19.03.2007

INTERNETDie entleibte Bibliothek

Vor zwei Jahren begann die Internet-Firma Google damit, Hunderttausende Bücher einzuscannen und ins Netz zu stellen. Steht jetzt das Ende der alten Bibliotheken bevor?
Welche Ruhe, welche Schönheit fließt durch diesen Raum. Im milden Dämmerlicht stehen alte Folianten Seite an Seite auf den Eichenregalen der Bodleian Library in Oxford. Die Ketten, mit denen ihre Hüter sie früher an Tische banden und so vor Diebstahl schützten, sind längst von ihnen abgefallen. Die Bücher sind frei, und bald werden sie sich auf ihre längste Reise machen.
Bald wird alles, was sie Jahrhunderte zwischen abgegriffenen Deckeln aus Karton, Leder oder Leinen bargen, auf einem kleinen Speicherchip landen. Die Bücher werden sich öffnen, und ihr Inhalt wird einem gigantischen Informationsstrom zufließen: dem Internet.
Bibliothekare sind nicht bekannt für spontane Gefühlsausbrüche, aber an diesem Morgen ist Sarah Thomas eine Ausnahme. "Die Digitalisierung von Büchern", sagt die 58-jährige Direktorin der Bodleian-Bibliothek in Oxford, "wird die Entstehung von neuem Wissen enorm beschleunigen." Durch die Fenster ihres Büros blickt man auf die sonnenbeleckten Zinnen der 1602 gegründeten Bibliothek. Es ist die glorreiche Kulisse des alten Europa und seiner gelehrten Tradition.
Sarah Thomas aber blickt in eine durchdigitalisierte Zukunft, und die liegt zum Greifen nah, seit sich die Bibliothek vor gut zwei Jahren mit der amerikanischen Suchmaschine Google zusammengetan hat. Denn Google arbeitet im industriellen Maßstab. "Dank Google können wir in zwölf Monaten mehr Bücher digitalisieren als sonst in 15 Jahren", sagt Thomas.
Das Google-Projekt ist nicht das einzige seiner Art, aber ein gigantisches, und es verwandelt sonst nüchterne Akademiker in begeisterte Utopisten, die das Pathos nicht scheuen. Reg Carr, Thomas' Vorgänger in Oxford, sieht darin gar die Möglichkeit "zur Schaffung einer besseren Welt für alle Menschen".
Rund eine Million Bände aus dem Bestand von Oxford will Google insgesamt scannen. Auch Stanford, Harvard und jüngst die Bayerische Staatsbibliothek haben sich dem Programm angeschlossen.
Es soll ein Spiel sein, bei dem beide Seiten gewinnen: Die Bibliotheken bekommen von Google kostenlos und schnell digitale Kopien von Hunderttausenden ihrer Bücher geliefert, und die Suchmaschine kann Qualität und Relevanz ihrer Ergebnisse verbessern.
Klaus Ceynowa, 47, der stellvertretende Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, hat den Münchner Deal in geheimen Verhandlungen mit vorbereitet und sitzt jetzt entspannt in seinem Büro in der Ludwigstraße. "Es ist schön, wenn man nicht verzweifelt versuchen muss, ständig Geld zusammenzukratzen."
Die Kritik und Häme, die Google wegen teilweise schlampiger Scans einstecken musste, hält Ceynowa für unangebracht. Dabei sind die Pannen erheblich, die sich Google bis dato leistet. Da sind etwa gescannte Buchseiten, auf denen mehr von den aufwendig lackierten Fingernägeln einiger Google-Hilfskräfte zu sehen ist als vom Text. Heute sei man bei Google längst weiter, glaubt Ceynowa: "Wir sind jedes Mal erstaunt über den innovationstechnischen Input, den Google reinsteckt. Die werden Tag für Tag immer besser."
Über die Details der Großoperation gibt der Konzern keine Informationen heraus und hat auch die am Projekt beteiligten Bibliotheken zum Schweigen verdonnert. Nur so viel ist bekannt: Google lässt die Bücher in streng abgeschirmten Gebäuden in der Nähe der jeweiligen Bibliotheken mit eigens entwickelten Geräten einscannen.
Die Geheimhaltung hat ihren Grund: Die Firma fürchtet Nachahmer ebenso wie Kritiker. Google arbeitet nicht mit schonenden, vollautomatisierten Scanrobotern, sondern mit einem Heer von Hilfskräften. Das behauptet ein Brancheninsider, dessen Firma zu den Marktführern im Bereich Scantechnologie gehört: "Die Qualität ist denen nicht so wichtig, denn sie sind momentan der Platzhirsch in diesem Markt." "Unsere Produktphilosophie ist", sagt Google-Manager Jens Redmer, "Projekte lieber erst zu starten und im Laufe zu optimieren, als sie nie zu starten. Wir können bei hoher Qualtität sehr hohe Mengen verarbeiten."
Die Bibliotheken könnten am Ende der Jahrhundertaktion mit jeder Menge unbrauchbarer digitaler Kopien dastehen, in denen Seiten fehlen, Passagen unscharf und unlesbar sind. Der mächtige Technologiekonzern will seinen Vorsprung schützen und legt im Zweifel lieber Tempo vor. Erst scannen, dann fragen, lautet die Maxime bei den amerikanischen Scanprojekten.
Die Firma beruft sich auf die "fair use"-Doktrin des amerikanischen Urheberrechts
und sieht dem Prozess gelassen entgegen, den der amerikanische Schriftstellerverband und mehrere große Verlage gegen sie angestrengt haben. Die Kläger behaupten, dass Google mit dem ungefragten Einscannen der riesigen Bibliotheksbestände, inklusive vieler möglicherweise noch urheberrechtlich geschützter Bücher, das Copyright verletze.
