vertrag mit dem Energiekonzern ihrem Verein 65 Millionen, im Erfolgsfall bis zu 125 Millionen Euro bringt. Und das nimmt sie auf Schalke ein für die Russen. Hauptsache, die Kohle stimmt, Hauptsache, man kann sich noch ein, zwei neue Weltklassespieler holen.
"Ich bin euphorisch, da ist eine emotionale Bindung aufgebaut worden. Die Fans spüren, dass dieser Sponsor den Verein liebt", sagt Schalke-Geschäftsführer Peter Peters. Die Gasprom-Delegation in ihren Fan-Schals sieht das ähnlich. Sie hat auf die Stadionleinwand Schlüsselbegriffe werfen lassen, suggestiv schnell hintereinander: "Gasprom, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Vertrauen, Schalke". Und am nächsten Tag verkündet eine ganzseitige, von Moskau geschaltete Anzeige in der "Bild am Sonntag": "Gasprom und Deutschland - gemeinsam geben wir Gas."
Für den russischen Konzern ist Deutschland nicht nur der lukrativste Kunde, sondern auch die Drehscheibe für Expansionspläne - von Berlin aus will Gasprom Europas Märkte aufrollen, generalstabsmäßig wird die Zukunft geplant.
Die Ostsee-Pipeline soll von 2010 an riesige Mengen bis zur Endstation Greifswald pumpen und von dort aus auch direkt an die Endverbraucher weiterliefern: Gasprom würde deshalb gar zu gern deutsche Stadtwerke kaufen, womöglich auch bei deutschen Konzernen wie RWE einsteigen. Erst im Oktober hat der Kreml-Chef bei seinem Besuch in Dresden die Deutschen umschmeichelt: Deutschland werde "nicht nur Konsument" des russischen Erdgases bleiben, "sondern zum großen europäischen Verteilerzentrum" aufsteigen.
Imagepflege tut not. Denn seit die Moskauer in der Ukraine und in Weißrussland kurzzeitig den Energiehahn zudrehten, gilt Gasprom in Westeuropa vielen als unsicherer Kantonist. Und die Herren, die für das russische Unternehmen hierzulande tätig sind, kamen schon öfter negativ ins Gerede - beispielsweise durch frühere DDR-Staats- oder Stasi-Tätigkeit.
Hans-Joachim Gornig, 64, der jetzige Chef von Gasprom Germania, wirkte vor der Wende als Vizegeneraldirektor in Unternehmen der Öl- und Gaswirtschaft für Ost-Berlin; Felix Strehober organisierte im
Bereich der von der Stasi kontrollierten "Kommerziellen Koordinierung" die Devisenbeschaffung. Und Matthias Warnig, 51, heute Geschäftsführer der Nord Stream AG, der russisch-deutschen Betreibergesellschaft für die geplante Ostsee-Pipeline mit Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug, war nachweislich Stasi-Offizier. An Nord Stream sind Gasprom mit 51 Prozent und die deutschen Energiekonzerne E.on und BASF jeweils zu knapp einem Viertel beteiligt. Warnigs Kollege und Aufsichtsratsvorsitzender: Gerhard Schröder.
Ob der neue Job des Altbundeskanzlers - geschätztes Jahressalär 250 000 Euro - etwas Anrüchiges hat, ist Ansichtssache. Schröder begründet sein Engagement für Gasprom geopolitisch: Putin wolle "mit den USA auf gleicher Höhe" verhandeln und sei deshalb entschlossen, "immer enger zu webende Beziehungen zu Europa" aufzubauen. Der Kreml-Chef habe Russland "innen- und außenpolitisch auf den Weg der Verlässlichkeit geführt" - gut vor allem für Deutschlands Interessen.
Schröder bleibt ausdrücklich bei seiner Einschätzung, Putin sei ein "lupenreiner Demokrat" - offensichtlich glaubt er, dieses bizarre Kompliment verschaffe ihm Einflussmöglichkeiten auf dessen strategische Entscheidungen. Beim Kompromiss in Sachen Gasprom-Preise für die Ukraine wie bei dem jetzigen Druck auf Weißrussland holte sich der Kreml-Chef tatsächlich Rat beim Ex-Kanzler. In Sachen Kiew soll Schröder beschwichtigend gewirkt haben, in Sachen Minsk eher scharfmacherisch - die weißrussische Opposition begrüßt die Erpressung aus Moskau als Chance, den Diktator Alexander Lukaschenko zu schwächen.
Putins wichtigster Mann in Deutschland heißt dennoch nicht Schröder. Sondern Bergmann, Dr. Burckhard Bergmann. Der Top-Manager ist Chef von E.on Ruhrgas, das mit 6,4 Prozent an Gasprom beteiligt ist - und sitzt seit mehr als fünf Jahren im Aufsichtsrat von Gasprom. Als erster und bisher einziger Ausländer hat er Einblick in das Hirn und das Herz des unbekannten Weltkonzerns: ein Geheimnisträger der Sonderklasse.
