05.03.2007

OSCARSDas Leben neben dem anderen

Der Darsteller Ulrich Mühe hat dem Film „Das Leben der Anderen“ zum Oscar verholfen, er gab der Stasi sein Gesicht. Er hoffte, mit diesem Erfolg seiner ostdeutschen Vergangenheit entkommen zu können - doch sie holt ihn immer wieder ein. Von Alexander Osang
Als der Oscar spät in der Nacht die Feier über den Bergen Hollywoods erreicht, ist Ulrich Mühe schon fast auf dem Weg ins Bett. Der Oscar kommt in einer schwarzen Stretchlimousine und liegt in der Hand von Florian Henckel von Donnersmarck. Donnersmarck hüpft um das Auto, lacht und zerrt immer wieder Mitglieder der Filmcrew in seine Nähe und damit auf die Bilder der Fotografen und Kameramänner. Mehr als 50 Mitarbeiter von "Das Leben der Anderen" sind nach Los Angeles gekommen, um diesen Sieg zu feiern. Donnersmarck streckt die Arme nach ihnen aus, drückt sie, küsst sie, er weiß, dass er seinen Oscar mit ihnen teilen muss, und er weiß auch, dass das nicht geht.
Ulrich Mühe und seine Frau Susanne Lothar nähern sich der Traube um Donnersmarck und seinen Oscar von hinten. Susanne Lothar klopft dem großen Mann auf den Rücken seiner Smokingjacke. Donnersmarck merkt es nicht, er küsst gerade einen Direktor des Bayerischen Rundfunks. Susanne Lothar klopft stärker.
"Florian", ruft sie.
"Lass ihn mal, Suse", sagt Mühe und lächelt.
"Nee", sagt Susanne Lothar.
Sie hat in dieser Nacht viel getrunken, gelacht und geweint, sie hat mehrfach gesagt, dass dieser Oscar auch ihrem Mann gehöre, einmal erklärte sie einer älteren Dame aus Süddeutschland: "Ulrich Mühe ist dieser Film." Also klopft sie weiter auf den Smokingrücken, bis Donnersmarck sich endlich umdreht und auch Ulrich Mühe in seine Arme nimmt. Es gibt ein paar Fotos mit Regisseur und dem Hauptdarsteller, dann steigt Donnersmarck mit seinem Oscar die palmengesäumte Treppe hinauf zu der Villa eines deutschen Hollywood-Regisseurs,
um mit den anderen zu feiern. Mühe und seine Frau steigen den Berg hinunter in die Stadt, um zu schlafen. Von hinten sehen sie nicht wie Gewinner aus, eher wie ein Paar, das einen langen Abend hinter sich hat.
Mühes ältester Sohn Andreas aber, der mit nach Los Angeles gekommen ist, sagt, dass er seinen Vater in dieser Nacht seit langer Zeit wieder einmal kraftvoll gesehen habe. Andreas Mühe ist Fotograf, er ist in Karl-Marx-Stadt geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen, er hatte immer Kontakt zu Ulrich Mühe, auch nachdem der seine Mutter für die Schauspielerin Jenny Gröllmann verließ und Jenny Gröllmann für Susanne Lothar, er hat seinen Vater auch durch das vergangene Jahr begleitet. Er war schlapp im Kopf zum Schluss, sagt Andreas Mühe.
Ulrich Mühe hat dem deutschen Oscar-Film "Das Leben der Anderen" nicht nur sein Talent gegeben und nicht nur seine Zeit, das haben alle getan, die dem Film zum Erfolg verhalfen, Mühe hat sein Leben
in diesen Film gesteckt. In einem Interview mit dem Regisseur Donnersmarck hatte er seine Ex-Frau Jenny Gröllmann als IM der Staatssicherheit bezeichnet. Es war eine Auskunft, die er von der Birthler-Behörde erhalten hatte, und es passte zum Film, der den Einbruch der Staatsmacht ins Private beschreibt.
