19.03.2007

SANIERUNGDas gelobte Ghetto

Im Bremer Problemstadtteil Tenever schaffen sich die Bewohner ihre Arbeit selbst. Das Projekt soll verhindern, dass Menschen aus der Unterschicht jede Hoffnung verlieren. Entstanden ist so etwas wie ein Sozialstaatsparadies - sein neuestes Mitglied: Murat Kurnaz. Von Alexander Osang
Im Winter, als in Berlin Frank-Walter Steinmeier, Joschka Fischer und Gerhard Schröder komplizierte, internationale Hintergründe der Staatsaffäre Kurnaz erklären mussten, als Amerikaner, Deutsche und Türken sich gegenseitig Bälle zuwarfen und die Presse stolz und erschüttert aus internen Vermerken des Bundesnachrichtendienstes zitierte, transportierte Joachim Barloschky seinen alten Schreibtisch in eine verlassene Erdgeschosswohnung der Bremer Neubausiedlung Tenever und stellte einen Stuhl dahinter, auf dem Murat Kurnaz seinen Weg zurück in die deutsche Gesellschaft antreten sollte. Barloschky hatte den Fall Kurnaz in den Medien verfolgt und so erfahren, dass der junge Mann, der viereinhalb Jahre in Guantanamo gefangen gehalten wurde, momentan nicht krankenversichert ist und nicht sozialversichert.
Das störte Barloschky, und er beschloss zu helfen. Er ist als Projektgruppenleiter einer Stadtteilgruppe eigentlich für die behutsame Sanierung von Bremen-Tenever zuständig; der Zusammenhang zu Guantanamo, Pakistan und Frank-Walter Steinmeier erschloss sich nur mittelbar. Aber als Dialektiker weiß Joachim Barloschky, dass alles mit allem zusammenhängt.
In den späten sechziger Jahren, als bundesdeutsche Architekten das Demonstrationsbauvorhaben Tenever planten, war Joachim Barloschky damit beschäftigt, die Weltrevolution zu planen und darüber nachzudenken, wie man als Bremer Schüler daran mitwirken könne. Die Architekten des Neubaugebiets am Stadtrand von Bremen träumten von einer modernen Schlafstadt, in der Professoren, Lehrer, Ärzte, Künstler und Arbeiter zusammenwohnen, Barloschky träumte von der klassenlosen Gesellschaft.
Joachim Barloschky wollte immer ein bisschen mehr als die anderen. Und so verwundert es nicht, dass die Architekten des Demonstrationsbauvorhabens Tenever schon in den siebziger Jahren resignierten, Barloschky aber immer noch Hoffnung hat.
"Tenever kommt aus dem Niederdeutschen. Es heißt so viel wie am Fluss gelegen. Wenn man das agitatorisch salopp wenden würde, könnte man sagen: Wir brechen zu neuen Ufern auf", sagt Barloschky, lacht heiser und wippt in den Knien.
Draußen vor seinem Bürofenster dümpelt ein nasskalter, grauer Spätwintertag, durch struppige, kahle Baumkronen hört man die nahe Autobahn, die Tenever einst mit der Welt verbinden sollte, es aber letztlich von ihr trennte. Kein Professor oder Arzt zog je hierher, und Mitte der achtziger Jahre zogen auch noch die Arbeiter weg, zumindest die, die Arbeit hatten. Es kamen Ausländer und sozial Schwache, der Leerstand in den Hochhäusern wuchs, Tenever wurde zu einem Problemgebiet, ein Vorwurf am Rande der Stadt wie Berlin-Hellersdorf, Leipzig-Grünau oder München-Hasenbergl. Jetzt wohnen in Tenever die Leute vom untersten Rand der Gesellschaft, etwa 5500 sind es, knapp die Hälfte der Bewohner lebt von staatlichen Sozialleistungen, über zwei Drittel kommen aus dem Ausland, aus 80 verschiedenen Ländern.
Vor gut sechs Jahren beschloss der Bremer Senat, das Viertel zu sanieren, ein Teil der Häuser wird abgerissen, die anderen wurden modernisiert. Über 70 Millionen Euro fließen in den Stadtteilumbau. Das Ziel ist, wieder mehr Menschen nach Tenever zu locken, die ihre Miete selbst bezahlen können. Die Bremer Wohnungsbaugesellschaft Gewoba spricht von einer "neuen sozialen Mischung". Joachim Barloschky kümmert sich als Leiter der Stadtteilgruppe Tenever um den reibungslosen, behutsamen Ablauf. Ob wirklich zahlungskräftige Menschen hierherziehen, kann er nicht sagen, und tief im Herzen geht es ihm wohl auch nicht darum.