Essen, an der Ausfallstraße zum Flughafen Düsseldorf, die Ruhrgas-Firmenzentrale. Gas-Werbeposter aus einem anderen Jahrhundert an den Wänden, Weltkarten mit den Pipelines. Ein schlichtes, funktionales Büro. Und ein Hausherr, graumeliert und ganz Grandseigneur, der verspricht, keiner Frage auszuweichen.
"Sehr spannend, lebhaft und oft auch kontrovers" seien die Sitzungen im Gasprom-Aufsichtsratsgremium, erzählt Bergmann, 64. Er treffe die anderen zehn Mitglieder jeden Monat einmal in Moskau. Und dann gehe es hart zur Sache. "Der Direktorenrat hat größere Befugnisse als etwa ein deutscher Aufsichtsrat, er kann wesentlich stärker Einfluss nehmen auf die strategische Ausrichtung des Unternehmens." Man tagt in der Regel in der Gasprom-Zentrale, aber wenn Vize-Premier Medwedew im Regierungssitz beschäftigt sei auch schon mal bei ihm.
Und Putin? Der russische Präsident sei "unglaublich engagiert in Energiefragen", berichtet Bergmann. "Es gibt sicher keinen Staatschef weltweit, der so viel von Energie versteht wie Putin."
Wie muss man sich den Unterschied zwischen Aufsichtsratssitzungen bei E.on und Gasprom vorstellen, beispielsweise in Sachen Transparenz?
Die Aufbereitung der Fakten sei nicht zu vergleichen, formuliert Bergmann vorsichtig, er fühlt sich offensichtlich in vermintem Gelände: Im Vergleich zu früher bekomme man im Gasprom-Direktorenrat heute viel bessere Informationen, "ein enormer Fortschritt". Und doch: "Man darf nicht verkennen, dass bei Gasprom der Staat die Mehrheit hat. Deshalb wird viel durch die Staatsvertreter bestimmt. Die Zielsetzung ist nicht rein privatwirtschaftlich."
Über 30 Jahre lang seien die Russen ein verlässlicher Partner für Deutschland gewesen, auch während der Wirren um die Auflösung der Sowjetunion. Bergmann sieht keinen Grund, für die Zukunft zu zweifeln: Für ihn sind die Preissteigerungen, die Gasprom gegenüber den aus der UdSSR hervorgegangenen unabhängigen Staaten jetzt durchsetzt, nur konsequent. Die Ukraine und Weißrussland hätten trotz ihrer Selbständigkeit erwartet, von Russland weiter mit billiger Energie subventioniert zu werden. "Dazu war Moskau nicht mehr bereit, dazu war Moskau aber auch nicht verpflichtet."
Bei der öffentlichen Vermittlung ihrer Position hätten die Russen in Kiew allerdings viel falsch gemacht, meint der deutsche Gasprom-Vertreter: "Ein Public-Relations-GAU, den das Unternehmen allerdings korrigiert hat." Das Gas sei schnell wieder geflossen.
Bergmann glaubt nicht, dass die Probleme des Kreml mit den Gasrechnungen für die Nachbarn schon gelöst seien: Noch immer zahlten die weit unter Weltniveau, kommende Konflikte seien programmiert. Angehoben werden müssen seiner Meinung nach auch die innerrussischen Energiepreise, ein schmerzlicher, aber womöglich heilsamer Prozess. "Gas ist der billige Jakob in Russland, wird entsprechend verschwendet. Die Herausforderung für Moskau ist, den Energiemix zu verbessern."
Und Gasprom müsse dringend investieren, in die Pipeline-Infrastruktur, in die Erschließung neuer Felder. "Wenn die Firma nicht zu viel Lehrgeld bezahlen will, muss sie dabei auch auf westliches Knowhow zurückgreifen."
Allerdings wird der Kreml nach Bergmanns Überzeugung nicht davon ablassen, seine wichtigsten Ressourcen national zu kontrollieren. "Nehmen Sie die sogenannte Energie-Ellipse vom Persischen Golf über das Kaspische Meer bis zur Barents-See, wo ein Großteil der fossilen Weltressourcen lagern: 90 Prozent sind in staatlicher Hand. Kein Mensch redet etwa darüber, dass in Saudi-Arabien die Ölwirtschaft vollständig in Staatsbesitz ist. Das Problem für Moskau ist dadurch entstanden, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR zuerst in hohem Maße privatisiert wurde und jetzt gewisse Korrekturen vorgenommen werden."