Vermutlich läuft das langwierige Verfahren auf einen Vergleich hinaus. "Die eingereichten Klagen sind eine geschäftliche Verhandlung, die eben in den Gerichten stattfindet", sagt eine Google-Sprecherin. Unter den Klägern arbeiten viele bereits mit Google zusammen, allerdings in der zweiten Säule des Projekts, in der Bücher aus den Verlagsprogrammen gescannt und durchsuchbar gemacht werden. Dabei zeigt die Suchmaschine allerdings nur kurze Auszüge und einen Link, über den das Buch gekauft werden kann - kostenlose Werbung für die Verlage. Ohnehin betrifft die Klage nur amerikanische Bibliotheken; in Oxford und München digitalisiert Google ausschließlich urheberrechtlich freie Bestände.
Im Fall einer Einigung würde Google den Verlagen womöglich sogar mehr zahlen, als sie gerichtlich zugesprochen bekämen, und so einen Präzedenzfall schaffen, der weniger zahlungskräftige Digitalisierungskonkurrenten abschrecken dürfte. Bei einem aktuellen Börsenwert von weit über 130 Milliarden Dollar wäre selbst eine großzügige Entschädigung für den kalifornischen Konzern ein Griff in die Portokasse.
Es ist nicht das erste Mal, dass Google negativ in die Schlagzeilen gerät. Längst ist aus dem idealistischen Start-up ein mächtiger Konzern geworden. Und Macht erregt bei Internet-Usern schnell Argwohn, wie das Beispiel Microsoft zeigt. Google ist wenig zimperlich, wenn Marketing-Interessen auf dem Spiel stehen, und meldet sich schon mal bei der Redaktion des Duden, um aus Gründen des Markenschutzes die Änderung des Eintrags "googeln" zu erreichen. So etwas sei nicht gerade an der Tagesordnung, heißt es dazu aus dem Dudenverlag.
Die Grundfrage bleibt: Ist es nicht delikat, das in den Bibliotheken gespeicherte Weltwissen einer Privatfirma anzuvertrauen? Kann eine Firma, die im Suchmaschinenmarkt nahezu eine Monopolstellung hat und die Details ihrer Suchalgorithmen hütet wie Coca-Cola sein Brauserezept, das Wissen demokratisieren?
Vorerst ist Google unersetzlich als mächtiger Verbündeter für eine große Utopie: die digitale Universalbibliothek der Zukunft, die das gesamte Wissen der Menschheit jedem zugänglich macht.
Mit dieser Bibliothek wäre der Höhepunkt einer Demokratisierung des Wissens erreicht, die mit der Erfindung des Buchdrucks einsetzte. Der kleine Google-Suchschlitz wäre das Tor zu den Inhalten der geschätzten 32 Millionen Bücher, 750 Millionen Artikel, 25 Millionen Lieder, 500 Millionen Bilder, 500 000 Filme, drei Millionen Fernsehsendungen und einer Billion Websites, die die Menschheit seit den Tontafeln der Sumerer publiziert hat. Das gesamte Wissen soll per Klick greifbar werden. Eine gigantische Datenmenge von 50 Petabyte, für deren Speicherung man heute noch einen Server von der Größe einer Kleinstadtbibliothek benötigte. In Zukunft könnte alles auf einen iPod passen.
Das Praktische daran: Millionen Internet-Nutzer leisten, was wenige Bibliothekare nie schaffen würden - die Vernetzung der Buchinformationen durch Links und Tags im Internet. Diese digitale Bibliothek wäre eine gigantische Beziehungskiste, in der jeder mit jedem redet, in der die Bücher in ihre Bestandteile zerlegt, miteinander verknüpft, neu zusammengesetzt, markiert, analysiert, glossiert und kritisiert werden.
Gleichzeitig droht ein unterschiedsloses Nebeneinander. Statt in die Aufklärung könnte die wahllose Überfütterung mit Informationen in eine digitale Dekadenz münden. Es wäre das, was Friedrich Nietzsche als die "Anarchie der Atome" bezeichnete und an der literarischen Dekadenz seiner Zeit kritisierte: "Das Wort wird souverän und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen." Das Ganze, klagte Nietzsche, sei kein Ganzes mehr - es klingt wie eine Vorahnung des Hypertextes im Internet.
Und was wird aus den Büchern, wenn der letzte Text gescannt, das letzte Wort gespeichert ist? Werden die großen Bibliotheken entleibt, werden sie wie leergefegte Kathedralen des Wissens dastehen, in denen nur noch Computer leise vor sich hin surren und das fahle Licht von Bildschirmen die Gesichter der Lesenden beleuchtet?
"Das Buch ist eine langlebige Technologie", sagt die Oxford-Bibliothekarin Sarah Thomas und zeigt auf die mächtigen Mauern der alten Bibliothek von Oxford. "Seit Jahrhunderten kommen die Leute hier zusammen, um zu forschen und sich auszutauschen. Die Bibliothek wird auch in Zukunft ein Ort der Gemeinschaft sein - nur offener als früher."
Er würde die "Kritik der reinen Vernunft" nie am Bildschirm lesen wollen, sagt der Münchner Bibliothekar Ceynowa. Aber die heutige Jugend sei eben anders. "Was nicht im Internet zu finden ist, gibt es für die gar nicht."
Gar nicht so schlecht, wenn auch Kant nur einen Klick entfernt ist. Allerdings hat er dann mit Millionen anderer, unweit bequemerer Klicks zu konkurrieren.
MALTE HERWIG
Von Malte Herwig

DER SPIEGEL 12/2007
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