12.03.2007

Rebellen an den Luftgitarren

Global Village: Rock mit Regeln - wie in Teheran ein Konzert gefeiert wird
Yeah, brüllt der Sänger, jetzt kommt "World of Criminals", unser letzter Song, yeaaaah!
Applaus, noch einmal werden die Digitalkameras gezückt, Blitzlichter flackern. Das Mädchen in Reihe sieben zupft an seinem seidenen Kopftuch.
One! Two! Three, four ... Der Schlagzeuger zählt vor, Englisch, wie sich's gehört.
Ich liebe diesen Song, flüstert das Mädchen, es knüllt sein Taschentuch.
Bam-bam-bam-bam, der Schlagzeuger drischt los, schnell, trocken, der Bass steigt ein, die E-Gitarren rammen ihre Akkorde dazwischen, es klingt nach Auffahrunfall, und nun tritt der Sänger vor, packt den Mikro-Ständer, rüttelt daran, rüttelt wie King Kong an den Käfigstangen, bleckt die Zähne, singt.
Kill them, yeah!
Bam-bam-bamm ...
Kill them all!
Irgendwie ist es auch rührend, was die fünf dunkellockigen Jungs dort auf der Bühne fabrizieren. Ein Gemisch aus Deep Purple, Black Sabbath, Uriah Heep, der gute, alte Tätowierstudiorock der Siebziger, aus dem Jurassic Park der Popmusik; aber dies ist keine Ü-40-Party, keine Nostalgie, dies ist Gegenwart, der Ernstfall. Dies ist Teheran, 2007.
Der Leadgitarrist ist dran. Er fetzt sein Solo, die Gitarre kreischt, der Sänger tänzelt zum Rand der Bühne, wo er mit der linken Hand einen Gitarrenhals packt, einen unsichtbaren, mit der rechten Saiten zerrt, imaginäre, ein Luftgitarrist jetzt, das Lied wird schneller, hämmernder, und allmählich müsste das Publikum mal ausflippen, die Leute müssten auf die Stühle springen, kreischen, stampfen, tanzen, weil Rockmusik eben so ist, Dezibel, Schweiß, Ekstase. Aber das tun sie nicht.
Sie springen nicht auf. Sie rühren sich nicht mal. Null.
Es sind 300 Leute im Publikum, aber keiner erhebt sich auch nur einen einzigen Zentimeter, als ob sie festgeleimt wären auf ihren Plastikstühlen. So sind die Regeln.
Im Norden der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, auf der Ali-Schariati-Straße, ein Stück hinter dem Farhang-Kino, wo manchmal sogar ausländische Filme laufen, liegt in einer Seitenstraße das Haus der Bassidsch-Milizen. Die Bassidsch sind die Türstehertruppe der Revolution. Sie sind jung, gläubig und vielseitig, sie können Demos aufmischen und Frauen einschüchtern, die sich zu schminken gewagt haben. Die meisten Vereinsheime liegen im armen Süden Teherans, aber manche auch hier, im Norden, wo die Luft weniger versmogt ist, die Mieten höher sind.
Das Haus ist ein gelbgrauer Kasten. Im Erdgeschoss eine Küche, Geruch nach Linsen, schmutziges Blechgeschirr in der Spüle. Daneben Waschraum, Gebetsraum, der Schlafsaal für etwa 50 Mann. Im zweiten Stock ein Saal, normalerweise für politische Schulungen. Doch irgendwie hat die Band M.A.N.X. den Saal mieten können, eine junge iranische Band, die bekannt ist für ein bisschen Rebellion, ein bisschen Aufstand, ein bisschen Ungehorsam.
Die Bassidsch sind jung, wie die Rockfans, aber sie stehen auf der anderen Seite der Gesellschaft. Sie gehören zum islamischen Establishment, sie tragen keine Nike-Sneaker, spielen nicht an iPods, haben keine Verwandten in Los Angeles; sie kommen aus dem Milieu, dem auch ihr Präsident entstammt, dem Milieu der kleinen Leute, denen der Islam Sinn und Selbstbewusstsein verleiht. Und an diesem Abend sind sie die Aufpasser.
Etwa ein Dutzend hält sich draußen bereit. Fünf, sechs stehen an den Türen, andere patrouillieren durch die Mittelreihe. Sie lassen keinen Zweifel, dass sie diese Musik hassenswert finden, westlich, dekadent. Aber sie sind hier, weil sie ihre Befehle haben, weil die Regeln eingehalten werden müssen: Niemand darf tanzen. Männer und Frauen dürfen sich nicht berühren. Keine Zugaben. Die Aufpasser können das Konzert jederzeit stoppen. Die Band, das Publikum, sie haben die Regeln akzeptiert, sie kennen es nicht anders.
Schätzungsweise 70 Prozent der Iraner sind unter 25 Jahre alt, die Erben einer Revolution, die zur Diktatur gerann. Diese erste in die Islamische Republik hineingeborene Generation wuchs auf unter den wachsamen Blicken der Mullahs, unter den strengen Konterfeis der Ajatollahs, überlebensgroß, goldgerahmt, überall. Ihr Lebensgefühl, es wird von zwei Komponenten bestimmt: dem Sein und dem Bewusstsein. Das Sein wird überwacht. Aber das Bewusstsein findet Auswege, Schlupflöcher aus dem Alltag, das Internet, Dope, heimliche Partys, heimliche Helden, ihre selbstgemachten Rockstars, wie M.A.N.X., Rebellen an den Luftgitarren.
Tell no lies! No lies! No lies!
Trommelwirbel, der Sänger brüllt die letzte Strophe, keine Lügen, der Schlussakkord. Applaus. Verbeugungen. Scharren, Stühlerücken, man strebt dem Ausgang zu. Endlich an die frische Luft. Aber einer im Publikum hört nicht auf zu klatschen.
Ein großer, stämmiger Kerl, er ruft nach einer Zugabe, und jetzt stellen sich zwei, drei andere neben ihn, sie brüllen mit.
Zu-ga-be, Zu-ga-be!
Die Bassidsch geben einander Zeichen. Sie kommen heran, von mehreren Seiten gleichzeitig. Zu-ga-be!
Wer kann, beeilt sich.
Der Sänger nimmt das Mikro, druckst einen Moment, dann wünscht er einen sicheren Heimweg und sagt, dass die Band gern bald wieder auftreten würde, das wäre zu schön. Mit anderen Worten: Leute, wenn es hier Ärger gibt, können wir nie wieder spielen, seid vernünftig, bitte.
Und der Stämmige, der eben noch ungestüm nach einer Zugabe brüllte, dreht sich um, achselzuckend, zieht die Jacke an. Und geht. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 11/2007
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