Der Kreml hat Jukos, den größten privaten Erdölkonzern, zerschlagen lassen. Die Verurteilung des Firmenchefs Michail Chodorkowski zu acht Jahren Haft in einem offensichtlich politisch motivierten Prozess, die neue Anklage gegen ihn jetzt im Februar, die Auflösung seines im Westen als vorbildlich transparent eingeschätzten Ölkonzerns - sind das nicht mehr als "gewisse Korrekturen"? Bergmann sagt, zur Beurteilung des Falls fehlten ihm die Fakten. Aber dann ringt sich der Ruhr-
gas-Gasprom-Mann immerhin zu dieser
Formulierung durch: "Das Verfahren war nicht in Ordnung."
Putin hat den Essener Top-Manager im November 2006 zum russischen Honorarkonsul für Nordrhein-Westfalen ernannt. "Sie sind jetzt mein neuer Mitarbeiter in Deutschland", hat Putin zu Bergmann gesagt, als er ihm gratulierte. Lachend, wie der Deutsche berichtet. Sieht Bergmann keine Interessenkonflikte, fürchtet er nicht eine erdrückende Nähe zum Kreml?
Da fängt auch der Ruhrgas-Chef an zu lachen. Nicht laut, sondern vorsichtig, abwägend, als wollte er sicherstellen, dass dieses Lachen nicht gegen ihn verwendet werden kann und über seine Essener Büroräume hinausdringt.
SIBIRISCHE SURFER
Dort, wo das Herz von Gasprom schlägt, hat die Natur den Menschen den Krieg erklärt. Im Winter stürzen die Temperaturen bis auf minus 50, im kurzen Sommer brennt die Sonne, bis sich die Tundra in eine Seen- und Moorlandschaft verwandelt. Dann fallen Myriaden von Stechmücken über die Gasarbeiter her, die im Freien eine Pipeline reparieren oder auch nur schnell von einem Gebäude zum anderen gehen.
"Wir fahren zur Erde", sagen die Menschen in Nowy Urengoi, der Gashauptstadt Russlands, wenn sie zu ihren Verwandten ins 2300 Kilometer westlich gelegene Moskau oder zum Urlaub in den Süden fliegen. So als würden sie auf einem anderen Planeten leben - oder auf einer Insel der Verdammten.
Hier in der Nähe des Polarkreises geht im Dezember, nach der längsten Nacht des Jahres, die Sonne gerade mal für zwei Stunden auf, eine milchige Scheibe am Horizont. Dafür herrscht im Juni ewiger Tag. Wer hier lebt, stirbt früh, sagen Mediziner. Ist krankheitsanfällig. Selbstmordgefährdet.
Dennoch ist es schwer, in Nowy Urengoi jemanden zu finden, der sich über sein Los beklagen würde. Anders als zur Stalin-Zeit, als Oppositionelle, Kriminelle und Intellektuelle in Russlands hohen Norden verbannt wurden, um Eisenbahnlinien zu bauen und Schächte für Bergwerke in die Erde zu treiben, sind jetzt alle freiwillig da. Russen und Bürger der Staaten der ehemaligen Sowjetunion stehen Schlange, um hier arbeiten zu dürfen.
Denn die Plattenbausiedlung Nowy Urengoi, hineingestampft in die weite Tundra, ist eine der reichsten Städte Russlands - so wohlhabend, dass der Volksmund schon von den "Russischen Emiraten" spricht, eine Anspielung auf den Reichtum Dubais und der Golfregion. Ein Supermarkt im Zentrum führt 37 verschiedene Biersorten, und das Durchschnittseinkommen ist dreimal so hoch wie im Rest des Landes. Auf die 106 000 Einwohner kommen 45 000 private Autos.
Der Sage nach fror Gott so erbärmlich, als er die Erde schuf und über Nordsibirien flog, dass ihm allerlei Schätze aus den Händen fielen: Öl, Gold, Diamanten - und vor allem Gas. Bereits in den sechziger Jahren haben Geologen im Gebiet um Urengoi die größten Energievorkommen Russlands gefunden. 80 Prozent des landesweit geförderten Gases kommen aus Westsibirien.
150 Kilometer nördlich der Polarstadt, dort, wo auch ausgewachsene Birken nur noch mannshoch sind, betreibt Gasprom an der Förderstelle Peszowoje eine hochmoderne, 550 Millionen Euro teure Gasaufbereitungsanlage. Hier sieht das neue Russland schon so aus, als läge es in der Schweiz. Rohre, Ventile, Räder glänzen in verschiedenen Farben, auch zwei Jahre nach der Inbetriebnahme der Anlagen ist kein einziger Farbklecks am Boden zu sehen. Der Gasprom-Statthalter vor Ort heißt Dmitrij Nurijew, 31, trägt ein modisches lilafarbenes Hemd zum schwarzen Jackett und ist ein Perfektionist wie sein Moskauer Chef Miller. "Absolute Ordnung ist Teil unserer Arbeitskultur", sagt er, als wäre das eine russische Selbstverständlichkeit.
