02.04.2007

BILDUNGDeutsch für Deutsche

Vier Millionen Menschen hierzulande können kaum lesen und schreiben. Nun will die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Zahl der Analphabeten halbiert wird - bis 2012.
Auf seinem Blatt stehen nur einfache Wörter: "Salami" etwa oder "Lisa", "lesen" und "Mimose". Doch für Walter ist es eine richtige Herausforderung, aus einzelnen Buchstaben erst Silben zu bilden und die Silben dann zu einem Wort zu formen. Schließlich versucht er es mit einem simplen Trick. "Seemann" rät er und schaut fragend nach oben. Der Blick der Lehrerin zeigt ihm, dass er falsch getippt hat. "Salami" war an der Reihe.
Walter R. ist 46 Jahre alt, doch er muss die Schulbank drücken wie ein Sechsjähriger. In seiner Grundschulzeit hatte er schlechte Noten bekommen, am Ende war er nicht mehr hingegangen, "irjenwie durchjerutscht" und dann - wie er sagt - "am Bau nich weiter uffjefallen". Er hat noch nie ein Buch gelesen, jetzt aber will er wenigstens im Supermarkt die Preisschilder entziffern können.
Schulalltag in einem Hinterhaus in Berlin-Neukölln. Nur ein paar Schritte vom U-Bahnhof Karl-Marx-Straße entfernt lockt warmes Licht hinter den Schaufenstern des Vereins "Lesen und Schreiben" eine ganz besondere Art von Schülern an - Analphabeten. Im ersten Stock hat der Verein Klassenräume eingerichtet. In dem Kurs für Fortgeschrittene sitzen an diesem März-Tag neun Schüler, der jüngste ist 18, der älteste 48 Jahre alt. Sie lesen eine Geschichte zum Thema Zoo, aber schon Wörter wie "Strohhut" oder "Steinchen" sind echte Herausforderungen für Leute wie Uwe Z., 39. Das Jobcenter hatte den Lackierer hierhergeschickt - er konnte keine Bewerbungsschreiben verfassen.
5000 Menschen hat der Neuköllner Verein seit seiner Gründung vor 24 Jahren die deutsche Sprache beigebracht. Bundesweit nehmen derzeit etwa 20 000 Erwachsene an 2435 Lese- und Schreibkursen der Volkshochschulen teil. Und es sollen noch mehr werden. Denn Deutsch für Deutsche steht nicht nur auf dem Programm in Neukölln, sondern inzwischen auch auf dem der Bundesregierung. Bis 2012 will Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Zahl der Analphabeten halbieren - von geschätzten vier auf zwei Millionen.
Es ist ein Paradoxon der besonderen Art: In dem Land, das so stolz auf Goethe, Schiller und Luther ist, steigt nach Schätzungen des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung die Zahl der "funktionalen Analphabeten", die kaum lesen und schreiben können. Und es sind nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch gebürtige Deutsche, die zwar ihren Namen oder einzelne Wörter erkennen können, den Inhalt eines Textes aber nicht verstehen.
Diese Art Unterentwicklung kommt die Bundesrepublik teuer zu stehen. Der Bildungsforscher Helmut Klein vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat die Kosten von Schulabbrechern und Menschen mit mangelnder Ausbildungsreife für das Jahr 2004 berechnet. Auf sieben Milliarden Euro schätzt er die jährlichen Folgekosten "nachholender Qualifizierungsmaßnahmen". Hinzu kämen oft lebenslange soziale Transferkosten. "Schulen, die Analphabetismus produzieren", sagt Klein, "können wir uns absolut nicht länger leisten."
Ein 30-Millionen-Euro-Programm will Annette Schavan deshalb nun auflegen. Dabei ist Geld gar nicht das Problem Nummer eins im Kampf gegen den Analphabetismus. Die größte Hürde ist die Scheu der Betroffenen. Erst seitdem Fernsehspots gegen die Diskriminierung von Analphabeten ausgestrahlt werden, trauen sich mehr Betroffene aus ihrer Anonymität und überwinden die Angst.
Oft melden sich Analphabeten allerdings mit falschem Namen zu den Kursen an, andere nehmen lange Wege in Kauf, kommen aus weit entfernten Stadtteilen oder benachbarten Orten zu den Nachhilfestunden - um nur ja nicht beim Gang dorthin erkannt zu werden.
Viele von ihnen haben sich beim sogenannten Alfa-Telefon des Bundesverbands anonym gemeldet und vermitteln lassen. Nun soll das Internet die Scheu überwinden helfen. Wie hoch der Bedarf ist, zeigt bereits das vom Bildungsministerium
geförderte Internet-Portal "ich-willschreiben-lernen.de", bei dem über 71 000 Nutzer registriert sind.
