12.03.2007

FINNLANDSchärfster Mann

Vor der Wahl im Musterland der Reformen interessiert die Bürger vor allem eines: das Privatleben ihres Premiers.
Matti Vanhanen, 51, ist nicht gerade ein Ausbund von Emotion. Selbst wohlmeinende Beobachter bescheinigen dem eher behäbigen finnischen Ministerpräsidenten das Temperament einer Wanderdüne.
Dass der Parteichef des bürgerlichen Zentrums gleichwohl auf gutem Weg ist, am Wochenende zum zweiten Mal Regierungschef zu werden, hat er womöglich seinen amourösen Aktivitäten zu verdanken. Eine Internet-Affäre mit der 15 Jahre jüngeren Susan Kuronen beschäftigt seit Wochen viele Wähler weit mehr als jedes politische Thema.
Der sonst eher grau wirkende Staatsmann macht auf einmal als schillernder Schwerenöter von sich reden. Und dass er seine Netzbekanntschaft mit schwülstigen Liebesbeteuerungen bombardierte und ihr auf elektronischem Wege die eher zweifelhafte Schmeichelei zukommen ließ, sie schmecke "besser als Ofenkartoffel" - das macht viele Landsleute an und bringt ihm womöglich sogar zusätzliche Stimmen ein.
Zwar liegen die beiden großen Koalitionspartner Zentrum und Sozialdemokraten in Umfragen seit Wochen Kopf an Kopf, bei etwa 23 bis 24 Prozent. Doch die steigende Beliebtheit Vanhanens könnte dafür sorgen, dass er am Ende knapp die Nase vorn hat. Rund 49 Prozent wollen inzwischen lieber Vanhanen als seinen sozialdemokratischen Konkurrenten, Vizepremier und Finanzminister Eero Heinäluomo (elf Prozent).
Obwohl das Rennen also äußerst knapp ist, erleben die Finnen einen ungewöhnlich ereignisarmen Wahlkampf. Dafür mag die erstaunliche Bilanz des Wirtschafts- und Reformwunderlandes verantwortlich sein. In nahezu allen internationalen Vergleichen, ob beim Bildungsstandard, bei Lebensqualität, Kinderfreundlichkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Internet-Dichte oder der Korruptionsfreiheit liegen die Finnen stets weit vorn, wenn nicht gar, wie bei Pisa oder der Finanzstabilität, an der Spitze.
Das Wirtschaftswachstum lag im vorigen Jahr erneut bei stattlichen 5,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit war 2006 mit 7,7 Prozent so tief wie seit 15 Jahren nicht mehr. Der Staatshaushalt weist seit Jahren einen Überschuss auf.
So gut geht es den Finnen, dass die sonst heißumkämpfte und über Parteigrenzen hinweg umstrittene Frage einer möglichen Nato-Mitgliedschaft als Wahlkampfthema einfach ausgeklammert wird. Selbst der massive Ausbau der Atomkraft scheint keine Auseinandersetzung wert.
Und weil die Politiker die traditionell stabilen Parteilager nicht durch politische Polarisierung provozieren möchten, richtete sich das Interesse der Öffentlichkeit auf Vanhanens Frauengeschichten. Schon einmal hatte er damit für Schlagzeilen gesorgt, als der Premier Frauen per SMS angebaggert haben soll. Diesmal verlegte er seinen Modus Operandi ins Internet.
Bereits vor einem Jahr hatte der eher betuliche Politiker im Portal www.suomi24. fi auf eine Kontaktanzeige von Susan Kuronen reagiert. In nächtlichem Chat drängte Vanhanen, zunächst anonym, auf ein schnelles Treffen. Bereits beim ersten Date wurden heftige Küsse ausgetauscht, das zweite fand schon in der Sauna statt. Dass die ganze Nation am Liebesleben des frisch geschiedenen Premiers teilhaben konnte, ermöglichte Vanhanens Angebetete - zuerst durch offene Beichten in der Klatschpresse und dann, nachdem sie abserviert worden war, in einem Buch: "Die Braut des Ministerpräsidenten".
Ein Riesenpulk von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten drängte sich, als Anfang vorigen Monats nichts weiter als der Buchumschlag vorgestellt wurde. Und obwohl die pikantesten SMS und Mails aus juristischer Vorsicht nicht abgedruckt wurden, ist über die Hälfte der ersten Auflage bereits verkauft, ein Nachdruck geplant.
Die gespannte Leserschaft erfährt, dass die abendlichen Besuche des Premiers meist nach gleichem Muster abliefen: Sauna, Sex, Abendessen. Und wenn einmal nichts ging, ging zumindest das Handy. Vanhanen simste dann eigenwillige Liebesgrüße: "Gute Nacht, der Geschäftsführer". Selbst Frankreichs Präsident Jacques Chirac fühlte sich animiert, Vanhanen zum "schärfsten Mann" Finnlands zu erklären.
Es scheint fast so, als sei die Medienrealität im klatschgewohnten Westeuropa mit Verspätung nun auch im sonst so politisch korrekten Finnland angekommen. "Politiker sind augenblicklich unsere Superpromis", jubelt Chefredakteurin Liisa Jäppinen von der Frauenzeitschrift "Eeva".
Auch Kulturministerin Tanja Saarela, 36, die als Miss Finnland und Dessous-Model den Namen Karpela trug, sieht sich mit einer öffentlichen Erörterung ihres Privatlebens konfrontiert. Eine längere Affäre mit dem damaligen Finanzminister und bis heute populärsten Spitzenmann der Konservativen, Sauli Niiistö, gehört dazu, wie angeblich auch eine Affäre mit Vanhanen. Alle offiziellen Einlassungen dazu fielen wachsweich aus.
Eindeutiger war dagegen Vanhanens Botschaft, mit der er die Affäre Kuronen nach neun Monaten und zehn Tagen kurz vor Weihnachten beendete. Er schickte eine SMS: "Das war's."
Inzwischen sorgt ein ungewöhnlicher Wahlauftritt des Premiers bei der Grünen Merikukka Forsius, 34, für neuen Klatsch auf den Titelseiten. Schon beim mondänen Ball zum Unabhängigkeitstag Anfang Dezember wollten Reporter die beiden zu später Stunde inniglich und Hand in Hand beobachtet haben; die Grüne dementiert nur halbherzig.
Jetzt folgte der Premier überraschend dem Ruf der attraktiven Blonden zu einem ganz besonderen Klimagipfel: Gemeinsam präsentierten sie Al Gores Dokumentation "Eine unbequeme Wahrheit".
MANFRED ERTEL
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 11/2007
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