26.03.2007

MUSIKTHEATER

In Rausch und Bogen

Von Umbach, Klaus

Mit der "Don Giovanni"-Einstudierung von Stefan Herheim ist der Essener Oper endgültig der Sprung in die europäische Spitzenklasse geglückt.

Die Kirche war der Trick, so einfach wie pfiffig, des Stefan Herheim, 37, dieses neuen Regiestars der Opernwelt. Er verlegte das volle Sünden- und Lasterprogramm von "Don Giovanni" in ein Gotteshaus. Nicht nur lässt er die Gläubigen beim Abendmahl Schampus kippen und im Beichtstuhl Liebe machen - auch der Heiland schüttelt vom Hochaltar immer wieder sein Haupt voll Blut und Wunden, ein schmerbäuchiger Pfaffe namens Leporello schleicht hinter Kommunionskindern her, und zum jüngsten Gericht auf dem Friedhof gibt es heiße Würstchen.

Doch das wirklich Überraschende ist, dass Wolfgang Amadeus Mozarts Musik zu all dem passt, glänzend sogar.

Wie eh und je ist Don Giovanni auch bei seinem jüngsten Auftritt im Aalto Musiktheater Essen der ruhelose, hemmungslose Triebtäter. Doch spätestens wenn er die Mitra auf seinem Kopf mit schnellem Griff zur Schellenkappe faltet, outet er sich als frivoler Doppelgänger zwischen Klerisei und Narretei.

Der Regisseur Stefan Herheim ist mit derlei Inszenierungen über Nacht auf der internationalen Opernszene ein heftig umstrittener Markenname geworden, bejubelt und befehdet, ausgebuht und ausgebucht. Spannend ist dieser Mann, der einst mit seiner eigenen Puppenopernkompanie über Land tingelte und vergangenen Sommer, bei den Feiern zum 250-jährigen Mozart, das Salzburger Festspielpublikum mit einer herrlich verstörenden "Entführung" aus der Geburtstagsstimmung riss. Mit diesem Bilderstürmer, keine Frage, lagen die Essener wieder mal richtig.

Und spätestens seit dem klerikalen Halligalli des "Don Giovanni", das Herheim im Aalto-Theater angerichtet hat, kann die Wagner-Gemeinde in vorauseilender Empörung schon mal zittern: Im Sommer nächsten Jahres wird sich Herheim auf dem Grünen Hügel am Gral zu schaffen machen, und längst heißt es dort, dass sein "Parsifal" Bayreuths heißeste Nummer werden dürfte, wenn ihm nur annähernd so ein Geniestreich gelingt wie mit dem Essener "Don Giovanni".

Den hat Herheim schließlich vom schweren Faltenwurf erhabenen Bildungstheaters befreit und mit Bravour auf dem Boulevard der Unterhaltung geparkt. Die Aufführung, urteilte die "Süddeutsche Zeitung", "dürfte so ziemlich alles in den Schatten stellen, was im vergangenen Jahr in Sachen ,Giovanni' passiert ist". Dies sei "eine der aufregendsten ,Don Giovanni'-Produktionen, die es je gab", applaudierte "Welt kompakt". Selbst "Bild" war baff: "Die irrste Premiere des Jahres".

Solcherlei Lob ist für das Opernhaus im Zentrum des Ruhrgebiets nichts Neues mehr. Schon 1999 hatte das Fachblatt "Opernwelt" das städtische Aalto-Theater auf Platz zwei der deutschen Hitliste gesetzt und damit höher taxiert als Hamburg, München und die drei Bühnen Berlins. Die "Opernwelt" rief sodann "das Wunder von Essen" aus und kürte die Philharmoniker zu Deutschlands "Orchester des Jahres".

Immer neue Lobeshymnen wurden angestimmt. Verdis "Falstaff" verbreitete in Essen "weltstädtischen Glanz", die "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss, gemeinhin nicht gerade ein Blockbuster, schaffte es bei 99 Prozent Auslastung auf 30 Aufführungen und ließ Fans sogar aus dem Ausland anreisen.

Dieser Aufstieg in die Champions League der europäischen Opernszene kam auch für hellhörige Essener überraschend. Zwar hatte sich das gehobene Bürgertum der Stadt schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine gute Stube für Sang und Klang geleistet. Aber oft blieb es im Pott bei bunten Abenden von gediegenem Rang.

Nach 1945 hatten auch die Essener erst einmal anderes im Kopf als Singspiele. Die Krupp-Metropole lag in Trümmern. Die Leute sorgten sich um Fließ-, nicht um Stimmbänder, und die Schöngeister der Stadt fuhren bald lieber

ins benachbarte Bochum, wo Zadek und Peymann großes Theater spielten.

Dabei hatte Essen schon Ende der fünfziger Jahre einen Wettbewerb zum Bau eines neuen Opernhauses ausgeschrieben und - geradezu tollkühn - dem finnischen Stararchitekten Alvar Aalto den ersten Preis zugesprochen. Doch kaum waren Aaltos Pläne fertig, beschloss der Stadtrat die dringliche Errichtung eines angemessenen Rathauses, mit 22 Stockwerken und 1900 Schreibtischen hinter 2100 Türen - bis heute ein Monstrum.