Peszowoje mag ein Vorzeigeobjekt sein, ein Potemkinsches Dorf ist es nicht. Russlandweit muss Gasprom in den kommenden Jahren Dutzende Milliarden investieren, um seine Anlagen und Pipelines zu modernisieren. Ein Drittel der Leitungsrohre
und die Hälfte der Pumpstationen haben ihre Lebensdauer überschritten, gegenwärtig werden wohl über 50 Milliarden Kubikmeter Gas durch unsachgemäßes Abfackeln vergeudet oder gehen beim Transport "verloren". Eine so besorgniserregende Menge, dass Billiggas für den heimischen Markt schon knapp ist.
Jungmanager Nurijew hält eine Empfehlung für die Zukunft parat: "Zufriedene Arbeiter halten ihre Produktionsstätten besser in Ordnung." Deshalb hat er Billardtische einfliegen lassen, deshalb gibt es eine große Mehrzweck-Sporthalle, deshalb sind die Zimmer seiner Arbeiter so schmuck wie in Pensionen in Westeuropa. Und im Internet lässt sich surfen.
Nach solchen Bedingungen kann sich der Ingenieur Ulf Siering einstweilen nur sehnen. Er haust in einem Sieben-Quadratmeter-Raum in einem Wohnwagen. Kein Fernseher, kein Internet. Filme, die er auf seinem Computer anschaut, sind das einzige Vergnügen nach einem 14-Stunden-Arbeitstag. Vier Wochen schuftet er in der Kälte, dann hat er vier Wochen frei und fährt zu seiner Familie nach Brandenburg.
Für die niedersächsische Firma KCA Deutag hat Siering ein gewaltiges Monstrum aus 2000 Tonnen Stahl in die Eiswüste gepflanzt, einen Gas-Bohrturm. Unweit von Peszowoje erschließt die BASF-Tochter Wintershall mit Gasprom in einem Joint Venture das Atschimow-Feld mit Vorkommen in einer Tiefe von 4000 Metern. Das komplizierte Verfahren beherrschen weltweit nur wenige Unternehmen.
Von 2008 an sollen 8,3 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr gehoben werden, genug, um vier Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland zu versorgen. Dass Gerhard Schröder gut mit Wladimir Putin konnte, hat nicht geschadet, das Projekt endgültig auf den Weg zu bringen.
Auch eine andere langjährige, freundschaftliche Beziehung Putins zu einem deutschen Spitzenpolitiker war hilfreich, ein 700-Milliarden-Kubikmeter-Geschäft abzuschließen, eine Menge, die ausreichen würde, um ganz Deutschland acht Jahre lang mit Gas zu versorgen: Henning Voscherau kennt Putin seit den Neunzigern. Da regierte der SPD-Politiker Hamburg und Putin war Vize-Bürgermeister von St. Petersburg, der Partnerstadt Hamburgs.
Zuletzt trafen sich in Putins Sommerresidenz in Sotschi im August 2006 der Präsident, Henning Voscherau und dessen Bruder Eggert, ein BASF-Vorstandsmitglied. Die BASF darf sich jetzt zu 35 Prozent minus einer Aktie an der Erschließung des Gasfeldes von Juschno Russkoje beteiligen, das östlich von Nowy Urengoi liegt. Dafür können die Russen ihren Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Wingas auf 50 Prozent minus einer Aktie erhöhen.
Ein Zukunftsmodell? Oder verstärkt Deutschland so nur seine Abhängigkeit von einer übermächtigen und unberechenbaren Großmacht Russland?
UKRAINISCHE UMTRIEBE
Wenn einer alle Gasprom-Geheimnisse kennt, dann ist das Wiktor Tschernomyrdin, 68, ehemaliger sowjetischer Gasminister und Gasprom-Chef, lange Jahre Ministerpräsident Russlands und nun schon seit 2001 Botschafter des Kreml in der Ukraine. In diesem so wichtigen, von Moskau ebenso bekämpften wie umworbenen Nachbarstaat. Tschernomyrdin, mysteriös und mächtig, heißt bei Kritikern in seinem Gastland "Wiktor der Schreckliche".
Er betritt das Sitzungszimmer der Botschaft in Kiew nicht nur, er füllt es sofort aus mit seiner Präsenz: groß, kräftig, ein Bulle von einem Mann. Mit einer herrischen Geste räumt er das Ensemble von russischen und ukrainischen Nationalflaggen zur Seite, der Tisch vor ihm soll leer sein; und setzt sich dann zielstrebig unter das Porträt des Präsidenten Putin. Gemeinsam mit ihm will er fotografiert werden, Machtmensch zu Machtmensch.
Wie war das damals, Wiktor Stepanowitsch, als nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine wilde Privatisierungswelle das Land umkrempelte und auch der eine oder andere Parteifunktionär zum Milliardär wurde?