Doch Jenny Gröllmann war todkrank, sie kämpfte um ihre Unschuld, und die Aktenlage war nicht so eindeutig, wie Mühe vorgab. Während Jenny Gröllmann im Sterben lag, führte Mühe einen hässlichen Kampf mit deutschen Gerichten, um weiterhin behaupten zu können, was er für die Wahrheit hielt. Er verlor ihn. Er hätte ihn auch gar nicht gewinnen können, nicht mal, wenn er recht gehabt hätte. Kein Mann gewinnt einen Kampf gegen eine sterbende Frau.
Begleitet von dieser Ehetragödie, traten der Film und sein Hauptdarsteller ihren Weg nach oben an. Mühe wurde erst als bester deutscher und dann auch als bester europäischer Schauspieler ausgezeichnet. Zwischen beiden Ehrungen starb Jenny Gröllmann. Der Film mischte sich mit Mühes Leben. Seine Frau Susanne Lothar hat recht: Ulrich Mühe ist dieser Film.
"Dass ich den ungeheuren Triumph des Films nie reinen Herzens genießen konnte, ist natürlich bedauerlich. Der Erfolg war immer irgendwie angeknabbert", sagt er. Es blieb noch die Hoffnung auf den Oscar, das Unvorstellbare. Vielleicht würde ihn Hollywood erlösen, die Liebe der ganzen Welt.
Am Freitagnachmittag, kurz nachdem Mühe in Los Angeles gelandet war, besuchte er mit seinem Regisseur das "Wendemuseum" von Culver City, wo ein paar fleißige Kalifornier Strandgut des Ostblocks zusammengetragen haben. In einem Lagerhaus zwischen zwei Autobahnen kann man hier riesige Ölgemälde mit ukrainischen Bäuerinnen bei der Getreideernte betrachten, Brigadetagebücher eines Frankfurter Rangierbahnhofs, den Spind und das Protokollbuch eines Offiziers der NVA-Grenztruppen sowie Büsten von Lenin, Thälmann, Ulbricht und Felix Dzierzynski, oft mit abgeschlagener Nase. Donnersmarck gab eine kleine Pressekonferenz im Mobiliar einer Parteischule des Zentralkomitees. Damit man sich mal eine Vorstellung machen kann.
Mühe ist zum ersten Mal in Los Angeles. Er wartet still an der Tür, während Donnersmarck noch ein letztes Mal durch die Requisiten der untergegangenen Welt läuft. Mühe ist 14 Stunden um die Welt geflogen, und dann zeigen sie ihm hier zuallererst die Stullenbüchsen von DDR-Grenzern.
"Seltsam", sagt er. "Fast unheimlich, das hier zu sehen."
Ulrich Mühe sagt nicht viel auf den Empfängen, Preisverleihungen und Symposien, durch die sie ihn in den folgenden Tagen jagen, vielleicht liegt es am Englisch, aber sicher auch an Florian Henckel von Donnersmarck, der alles sagt.
Es ist nicht so, dass sich der große Mann in den Mittelpunkt drängt. Er ist der Mittelpunkt. Er ist charmant und schnell und selbstbewusst. Er weiß, was man in einer 45-Sekunden-Oscar-Dankesrede sagen kann, was in einer Live-Schaltung zum "heute-journal" und was zu einem aufgeregten spanischen Kamerateam. Er spricht Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und ein bisschen Spanisch. Wie amerikanische Spitzensportler erkundigt sich auch Donnersmarck immer erst nach dem Namen seines Gesprächspartners und vergisst ihn dann nicht mehr. Er scheint in jeder noch so kleinen Situation zu versinken.
Ulrich Mühe beherrscht die meisten dieser Fähigkeiten nicht, und so steht er meist an der Seite und lächelt. Auf dem Empfang in der Residenz des deutschen Konsuls wartet er mit seiner Frau neben der Tür wie der Ostbesuch. Der Abend wird von Audi gesponsert, es sind also ein paar
Automenschen da, ein paar Filmleute und Thomas Gottschalk.
Gottschalk sagt zu Ulrich Mühe: "Ja, hallo, der Mann sieht ja viel besser aus als im Film."
Mühe lächelt scheu, seine Frau Susanne Lothar klammert sich in seine Armbeuge.
