DER SPIEGEL



Behaltet euer Luxusauto

Von Spörl, Gerhard und Hujer, Marc

Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, 59, über den notwendigen ökologischen Umbau der Vereinigten Staaten, seine Forderung nach einem Rückzug amerikanischer Truppen aus dem Irak sowie die Gemeinsamkeiten von Ehe und Politik

SPIEGEL: Herr Gouverneur, vor nicht allzu langer Zeit haben Sie gleich mehrere spritfressende Monsterautos vom Typ "Hummer" besessen. Jetzt sind Sie der "Grüne Gouverneur" und scheinen die nicht mehr zu fahren. Stimmt das Gerücht, dass Sie Ihre Flotte verkauft haben?

Schwarzenegger: Ich kaufe und verkaufe regelmäßig Autos, aber ich pflege keine Flotten zu kaufen oder zu verkaufen.

SPIEGEL: Also besitzen Sie Ihre Hummer noch? Für jemanden, der die Umwelt schützen möchte, ist das doch nicht das ideale Fahrzeug, oder?

Schwarzenegger: Das sind keine gewöhnlichen Hummer. Einen habe ich von General Motors zu einem Geländewagen mit Brennstoffzellen-Antrieb umrüsten lassen. Dieser Hummer ist einzigartig auf der ganzen Welt. Einen anderen habe ich auf Biogas umstellen lassen. Dabei kann ich selbst diese Wagen gar nicht mehr fahren, denn seit ich Gouverneur bin, werde ich vom staatlichen Sicherheitsdienst chauffiert. Meine Hummer bleiben in der Garage.

SPIEGEL: Ist es nicht ein komischer Kompromiss, ein solches energiefressendes Monster in ein ökologisches Auto umzuwandeln? Warum kaufen Sie nicht einfach kleinere Autos?

Schwarzenegger: Eben nicht. Die Botschaft, die ich vermitteln will, ist ja genau die: Wir sind gar nicht gegen große Geländewagen, auch wenn wir die Umwelt schützen wollen. Wir sollten vielmehr die Technologie entwickeln, um die Treibhausgase zu reduzieren. Darum geht es und nicht um die Größe des Autos. Wir müssen einfach das Auto umgestalten.

SPIEGEL: Ist das der neue kalifornische Traum: Tue Gutes, ohne auf Luxus zu verzichten? Kann man verschwenderisch und sparsam zur gleichen Zeit sein?

Schwarzenegger: Ja, das ist doch das Phantastische. Erst kürzlich haben wir von BMW einen Luxuswagen aus der 7er Reihe mit einem Wasserstoff-Antrieb bekommen. Wir sind die Ersten im Land. BMW hat 100 davon gebaut und verteilt sie jetzt an Meinungsmacher, Stars und Prominente. Wenn diese Leute mit den Autos herumfahren, verbreitet sich die Idee, dass es cool ist, ein Auto mit Wasserstoff zu fahren. Wir müssen das Auto eben nicht kleiner machen. Nein, wir müssen sagen: Behaltet euer Luxusauto!

SPIEGEL: Solange Ökologie nicht wirtschaftliche Opfer bedeutet, scheinen Sie sich wohl zu fühlen, wenn Sie als "Grüner Gouverneur" gefeiert werden.

Schwarzenegger: Großartig, ich mag das. Bei meinem Wahlkampf im vorigen Jahr war alles grün, damit ich die Botschaft auch vermitteln konnte. Ich habe eine Pressekonferenz gehalten mit dem Pazifik im Hintergrund, und ich habe gesagt, dass diese Ölstationen dort draußen irgendwann nicht mehr da sein werden. Denn wir wissen inzwischen, dass Umweltverschmutzung kontraproduktiv ist und dass wir uns selbst umbringen durch den Klimawandel.

SPIEGEL: Sie sind nicht der Einzige, der sich in Amerika als Grüner profiliert. Es gibt andere, Al Gore beispielsweise, der das gleiche Thema besetzt. Ist das mehr als eine Modeerscheinung?