Tschernomyrdin will gleich ein paar Dinge zurechtrücken. Er war sowjetischer Gasminister, aber stieg freiwillig aus dem Kabinett aus, um 1989 Gasprom-Chef zu werden. "Der Sozialismus hatte sich erschöpft, wir suchten nach neuen Wegen. Man konnte sich nicht mehr davon leiten lassen, was von oben gesagt wurde. Und deshalb haben wir uns umgeschaut, wie Großunternehmen im Westen laufen. Wir haben Experten zur italienischen Eni, nach Frankreich, Japan und Amerika geschickt - aber vor allem haben wir bei den Deutschen gelernt." Die Herren Klaus Liesen und Burckhard Bergmann von Ruhrgas sind Tschernomyrdin in bester Erinnerung, auch Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter. Den Zerfall der Sowjetunion 1991 habe Gasprom "als einziges zusammengefügtes Großunternehmen überlebt".
Und als der Konzern dann im Februar 1993 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde?
"Da war ich schon Ministerpräsident. In meiner Zeit an der Spitze von Gasprom war ich immer dafür, dass der Staat mit seinen Interessen bei uns präsent blieb", sagt Tschernomyrdin. Zunächst kontrollierte der Kreml 38,37 Prozent, vor zwei Jahren wurden die Staatsanteile auf 50 Prozent plus eine Aktie aufgestockt. Solch eine absolute Mehrheit hält Tschernomyrdin gar nicht für nötig.
"Steuern und Preispolitik liegen doch immer in der Hand des Staates, er hat Hebel in seiner Hand, um die Aktivitäten jedes Unternehmens zu beeinflussen", meint er und behauptet: "Auch in den USA würde eine so wichtige Firma bei Interessenkonflikten mit dem Staat keine Entscheidung ohne Zustimmung des Kongresses fällen."
Kein "solider" Staat hätte sich die "Arroganz" eines Oligarchen Chodorkowski gefallen lassen, seine "Betrügereien" und Versuche, "die Staatsmacht zu beeinflussen": So etwas müsse im Knast enden.
Und bei Gasprom gab es für die Chefs nie eine Lizenz zum Stehlen? Hat Putin
nicht deswegen im Jahr 2001 Tschernomyrdins früheren Vize und Nachfolger Rem Wjachirew entmachtet? Wird diesem Wjachirew nicht vorgeworfen, Gasprom als Selbstbedienungsladen genutzt zu haben?
Wurde nicht auch Tschernomyrdin selbst vorgeworfen, er habe "fünf Milliarden Dollar" Privatvermögen angehäuft, in einem Jahr, in dem er laut eigener Steuererklärung gerade mal umgerechnet 8000 Dollar Einkommen und ein Vermögen von 46 000 Dollar angab? Das lockt ihn aus der Reserve. "Totaler Blödsinn", sagt Tschernomyrdin.
Seine Söhne Andrej und Witalij waren an der ehemaligen Gasprom-Tochter Stroitransgas beteiligt und tauchen in verschiedenen Berichten mit dubiosen Deals im Gasprom-Umfeld auf - alles erfunden? "Meine Söhne waren schon im Gasprom-System tätig und besaßen Aktien", sagt er. "Aber ich habe sie gebeten, diese zu verkaufen, um mich als Staatsdiener nicht in Verruf zu bringen. Jetzt haben weder sie noch ich Gasprom-Aktien."
Wenn Tschernomyrdin den heutigen Gasprom-Chefs einen Rat geben müsste, er würde sich aufs Kerngeschäft mit der Energie beschränken und alle sachfremden Teile des Konzerns abstoßen. Bis auf die Presseorgane, die seien nützlich. "Gasprom ist ein bedeutendes Unternehmen und muss sich darstellen können. Die Firma verfügt über Satelliten, die auch für Medien eingesetzt werden könnten. Ob man will oder nicht, das hängt nun mal mit der Politik zusammen."
Tschernomyrdin ist es gewohnt, Strippen zu ziehen. Die "marktwirtschaftliche Romantik" und die "Basar-Marktwirtschaft" erklärte er schon 1993 für beendet - immerhin sei er ein "Garant für eine gewisse Stabilität" in seinen gut fünf Jahren als Premier gewesen, fanden die einen, die anderen sprachen von "Stagnation". Im Juni 1999 übernahm der Ex-Premier noch einmal für ein knappes Jahr den Aufsichtsratsvorsitz von Gasprom, dann ersetzte Putin ihn durch seinen Vertrauten Medwedew und machte aus dem weltgewandten Tschernomyrdin seinen Spitzendiplomaten.
Der Botschafter sei bis heute kein Putin-Intimus, habe aber einen direkten Draht zum Kreml-Chef, heißt es. Ist Tschernomyrdin als russischer Abgesandter der heimliche Herrscher von Kiew?
Ach, die Ukraine. Er seufzt. Für Tschernomyrdin ist sie nichts anderes als ein aufsässiges Kind, das dem Moskauer Übervater, nicht ganz ohne dessen Schuld, davongelaufen ist und sich in den Schoß des Westens warf. In Wiktors Welt war der Kreml immer Zentrum einer Großmacht, ist es heute und wird es immer sein.