"Liegt vielleicht an der Jacke, die er im Film anhatte", sagt Gottschalk, grinst und setzt sich an den Tisch, an dem auch Donnersmarck und der deutsche Konsul sitzen. An Mühes Tisch sitzen keine Prominenten. Später sagt ein deutscher Gast leise zu einem anderen: "Der Mühe ist mir unheimlich. Ich denke die ganze Zeit, der ist wirklich bei der Stasi."
Am Tag vor den Oscars trifft Mühe zum traditionellen Oscar-Empfang in der Feuchtwanger-Villa Aurora ein, als Donnersmarck gerade weg ist. Mühe kommt zu spät zur Party, weil er im Gegensatz zu Donnersmarck keine Polizeieskorte gestellt bekam. Er isst etwas, gibt ein paar Interviews und möchte dann schnell zurück ins Hotel, um sich vor dem Sony-Empfang am Abend ein bisschen auszuruhen. Wir fahren in einem Mietwagen den langen, gewundenen Sunset Boulevard zurück nach West Hollywood, wo das Filmteam wohnt. In 24 Stunden ist die Oscar-Verleihung.
Mühe sagt, er wisse nicht, ob er und Sebastian Koch mit auf die Bühne gehen. Seine Frau und sein Sohn beschließen: Er muss mit auf die Bühne. Mühe nickt. Als wir durch Beverly Hills rollen, reden sie über die hohen Hecken, die Swimmingpools und die Schwierigkeiten der deutschen Stars, sich hier durchzusetzen.
"Es hat doch keinen Zweck hierherzugehen, um zu warten, dass sie auf dich aufmerksam werden", sagt Susanne Lothar.
"Was willst du uns damit sagen, Suse?", fragt Mühe.
"Dass es nur eine Handvoll Schauspieler gibt, die wirklich einzigartig sind. Die anderen sind einfach nur gut", sagt sie.
Mühe sieht aus dem Fenster, irgendwann sagt er: "Ich würde hier gern vier, fünf Jahre leben und arbeiten."
Ulrich Mühe wurde in Grimma geboren, einer sächsischen Kleinstadt zwischen Leipzig und Dresden, er lernte auf der Betriebsberufsschule "Makarenko" in Leipzig Baufacharbeiter mit Abitur. Matthias Oehme, der heute einen Verlag in Berlin leitet, war in seiner Klasse. Er erinnert sich, wie Mühe mörtelbeschmiert auf den Leipziger Baustellen erklärte, dass er Schauspieler werden wolle. Auf der Schauspielschule in Leipzig war Mühe ein heiterer, lustiger und fleißiger Student, sagt Heike Jonca, die damals in seinem Studienjahr war. Er habe viel Einsatz darauf verwandt, seinen sächsischen Akzent wegzuschleifen. Die beiden gingen zusammen ans Theater in Karl-Marx-Stadt, wo Mühes Talent schnell auffiel. Er war ein agiler, sehr körperbetont spielender Schauspieler, sagt Corinna Harfouch, die Mühe in Karl-Marx-Stadt traf.
Mühes erste Frau war Dramaturgin am Karl-Marx-Städter Theater, sie brachte Freunde wie Volker Braun und Christoph Hein mit in die Beziehung, sagt Heike Jonca. In Berlin wurde Mühe an der Volksbühne, am Deutschen Theater und später auch beim Film zum Star. Ulrich Mühe heiratete Jenny Gröllmann, deren Poster über seinem Bett gehangen haben soll, als er ein Teenager war. Sie bekamen eine Tochter und galten als Traumpaar des DDR-Films. Sie zogen ins Nikolaiviertel, wo auch Markus Wolf lebte.
Ab Mitte der achtziger Jahre durfte Mühe auch in den Westen reisen. In einem Gespräch mit dem "Neuen Deutschland" sagte er, dass er ein politischer Schauspieler sein möchte, jemand, der "keine Ruhe geben, aufstöbern und stören möchte". Er suchte die Nähe zu Heiner Müller. In den Wendetagen spielte er unter Müller den Hamlet, den auch andere ältere Kollegen gern gespielt hätten.
Am 4. November 1989 sprach Mühe auf der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz. Dann fiel die Mauer. Zunächst sei er über den Mauerfall enttäuscht gewesen, fast depressiv geworden, sagt er, und auch sauer auf das eigene Volk, das bei den ersten freien Wahlen ausgerechnet die CDU wählte.