"Ich sorge mich um das Drittel, das aus der Gesellschaft zu fallen droht", sagt Barloschky. "In der Sozialarbeitersprache würde man mich einen Befrieder nennen."
Er steht in seinem Büro, hinter ihm an der Wand ein Plakat, das Gerechtigkeit für die vergessenen Pariser Vorstädte fordert, daneben ein Foto seiner Frau Anne, die als Kindergärtnerin in Tenever arbeitet, und neben der Tür der Lyrik-Kalender vom Deutschlandfunk. Jeden Tag ein Gedicht, heute ist es "Winternacht" von Gottfried Keller.
"Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See."
Barloschky beginnt jede Stadtteilsitzung mit einem Gedicht. Es ist ein winziges Büro, aber Barloschky ist sowieso kaum hier. Der 55-Jährige hat auch kein Handy. Er wird unruhig in Büros und an Telefonen, er muss raus.
"Da draußen ist kein Bildungsbürgertum, das von allein zu dir kommt. Du musst hier zu den Leuten gehen", sagt Barloschky. "Partizipation ist der Schlüssel zur Lösung ihrer Probleme."
Er wirft sich seinen Rucksack über, an dem ein kleiner roter Stern steckt, und hüpft hinaus auf die Straßen von Tenever. Es sind nicht viele Leute unterwegs an diesem feuchtkalten Wintertag, sie grüßen Barloschky wie eine Mischung aus Herrn Kaiser und Mutter Teresa. Sie nennen ihn "Barlo", er ist ihre Verbindung zur Welt. Er kennt ihre Namen oft nicht, aber fast immer ihre Gesichter und ihre Geschichten. Er kennt den rauchenden deutschen Jungen, dem er im Rahmen irgendeines Partizipationsprojekts mal ein Fahrrad besorgt hat; den sächsischen Rentner, der im Kinderbauernhof hilft, um die Staatssicherheit und seine alkoholkranke Frau zu vergessen; und er kennt die Kurdin, die zwei dicke Apothekentüten schleppt und von drei ihrer acht Kinder begleitet wird. Das neunte wächst in ihrem Leib. Sie beklagt sich bei Barlo darüber, dass ihr Mann ihr nicht helfen kann, weil er zum Deutschkurs muss. Deutsch ist wichtig, sagt Barlo, aber die Kurdin schüttelt den Kopf. Wichtig ist, dass der Mann zu Hause mit anpackt, sagt sie. Außerdem haben sie Ratten auf dem Balkon und Kameras im Fahrstuhl. Barlo wippt in den Knien, schließt die Augen. "Komm doch morgen zur Stadtteilsitzung und erläutere euer Problem, da sind Leute von der Wohnungsbaugesellschaft da", sagt er. Die Frau schaut ihn verständnislos an und zieht mit Kindern und Tüten weiter.
"Es gibt ja Menschen, die sagen beim Stichwort Partizipation: Da beteiligt sich
sowieso nur die Mittelschicht. Aber hier in Tenever gibt's gar keine Mittelschicht", sagt Barloschky leise. Bevor die Gewoba den Großteil von Tenever aufkaufte, hatten die Neubaublocks häufig den Besitzer gewechselt, zum Schluss immer schneller. "Heuschrecken", sagt Barloschky, und wenn er nur das Wort ausspricht, kriegt er so einen Hass. Seine Halsschlagader pulsiert, aber dann fällt ihm ein: "Ché Guevara sagt, man muss seinen Hass in positive Energie umsetzen", und er erklärt lieber das "Concierge-Prinzip".
Vor die rekonstruierten Häuser Tenevers haben die Sanierungsarchitekten jetzt Glasboxen in verschiedenen Rottönen gesetzt, in denen ältere Herren sitzen, für die es sonst keine Verwendung mehr gibt. Sie werden "Concierge" genannt. In der Neuwieder Straße 23, dem höchsten Haus Tenevers, sitzt Eckhard Fröse. Er ist 60, war mal Fahrzeugbauingenieur und wurde 1989 arbeitslos, als die "dusslige Wende kam und die ganzen Sachsen hier rüberschwappten". Seitdem kämpft er sich durch verschiedene Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, er hat viele interessante Lehrgänge mitgemacht, er hat unter anderem technischer Redakteur und auch Wärmebedarfsentwickler gelernt, er hat Dutzende Computerkurse gemacht und zum Schluss einen Konfliktvermeidungslehrgang, um als Concierge fit zu sein.