Schwarzenegger: Beim Umweltbewusstsein gibt es hier eine Dynamik, die gigantisch ist. Mich erinnert das an meine Bodybuilding-Zeit. Erst war Bodybuilding noch unbekannt, dann hat es sich wie ein Waldbrand über den Erdball verbreitet. Wenn Sie heute verreisen, egal wohin, und einen Fitnessclub suchen, sagen alle: Selbstverständlich, das Hotel hat einen.

SPIEGEL: Was hat dieses neue Umweltbewusstsein ausgelöst? Waren es die hohen Benzinpreise und die Erkenntnis, dass die USA von Energielieferungen aus dem Nahen Osten abhängig sind?

Schwarzenegger: Wir mögen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nicht. Diese Abhängigkeit ist grundfalsch. Sie ist so falsch wie die Strategie eines Investors, der sein Geld nur in ein einziges Produkt oder in eine einzige Firma steckt. Man muss diversifizieren. Man muss in 30 verschiedene Firmen investieren, nur dann kann man sicherstellen, dass die Investition auch wächst. Bei unserer Energieversorgung haben wir uns nicht nach dieser Strategie gerichtet.

SPIEGEL: Der frühere Vizepräsident Gore hat gerade für seinen Umwelt-Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" den Oscar erhalten. Stiehlt er Ihnen die Show?

Schwarzenegger: Ich glaube nicht. Das politisch Interessanteste ist doch, dass nun auch Republikaner für Umweltschutz sind. Bei den Demokraten haben wir das schon immer gewusst. Viele haben geglaubt, weil ich Republikaner bin, würde ich Ölkonzerne unterstützen und Wirtschaftsinteressen schützen. Deshalb sind sie überrascht, wenn ich über Treibhausgase rede. Diese Entwicklung hat Gores Anliegen zum Durchbruch verholfen. Kalifornien verabschiedet heute Umweltgesetze, über die er schon vor 20 Jahren geredet hat. Gore hat immer recht gehabt, aber weil er ein Demokrat ist, wurde er als jemand verspottet, der Bäume umarmt.

SPIEGEL: Ein ziemliches Comeback für ihn. Glauben Sie, dass er noch einmal als Präsidentschaftsbewerber antreten wird?

Schwarzenegger: Er wird wohl erst mal sehen wollen, wie sich Hillary Clinton und Barack Obama machen. Dann könnte er vielleicht wieder mitmischen.

SPIEGEL: Wird der Klimawandel im Wahlkampf von 2008 nicht doch ein zweitrangiges Thema sein, wenn erst einmal der Irak-Krieg diskutiert wird?

Schwarzenegger: Ich bin mir da nicht so sicher. Der Irak-Krieg ist jetzt ein großes Thema. Aber in der Politik ändern sich die Dinge schnell. Als ich Gouverneur wurde, hatten wir Haushaltsprobleme, und es war praktisch undenkbar, dass wir je wieder jemanden einstellen könnten. Das ist inzwischen anders. Ich hoffe, dass es mit dem Irak-Krieg genauso wird. Ich wünsche mir, dass die Bewerber nicht nur nach dem Krieg befragt werden, sondern dass wir auch über die Qualität unserer Infrastruktur reden, über Gesundheitspolitik, Einwanderung und andere große Themen.

SPIEGEL: Seit der Präsidentschaft von John F. Kennedy war Hollywood immer ein wichtiger Teil des Wahlkampfs. Welche Rolle spielt die Filmindustrie diesmal?

Schwarzenegger: Hollywood spielt immer eine große Rolle. Da gibt es viel Geld, die Bewerber bekommen größere Wahlkampfspenden als anderswo. Aber diesmal ist Hollywoods Aufmerksamkeit auf mehrere Aspiranten verteilt. Die Produzenten David Geffen und Steven Spielberg haben Spenden für Barack Obama gesammelt. Andere machen das für Hillary Clinton und wieder andere für John Edwards.

SPIEGEL: Welche Rolle wollen Sie bei der nächsten Präsidentschaftswahl spielen? Traditionell entscheidet sich Kalifornien erst sehr spät für einen Bewerber, und häufig steht dann schon fest, wer die Kandidaten sein werden.

Schwarzenegger: Deshalb werden wir den Termin für unsere Vorwahlen nach vorn verlegen. Wir wollen schon im Februar über die Bewerber abstimmen lassen, und damit sind wir, als bevölkerungsreichster Staat, gleich zu Anfang des Vorwahlprozesses dran. Das wird uns zum wichtigsten Spieler überhaupt machen.