Bei einer Inszenierung von Thomas Langhoff in Salzburg lernte Mühe die westdeutsche Schauspielerin Susanne Lothar kennen, Tochter der Schauspielerlegende Hanns Lothar und damals gerade ein Star mit "Lulu" von Zadek. Er verliebte sich in sie, trennte sich von Jenny Gröllmann und dann auch vom Deutschen Theater. Mühe ging jetzt nicht nur weiter nach Westen, er verließ den Osten. Und sein Blick auf seine Vergangenheit begann sich zu verändern.
"Ich wollte noch mal neu anfangen", sagt Mühe. "Wir haben ja in unseren Inszenierungen alles immer auf die DDR reduziert. Shakespeare ist schon mehr gewesen als dieses kleine, verpisste Land. Ich wollte das hinter mir lassen. Auch weil es am Deutschen Theater so eine Bunkermentalität gab. Da stand die Luft. Ich hab ja bis 1996 als Gast gespielt. Ich war immer
mal im Hause, das war total unangenehm,
wenn ich da in die Kantine kam. Ein bisschen, nur ein bisschen ist es so wie bei den Emigranten, die nach '45 zurückkamen. Denen wurde aus dem Weg gegangen."
"Uli wirkte immer alleene. Er hat nie mitjesoffen", sagt Michael Gwisdek, mit dem Mühe am Deutschen Theater spielte.
"Mir wird schnell schlecht", sagt Mühe.
Mühe zog nach Wien, nach Hamburg und nach Charlottenburg. Anna, seine Tochter aus der Ehe mit Jenny Gröllmann, begleitete ihn, mit Susanne Lothar bekam er zwei weitere Kinder. Er spielte in "Schtonk" und zwei Hauptrollen in verstörenden Filmen von Michael Haneke. Er machte Fernsehen, Filme und Theater und führte in einer Inszenierung von Heiner Müllers "Auftrag" zum ersten Mal Regie. Ulrich Mühe schien im Westen angekommen zu sein. Die alten ostdeutschen Kollegen traf er bei Premierenpartys, sie grüßten sich freundlich, auch ein bisschen distanziert, weil Mühe bei öffentlichen Gelegenheiten manchmal sagte, er habe in einer Diktatur gelebt. Manche von ihnen sagen, Mühe habe berühmte Frauen und Regisseure gesammelt, um immer weiter aus der sächsischen Provinz wegzukommen. Mühe sagt, er habe versucht, einen klaren Abstand zu formulieren, zu dem, was war. Er glaubte, den Osten hinter sich gelassen zu haben, bis er den Hauptmann Wiesler in Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" spielte.
Es war sein erster Westfilm, der seine Ostvergangenheit unmittelbar berührte, und er sagt, alles sei wieder aufgebrochen. Marie Gruber, eine andere Ostdeutsche, die im Film mitspielte, las das Drehbuch als Komödie, Mühe aber spürte, "dass ich in der DDR eigentlich immer Angst hatte, Angst vor Willkür und Übergriffen", sagt er.
Er hat mit Florian Henckel von Donnersmarck über das Drehbuch geredet, und mit der Zeit wurde er mehr als ein Hauptdarsteller. Donnersmarck war jung und aus dem Westen, er versuchte, sich in dem Gestrüpp der DDR-Vergangenheit zu orientieren, wo jeder eine andere Geschichte zu erzählen hatte. Donnersmarck sprach mit Opfern und Tätern, am Ende folgte er seinem Gefühl.
Ulrich Mühe wurde sein Zeuge, sein künstlerischer Beistand in der Fremde, obwohl Donnersmarck zunächst gar nicht gewusst hatte, das Mühe aus dem Osten kommt. Es war mehr eine Haltungsfrage. Donnersmarck wollte einerseits ein Königsdrama erzählen, ein Märchen von Gut und Böse, das die ganze Welt versteht, doch er schien es auch mit dem richtigen ostdeutschen Leben unterfüttern zu wollen. In Ulrich Mühe bündelte sich beides. Die Kunst und das Leben. Mühes Kopf war auf allen Filmplakaten und auch auf dem Umschlag des Filmbuchs von "Das Leben der Anderen".