Wie vermeidet man denn Konflikte?
"Keine Freunde schaffen und keine Feinde", sagt Eckhard Fröse. "Wir sind die Ersten in Deutschland, die das Concierge-Prinzip eingeführt haben", sagt Barloschky schnell. "So was gibt's ja sonst nur in Frankreich und vielleicht in der Sowjetunion."
Fröse nickt müde und zündet sich eine neue Zigarette an. Er verdient hier tausend Euro im Monat, brutto. Es sieht nicht so aus, als lege er Wert darauf, noch mal Teil eines neuen Prinzips zu sein. In seinem Rücken steht ein Bücherregal, aus dem sich die Mieter etwas ausleihen können, aber solange er hier ist, hat sich noch niemand ein Buch ausgeliehen. Barloschky schließt die Augen, lächelt, das kann er gar nicht hören.
In den sechziger Jahren hat Joachim Barloschky Bremer Straßenbahnschienen blockiert, um Fahrpreiserhöhungen zu verhindern, in den siebziger Jahren versuchte er als Bundeswehrsoldat, in Neumünster "die Gewehre umzudrehen", später wurde er Berufsrevolutionär, zuletzt machte er die Öffentlichkeitsarbeit für die DKP in Bremen. Ende der achtziger Jahre, als die sozialistische Welt zusammenfiel, an die auch er sich klammerte, machte er eine Ausbildung als Betriebswirt. Er engagierte sich als Bewohneraktivist in Tenever, wo er seit 1981 wohnte, und als sie einen Bürgervertreter für den Stadtteilumbau suchten, nahmen sie ihn. Inzwischen ist aus dem Projekt eine feste Stelle geworden. Er bekommt 1900 Euro netto vom Bremer Senat, Beamtentarif.
"Früher hätte ich gesagt, das, was ich jetzt mache, ist Reformismus", sagt Barloschky. "Ich verkaufe meine Arbeitskraft und trage so zur Stabilisierung des Systems bei und so weiter und so weiter. Aber was soll ich denn machen? Ich möchte, dass sich das Wohnumfeld verbessert für die Menschen in Tenever."
Im Aufzug des Hochhauses sagt Barloschky, dass er Murat Kurnaz zunächst einen Job als Concierge beschaffen wollte, aber dann nicht sicher war, was die Wachmannsituation in einem Mann auslösen würde, der viereinhalb Jahre in Guantanamo festgehalten wurde. "Psychologisch gesehen", sagt Barloschky.
Von oben, vom Dach der Neuwieder Straße 23, erkennt man, dass Tenever wie ein Schwanz an Bremen hängt, umgeben von Wiesen, Seen und Feldern. Hinter der Autobahn gibt es einen Badesee, den man über eine Brücke erreichen kann. Dort spielen sie im Sommer Beachvolleyball, sagt Barloschky, der über das Dach hüpft wie ein kleiner, aufgeregter Vogel. Von hier oben wirkt Tenever einen Moment lang wie eine Stadt mit Zukunft, was sicher an Barloschky liegt, aber auch daran, dass man von weit oben nicht erkennen kann, wer hier wohnt.
Barloschky zeigt die große und die kleine Skateranlage, die Spielplätze für verschiedene Altersgruppen, die Schwimmhalle, die Schulen, die Fußballplätze, die "Halle für Bewegung", das Spielhaus und all die anderen Projekte, die dabei helfen sollen, dass die Bewohner sich im Stadtteil zu Hause fühlen und nicht aufeinander losgehen. 500 000 Euro gibt die Stadt jedes Jahr für solche Projekte, und die Bewohner können bestimmen, was damit passiert. So ist ein Kinderbauernhof entstanden, mit vom Aussterben bedrohten Haustierarten, mit Thüringer Waldziegen, Zwergeseln und rauwolligen, pommerschen Landschafen. Neben dem Bauernhof liegen die "internationalen Gärten", eine 10 000 Quadratmeter große Fläche, die unter 50 Familien des Wohngebietes aufgeteilt wurde. Das Land haben sie kostenlos von der Stadt bekommen.