SPIEGEL: Sie propagieren seit geraumer Zeit eine neue Ära überparteilicher Zusammenarbeit; schlichte Parteilichkeit sei passé. Würden Sie so weit gehen und auch einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten unterstützen?

Schwarzenegger: Nein, weil wir bei den Republikanern großartige Bewerber haben. Sie sind einfach gut und stehen im Zentrum des politischen Spektrums. Das gilt besonders für den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani und für Senator John McCain.

SPIEGEL: Was wird bei dieser Wahl entscheidend sein?

Schwarzenegger: Ich glaube, dass sowohl für den republikanischen als auch für den demokratischen Kandidaten die Bereitschaft entscheidend sein wird, mit der anderen Seite zusammenzuarbeiten. Die Wahl wird in der Mitte gewonnen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass das Land genug hat von ideologischen Alleingängen?

Schwarzenegger: Ja, es hat die Schnauze voll.

SPIEGEL: Das sagt jemand, der noch 2004 Kalifornien gegen den Widerstand der Demokraten radikal umbauen wollte, der sich mit den mächtigsten Lobbygruppen des Landes anlegte und ihnen "in den Hintern treten" wollte?

Schwarzenegger: Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte mehr Anstrengungen unternehmen müssen, mit der anderen Seite zu verhandeln, statt ihr alles Mögliche vorzuwerfen. Mein Ton war ein Ton der Konfrontation, und der war falsch. Wenn man wirklich etwas erreichen will, kann man das nicht auf diese Art machen.

SPIEGEL: Ihre Zustimmungswerte hatten sich fast halbiert, Sie mussten Ihren Kurs ändern, um politisch zu überleben.

Schwarzenegger: Politik funktioniert letztlich nicht viel anders als eine Ehe. Es bekommt der Beziehung nicht, wenn Sie Ihrer Frau sagen: Pass auf, wenn du das Bett nicht machst und wenn du kein Essen auf den Tisch stellst, werde ich einfach eine Haushälterin anstellen, und du wirst irrelevant. Das klappt so nicht.

SPIEGEL: Befinden sich die USA schon in einer Nach-Bush-Ära, in der eine klare ideologische Linie nicht mehr als Tugend, sondern als Problem angesehen wird?

Schwarzenegger: Ich weiß nicht, ob diese Frage Bush richtig beschreibt. Als er noch Gouverneur von Texas war, betrieb er Politik in einer sehr überparteilichen Form. Ich weiß nicht, warum dann in Washington alles anders geworden ist. Offenbar verändert Washington die Politiker.

SPIEGEL: Als Sie vor kurzem dort waren, haben Sie Präsident Bush ziemlich heftig angegriffen. Sie haben gesagt, er solle mehr Kompromisse machen und Gespräche mit den Demokraten führen.

Schwarzenegger: Ich habe ihn nicht angegriffen. Ich habe ihm ein paar Vorschläge unterbreitet. Es ist doch klar, dass wir zusammenarbeiten müssen, um einen vernünftigen Job zu machen. Was dem Land richtig schadet, ist die Art und Weise, wie in Washington zurzeit regiert wird.

SPIEGEL: Sie gehörten zu den Befürwortern des Irak-Krieges. Jetzt treten Sie für einen graduellen Rückzug der Truppen ein. Geben die Vereinigten Staaten mit diesem Rückzug nicht auch ihren Einfluss in der Region auf?

Schwarzenegger: Jeder muss seine Positionen ändern, wenn sich die Dinge verändern. Ich hatte andere Informationen als der Präsident. Ich erfahre nur das, was aus Washington und von den Medien verbreitet wird. Damals schien klar, dass der Irak

ein Hort des Terrorismus sein musste. Saddam Husseins Regime war eine Diktatur, die viele Menschen das Leben gekostet hatte. Das war eine gute Begründung für den Einmarsch, erst recht nach dem 11. September.

SPIEGEL: Nun haben Sie aber ein Ende des Krieges gefordert.

