02.04.2007

INVESTORENStille Beerdigung

Fünf Unternehmen aus dem einstigen Beteiligungsreich des Immobilienspekulanten Dieter Bock mussten Insolvenz anmelden. Die Pleiten treffen die Stadt Frankfurt sowie Kempinski-Hotels.
Dieter Bock, 68, hat einiges mit den Aldi-Gründern Karl und Theo Albrecht gemeinsam. Der Immobilienspekulant aus Frankfurt am Main gilt wie die beiden Discount-Könige als außerordentlich vermögend, lässt sich höchst ungern fotografieren und tritt - wenn überhaupt - mit einer Bescheidenheit auf, die andere schon Geiz nennen würden.
Wichtige Akten transportiert Firmenjäger Bock gern mal in Aldi-Tüten, berichten Geschäftspartner. Dabei sollen ihm nach unbestätigten Medienberichten mit dem noblen Atlantic-Hotel in Hamburg, dem kostspielig renovierten Taschenbergpalais in Dresden oder dem Hotel Gravenbruch in Frankfurt etliche der teuersten und renommiertesten Luxushotels der Republik gehören.
Doch es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen den Albrecht-Brüdern und Bock. Aldi-Kunden bekommen in der Regel einen reellen Gegenwert für ihr Geld. Bocks Geschäftspartner brauchen dagegen häufiger einen guten Anwalt.
"Ich werde ihn verfolgen bis ans Ende seiner Tage", grollte Roland Tiny Rowland, der ehemalige Chef des britischen Mischkonzerns Lonrho. Bock hatte dessen Firma in den neunziger Jahren nach Art einer frühen "Heuschrecke" gekapert, den Miteigentümer Rowland nach nicht einmal drei Jahren hinausgeschmissen und seinen Firmenanteil dann flugs mit einem riesigen Gewinn nach Südafrika weiterverscherbelt.
Das nötige Kleingeld für diesen Coup hatte der gelernte Jurist und Steuerberater mit Immobiliengeschäften aller Art verdient. Er hatte ein Näschen für günstige Gelegenheiten. So kaufte Bock 1974 einen Altbau in Schwabing, den gerade die Kommunarden Uschi Obermaier und Rainer Langhans geräumt hatten. Dem Eigentümer zahlte er dafür eine kleine Leibrente.
Später erwarb er größere Aktienpakete von so unterschiedlichen Firmen wie Holzmann, Dywidag oder bei der Hotelkette Kempinski und verkaufte sie kurz darauf gewinnbringend weiter. Einer seiner letzten Deals war der Kauf des Rheingauer Schlosses Reinhartshausen durch eine private Investorengruppe unter seiner Führung.
Genaue Einblicke in sein Vermögen und verschachteltes Reich gewährte der "Mystery Man" ("The Observer") niemandem. Das "manager magazin" taxiert ihn in der aktuellen Liste der reichsten Deutschen auf 650 Millionen Euro.
Wie viel davon noch übrig ist, dürfte allerdings schwer zu sagen sein. Grund: Gleich mehrere von Bocks früher eng mit ihm verwobenen Firmen stellten mittlerweile Insolvenzantrag wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung. Vielleicht hätte er es doch das eine oder andere Mal
mit einer gütlichen Einigung versuchen sollen.
Auch bei dem Hotelkonzern Kempinski kam es zu jahrelangen rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem schnell wieder ausgeschiedenen Großaktionär Bock. 1992 kaufte einer seiner Beteiligungsgesellschaften das Berliner Stammhaus von Kempinski, das Bristol am Kurfürstendamm. Dann verpachtete er das Fünf-Sterne-Hotel an Kempinski zurück. Weil er gleichzeitig dort Aufsichtsratschef und Mehrheitsaktionär war, sollen die Mietverträge für ihn äußerst vorteilhaft gewesen sein.
Nachdem der Rechtsstreit einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet hatte, einigte sich die mittlerweile dem thailändischen Königshaus gehörende Hotelgruppe mit ihrem schon vor Jahren ausgeschiedenen Aktionär: "Die Rechtsstreitigkeiten zwischen der Kempinski AG und Herrn Dieter Bock u. a. wurden im Jahr 2003 gütlich beigelegt", heißt es dazu lapidar.
Ihren Geschäftspartner Bock ist Kempinski allerdings immer noch nicht los. Der Finanzjongleur konnte sich privat einige der renommiertesten Kempinski-Hotels sichern und verpachtete sie an den Hotelkonzern weiter.