Von einer der äußersten Parzellen steigt eine schmale Rauchsäule auf, hinter der ein kleiner schwarzer Punkt sitzt. Das ist Taksin Altun aus der Türkei, der sich auf dem offenen Feuer einen Kaffee kocht. Er hat keine Arbeit, und so beschäftigt er sich in seinem Garten, baut ganzjährig Erdbeeren an, türkischen Salat, Bohnen, Lauchzwiebeln, Radieschen, Kartoffeln und Minze.
"Die Leute lieben hier die Scholle", sagt Barloschky ein wenig traurig.
Am Abend trifft er sich mit einer Sozialhelferin und einem Lokalpolitiker im Jugendclub zur "Bewohnerfondsjury", um Geld umzuverteilen. Die Bewohnerfondsjury vergibt Mittel aus dem Bremer Förderprogramm "Wohnen in Nachbarschaften" (WiN) für "niederschwellige Projekte".
An diesem Abend gehen 380 Euro an die Tanzgruppe Wild Desaster für Tanzkleidung, 300 für das Projekt "Tenever trifft Ghana", 500 für ein Ramadan-Fest, 600 für ein Opferfest, 250 für die Lil Saint Crew und 300 an die Little Break Dancers.
Die Beratung dauert 20 Minuten. Sie winken alles durch, diskutieren nur ein bisschen über das Ramadan-Fest, weil der Mann, der es organisiert, nie Belege mitbringt. Er hat seelische und finanzielle Probleme, sagt Barloschky. Und dann: "Aber das ist das Schöne an diesen niederschwelligen Fonds, man kann auch mal scheitern. Wir bauen ja hier keinen Space-Park. Wir wollen Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden."
Barloschky hat in den letzten Jahren eine Menge Teneveraner partizipieren lassen, aber manchmal wirkt es so, als partizipierten sie nicht am wirklichen Leben, sondern an einer Idee, an Barlos Idee.
Silvia Suchopar beispielsweise hat vier Kinder von verschiedenen Männern und irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Hilfsköchin gelernt. Sie hat nie in dem Beruf gearbeitet, weil immer das nächste Kind kam. Aber als Barloschky in einer Stadtteilsitzung anregte, eine "Tenever Zeitung" zu gründen, sagte sie: Tenever Fernsehen ist besser. Und weil sie ja eine Videokamera für Familienfilme hatte, fing sie gleich an, auf den Straßen Tenevers zu drehen, und zeigte die Filme im Offenen Kanal Bremen und auch mal in der Stadtteilgruppe. Barloschky besorgte ihr eine ABM-Stelle, die er "kaufmännische Angestellte im videotechnischen Bereich" nannte, und organisierte aus WiN-Mitteln 20 000 Mark für das Equipment. Vor drei Jahren gründete Silvia Suchopar dann eine Ich-AG als Videodokumentarfilmerin. Bislang hat sie nur einen großen Auftrag, den ihr Barloschky besorgt hat. Für 60 000 Euro fertigt sie eine Dokumentation über den Stadtteilumbau an.
Sie hat in einer leerstehenden Erdgeschosswohnung einen analogen und einen digitalen Schnittplatz eingerichtet und einen Kurzlehrgang für Videotechnik besucht. Sie sagt, sie kann die Kamera extrem ruhig halten. Ihr Geheimnis: beim Filmen die Luft anhalten.
"Silvia ist der Beweis dafür, dass man sich auch als Ghettoratte durchschlagen kann", sagt Barloschky. Er nahm sie auf Kongresse in ganz Europa mit. Sie war mit ihm in Rotterdam, Birmingham, Paris und Mulhouse, um für die Partizipation zu werben. Barloschky nimmt immer Bürger mit, nie Funktionäre. Hafid Catruat, Barloschkys
treuester Jünger, hat es sogar bis nach Ghana geschafft.