Die orange Revolution vom Jahresende 2004 war seiner Meinung nach gar keine Volkserhebung. Sie sei von amerikanischen Hilfsorganisationen geplant und durchgeführt worden, durchaus eindrucksvoll in ihrer Professionalität. "Ich sah mit meinen Augen die Technologie, die sie nutzten, da wurde viel Geld hineingepumpt und Know-how vermittelt." Nur dem damaligen Präsidenten Kutschma und russischer Zurückhaltung sei zu verdanken, dass es damals auf dem Maidan mit seinen Hunderttausenden Demonstranten nicht zu einem Blutbad kam. "Kutschma sagte mir in jenen Tagen, er brauchte nur vier Stunden, dann wäre der Platz geräumt."
Der Kreml hat die Vorgänge in der Ukraine mit großem Misstrauen beobachtet, bis zuletzt auf die antidemokratischen Kräfte gesetzt. War es also ein Racheakt, als Gasprom der neuen Regierung in Kiew Anfang Januar 2006 den Gashahn abdrehte? War es eine gezielte Warnung an die EU, da doch 80 Prozent des Gases, das nach Westeuropa strömt, durch das ukrainische Pipeline-System transportiert wird?
Der Botschafter schüttelt den Kopf und sagt: "Nichts gegen brüderliche Gefühle, aber dass wir unsere Vorzugsbehandlung der GUS-Länder einstellen und die Preise auf Marktniveau anheben würden, wusste man auch in Kiew schon ein Jahr, bevor es dann zum Krach kam. Wie Georgien und Weißrussland haben wir auch die Ukraine lange subventioniert - offensichtlich hatten sie sich an die Geschenke gewöhnt."
Dass die verabredete Erhöhung durch die Zumischung turkmenischen Gases dann doch erträglich ausfiel und die Ukraine vorläufig weiter deutlich unter dem Weltmarktpreis Gas bezieht, lag an Verhandlungsführer Tschernomyrdin. "Auch Kriege enden am Verhandlungstisch", sagt Moskaus Diplomat. Er glaubt allerdings, das Thema Energiesicherheit bleibe ein "Dauerbrenner". Mit anderen Worten: Die Daumenschrauben gegenüber der Ukraine können auch angezogen werden. Ganz nach Bedarf.
ARMENISCHES ADRENALIN
In Berdawan gibt es mehr Schweine als Menschen, mehr Eselsgespanne als Autos, und die Wasserversorgung funktioniert nicht mehr, seit vor 15 Jahren die Sowjetunion auseinanderfiel. Das karge Bergdorf ist ärmlich und so klein, dass es auf kaum einer Landkarte eingezeichnet ist. In den Köpfen der Strategen in Moskau, Brüssel und Washington aber spielt es eine große Rolle.
Deshalb hat die armenische Armee acht Kilometer hinter Berdawan Soldaten mit
Kalaschnikow-Maschinenpistolen stationiert. Sie kontrollieren einen staubigen Feldweg, der so viele Schlaglöcher hat, dass nur Jeeps das Ziel erreichen können: die Gaskontrollstation in einem spannungsgeladenen Dreiländereck. Durch ihre Ferngläser sehen die Armenier den Grenzposten des Erzfeindes Aserbaidschan, auch dort tragen die jungen Rekruten Kalaschnikows. Und im Norden liegt Georgien, "das Hauptproblem", wie der Elektroingenieur Wasgen Owsepjan, sagt, einer der Diensthabenden der Gasstation.
"Die da drüben stechen hin und wieder in unsere schönen Venen und zapfen Blut ab", schimpft er. Dann fällt der Druck in der Pipeline von 21 auf 10 oder gar 6 Bar. Ehe russisches Gas nach Armenien gelangt, strömt es 238 Kilometer durch georgisches Gebiet.
Immer wenn die Georgier sich etwas Gas abzweigen oder ein Unfall den Stoff entweichen lässt, läuft Wasgen zu einer Wellblechhütte, in der schlichte Feldbetten stehen und Blumentöpfe, die einmal Schmierölkanister waren. Der Ingenieur meldet seinem Stationschef Martik Armirakjan den Druckabfall. Dann graben sich die Falten noch tiefer in Martiks Gesicht, das so zerklüftet ist wie die Schluchten auf dem Weg in die 120 Kilometer entfernte Hauptstadt Jerewan.
Der Stationschef hat mit seiner Frau drei Söhne großgezogen, den Krieg seines christlichen Landes mit dem muslimisch geprägten Aserbaidschan um Berg-Karabach überstanden und als Bürgermeister die Geschicke der Kleinstadt Kochb gelenkt. Damals war der Strom so knapp, dass die Kinder mit zwei Pullovern und einem Mantel im Schulunterricht ausharrten. Und nun macht noch die Pipeline Ärger, die zu Sowjetzeiten das Gas so zuverlässig transportierte, wie der Frühling den Schnee zum Schmelzen bringt. Würde die Energiezufuhr unterbrochen, blieben die Wohnungen im Land kalt, das Leben im kleinen Kaukasus-Staat käme wohl bald zum Erliegen.
