12.03.2007

INTERNET

Fernsehen war gestern

Von Hornig, Frank

Eineinhalb Jahre nach dem Start von YouTube fürchten TV-Sender die wachsende Konkurrenz aus dem Netz. Millionen selbstgedrehter Web-2.0-Videos bilden eine Mischung aus Schwachsinn und Kreativität. Die Kurzfilme verändern Sehgewohnheiten, Politik und Popkultur.

Der spannendste Zweikampf Amerikas ist vielleicht am besten im Internet zu beobachten.

Auf der einen Seite steht Hillary Clinton. Voller Schwung stürzt sie sich derzeit in die neuen Medien. Es gibt einen "HillCast" und "Hillary TV" und jede Menge eigens gedrehte Online-Clips, auf denen die frühere First Lady ihre Kandidatur fürs Weiße Haus verkündet und ihre Politik erklärt. Mal sitzt sie vor einer Bücherwand, mal im Wohnzimmer mit rosa Rosen und einem gerahmten Foto von ihr und Bill auf der Anrichte. "Let's talk, let's chat", strahlt sie dann in die Kamera, "ich möchte mich mit Ihnen unterhalten."

Niemand soll zwischen ihr und dem Wahlvolk stehen, erst recht nicht Journalisten mit bohrenden Fragen. "Ich finde es aufregend", sagt sie, "wie die neuen Technologien so viele von uns zusammenbringen."

Der Eindruck auf den Zuschauer ist zwiespältig: Man spürt ihre Absicht, direkt, spontan, ja privat zu wirken. Am liebsten, hat sie gesagt, würde sie jeden Mitbürger zu Hause besuchen, wenigstens virtuell. Doch ihre Computerstimme klingt blechern, die Bilder sind sprunghaft und stockend. Mrs Clinton scheint unwirklich wie ein Avatar im Cyberspace.

Daneben Barack Obama, ihr Rivale um die Nominierung der Demokraten: Der Mann, der Amerikas erster schwarzer Präsident werden will, kommt daher wie eine Mischung aus Silicon-Valley-Gründer und Martin Luther King. Das Internet, sagt er seinen Fans, solle "ein Instrument für eure Hoffnungen und Träume sein". Keiner der Kandidaten hat besser verstanden, wie das Web 2.0 funktioniert. "Erstellen Sie Ihr eigenes Profil, bauen Sie ein Netzwerk von Freunden auf, schreiben Sie einen Blog über Ihre Erlebnisse im Wahlkampf", sagt Obama in einem Video. Und genauso sieht seine Web-Seite aus; eine Mischung aus MySpace, YouTube und Irak-Politik.

User generated content statt Message control, Debatte statt Dekret: Weiter entfernt von George W. Bush geht es nicht - der wendet sich noch immer, wie weiland Roosevelt und Eisenhower, per wöchentlicher Radioansprache ans Volk.

Die Weisheit der Massen wird zum Wahlkampfhit, das bunte Mitmach-Netz für jedermann hat eine neue Abteilung bekommen: die politische Arena. Man könnte auch sagen, das Web 2.0 ist erwachsen geworden, neben Musik-Clips und verwackelten Home-Videos gibt es nun auch Schweres aus der Politik - und nicht nur das: Professionelle Comedy, Reportagen, Entertainmentshows und Nachrichtenformate machen den konventionellen Sendern Konkurrenz.

In kürzester Zeit schaffte es YouTube auf Platz vier der weltgrößten Web-Seiten, hinzu kommen Clips von Google und Yahoo bis zu deutschen Wettbewerbern wie MyVideo. Millionen von Videos sind entstanden, eine Flut selbstgedrehter Clips schwappt durchs Internet, eine wirre Mischung aus Schwachsinn und Kreativität.

Das Online-Fernsehen kennt kein Programmheft und keine Unterteilung in Vorabend, Prime Time und Latenight-Show. Im Web-TV herrscht pures Chaos, wer sich nicht zwischen sinnfreien Videos verlieren will, braucht vor allem Geduld und ein gutes Gespür. Dennoch verändern die Kurzfilme bereits Politik, Popkultur und Unterhaltungsindustrie. So groß ist inzwischen die Konkurrenz, dass sich etablierte Sender und TV-Konzerne wie BBC und Viacom beeilen, mit YouTube Vertriebsverträge zu schließen; sie wollen ihre Inhalte und ihr Publikum nicht unkontrolliert ans Web verlieren (siehe Kasten Seite 104).