Hafid ist 36 Jahre alt und stammt aus einer marokkanischen Familie, die seit über 30 Jahren in Tenever lebt. Seine großen Brüder wurden rauschgiftsüchtig und kriminell, einer landete im Gefängnis, einer fuhr sich im Heroinrausch tot. Hafid lernte Heizungsmonteur und gründete mit Mitte zwanzig die Interkulturelle Werkstatt, die zunächst nur ein Clubraum war, in dem sich junge marokkanische Männer nach der Arbeit trafen. Heute ist es ein Geflecht aus Cafés, Drogenberatungsstellen, Sprachlabors und Internet-Cafés, die internationalen Gärten gehören dazu und die "Crew", ein Team aus fünf sozialversicherten Langzeitarbeitslosen, die den Teneveranern beim Einkauf und bei Amtsgängen helfen sowie kleinere Reparaturen erledigen. Hafid leitet eine richtig große Organisation, er sitzt in einem hübsch gestrichenen Büro mit verschiedenen Mitarbeitern, ist aus Tenever weggezogen, hat als Heizungsmonteur gekündigt und studiert Sozialpädagogik an der Universität Bremen. Er schreibt im Moment seine Diplomarbeit.
Was ist das Thema?
"Oh, das weiß ich nicht ganz genau. Das müssen Sie Barlo fragen", sagt Hafid.
"Die Rolle der Selbstorganisation in Tenever am Beispiel der Interkulturellen Werkstatt", sagt Barloschky.
Eine seiner Assistentinnen in der Stadtteilgruppe hat im vorigen Jahr ein mit öffentlichen Mitteln finanziertes "Bremer Weltkochbuch" herausgegeben, in dem Rezepte von Teneveranerinnen gesammelt sind. Die Gründerin des Mütterzentrums hat es im Januar dem Bundespräsidenten überreicht, den sie zum Neujahrsempfang im Schloss Bellevue besuchte, weil sie von der Leiterin des Mütterzentrums als vorbildliche Bürgerin vorgeschlagen wurde. Sie näht inzwischen aus Altstoffen Handtaschen und wird dabei aus öffentlichen Mitteln gefördert, die das Mütterzentrum aus verschiedenen Sozialfonds sammelt. Sie fördern sich alle gegenseitig.
Am nächsten Tag holt Barloschky Murat Kurnaz in den Förderkreis. Das Tagesgedicht des Deutschlandradio-Kalenders ist das Hungerlied von Georg Weerth.
"Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Und am Mittwoch mussten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
Drum lass am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!"
Barloschky läuft ins Mütterzentrum, um etwas zu essen und die Partizipation von Murat Kurnaz voranzutreiben. Das Mittagessen stammt heute von einer ghanaischen Ein-Euro-Jobberin, die für ein halbes Jahr im Mütterzentrum untergekommen ist: Reis und Huhn; Barloschky lobt es überschwenglich, isst aber kaum etwas. Er wirkt so, als halte ihn essen nur auf.
Wie die Interkulturelle Werkstatt ist auch das Mütterzentrum unter Barloschkys Regie von einem Bürgertreff zu einem Netzwerk sozialer Dienste angewachsen. Es besteht aus Internet-Cafés, Schulungsräumen, Kindergarten, Spielhäusern und Frauentreffs. Drei hauptamtliche Mitarbeiterinnen leiten ein Heer von 40 Ein-Euro-Arbeitern, ABM-Kräften, Altersübergangsbeschäftigten, Vorruheständlern und ehrenamtlichen Helfern. Sie haben ein Jahresbudget von 110 000 Euro, das aus deutschen und europäischen Sozialfonds stammt. Nach dem Kompott schließt sich Barloschky mit den drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen ein und redet über Kurnaz. Die Frauen bocken ein bisschen. Eine erwähnt den langen Bart. Sie habe Angst vor dem Mann, er sei ihr unheimlich. Eine andere sieht den Zusammenhang zum Mütterzentrum nicht, schließlich sei Kurnaz ein Mann. Die dritte schweigt. Sie verhalten sich gewissermaßen wie Deutschland.
Barloschky summt leise, als sie ihre Argumente vortragen, seine Augen sind geschlossen, er nickt. In seiner Manteltasche steckt der Entwurf eines Beschäftigungskonzeptes, das den Zusammenhang zwischen Kurnaz und Tenever herstellt. Kurnaz soll an Barloschkys altem Schreibtisch eine "Pressedokumentation über Quartiersentwicklungsprozesse" erstellen und "relevante Quartierentwicklungsthemen" in türkischer Sprache auf die Homepage von Tenever stellen. Es soll eine halbjährige Beschäftigung sein, 8400 Euro braucht Barloschky dafür und einen öffentlichen Träger, der Kurnaz kranken- und sozialversichert, das Mütterzentrum ist seine letzte Hoffnung. Andere Träger haben ihm bereits abgesagt.