Die Pipeline ist Armeniens Lebensader und Martik der Mann, der ihr den Puls fühlt.
Beim kleinsten Druckabfall ruft er seine Vorgesetzten in einem sechsstöckigen Gebäude am Stadtrand von Jerewan an, einer Tochterfirma des russischen Energieriesen Gasprom. Von dort geht die Information umgehend in die Gasprom-Zentrale nach Moskau und von dort - sollte das Gas ein paar Stunden ausbleiben - in den Kreml. Denn Gas, das ist große Politik hier im Kaukasus. Und Putin würde nie erlauben, dass Gasprom mehr als ein paar Nadelstiche versetzt werden.
Die Europäer haben die Anlage bezahlt, in der Martik arbeitet, die Messgeräte stammen aus Italien. Dafür, dass in seinem Dorf bald wieder Wasser fließt, sorgen die Amerikaner mit einem Hilfsprogramm. Washington will Russland aus dem Kaukasus und aus Zentralasien zurückdrängen, um selbst die Hand auf Rohstoffe und Pipelines zu legen. Die Botschaft der Amerikaner in Jerewan ist so groß wie eine Kaserne, und mit ihren braunen, fensterlosen Mauern sieht sie auch aus wie ein Militärstützpunkt.
Und doch: Vorteil Gasprom. Das Gas, dessen Druck, Feuchtigkeit und Menge Martik misst, kommt aus Russland, die Pipeline, durch die es strömt, gehört Russen.
Der Mann, der als Erster beim Pipeline-Poker mit den Russen verhandelte, trägt eine schicke Designerbrille und einen teuren schwarzen Anzug. Armen Darbinjan, 42, war Mitte der neunziger Jahre der jüngste Vize-Zentralbankchef, dann der jüngste Finanz- und Wirtschaftsminister, dann der jüngste Ministerpräsident. Es war die Zeit, als selbst der große Bruder in Moskau, Präsident Boris Jelzin, im Westen um Kredite betteln musste. Da waren 150 Millionen Dollar, die Armenien für russisches Gas schuldete, viel Geld. "Ich bin heute noch stolz darauf, dass ich Gasprom nur 45 Prozent der Aktien am Rohrleitungsnetz als Ausgleich für die Schulden überlassen musste", sagt Darbinjan.
Sein Nachfolger Andranik Margarjan aber hat kürzlich die Mehrheit an der Pipeline an Gasprom abtreten müssen. Armenien ist immer noch ein bitterarmes Land, zu groß war der Druck aus Moskau, das nun dank der hohen Energiepreise alle Trümpfe in der Hand hält. Das armenische Staatsbudget belief sich im vorigen Jahr auf gerade mal 825 Millionen Dollar. Gasprom setzte im vergangenen Geschäftsjahr gut 50-mal mehr um. Sieben Tage Gasprom-Umsatz genügen, um den Jahreshaushalt Armeniens zu decken.
Darbinjan hat in Moskau studiert, er leitet heute ein russisch-armenisches Wirtschaftsinstitut und ist mit russischen Spitzenpolitikern bestens bekannt. Im Februar 2005 hat er sich vertraulich an den russischen Außenminister Sergej Lawrow gewandt und ihn gebeten, den Begriff der strategischen Partnerschaft, den Wladimir Putin immer wieder beschwört, mit Leben zu füllen - und das könne doch nicht bedeuten: Armenien, ein Satellitenstaat. "Gasprom fragt mich nicht", habe der russische Außenminister geklagt, erzählt Darbinjan - ein Beleg dafür, dass Russlands Außenpolitik auch bei Gasprom gemacht wird.
Es geht ganz wesentlich um 30 Zentimeter Rohrleitung. 70 Zentimeter beträgt der Durchmesser der neuen umstrittenen Pipeline, mit der Gasprom Gas aus Iran nach Armenien bringen wird. Sie gräbt sich durch ein Bergmassiv, so unzugänglich, dass die alten Armenier vor 800 Jahren einem Kloster den Namen "Flieg auf und davon" gaben - einfach weil es den Anschein hat, als würden die wie ein Schwalbennest am Berg klebenden Gemäuer gleich in den azurblauen Himmel abheben.
70 Zentimeter: Das reicht gerade für den armenischen Bedarf und für die vertragsgemäße Produktion von Strom für Iran. 30 Zentimeter mehr würden Armenien zu einem Gas-Transitland machen, dann könnte auch iranisches Gas durch die Leitungen weiter strömen, könnte neben dem russischen Stoff nach Europa verkauft werden. Daran jedoch hat Gasprom kein Interesse, das Unternehmen will an seinem Monopol festhalten.