Für das Buch gab Mühe seinem Regisseur ein Interview, in dem er über seinen Abschied von der DDR redete, seine Illusionen, Ängste, Träume und auch über Jenny Gröllmann. Mühe hatte bereits 2001 in einem Artikel der "Super Illu" gelesen, dass seine Ex-Frau für die Staatssicherheit gearbeitet haben sollte, ohne dass sich je jemand darüber beschwerte. Er wollte trotzdem erst nicht darüber reden. Donnersmarck sagt, er habe vier Stunden mit ihm gesprochen und immer gehofft, dass Ulrich Mühe allein darauf zu sprechen komme. Aber der kam nicht drauf, und so fragte Donnersmarck danach. Und Mühe antwortete.
"Ich habe im Nachhinein erfahren, dass meine damalige Frau die ganze Zeit über bei der Staatssicherheit als IM gearbeitet hat", sagte Mühe am Ende des Gesprächs. Er hat es eingeordnet, verpackt, erklärt. Die Stelle ist inzwischen verboten worden, Bücher wurden geschwärzt, und Mühe hat sich verpflichtet, dies nie wieder zu behaupten. In einer überraschenden Presseerklärung vom Anfang des Jahres räumte er das ein, nicht ohne es mit einem verkürzten Heiner-Müller-Zitat zu kommentieren: "Die Worte fallen in das Getriebe der Welt, uneinholbar."
Jenny Gröllmann war zu diesem Zeitpunkt ein halbes Jahr tot. Warum konnte er nicht einfach Ruhe geben?
"Man versucht das, was man getan hat, wozu man beigetragen hat, wozu man steht, zu dieser Rolle, zu diesem Film, eben zu beglaubigen über die eigene Biografie", sagte Mühe bei einem Gespräch vor drei Wochen in Berlin. "Was wahrscheinlich zu großen Missverständnissen führt."
Es war nicht leicht, sich damals mit Ulrich Mühe in Berlin zu verabreden. Die Stadt war ein Minenfeld. Es gab die Kollegen, die Mühe als Verräter an der Zeit sahen, die sie zusammen erlebt hatten, als Geschichtsklitterer. Es gab die Freunde Jenny Gröllmanns, die sie in den Tod begleitet und sich geschworen hatten, ihren
Ruf zu schützen, solange sie leben. Es gab Anwälte, die darauf warteten, dass Mühe ein falsches Wort sagt.
Die Dinge waren außer Kontrolle geraten. Mühe sagte, er würde sich gern in einem Hotel treffen, aber die meisten Hotels lagen ihm zu sehr im Osten, und so führte uns schließlich ein Page irgendwann in einen völlig weißen Raum im achten Stock eines Hotels am Ku'damm. Es gab nur ei-
nen weißen Tisch in diesem Raum, an dem sich zwei Stühle gegenüberstanden, eine Verhörsituation. An der Wand gab es eine Taste, das sei die "Service Event Taste", sagte der Page, wir sollten sie drücken, wenn wir etwas brauchten. Dann ließ er uns in unserer weißen Zelle allein. Es war fast, als träfe man sich im Cleanroom einer Computerfirma oder in einem großen Ei.
Hat er jemals bereut, den Kampf gegen seine Frau angefangen zu haben?
"Natürlich gab es Momente, wo ich dachte: Hätt ich es nur nicht gemacht", sagte Mühe. "Wenn es um die Arbeit geht, die Schauspielerei und die Kunst, bin ich gern bei Projekten, die polarisieren, die provozieren, die aufregen, als Person selber bin ich dafür überhaupt nicht geschaffen, wenn das dann zurückschlägt. Aber ich muss doch die Wahrheit sagen dürfen. Wenn mir ein Schornsteinfeger entgegenkommt, und ich sage zu dem, du bist ein Schornsteinfeger, und der sagt, das musst du mir erst mal beweisen, dann stimmt was nicht."
Hat es ihn kaltgelassen, dass Jenny Gröllmann sterbenskrank war?
"Ach, nein. Ich musste es unserer Tochter Anna doch 1998 sagen, die damals noch bei mir lebte."