Er sagt, dass Kurnaz ein "Bremer Jung" sei. Er sagt, dass es nicht sein könne, dass ein Mann, der viereinhalb Jahre in Guantanamo gesessen habe, nun ohne Kranken- und Sozialversicherung dastehe.
"Wenn man nur wüsste, was in seinem Kopf vorgeht, Barlo", sagt eine der Frauen.
"Glücklicherweise weiß man das nicht", ruft Barloschky. "In was für einem Staat würden wir denn da leben! Ihr wisst doch auch nicht, was in meinem Kopf vorgeht. Vielleicht schmeiß ich in fünf Jahren auch Bomben."
Die Frauen sehen ihn an. Niemand kann sich vorstellen, dass dieser dünne, gute Mann jemals eine Bombe werfen würde. Schließlich sagt eine: "Wir könnten es auf unserer Menschenrechtsschiene machen." Im letzten Jahr war eine Delegation des Mütterzentrums zu einer Busfahrt in Berlin. Sie haben das Holocaust-Denkmal besucht, anschließend haben die russischen Aussiedlerinnen Tenevers vor den Bundestagsabgeordneten einen traditionellen Tanz aufgeführt. Die Fahrt wurde aus dem "Wohnen in Nachbarschaften"-Topf finanziert, sie haben es unter dem Stichwort "Menschenrechte" abgeheftet.
"Menschenrechte. Guter Gedanke", sagt Barloschky.
"Und wenn die Boulevardpresse behauptet, wir beschäftigen hier den Taliban?", fragt eine Frau.
"Dann wenden wir das positiv. Wir stellen nicht die Person in den Mittelpunkt,
sondern heben das auf die Projektebene", sagt Barloschky und holt den Zettel mit den vielen wichtig klingenden Substantiven aus der Tasche. Projektebene, das ist etwas, was die Frauen verstehen.
Barloschky tritt auf die Straße, er hat die Frauen rumgekriegt, aber er ist nicht erleichtert. Er hat das Gefühl, sich in Dinge einzumischen, die ihn eigentlich nichts angehen. Aber er muss sich einmischen. "Mich kotzt die Entsolidarisierung der Leute an, und ich versteh sie ja auch. Jeder will mit seinem Arsch an die Heizung, keiner guckt zum Nächsten", sagt Barloschky.
Am Abend kommen 150 Leute zur Stadtteilsitzung, so viele wie nie zuvor. Es ist die erste in diesem Jahr, und Barloschky eröffnet sie mit den Worten: "Wir brauchen Arbeit, wir brauchen Gesundheit, und wir brauchen mehr Liebe zwischen den Menschen."
Dann erläutert Klaus Stadler, Vorstand der Gewoba, sein "ganzheitliches Konzept zur Quartierentwicklung, das Tenever zukunftsfähig macht". Er redet vom "künftigen Mietermix". Das Image des Stadtteils wird sich ändern, verspricht Klaus Stadler.
Wie soll das funktionieren?
"Wir werden im Frühjahr eine Imagekampagne starten", sagt Stadler. "Die ist erstens überraschend, wird zweitens zu Nachfragen führen und ist drittens ein Knüller." In diesem Moment erinnert er an einen Bauminister der DDR, der die Lösung der Wohnungsfrage verspricht.
Im zweiten Teil der Sitzung verteilt Barloschky Geld aus dem Etat der Stadtteilgruppe. Heute gibt es Zuschüsse für eine Gruppenfahrt nach München-Hasenbergl, Zuschüsse für das Sommerfest eines Nachbarschaftsclubs und eine Aussichtsplattform. Die größte Summe bekommt Hafids Interkulturelle Werkstatt: 14 500 Euro, für "den Abbau von Fremdheit".
Es gibt 350 soziale Stadtviertelprojekte in Deutschland, aber nirgendwo dürfen die Bewohner über die Vergabe der Zuschüsse mitbestimmen wie hier. Tenever ist ein Modellprojekt, die Frage ist, wofür es steht. Wenn man Joachim Barloschky und seine Jünger von ihren Töpfen reden hört, denkt man oft eher an Winnie Pu und seine Honigkrüge als an Ché Guevara.