Erst knapp 30 Jahre nach Planungsbeginn und 12 Jahre nach Aaltos Tod, im September 1988, konnte das 140 Millionen Mark teure Aalto-Theater endlich eröffnet werden, und das erwies sich mit seinem harmonischen Mix aus Marmor und Granit auf Anhieb als "schönster deutscher Theaterbau seit 1945" ("Frankfurter Allgemeine"). Auch die Essener fanden Gefallen an dem Bau, dessen Fassade Aalto dem bodenwelligen Rhythmus des Stadtparks angepasst hatte; Foyer und Zuschauerraum in den Finnen-Farben Weiß und Blau waren großzügig, Sicht und Akustik auf fast allen 1125 Plätzen hervorragend. Essen trug wieder Oper.

Im Wettstreit der nordrhein-westfälischen Musiktheater lag die Krupp-Stadt bald vorn - nach Lage der Dinge eine Überraschung. Denn im Umkreis von gerade mal einer Autostunde machten ihr sieben andere Musikbühnen den Rang streitig. Daneben wetteifern noch die Ruhrfestspiele, die Ruhrtriennale und das Klavier-Festival Ruhr um Anerkennung. So eine dichte Konkurrenz ist weltweit einzigartig.

Einzigartig ist auch die Chance, die sie bietet. So jedenfalls wertete der gebürtige Ungar Stefan Soltesz seinerzeit das Angebot, ab 1997 bei Aalto gleich zweifach festzumachen: als Intendant und als Generalmusikdirektor.

Mit 4 Jahren erhielt Soltesz, heute 58, seinen ersten Klavierunterricht, mit 10 wurde er Wiener Sängerknabe, danach studierte er Komposition, Klavier, Dirigieren. Gleichzeitig trieb er sich in jeder freien Minute auf und hinter den Wiener Sprechbühnen herum. Er sagt: "Ich bin bis heute in erster Linie Theatermensch."

Als Soltesz in Essen unterschrieb, hatte er zwar schon achtbare Jobs an der Hamburgischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin und der Flämischen Oper Antwerpen/Gent hinter sich, aber noch ging ihm der Ruf eines bloß soliden Musikus voraus - Kapellmeister eben, mehr nicht.

Das war ein Irrtum. In Essen packte Soltesz sofort an, griff durch, formte, feilte. Von Anfang an kontrollierte er die Orchesterdienste, achtete auf ausreichende Pro-

benarbeit, setzte, wenn nötig, Überstunden an, und keiner im Graben meuterte. Soltesz: "Das sind Kleinigkeiten, aber die machen à la longue die Qualität aus."

Und richtig: Auf einmal hatten die Essener Philharmoniker, bis dato ein eher hausbackener Klangkörper, den Bogen raus, und inzwischen produzieren sie gute, große Musik: verspielt im Filigran, packend im Zugriff, saftig im Rausch.

Während Soltesz viele seiner Dirigentenkollegen in Inszenierungsfragen als "sehr konservativ und altmodisch" einschätzt, ist er selbst "auf keinen Regiestil festgelegt" und pflegt eine "spannende Mischung aus Tradition und Experiment". Er lässt solide unterhalten und gekonnt provozieren: "Solche Wechselbäder", sagt Soltesz, "halten das Publikum bei Laune."

Immer mal wieder wackeln im Aalto die Wände. Wagners "Holländer" war so ein Schocker. Da mutierte die lesbische Amme Mary zur Leiterin einer Putzkolonne, der Matrosenchor bestand aus lauter geklonten Sentas, die in buntem Fummel durch die Travestie turnten, es gab Geschlechtsverkehr mit einem Skelett, und eine Leiche wurde geboren. Doch selbst ein solcher Wagner-Frevel kann die Essener Opernklientel nicht mehr verstören. Sie hängt an dem Haus, weil ihr Soltesz neben schrillem Regietheater auch immer wieder Schöngesang bietet.

Zum Beispiel die jüngste Verdi-Premiere: Da hatte der Regisseur Dietrich Hilsdorf den Guckkasten für Verdis "Macht des Schicksals" mit kirchlichen Requisiten geradezu überladen und diese Szene dann auch noch mit feierlichem Heiligenschein erleuchtet - Oper in der Sakristei.

Doch wer vor diesem frömmelnden Dekor die Augen schloss, genoss ein Hochamt des Belcanto: Im Einklang von Glanz, Schliff und Kraft der Stimmen bewies die Aalto-Oper einmal mehr ihren Ruf als Referenzbühne. An diesem Abend hatte der Kohlenpott seine kleine Scala.

Die Qualität zahlt sich aus, der Laden brummt. Auslastung bei der "Zauberflöte": 99 Prozent, bei "Tosca": 99,6 Prozent, bei "Aida": 99,9 Prozent. In den ersten vier Monaten der laufenden Spielzeit war das Aalto-Theater im Schnitt zu 89,5 Prozent ausverkauft. Das sind Traumzahlen, auch im internationalen Vergleich.

Ganz gelassen sieht Soltesz denn auch dem Rummel entgegen, der Essen als europäischer Kulturhauptstadt im Jahr 2010 bevorsteht. Sein Vertrag endet - mit der Option zur Verlängerung - genau in diesem Jubel-Jahr, und er würde ihn dann gern mit Wagners Nibelungen-"Ring" und der Schönberg-Oper "Moses und Aron" krönen. Erfüllt hat er ihn allerdings schon heute: Essen ist längst Opernhauptstadt. KLAUS UMBACH

* Mit Almas Svilpa (vorn) und Diogenes Randes.

DER SPIEGEL 13/2007
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