Von "instant entertainment" und "oneminute media" schwärmt das Fachblatt "Wired" bereits in seiner jüngsten Titelgeschichte. Fragt sich nur: Gibt es ein Programm der Massen, und, wenn ja, wie sieht es aus? Welche Genres haben sich herausgebildet? Was kommt beim Publikum an? Und wer sind eigentlich die Regisseure im Web-TV?

Längst hat sich neben YouTube eine bunte Szene von Anbietern entwickelt. Internet-Seiten wie Blip TV und Veoh in den USA oder Sevenload in Deutschland versprechen bereits eine Art Vollprogramm für den Web-Konsumenten, ein Parallelfernsehen im Netz, das die Formate der konventionellen Sender kopiert, karikiert oder völlig Neues ausprobiert. Dahinter stehen keine mächtigen TV-Anstalten, sondern meist kleine Teams, die - wie im Fall der kanadischen Comedy Tiki Bar - mit manchmal sogar zu Hause gedrehten Clips ein wachsendes Publikum erreichen.

Beispiel "Goodnight Burbank": Die preisgekrönte Web-Show aus Los Angeles ist eine Satire auf Lokalnachrichten im US-TV. Die Moderatoren und ihre News sind so authentisch - und absurd - wie im echten Fernsehen, es geht wild zwischen Nordkorea, Nicole Kidman und dem "Krebskiller Rosenkohl" hin und her. Wenn angeblich Korrespondentenberichte laufen, bleibt die Kamera auf die sich unbeobachtet fühlenden Nachrichtensprecher und ihre lapidaren Kommentare gerichtet. "Besser als 99 Prozent des normalen Fernsehprogramms", urteilte Amerikas größte Zeitung "USA Today".

In "God, Inc" ist der Himmel als bürokratisch-höllische Konzernzentrale zu sehen - da gibt es Manager der "Desaster"-Abteilung, die gerade ein Erdbeben in Kalkutta organisieren und vom Tsunami als ihrer "Lieblingskatastrophe" schwärmen; überforderte Mitarbeiter im Kundenservice, die aus dem Fax quellende, von niemandem gelesene Gebete im Archiv einsortieren; eine fast ausgestorbene "Wunder"-Abteilung mit einem einzigen, frustrierten Mitarbeiter; und eine schnippische Chefsekretärin, die Kollegen in der Kaffeeküche terrorisiert, weil das Lunchpaket vom Boss verschwunden ist.

Francis Stokes, 34-jähriger Filmemacher aus Kalifornien, will seine Miniserie über die "Gott AG" nach Möglichkeit ans kommerzielle Fernsehen verkaufen. Andere haben das schon geschafft: Die Zeichentrickserie "Lil'Bush" läuft demnächst beim US-Sender Comedy Central. Bisher waren die Folgen über George W. Bush als pubertierendem Jungen, der vom Oval Office seines Vaters aus munter Raketen auf "Lil' Kim Jong Il" oder "Lil' John Kerry" abschießt, nur auf Handy-Bildschirmen und im Netz zu sehen.

Aus Sicht der Film- und Fernsehindustrie ist das Internet deshalb nicht nur wahlweise Bedrohung oder ein neuer Vertriebskanal, sondern auch ein weltweiter Talentpool, aus dem sich unbegrenzt schöpfen lässt. Vorteil: Die Pilotsendungen werden vom Nachwuchs auf eigene Kosten produziert und im Web umgehend einem globalen Markttest ausgesetzt.

Vor etwa anderthalb Jahren versprachen die Pioniere der Generation Web 2.0 eine Demokratisierung der Mediengesellschaft. Wenige Sender, viele Empfänger: Das seit Gutenberg geltende Kommunikationsmodell wurde über den Haufen geworden, aus passiven Konsumenten sollten kreative Produzenten werden, die mit der eigenen Kamera fürs weltweite Publikum senden.

Der amerikanische Dokumentarfilmer Brian Conley, 26, begreift den von ihm begründeten Videoblog "Alive in Baghdad"

deshalb auch als emanzipatorisches Projekt. Seit 2005 gehen von Einheimischen produzierte Videos über das Leben im Irak online auf Sendung.

In den vom 21-jährigen Übersetzer Omar Abdullah in Bagdad koordinierten Beiträgen kommt beispielsweise eine Ärztin zu Wort, die ihre Arbeitsbedingungen in Sadr City beschreibt. In einer anderen Folge zeigen zwei Familien ihre, wie sie sagen, von US-Truppen verwüsteten Häuser und berichten, was bei der Durchsuchung passierte.