Mühes Emotionen flackerten wie eine Lichtorgel in dem weißen Raum. Er war traurig, wütend, entschieden, ratlos, beherrscht, verwirrt. Manchmal hatte man den Eindruck, er stritte mit sich selbst wie Jerry Lewis als verrückter Professor.
Eine Kollegin aus Karl-Marx-Stadt sagt, dass Mühe seine erste Frau manchmal aufforderte, ihn in seinem Zimmer festzubinden, damit er sie nicht betrügen könne. Der erste Mann von Jenny Gröllmann sagt, Ulrich Mühe habe von ihr zuletzt gefordert, dass sie ständig im Deutschen Theater sitzen müsse, um zu kontrollieren, dass er sie nicht verlasse. Man müsse Schauspieler
vor sich selber schützen, hat Mühe einmal gesagt. Jetzt sagt er: "Natürlich hätte man sagen können, dass man die letzten Fragen in diesem Interviewbuch hätte weglassen sollen."
Mühe wirkt mitunter wie ein Spielball äußerer Kräfte. Vielleicht ist er deswegen so ein großer Schauspieler. Ein Kollege sagt, Mühe habe sich auch außerhalb des Theaters immer verkleidet. Er wollte auch aussehen wie ein politischer Künstler. Zu DDR-Zeiten sei er herumgelaufen wie Brecht, später dann wie Peymann.
Als Ulrich Mühe die Unterlassungserklärung zugeschickt wurde, hieß es zunächst, er unterschreibe. Eine Stunde später hieß es, er unterschreibe doch nicht. Wenn man das hört, sieht man ihn schwanken, zittern. Ulrich Mühe ist eigentlich kein mutiger Mensch, sagen Kollegen, die ihn von früher kennen. Er habe lange überlegt, ob er auf der Demonstration am 4. November wirklich reden solle. Jenny Gröllmann habe ihm zugeraten. Man fragt sich, wer ihn heute berät. Mühe sagt, er habe eigentlich keine Freunde. Er habe seine Familie.
Seine Frau Susanne Lothar mag den Osten nicht. Sie fühlt sich von ihm nicht angenommen. Sie war 1983 einmal in Ost-Berlin, um am Deutschen Theater "Gespenster" zu sehen, mit dem Mühe berühmt wurde. Bei der Einreise wurde ihr israelischer Begleiter stundenlang am Checkpoint Charly festgehalten, sagt sie. "Und nach der Vorstellung habe ich dann noch irgendwelche schlechten Hackbällchen in einem Restaurant Unter den Linden gegessen. Die Kellner waren grauenvoll. Das war das erste und letzte Mal, dass ich drüben war." Man kann sich vorstellen, was sie Mühe geraten hat. Auch Mühes erste Frau habe ihn bestärkt, standhaft zu bleiben, sagt ihr Sohn Andreas Mühe. Jenny Gröllmann war die Frau in der Mitte, vielleicht erklärt das etwas, wer weiß.
Es heißt, seine Tochter Anna habe ihn gebeten aufzuhören, ihre Mutter zu bekämpfen. Mühe bekam Briefe der Regisseure Dominik Graf und Caroline Link, die ihn baten, seine Ex-Frau in Ruhe zu lassen. Er erhielt einen Brief des Westjournalisten Peter Pragal, auf den Jenny Gröllmann angesetzt worden sein soll. Pragal machte ihn auf die Ungereimtheiten in der Stasi-Akte aufmerksam, er bot an, sich mit ihm zu treffen. Mühe antwortete nicht.
Die ehemaligen Ostkollegen grummeln still, wie sie es immer getan haben. Es gibt ein kollektives Unbehagen, dem der Schauspieler Henry Hübchen seine Stimme gegeben hat. Er findet es schäbig, wie sich Mühe seiner Ex-Frau gegenüber verhalten hat, er mag den Film nicht, weil er eine DDR zeige, die es so nicht gegeben habe. Henry Hübchen möchte nicht, dass seine Kinder und Enkelkinder einmal glauben, er habe in so einem Land gelebt. Es gibt ein paar Schauspieler, die Rollen in Filmen abgesagt haben, weil Ulrich Mühe mitspielte.