In Armenien kontrollieren die Russen den gesamten Energiekreislauf: Sie liefern das Gas, ihnen gehören die Pipelines, sie betreiben das einzige Atomkraftwerk
und auch die meisten Elektrizitätswerke.
Und Armenien ist das Beispiel, das Westeuropa fürchtet. Präsident Putin weigert sich, die EU-Energiecharta zu unterschreiben, die Russland gleiche Rechte geben - aber auch gleiche Pflichten auferlegen würde wie seinen Partnern. Er will die beste aller Welten: freien Zugang nach Europa, gleichzeitig weitgehende Abschottung seiner Ressourcen vor dem Westen.
OLYMPISCHE OLIGARCHEN
Die Stadt, in der es keinen Winter gibt" - so hat Sotschi bisher Touristen angelockt. Plakate mit dem Slogan werden jetzt eiligst abgerissen, Prospekte eingestampft. Ein Imagewechsel steht an. Dringend.
Sotschi an der Schwarzmeerküste, Badeort mit subtropischem Klima und bevorzugtes Ferienziel des Präsidenten, bewirbt sich um die Olympischen Spiele. Um die Winterspiele. 2014 soll es so weit sein, die Entscheidung darüber, ob es klappt und Sotschi die Konkurrenten Salzburg und das südkoreanische Pyeongchang aus dem Feld schlagen kann, wird schon in diesem Juli fallen. Höchste Zeit, dass Putins bevorzugte Energiefirma eingreift - ohne Gasprom keine fünf Ringe.
Der Konzern baut das Herzstück des potentiellen Olympiageländes, den Ort für die alpinen Konkurrenzen: ein Luxus-Skiressort bei Krasnaja Poljana, 50 Kilometer von der Küste entfernt am Fuß des Kaukasus. Das Projekt umfasst sechs Skilifte, Luxushotel und Konferenzzentrum, mit allen Schikanen ausgerüstete Hütten für Funktionäre. Der Flughafen wird modernisiert und stark ausgebaut.
In der 320 000-Einwohner-Stadt Sotschi, die in diesem Winter wie immer Stromausfälle plagen, sollen neue Stadien entstehen, moderne Unterkünfte die alten Gewerkschaftsheime ablösen, Autobahnen die alten, mit Schlaglöchern übersäten Straßen ersetzen. 4,6 Milliarden Dollar hat der russische Staat in Zusammenarbeit mit Gasprom und Privatinvestoren den Möchtegern-Olympioniken für den Ausbau der Infrastruktur schon zugesagt; 7,2 Milliarden werden folgen, sollte die Kaukasus-Metropole den Zuschlag bekommen.
Sotschi verspricht in den neuen Werbebroschüren eine "einmalige", eine "exotische" Erfahrung: "Niemals zuvor haben Olympische Winterspiele an einem so außergewöhnlichen Standort stattgefunden. Sotschi erstreckt sich an den Rivieraähnlichen Stränden des Schwarzen Meers, während naturbelassene Schneegipfel mit idealen Skibedingungen nur eine Stunde entfernt sind." Die ganze Region, in der einst wilde Tscherkessen-Stämme Sklavenhandel trieben, Frauen, Gold und Honig gegen Edelsteine, Salz und Weizen tauschten, soll nach Willen der Kreml-Führung zum Schaufenster des neuen Russland werden. Teuer, exklusiv, in jeder Beziehung Weltspitze.
"So etwas kann nur ein Konzern mit Monopolvollmachten auf die Beine stellen", sagt Andrej Platonow, Vize-Bürgermeister von Sotschi. Und deshalb hat Präsident Putin die Olympiabewerbung zur Chefsache gemacht. Er will in Zukunft Staatsgäste bevorzugt in seiner hiesigen Datscha empfangen und so den Ort unter den Großen der Welt bekannt machen - Angela Merkel war Ende Januar zum Gespräch an der Schwarzmeerküste geladen.
Vorvergangene Woche schickte der Präsident drei Top-Minister nach Sotschi, um die Herren der angereisten Evaluierungskommission des IOC zu überzeugen.
Die Olympischen Spiele ans Schwarze Meer zu holen, das ist Putins Traum. Er will das Fest mit den fünf Ringen, bei dem die Augen der Welt auf Sotschi gerichtet wären, unbedingt mitgestalten, auch wenn er nicht mehr Präsident ist. Damit ließe sich seine Karriere, seine Biografie abrunden. Damit ließe sich der Wiederaufstieg Russlands zu dem Kreis der großen Mächte krönen.
Die gigantische, globale Party: Wladimir Putins Vermächtnis.
ERICH FOLLATH, MATTHIAS SCHEPP
* 2003 in einer Moskauer Gefängniszelle.
Von Erich Follath und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 10/2007
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Der Konzern des Zaren

  • Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert
  • London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"