Schwarzenegger: Richtig. Vier Jahre später müssen wir uns fragen, ob der Irak ein zweites Vietnam wird, und ich will kein zweites Vietnam. Ich glaube, wir haben der irakischen Regierung lange genug geholfen. Wir haben ihre Soldaten ausgebildet. Wir haben alles getan, was wir tun konnten, und jetzt lasst uns über den Zeitpunkt für einen Rückzug reden.

SPIEGEL: Haben Sie einen speziellen Termin im Kopf wie die Demokraten, die den Abzug aus dem Irak bis spätestens Ende August 2008 verlangen?

Schwarzenegger: Ich habe diesen Punkt im Weißen Haus angesprochen und erfahren, dass es einen konkreten Plan gibt, aber dass man darüber nicht sprechen könne, um ihn nicht zu verraten. Dieser Krieg muss ein Ende haben. Er kostet ein Vermögen, und er kostet zu viele Leben.

SPIEGEL: Zu Ihren Pflichten gehört es, Kondolenzbriefe an die Familien gefallener Soldaten zu schreiben. Haben Sie jemals an einer Beerdigung teilgenommen?

Schwarzenegger: Ich gehe zu Beerdigungen von Feuerwehrleuten, Polizisten und Sicherheitsbeamten, aber ich bin noch nie bei einem gefallenen Soldaten gewesen.

SPIEGEL: Warum nicht?

Schwarzenegger: Es sind einfach zu viele.

SPIEGEL: Wie viele?

Schwarzenegger: Ein paar hundert, ein großer Verlust.

SPIEGEL: Es wurde bereits an eine Lex Schwarzenegger gedacht - einen Verfassungszusatz, der auch im Ausland geborenen Amerikanern das Recht geben würde, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Warum ist daraus nichts geworden?

Schwarzenegger: Irgendwann wird unsere Verfassung entsprechend geändert werden, aber das wird noch eine Weile dauern. In 10 oder 20 Jahren wird das nicht mir, sondern jemand anderem zugutekommen. Das muss Teil einer umfassenden Einwanderungsreform werden.

SPIEGEL: Würden Sie gern der nächsten Washingtoner Regierung angehören, etwa als Außenminister?

Schwarzenegger: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich denke 24 Stunden ausschließlich über den Job nach, den ich jetzt mache.

SPIEGEL: Das sagen alle.

Schwarzenegger: Über mich selbst denke ich nie mehr als ein paar Tage im Voraus nach, das habe ich nie gemacht. Ich bin in die Vereinigten Staaten gekommen, weil das ein Land ohne Sicherheitsnetz ist. Aus demselben Grund habe ich mich für Filme entschieden und nicht für TV-Serien. Ich will nicht immer im Vorhinein wissen, was der nächste Schritt bringt. Ich mag die Idee des Risikos: Wenn man einen schlechten Film gemacht hat, bekommt man keine neuen Angebote mehr, aber man bekommt 15 neue Skripte, wenn man einen guten Film gemacht hat. Ich habe immer das Gefühl: Wenn ich 100 Prozent Leistung bringe, dann stehen mir alle Optionen für die Zukunft offen. Die Dinge ergeben sich. Ich habe volles Vertrauen in meine Zukunft.

SPIEGEL: Woher stammt diese Haltung?

Schwarzenegger: Als ich 15 Jahre alt war, war ich mir schon ganz sicher, dass ich einmal Weltmeister und der großartigste Bodybuilder überhaupt werden würde. Später im Showbusiness war es ebenso. Ich wusste, dass ich eines Tages mehr Geld verdienen würde als jeder andere in diesem Geschäft. Und ich habe es geschafft. So etwas erfordert den Willen, zu arbeiten und alles zu tun, um eine Vision zur Realität zu machen. Dasselbe ist auch in der Politik nötig. Es gibt Tausende von Experten hier in Sacramento, aber am Ende geht es nur darum, dass man etwas anpackt und auch zu Ende führt. Deshalb ist das hier der perfekte Job für mich.

SPIEGEL: Herr Gouverneur, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Links: Ausschnitt aus Gores Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit"; rechts: im Geländewagen mit Brennstoffzellen-Antrieb.* Mit den Redakteuren Gerhard Spörl und Marc Hujer in Schwarzeneggers Amtssitz in Sacramento.

DER SPIEGEL 11/2007
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