Ulrich Mühe hat einen hohen Preis dafür bezahlt, dass er politischer Schauspieler wurde. Mühe saß in seiner Wohnung, nur 200 Meter von seiner sterbenden Ex-Frau entfernt, und wartete auf Gerechtigkeit. Karin Pragal, eine der Frauen, die Jenny Gröllmann in ihren letzten Lebenstagen betreute, sagt, dass die kranke Frau sich "Das Leben der Anderen" auf DVD angeschaut habe. Der Film habe ihr sehr gut gefallen. Es wirkt alles so sinnlos. Heiner Müller hat einmal gesagt: "Ulrich Mühe wird den ersten Schritt in eine Rolle nicht tun, bevor er vom letzten Schritt eine Ahnung hat, der ihn vielleicht aus der Kurve trägt." Aber Müller ist tot.
Ende des Jahres rief Ulrich Mühe bei Donnersmarck an und sagte: "Florian, ich kann nicht mehr."
Am Vormittag nach der Oscar-Nacht holt Ulrich Mühe seinen Regisseur im Beverly Wilshire Hotel ab, wo "Pretty Woman"
spielte und Donnersmarck mit seiner Frau wohnt. Mühe wartet im Wagen.
Ulrich Mühe ist nicht mit auf die Bühne gestürmt, als sein Film den Oscar gewann.
Er kann aber sagen, wie hoch Florian Henckel von Donnersmarck sprang, als Cate Blanchett "Germany" rief. Er erzählt, wie sie nach der Preisverleihung den Weg aus dem Kodak Theater zum Governor's Ball gegangen sind. Donnersmarck hat mit Paul Haggis diskutiert, dem Mann, der im vorigen Jahr den Oscar für "L. A. Crash" bekam. Mühe staunt darüber, wie selbstverständlich sich sein Regisseur in dieser Welt bewegt. Er selbst hat Clint Eastwood getroffen und ihm gesagt, dass er seine Filme sehr mag.
Und was hat Eastwood gesagt?
"Danke", sagt Mühe.
Donnersmarck trägt immer noch seinen Siegersmoking, die Fliege liegt offen überm Hemd, er hat den Oscar in der Hand und sagt, er habe praktisch nicht geschlafen. Mühes Sohn Andreas will die beiden Männer auf dem Dach eines Sendegebäudes fotografieren, wo Donnersmarck zu zwei Interviews erwartet wird. Für eine Viertelstunde liegt der Oscar in Ulrich Mühes Schoß. Donnersmarck sagt, dass er ihn nicht gravieren lassen will. Er will ihn nicht mehr hergeben. Mühe nickt. Auf dem Dach des Sendegebäudes knöpft sich Mühe sein schwarzes Hemd auf und zeigt das T-Shirt, das er drunter trägt. "Grimma - Sachsen" steht auf dem T-Shirt. Er hatte es auch gestern Abend an. Es sollte Glück bringen, sagt er. Der Bürgermeister von Grimma hat auch schon eine SMS geschickt. Donnersmarck lächelt. Es liegt viel Platz zwischen Eastwood und Grimma. Er hat alles bekommen, was er wollte, den Oscar und den Segen der Kanzlerin. In Berlin diskutieren sie gerade darüber, Donnersmarcks Königsdrama im Geschichtsunterricht zu zeigen.
Die beiden Männer stellen sich für das Foto einander gegenüber. Der riesige Donnersmarck beugt sich über den kleinen, schmalen Mühe. Es ist fast so, als dokumentierten sie hier auf einem Dach in Los Angeles die deutsche Einheit.
Mühe hat mal erzählt, wie es ihm gefallen habe, dass die Schauspieler bei den Proben im Westen ihre Erfahrungen von Indienreisen oder Frankreichstudien in die Arbeit einfließen ließen, während er jahrelang in seinem Spiel immer nur auf irgendwelche Erich-Honecker-Äußerungen reagiert habe. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass seine Westkollegen viel mehr gelebt hatten als er. Man kann sich vorstellen, wie ihn das Leben des jungen, großen Mannes beeindruckt hat, der ihm hier gegenübersteht.
