Von Thadeusz, Frank
Nach den Gesetzen der Physik hätte James Bond bereits im Jahr 1973 zu einem Häuflein Asche verglühen müssen. Damals verblüffte der durable Doppelnullagent in Gestalt des adretten Darstellers Roger Moore das Publikum in dem Streifen "Leben und sterben lassen" mit einem Super-Magneten, der in seine luxuriöse Armbanduhr eingebaut war.
Mit dem krassen Chronometer konnte Bond nicht nur Pistolenkugeln abwehren; das kuriose Gerät half 007 auch dabei, seinem Chef den Teelöffel von der Untertasse zu stibitzen - und den Reißverschluss einer Gespielin zu öffnen.
Derlei Neckereien hätten freilich unweigerlich zu einem grausamen Hitzetod geführt, wäre das Phantasiegeschöpf Bond den Naturgesetzen unterworfen. Beim Entfalten der im Film gezeigten Anziehungskraft, so hat es jetzt der Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan, 41, errechnet, hätte sich die Wunderuhr des Agenten nämlich auf eine Billion Grad Celsius erhitzt. Strom von etwa zehn Millionen Ampere wäre im Zuge der cineastischen Trickserei durch den vergleichsweise kleinen Magneten geflossen - ein Ding der Unmöglichkeit.
Mit derlei Erkenntnissen aus der Welt des prominenten Spions amüsiert Tolan neuerdings seine Studenten und erklärt ihnen damit gleichzeitig physikalische Grundbegriffe wie Magnetismus. Die begeisterten Jungakademiker haben Tolans Lehrveranstaltungen folgerichtig einen hohen Spaßfaktor attestiert. Demnächst will der Professor zusammen mit seinen Stu-
denten auch ein Buch schreiben, das eine Reihe kurioser Fälle aus der Agentenserie auf ihren physikalischen Realitätsgehalt überprüft.
Bei Bond kann Fan Tolan aus dem Vollen schöpfen. In den inzwischen 21 abgedrehten 007-Filmen legt sich der Agent nicht nur regelmäßig mit irren Schwerverbrechern an, sondern häufig zugleich mit den Naturgesetzen.
So haben Tolans Forschungen nunmehr auch bewiesen, dass der knarzige Erfinder "Q" den Spion aus dem eigenen Hause offenkundig töten oder doch zumindest gezielt foltern wollte. Beispielsweise schickt Q den Agenten in "Die Welt ist nicht genug" ebenfalls mit einer Hightech-Armbanduhr
in den Einsatz, die diesen in der Realität wohl förmlich zerrissen hätte.
Die Idee des Film-Tüftlers: In die Enge getrieben, soll Bond aus der Uhr ein Stahlseil abfeuern, das ihn blitzschnell aus der Gefahrenzone zieht. Nach der Formel "Kraft gleich Masse mal Beschleunigung" rechnet der Dortmunder Physikprofessor jedoch vor, dass Bonds Arm in der betreffenden Szene eine Last von rund 400 Kilogramm hätte schultern müssen. Tolan: "Da ist der Arm ab."
Weit waghalsiger noch war jene Aktion in "GoldenEye", als Bond in Gestalt von Pierce Brosnan auf einem Motorrad einem unbemannten Propellerflugzeug hinterherjagt, das auf einen Abgrund zurast. Weil der Tollkühne die Maschine nicht mehr einholen kann, stürzt er sich kurzerhand hinterher. Im Fallen erwischt Bond die abstürzende Maschine tatsächlich noch; der Agent prallt von oben auf den Rumpf, kraxelt ins Cockpit und schafft es sogar, das Flugzeug vor dem drohenden Aufprall gegen einen Berg in die Höhe zu manövrieren.
Über dieses Beispiel britischer Spionagekunst machte sich Physiker Tolan besonders genüsslich her - und gelangte nach intensiven Berechnungen zu einem überraschenden Ergebnis: Die aberwitzige Aktion hätte tatsächlich gelingen können. Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Bond hätte - ausgerüstet etwa mit einem Spezialanzug aus Haifischhaut - 14mal windschlüpfiger sein müssen als das Flugzeug, um es zu erwischen. Außerdem hätte 007 die Geschwindigkeit des Flugzeugs am Boden auf zwei bis drei Stundenkilometer genau schätzen müssen.
"Der Zuschauer meint, Bond müsste dem Flugzeug so schnell wie möglich hinterher, um es in der Luft noch zu kriegen", beschreibt Tolan die Tücke für den Kinogänger. Tatsächlich aber muss sich der Agent bei der Verfolgung geradezu Zeit nehmen und den richtigen Moment des Absprungs genau abpassen - um den Flieger nicht zu verfehlen. Denn wegen des geringeren Luftwiderstands stürzt Bond mit sehr viel höherer Geschwindigkeit den Abgrund hinab als die Maschine.
Mit dieser Szene erweist sich Bond also als Großmeister der angewandten Physik. "Er hat auch in der Stresssituation alles richtig gemacht", lobt Tolan den Protagonisten seiner Forschungen.
An anderer Stelle konnte Bond hingegen aus der Sicht des Physikers nur alles falsch machen. In "Der Mann mit dem goldenen Colt" nutzt der Spion die Überreste einer eingestürzten Holzbrücke als Rampe für einen spektakulären Sprung mit seinem AMC Hornet Hatchback Special Coupé über einen Fluss. Im Flug dreht sich das Auto einmal um die eigene Achse, um dann sicher wieder auf den Rädern aufzukommen.
Im wahren Leben wäre 007 mit großer Wahrscheinlichkeit im Wasser gelandet, hat Tolan herausgefunden. Denn für eine bilderbuchartige Rotation wie im Film hätte Bonds rote Nobelkarosse eine konstante Rotationsachse benötigt. Doch neben dem Agenten fläzt sich im Film auch noch der übergewichtige Sheriff Pepper auf der Rückbank des Wagens. Angesichts einer solchen Asymmetrie im Passagierraum wäre das Gefährt unter normalen Umständen rasch ins Torkeln geraten.
Das hat wohl auch die Filmcrew gewusst: Bei den Dreharbeiten wurde der Flitzer von einem Stuntman gelenkt, der bewegungslos auf einem in der Mitte der Fahrerkabine festgeschraubten Sitz kauerte.
Neben den gelegentlich arg pompösen und mitunter unrealistischen Actionszenen in älteren Filmen wirkt der jüngste Bond in dieser Hinsicht geradezu nüchtern und solide. Der neue Darsteller Daniel Craig scheint sich als britischer Geheimagent im Dienste Ihrer Majestät bei der Jagd auf Spitzbuben in erster Linie auf seinen gestählten Körper zu verlassen. Das Spektakel, so der Eindruck, gewinnt durch die Akrobatik wieder an Glaubwürdigkeit.
Auch Bond-Kenner Tolan hat sich bei den aktuellen Verfolgungsjagden auf Baukränen in großer Höhe "bestens amüsiert". Gleichwohl hat der Physiker auch im neuesten Bond was zum Mäkeln gefunden: Eine Landung aus fünf Meter Höhe auf den Beinen sei so, als würden einem "zehn Zementsäcke auf die Knie geworfen".
"Ich weiß nicht, was sie mit Bond angestellt haben", rätselt Tolan, "aber meine Kniescheiben würden das nicht aushalten." FRANK THADEUSZ
DER SPIEGEL 11/2007
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