12.03.2007

Die deutsche Katastrophe

Band 31 der SPIEGEL-Edition: „Hitler. Eine Biographie“ von Joachim Fest - das wohl bedeutendste Buch über den Dämon der Deutschen
Der Vater hatte ihn gewarnt vor diesem Lebenssujet: Hitler und das Dritte Reich. Es sei ein "Gossenthema", gänzlich ungeeignet für historische Gestaltung; Vater Fest, ein überzeugter Demokrat, den die Nazis als Schulleiter rausgeworfen hatten, begründete den Appell an den Sohn sehr konkret. Wer über die NS-Zeit und deren Führungspersonal Bücher schreibe, gestehe ihnen, ob er wolle oder nicht, eine historische Würde zu, die ihnen nicht zukomme. Punktum.
Joachim Fest antwortete, wer die Diktatur "miterlebt und miterlitten" habe, dem möge "Hass ausreichend" sein. "Für eine spätere Generation aber reicht das nicht, sie muss zu verstehen versuchen, wie der Nationalsozialismus möglich war."
Und wie es sein konnte, dass der Protagonist dieser Bewegung, ein Gefreiter des Ersten Weltkriegs mit schräger Biografie, zum Herrscher über ein Kulturvolk wurde, das plötzlich der Barbarei huldigte.
Fast fünf Jahre lang sollte Fest an seinem Opus magnum arbeiten; er verzichtete bewusst darauf, durch eigene Quellenforschung das Bild des großdeutschen Führers zu erhellen - die gedruckte Literatur war seine Stütze, woraus folgt, dass der Autor auch abhängig war von den Recherchen anderer. Für Fest schien dies kein Problem. Er war überzeugt, dass "keine Materialien mehr zu erwarten sind, die das Bild der Epoche und ihrer Akteure auch nur zu modifizieren vermögen". Sowieso glaubte er: "Nicht neue Quellen, neue Fragestellungen brauchen wir."
Immer wieder habe es "sehr viel Selbstüberredung" gekostet, das Ziel - schließlich rund 1280 engbedruckte Seiten - weiterhin im Auge zu haben. Er hatte seinen Posten als Chefredakteur beim Norddeutschen Rundfunk verloren, drei Kinder und kein festes Einkommen, abgesehen von einem Honorar, das er als Berater der SPIEGEL-Redaktion erhielt.
Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 1973 hatte Fest es geschafft; seitdem sind etwa eine Million Exemplare gedruckt worden, übersetzt in 23 Sprachen. Dieses Buch, lobte Fests Kontrahent Marcel Reich-Ranicki, gehöre zu den "wichtigsten Büchern zum Thema überhaupt". "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher griff noch höher. "Kein Buch, das seit 1945 in deutscher Sprache erschienen ist, ist bedeutender, und kein anderer Autor" habe "vorher oder nachher stilistisch und gedanklich" diese Klasse erreicht.
"Hitler. Eine Biographie" ist ein Meisterwerk der Historiografie, kaum ein Autor schrieb ein solch grandioses Deutsch wie Fest, der studierte Historiker. Auch wenn es in manchen Passagen so scheint, als habe der Autor sich in seine Kunst des Formulierens selbst verliebt. Genau dies kritisierte auch Rudolf Augstein in seiner großen Rezension unmittelbar nach Erscheinen des Werks - es sei "mit oft glänzenden Wortschemen überladen", gegen Fests "Hang zu stilistischer Überhöhung ließe sich" deswegen "mit einer hohen Trefferquote beckmessern". Tatsächlich erzählt Fest Hitler nicht, er deutet ihn - die Fragen, auf die er Antworten bietet, lauten komprimiert: Woher bezog Hitler seine überwältigende Dynamik? Worin war sein stupender Erfolg begründet?
Hitlers Aufstieg, konstatiert Fest, sei nicht nur auf dessen demagogisches Genie und dessen Skrupellosigkeit zurückzuführen, er schien wie niemand sonst in der Lage, jene große Angst aufzufangen, die im deutschen Volk nach dem Zusammenbruch der Bürgerlichkeit im Ersten Weltkrieg herrschte. Wie auch die Totalitarismusforscherin Hannah Arendt, die Fest hoch verehrte, definierte er das Ungeheuer Hitler nicht so sehr als Ursache "denn als Ausdruck von Tendenzen", schrieb die "Zeit" in einem Nachruf auf den im vergangenen September gestorbenen Autor.
Fest erhielt großes Lob - aber auch Widerspruch, der in dem Vorwurf gipfelte, er habe die Taten des Diktators verkleinert und damit verharmlost. Tatsächlich nimmt es Wunder, dass er etwa das Pogrom vom 9. November 1938 nur mit wenigen Worten streift und die Nürnberger Rassegesetzgebung des Jahres 1935 gänzlich auslässt. Vor allem aber: die "Endlösung", das Jahrtausendverbrechen, der Holocaust. Fest erwähnt ihn nur auf gut drei Seiten. Die Zahl der ermordeten Juden gibt er nicht mit sechs, sondern mit über fünf Millionen an und hat sie erstaunlicherweise über die Jahrzehnte hinweg nie korrigiert.
Der Biograf glaubte, sich kurz- fassen zu können, weil damals parallel eine "zunehmend wachsende Holocaust-Literatur" erschienen sei. Und er gab zu, sein "etwas exzessiv geratenes Buch" habe nach Fertigstellung ein schwer zu beschreibendes Unbehagen bei ihm ausgelöst. Vielleicht käme das Unbehagen davon, dass er sich immer wieder auf die Täter fixiert habe, fragte ihn der SPIEGEL.
Fest antwortete, darin liege auch die eigentliche Aufgabe. Doch die Opferseite ist lange von der Zeitgeschichte vernachlässigt worden - zu lange - und auch von Fest.
GEORG BÖNISCH
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 11/2007
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