DER SPIEGEL



BOXEN

Geht's denn, Henry?

Von Pfeil, Gerhard

Am Samstag kehrt Altmeister Henry Maske nach zehn Jahren zurück in den Ring. Dann will der 43-Jährige beweisen, wie jung er wirklich ist.

Im Festsaal des Hotels Bayerischer Hof in München ist ein Boxring aufgebaut. Er steht direkt unter der großen Deckenkuppel und ist blütenweiß bis auf einen blauen Werbeschriftzug in der Mitte. "Einfach gut aussehen", steht dort.

Henry Maske klettert in das Seilgeviert und streicht sich die Haare glatt. Es ist das letzte öffentliche Training vor seinem Comeback am Samstag in der Olympiahalle gegen Weltmeister Virgil Hill. Kellner servieren geräuschlos Getränke.

Auch Muhammad Ali hat mal im Bayerischen Hof übernachtet. Maske ist seit langem Freund des Hauses. Vor zehn Jahren, als er in München gegen Hill seinen WM-Gürtel verlor, stieg er auch hier ab. Jetzt hat man die Zeit für ihn zurückgedreht. Er wohnt im selben Zimmer wie damals, wieder wurde für ihn ein Trainingszentrum eingerichtet. Diesmal soll es gut ausgehen.

Maske lehnt sich in die Ringseile und lässt sich in Siegerpose fotografieren. Jemand fragt, ob er manchmal sein Alter spüre. "Nur wenn ich in meinen Ausweis gucke", sagt Maske. Niemand lacht.

Als "Box-Event des Jahres" verkauft RTL die "Revanche" zwischen Maske und Hill. Es ist ein künstliches Ereignis. Geboxt wird in einer Gewichtsklasse, die es nicht gibt, irgendwo zwischen Cruiser- und Mittelgewicht, damit niemand einen Nachteil hat. Wenn Maske gewinnt, ist er nicht Weltmeister, weil der Weltverband WBA den Fight nicht als Titelkampf sanktioniert hat. Es geht also um nichts. Doch die Rückkehr des Ex-Champions in den Ring schürt die Emotionen. Das reicht für eine große Show.

Monatelang hat sich das Publikum an Maske gerieben. Manche ärgerten sich über seine Eitelkeit, manche lachten über sein Vorhaben, das Altern zu überwinden, andere bewunderten seinen Mut. Er offenbarte sein Innerstes, damit die Leute begreifen konnten, was ihn antreibt. Begriffen hat es niemand. Jetzt, kurz vor dem Kampf, steht er im Festsaal des Bayerischen Hofs noch mal vor den Kameras. Doch diesmal ist es seltsam still.

Zum Aufwärmen macht Maske Gymnastik. Er ist jetzt 43 Jahre alt, alle bisherigen Untersuchungen haben ergeben: Er ist gesund, fit. Aber er sieht eben nicht mehr aus wie ein junger Mann. "Ich hoffe, dass er am Samstag keine Schmerzen erleidet", sagt Innegrit Volkhardt, die Besitzerin des Hotels. Neben ihr öffnet ein Kerl aus dem Team von Virgil Hill eine Bierflasche mit den Zähnen.

Maske schlüpft in die Handschuhe, die ihm sein Trainer Manfred Wolke hinhält. Im Juli vergangenen Jahres wurde die Comeback-Idee publik. Er ging danach nach Hackensack, New Jersey, um sich im Camp des US-Coachs Teddy Atlas vorzubereiten.

Aber sie verstanden sich nicht. Wolke, sein Trainer aus alten Zeiten, übernahm. Drei Monate lang arbeiteten beide in Frankfurt (Oder). Jetzt ist Maske auf der letzten Etappe in München angekommen. Die Olympiahalle wird am Samstag ausverkauft sein.

Maske schlägt in die Schutzhandschuhe, die ihm Wolke hinstreckt. Plötzlich greift der Coach an. Maske weicht zurück, rutscht aus und fliegt fast aus dem Ring. Alle gucken sich entgeistert an. Ein Fotograf fragt: "Geht's denn, Henry?"

Über 13 Millionen TV-Zuschauer erwartet RTL. Sarah Connor wird die Einlaufhymne singen. Der Mantel, den Maske tragen soll, wurde von Schauspieler Armin Müller-Stahl entworfen. Unzählige Promis werden in den ersten Reihen sitzen. Es ist die übliche Verpackung, die die Event-Maschine Fernsehen immer mitliefert. Aber wie sieht es drinnen aus?

Von Virgil Hill, 43, hört man, er sei gut drauf. 1,2 Millionen Euro bekommt er für den Kampf, seine bislang höchste Börse. Er überlege bereits, welchen deutschen Ex-Champ er als Nächstes herausfordern könnte, um noch mehr leicht verdientes Geld abzukassieren. Dariusz Michalczewski hat gesagt, Maske werde vorzeitig k. o. gehen. Glen Johnson, ein Sparringspartner, den Coach Wolke hoch einschätzt ("Det iss 'n Mörder"), lobte vergangene Woche Maskes Schnelligkeit - aber er schlug ihm auch ein Veilchen.

Nach 20 Minuten ist das Schautraining im Festsaal beendet. Die Stimmung ist immer noch gedämpft. Hat er absichtlich nicht hart geschlagen? Muss man sich um ihn Sorgen machen?

"Das Entscheidende ist der Kopf, und der wird immer klarer", sagt Maske. Dann kommt aber nur noch unverständliches Zeug. Die "Anspannung" müsse in eine "positive, sachliche Anspannung" umgewandelt werden, sagt er. Dann winkt er und ist weg.

Nach dem PR-Termin im Festsaal geht Manfred Wolke in den Clubraum des Hotels. Dort rauchen normalerweise Geschäftsmänner dicke Zigarren, aber jetzt ist der Raum in ein Kampfgym umgebaut worden. Nur die Gemälde alter Künstler hängen noch an den Wänden. Es riecht stark nach Schweiß.

Wolke ist total aufgedreht. Er ist zuversichtlich und fühlt sich wohl in seinem neuen alten Leben mit Henry und dem Bayerischen Hof. Von ihm aus, sagt er, könne die Show nach einem Sieg weitergehen. "Nachdenken sollte man über so was", sagt er.

Wolke hat gehört, dass Graciano Rocchigiani, der gerade eine Haftstrafe absitzt, um Freigang gebeten hat, damit er sich den Kampf in München ansehen kann. Maske selbst habe den alten Rivalen eingeladen. In vier Monaten ist Rocky raus aus dem Gefängnis, er ist dann 43 Jahre alt. Es wäre eine Möglichkeit. GERHARD PFEIL


DER SPIEGEL 13/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 13/2007

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

BOXEN:
Geht's denn, Henry?

TOP



TOP