Es gibt die "Wohnen in Nachbarschaften"-Töpfe und das "Lücke"-Projekt, es gibt einen Fahrradpark für Schulschwänzer, es gibt Bewegungshallen, Frauencafés, Jugendcafés, Arbeitslosencafés, Internet-Cafés, es gibt Abenteuerspielplätze, marokkanische Männerclubs und Schwimmlehrgänge für muslimische Frauen.
Die einzige marktwirtschaftliche Institution im Stadtteil scheint der Aldi-Markt zu sein.
Tenever wirkt wie ein riesiger, sozialistischer Kaufmannsladen, man könnte sich darüber lustig machen, doch wenn man am nächsten Tag die Bremer Tafel besucht, wo Helfer aus Hafids Interkultureller Werkstatt Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum an arme Menschen aus Tenever verteilen, vergisst man das. Mütter stehen dort mit ihren Kindern an, als würden sie frische Brötchen holen.
Barloschky und seine Jünger stopfen Lücken, nehmen sich das Geld von den Reichen, verteilen es an die Armen, Lahmen und Kranken. Sie sind ein Krankenhaus am Rande der Stadt. Sie beschäftigen sich alle gegenseitig. Das ist wichtig, ob es die Menschen ändert, bewusster und besser macht, lässt sich nicht beantworten. Das liegt auch daran, dass die Bewohner, die sich integriert fühlen, wegziehen, sagt Barloschky. Die Kriminalitätsrate ist nicht höher als anderswo in Bremen, und gewalttätige Jugendgangs gibt es nicht so viele wie in den vergleichbaren Stadtteilen Kattenturm und Huchting. Die jungen Libanesen, Kurden, Tamilen, Marokkaner und Pakistaner mischen sich hier mehr als anderswo, sagt Barloschky. Er glaubt, dass der Mensch gut ist, wenn die Verhältnisse ihn gut sein lassen. "Ich will den Menschen hier kleine Erfolge organisieren. Sie gehören in diese Gesellschaft. Jeder Mensch. Ich setze nicht auf die Verelendungstheorie."
Tenever ist Barlos Traum von einer guten Siedlung, ein klassenloser, internationaler Stadtteil, in dem alle Menschen Brüder werden. Wir leben hier in Frieden zusammen, sagt Barloschky. Das Gedicht des Tages aus dem Deutschlandradio-Kalender hinter ihm an der Wand stammt von Günter Grass.
"Ein leerer Autobus
stürzt durch die ausgesternte Nacht.
Vielleicht singt sein Chauffeur
und ist glücklich dabei."
Am vorigen Donnerstag um neun Uhr morgens trat Murat Kurnaz seinen Dienst im Projekt Tenever an. Er parkt seinen roten Sportwagen vorm Arbeitslosencafé, im Nummernschild die Initialen MK, der Bart ist noch dran. Im Büro der Projektgruppe warten zwei Frauen aus dem Mütterzentrum mit dem Arbeitsvertrag und dem Formular für die Krankenversicherung, außerdem gibt es eine Kaffeetasse als Geschenk für den Neuen. Barloschky hat zwei Blumensträuße besorgt. Rote Rosen für Murat Kurnaz und gelbe fürs Mütterzentrum.
"Wie geht's Ihnen denn?", fragt eine der Frauen besorgt, so als käme Kurnaz direkt aus Guantanamo nach Tenever.
"Mir geht's sehr gut", sagt er. "Und selbst?"
Sie lachen erleichtert, so lang scheint der Bart gar nicht mehr zu sein. Kurnaz wirkt ruhig und sympathisch. Barloschky hält eine kurze Rede, in der die Worte "Lieben", "Lachen", "Menschen" und "Frieden" vorkommen. Murat Kurnaz bedankt sich für die Hilfe, "auch bei den Frauen".
"Wenn sich niemand anders um dich kümmert, machen wir das eben", sagt die Leiterin des Mütterzentrums. Sie unterzeichnen die Verträge und plaudern ein bisschen über das Buch, das Kurnaz gerade schreibt, dann bringt Joachim Barloschky den neuen Mann zu seinem Arbeitsplatz. Es gibt einen alten Computer und ein bisschen Büromaterial. Kurnaz stellt die Rosen auf den Schreibtisch. Barloschky empfiehlt ihm, sich in den nächsten Tagen mit einem Tee oder einer Süßigkeit bei seinen Nachbarn vorzustellen. Murat Kurnaz nickt. Und dann fragt er, ob sein Wagen eigentlich sicher sei. Dort draußen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 12/2007
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