Donnersmarck ist ein Ministrant, der mit Marx, Lenin und Trotzki aufwuchs, weil seine Mutter Kommunistin war und sein Vater Katholik, seine Familienwurzeln lassen sich bis ins 14. Jahrhundert verfolgen, er hat in Oxford und Leningrad studiert, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hat als Junge in New York mit seinem Bruder in den Gummizellen der ehemaligen Irrenanstalt auf Roosevelt-Island gespielt, einer Insel im East River, wo die Familie lebte. Donnersmarck ist ein beeindruckender Mann, und manchmal schaut ihn Ulrich Mühe an wie seinen Vater.
Zwischen den Interviews für das "heutejournal" und die "Tagesthemen" soll Donnersmarck die Frage beantworten, ob er manchmal daran gezweifelt habe, Ulrich Mühe diesen Kampf kämpfen zu lassen.
"Ja, natürlich gab es diese Momente", sagt Donnersmarck, und für einen Augenblick wird sein Gesicht erstaunlich ratlos, doch dann strafft er sich und sagt: "Es wäre ein Zeichen der Schwäche gewesen. Man muss für die Dinge einstehen, die man für richtig hält. So bin ich erzogen worden, und so lebe ich mein Leben."
Das Problem ist nur, dass es nicht nur sein Leben ist. Es ist auch das Leben des anderen.
Am Abend vor seiner Abreise sitzt Ulrich Mühe in einem Restaurant in West Hollywood. Seine Frau und sein Sohn sind einkaufen gegangen. Mühe ist zum ersten Mal seit Tagen ganz allein. Der räumliche Abstand zu Deutschland habe ihm gutgetan, sagt er. Und in der Nacht hat auch seine Tochter angerufen, um ihm zu gratulieren. Mühe sieht entspannt aus. Irgendwo in der Stadt plant sein Regisseur das weitere Leben. Am 2. Mai wird Donnersmarck 34 Jahre alt. Danach möchte er das Wort Stasi nicht mehr in den Mund nehmen, sagt er. Für sein nächstes Filmprojekt wird er mit seiner Familie wahrscheinlich nach Los Angeles ziehen.
"Es wäre toll, wenn ich wie Florian die Chance hätte, das abzulegen und zu sagen: anderes Thema", sagt Mühe. "Aber das geht nicht."
Es sieht nicht so aus, als hätte ihn Hollywood erlöst.
Heute Morgen im Bett, als er aufwachte und alle anderen noch schliefen, habe er einen Moment wach gelegen und sich nur über den Oscar gefreut, sagt Mühe. Er schaut dabei wie Hauptmann Wiesler in der Schlussszene von "Das Leben der Anderen". Als er begreift, dass nicht alles umsonst war.
* Oben: mit der Schauspielerin Penélope Cruz; unten: Ulrich Mühe in "Das Leben der Anderen".
* Mit Ehefrau Jenny Gröllmann und Tochter Anna Maria.
* 1993 bei Dreharbeiten zu dem Film "Der Blaue".
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 10/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 10/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OSCARS:
Das Leben neben dem anderen

Video 01:22

Humanoid-Roboter "Atlas" läuft Parkour

  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt" Video 05:03
    Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt
  • Video "Roboterfinger fürs Smartphone: Jeder sagt, der sei gruselig" Video 01:34
    Roboterfinger fürs Smartphone: "Jeder sagt, der sei gruselig"
  • Video "DFB-Niederlage in Amsterdam: Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr" Video 01:07
    DFB-Niederlage in Amsterdam: "Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr"
  • Video "CSU-Spitzenkandidat Söder: Für die Macht ist er bereit, alles zu tun" Video 03:51
    CSU-Spitzenkandidat Söder: "Für die Macht ist er bereit, alles zu tun"
  • Video "Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste" Video 04:45
    Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste
  • Video "Bayern vor der Wahl: Granteln ja, hetzen nein!" Video 03:21
    Bayern vor der Wahl: "Granteln ja, hetzen nein!"
  • Video "Hurrikan Michael: Ich hatte die größte Angst meines Lebens" Video 01:20
    Hurrikan "Michael": "Ich hatte die größte Angst meines Lebens"
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour