19.03.2007

TIEREMenschwerdung der Bestie

Das Berliner Eisbärenbaby Knut wurde mit der Flasche aufgezogen. Nun fürchten Experten, es sei seinen Pflegern ähnlicher als den eigenen Artgenossen.
Wenn derzeit aus Berlin interessante Neuigkeiten vermeldet werden, dann kommen diese selten aus dem Regierungsviertel, umso öfter jedoch aus dem Zoo. Alle paar Tage berichtet dessen Tierarzt André Schüle vor einer Fernsehkamera über das Wohlbefinden des Eisbärenbabys Knut. Verzückt registrierten die Bewohner der Hauptstadt zuletzt, dass "Cute Knut" schon beinahe acht Kilogramm wiegt, sich bester Gesundheit erfreut und bereits erstmals Sand gefressen hat - offenbar ein wichtiger Schritt im Reifungsprozess eines kleinen Eisbären.
Derlei Meldungen bereiten freilich nur ein noch weitaus bedeutsameres Ereignis vor, das nun unmittelbar bevorsteht: In Kürze wird der juvenile Petz erstmals persönlich den Zoobesuchern präsentiert. Die besondere Aufmerksamkeit für jenen Moment, in welchem Knut aus den Katakomben des Eisbärengeheges und unter die Augen des Publikums tapst, hat ihren Grund. Der Youngster erlebte nach seiner Geburt im vergangenen Dezember eine recht dramatische Zeit.
Knuts Mutter - eine altgediente Bärin, die schon im Staatszirkus der DDR aufgetreten ist - wollte von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Offenbar überfordert von der eigenen Brut, legte die Alte ihren Zwillingswurf
vor Kälte ungeschützt auf dem Boden ab. Knuts Bruder starb. Knut selbst betteten Mitarbeiter des Zoos bei kuscheligen 36 Grad Celsius in ein sogenanntes Kükenheim - einen Brutkasten für Papageien.
Dass der Kleine diese heikle Phase überleben würde, galt unter Experten keineswegs als ausgemacht. Ein Tierpfleger päppelte das Bärchen anschließend per Nuckelflasche mit einer Pampe auf, die nacheinander Milch, Mais, Sirup, Lebertran und Fleischbrei enthielt. So wuchs Knut innerhalb von gut drei Monaten zu einem reizenden Wonneproppen heran, der unbeschwert herumtollt und seinem Ziehvater beim Nagen mit den Milchzähnen blaue Flecken beißt.
Doch während die Verantwortlichen des Berliner Zoos den ersten Eisbärennachwuchs im eigenen Haus seit 33 Jahren feiern, meldeten sich über die Presse besorgte Experten zu Wort, die dem possierlichen Geschöpf schier das Existenzrecht rauben wollen: Wegen der wenig artgerechten Aufzucht per Hand forderten Tierschützer den Tod des kleinen Bären.
Ganz abwegig erscheint dieses Ansinnen keineswegs: Im Leipziger Zoo war mit genau dieser Begründung Ende des vergangenen Jahres einem Lippenbärbaby eine Giftspritze verabreicht worden. Wenige Tage vor Knuts erstem Auftritt in der Öffentlichkeit stellen sich entsprechend auch Wohlmeinende die Frage, wie sehr die permanente Fürsorge eines Pflegers den aufwachsenden Eisbären vermenschlicht hat.
So viel scheint klar: Kein Vergleich besteht zu jener Plackerei bei der Aufzucht unter Echtbedingungen, die in der Wildnis Mutter wie Kinder unter Dauerstress setzt - und etwa 50 Prozent des Nachwuchses das Leben kostet.
Empfindsame Naturen schwärmen angesichts der herzigen Tollereien von Knut im Schoße seines Erziehers gleichwohl von einem atemraubenden Experiment: der Zähmung, ja der Menschwerdung einer Bestie, die zu den gefährlichsten Säugetieren der Erde zählt.
Dramatische Begegnungen beider sind reichlich dokumentiert: etwa jene, als auf Spitzbergen ein Eisbär einem hilflosen Niederländer mit einem Tatzenhieb die Schädeldecke einschlug. Erst im vergangenen September hatten zwei mehrere hundert Kilogramm schwere Vertreter der Art Ursus maritimus im Bremerhavener Zoo einem Tierpfleger beim Spielen schwere Verletzungen zugefügt.
Der Zoologe Alfred Brehm hatte im 19. Jahrhundert beschrieben, dass junge Eisbären ihrem Herrn erlaubten, "sie in ihrem Käfige zu besuchen, balgen sich auch wohl mit ihm herum" - doch der Spaß mit dem Raubtier sei nicht von Dauer: "Mit zunehmendem Alter wird er reizbar und heftig", wusste der Tierforscher zu berichten.
"Sie können ein Wildtier nicht domestizieren", glaubt folgerichtig Rüdiger Schmiedel, Geschäftsführer der Stiftung für Bären. Diesen Plan verfolgt im Berliner Zoo allerdings auch niemand. "Ein Eisbär will für sich sein", sagt denn auch Ragnar Kühne, Zoologe im Tierpark - selbst Knut dürfte in dieser Hinsicht keine Ausnahme bilden.
Tatsächlich hilft die Natur dem in Gefangenschaft gehaltenen Tatzentier mit diesem tierischen Programm aus der Patsche: "Da er als Eisbär auf Einzelgängertum programmiert ist", meint Bärenexperte Udo Gansloßer, "wird er auch nicht leiden, wenn seine menschlichen Bezugspersonen ihn später nicht mehr besuchen können."
Das gilt wohl auch für Kuschelknuts Vormund - obwohl das Tier momentan intensiv seine Nähe sucht. Bärenkenner Schmiedel: "Wenn Knut in die Geschlechtsreife kommt, kriegt der Pfleger eins hinter die Mütze." FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 12/2007
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