"Alive in Baghdad" solle ein Gegengewicht zu den hektischen Live-Berichten des Fernsehens bilden, sagt Conley. Er rüstete ein kleines irakisches Team mit Kameras aus, "damit Iraker Amerikanern ihre Geschichte erzählen können". Mittlerweile hat er ein weiteres Format mit dem Namen "Alive in Mexico" ins Leben gerufen, wo er Demonstrationen filmte und wegen Unruhestiftung vorübergehend verhaftet wurde. Lokale Videoprojekte soll es bald auch aus Afrika und Afghanistan geben: "Small World News" nennt Conley sein kleines Nachrichtennetzwerk.

Bei der Suche nach Web-Clips gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Auf der einen Seite steht das Chaos von YouTube und Co., das sich nach Kriterien wie aktuellste oder am häufigsten angesehene Videos durchkämmen lässt. Daneben gibt es den iTunes Store von Apple mit einem vergleichsweise übersichtlichen und strukturierten Angebot kostenloser Videos.

Anders als in Amerika stößt man in der deutschen iTunes-Version zunächst nur selten auf Web-2.0-Material, sondern häufig auf Beiträge von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Weit vorn stehen zum Beispiel die "Sendung mit der Maus", die "Tagesschau" und ein Videopodcast mit dem Namen "ZDF Toll!".

In den deutschen Hitlisten von YouTube, Google Video oder MyVideo dagegen ergibt sich beim Surfen ein buntes Bild der Trash-Kultur. Neben Hitler-Parodien laufen endlose Teenager-Diskussionen um Tokio-Hotel ("die sind nicht schwul!"), Clips der Bodybuilderin Jana Linke-Sippl in Action gehören zu den Spitzenreitern sowie ein Beitrag mit dem Titel "Kacken", Videos von Schwänen im Kurpark Bad Aussee und von Männern, die vom Motorrad fallen: zusammengenommen ein in unzählige Clips aufgelöstes RTL-II-Programm.

Dennoch sind auch im deutschen Web-TV zunehmend selbstproduzierte Sendungen zu finden. "Fernsehen war gestern" lautet der Slogan des YouTube-Konkurrenten Sevenload. Bislang unbekannte Moderatoren suchen hier ihr Publikum: Da gibt es einen "elektrischen Reporter" und das Kunstprogramm "einfallsreich.tv". Eine Kochsendung (Slogan "Lecker Essen 2.0") ist online sowie ein singender "Showmaster 2.0", der hauptberuflich Politikstudent in Bielefeld ist und Robert Michel heißt: Bis zu 170 000 Menschen, sagt er, schauten sich seine "fast schon altmodische Unterhaltung mit ein wenig Flair aus Vegas" an.

Reichweite erlangt, wer originell oder peinlich ist, wer politisiert oder einfach nur eine packende Geschichte erzählt: Das Verschwinden von Zielgruppen ist sicherlich eine der großen Errungenschaften im Internet-TV. Moderatoren werden nicht nach Maßstäben des Privatfernsehens gecastet. Alter, Geschlecht und Aussehen spielen keine Rolle. Statt weichgespülte Sätze vom Teleprompter abzulesen, liefern die neuen Fernsehmacher mitunter Gestotter und halbfertige Gedanken, aber auch Emotionen und Wahrhaftigkeit.

Einer der erfolgreichsten YouTube-Stars, Peter Oakley, wäre bei ProSieben wohl nicht mal beim Pförtner vorbeigekommen. Im Internet dagegen schauten sich Menschen schon über fünf Millionen Mal die Videos des 79-jährigen Witwers aus England an: Der erzählt vom Krieg und seinen Problemen, als Teenager etwas über Sex zu erfahren, oder davon, wie er beim Plattenkauf die Musik von Bing Crosby und Glenn Miller entdeckte.

"Geriatric1927" wurde zum Online-Opa der Weltgesellschaft. Seine Erzählungen haben das Uralt-Genre der mündlichen Überlieferung fürs Web 2.0 neu interpretiert. Fans von Australien bis Amerika lieben seinen höflich-umständlichen Stil, seine Altersweisheiten und halten ihn mit Tausenden von Video-Grüßen, Textkommentaren und E-Mails beschäftigt.

"Ich bin der glücklichste alte Mann der Welt", sagt Oakley, der allein auf dem Land lebt und neben seinem Videoblog auch eine Web-Seite mit Forum, Fotos und Musik betreibt, all das sei doch viel "besser, als im Altersheim zu sitzen", findet er. FRANK HORNIG


DER SPIEGEL 11/2007
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