"Es ist eine große Leistung", so Schavan, "wenn Erwachsene den Mut finden, sich zu ihrer Lese- und Schreibschwäche zu bekennen und ihre zweite Chance zum Lernen ergreifen." Allerdings wird ihr Ministerium mit der neusten Initiative kaum den Nachwuchs neuer Analphabeten stoppen können. "Um das Problem ernsthaft anzugehen, sind grundlegende Veränderungen im Bildungssystem notwendig, beginnend in Kindergärten und Schulen", so Maren Elfert, Mitarbeiterin des Hamburger Unesco-Instituts für Pädagogik. Denn nicht nur zwei Drittel der Migrantenkinder benötigen eine Zusatzförderung in deutscher Sprache. Im Bundesland Sachsen etwa - so das Ergebnis einer Studie der Evangelischen Hochschule Dresden - leben mindestens 200 000 funktionale Analphabeten, die Mehrheit deutschstämmig.
Ihr Problem, da sind sich Experten einig, resultiert nicht aus mangelnder Intelligenz, es hat soziale Ursachen. Von "schriftfernen Elternhäusern" sprechen die Fachleute, in denen es statt Kinderbüchern nur noch Elektronikspielzeug gebe, statt Zeitungen und Briefen nur Kurzanrufe oder SMS. Nach einer bundesweiten Erhebung greifen 15 Prozent aller Drittklässler so gut wie nie zu einem Buch. Schon die erste Pisa-Studie offenbarte, dass 23 Prozent der 15-jährigen deutschen Schüler bestenfalls die unterste Kompetenzstufe erreichen - sie können nur einfachste Texte verstehen.
Funktionale Analphabeten schlagen sich dann mit vielen Tricks durchs Leben, um ja nicht aufzufallen. Und sie entwickeln erstaunliche Strategien. Ihren Namen und einige Wörter schreiben - oder besser - malen sie aus dem Gedächtnis. U-Bahnhöfe merken sie sich nach Farben und Aussehen. Im Restaurant warten sie auf die Bestellungen von Nachbarn und sagen dann ganz einfach: "Bitte für mich dasselbe!" Sie bitten darum, etwas vorgelesen zu bekommen, weil sie "grad die Brille nicht dabeihaben". Sie haben Angst vor jeder Unterschrift und suchen sich Kollegen, die für sie etwas aufschreiben.
Solche Geschichten erzählen auch die Schüler von "Lesen und Schreiben" in ihrer Unterrichtspause im Neuköllner Hinterhof. Thomas S., 41, beherrscht selbst viele dieser Tricks. Seinem Vater, einem Alkoholiker, waren die Schulnoten des Sohnes egal, seinen Lehrern wiederum waren die Verhältnisse bei Thomas zu Hause gleichgültig. Er blieb bis zur letzten Klasse einer der Schlechtesten in der Hauptschule. Ohne Lehre heuerte er als Gabelstaplerfahrer an und lud Paletten auf Lkw, ständig in Angst, sich dabei zu vertun. Er hütete sein Geheimnis und dachte immer: "Wenn jemand das mitkriegt, dann ist man nichts wert."
Sein Makel wurde ihm immer peinlicher. "Wenn ich mit Freunden zusammensaß, machte ich bei Gesellschaftsspielen nicht mit, sobald man da was vorlesen musste." Nun drückt er wieder die Schulbank. Zu seiner Gruppe gehört auch Sabine W., 42, die ein "Lügenleben" führte, wie es Hunderttausende Analphabeten tun, "weil ja nur Geheimhaltung vor Verachtung schützt".
Auch der 47-jährige Siegfried M. will endlich nachholen, was er in der Sonderschule im brandenburgischen Premnitz niemals lernte. "Nach der 7. Klasse schlug ich mich erst als Isolierer, dann als Hilfsarbeiter durch - in der DDR wurde das Thema ja totgeschwiegen." Nach der Wende bekam der damals 30-Jährige ein Alkoholproblem, machte erfolgreich eine Therapie und ist dennoch bis heute arbeitslos geblieben. Ohne lesen und schreiben zu können, würde er der Gesellschaft doch nur noch zur Last fallen, sagt er. "Von unten kommt man sehr schwer wieder hoch, aber wenn man es nicht versucht, geht man ganz unter."
Die Angst vor Stigmatisierung macht aus vielen Analphabeten Außenseiter. Andere werden schon in jungen Jahren aggressiv, verschaffen sich Respekt auf der Straße, werden kriminell.
Und so sind die Jugendhaftanstalten zu Sammelpunkten von des Schreibens Unkundigen geworden. Im Berliner Jugendknast in Plötzensee etwa scheitern fast alle Neueingelieferten daran, einen handschriftlichen Lebenslauf zu schreiben. Mehr als 80 Prozent der Inhaftierten hier, schätzt die Gefängnisleitung, sind funktionale Analphabeten.
Für viele von ihnen ist das Gefängnis eine Art Glücksfall. Denn hinter Gittern können sie der Einsicht nicht ausweichen, die eigene Sprache nicht zu beherrschen. Zwangsläufig fällt das Unvermögen der 18- bis 23-Jährigen hier schneller auf als im normalen Leben. Ob Haarschnitt oder Arztbesuch - für alles müssen hinter Gittern schriftliche Anträge gestellt werden. "Hier stehen sie", sagt Sozialpädagogin Ute Gastinger, "unter Druck und begreifen, es ist eine Riesenchance, das Versäumte nachholen zu können."
PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 14/2007
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