Doch nun ist die mit teilweise rabiaten Methoden erstrittene Erfolgsära des Firmenjägers möglicherweise zu Ende. Die Nachfolgefirma des früheren Bock-Unternehmens Advanta AG stellte schon am 23. Dezember 2005 vor dem Amtsgericht Stralsund Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Das bekamen bisher aber nicht mal Branchenkenner mit, weil Bock geschickt und rechtlich einwandfrei die Spuren verwischte. "Stille Beerdigung" heißt so etwas in Juristenkreisen.
Ende 2004 ließ Bock als Aufsichtsratsvorsitzender und zumindest langjähriger Großaktionär in einer außerordentlichen Hauptversammlung seine ehemalige Kernfirma Advanta AG zur Vantus GmbH umbenennen. Kurz vor dem Insolvenzantrag wurde das Unternehmen dann für einen Euro an eine ominöse Ormitextal AG aus dem Schweizer Skiort Engelberg weiterverkauft und der Firmensitz von der Mainmetropole Frankfurt ins stille Stralsund verlegt.
Nun muss der Frankfurter Insolvenzverwalter Jan Markus Plathner prüfen, ob die Insolvenz bei insgesamt fünf Firmen des ehemaligen Bock-Beteiligungsgeflechts eröffnet werden kann: "Ich muss sehen, wie werthaltig die Vermögenswerte sind."
Nach außen hin machen zumindest die Beteiligungen an den Grundstücksgesellschaften für die Renommierhotels Bristol und Taschenbergpalais in Dresden mächtig Eindruck. Die Vantus GmbH hält an beiden Hotels Anteile. Beim Bristol liegt ihre Einlage laut Handelsregister bei 41 Millionen Mark, eine weitere zur Insolvenz angemeldete Immobilienfirma namens ConCret hat eine Einlage von 76 Millionen Mark.
Die Frage ist allerdings: Wieviel Schulden lasten auf den Kempinski-Hotels?
Auch die Stadt Frankfurt gehört zu denjenigen, die von der Schockwelle der Insolvenzanträge aus Bocks ehemaligem Immobilienreich betroffen sind. Sie hatte in den neunziger Jahren zur Entwicklung des neuen Stadtteils Rebstockpark ein Gemeinschaftsunternehmen mit Bocks Adventa und dem mittlerweile in Konkurs gegangenen Baukonzern Holzmann gebildet.
Alle drei Parteien wollten ihre Grundstücke in der Nähe der Frankfurter Messe gemeinsam entwickeln und Büro- und Wohnimmobilien mit einer Gesamtinvestitionssumme von 1,2 Milliarden Euro hochziehen. Der amerikanische Stararchitekt Peter Eisenman, der später mit seinem Stelen-Mahnmal in Berlin berühmt wurde, lieferte den städtebaulichen Entwurf.
Doch wegen der langen Planungsdauer für den neuen Stadtteil muss Bock nach und nach das Interesse an dem Projekt verloren haben. "Dem Erschließungsvertrag ist unser Projektpartner aus der Advanta-Gruppe nie beigetreten", sagt Michael Knisatschek, einer der Geschäftsführer der Rebstock Projektgesellschaft.
Die Stadt Frankfurt und Holzmann mussten die Erschließungskosten allein tragen und beispielsweise eine Hausmülldeponie und einen Kernforschungsreaktor auf dem ehemaligen Industriegelände entsorgen. Mittlerweile sind die Schwierigkeiten überwunden, es wachsen immer mehr große Wohnblocks auf dem Gelände in den Himmel. Doch auf Bocks ehemaligen Grundstücken tut sich nichts. Die ConCret sowie eine weitere Gesellschaft, der das Baugelände gehört, mussten Anfang des Jahres ebenfalls wegen Überschuldung Insolvenz anmelden.
Bock gibt sich unbeteiligt. "Immobilienaktivitäten in Frankfurt habe ich seit vielen Jahren nicht mehr. Auch die mir früher nahestehende Advanta AG hat seit 1997 keine aktiven Immobilienengagements mehr übernommen", erklärte er dem SPIEGEL. Das hinderte ihn nicht daran, noch im April 2005 einen geharnischten Brief an die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth zu schreiben, in dem er Schadensersatzansprüche wegen des geänderten Planungsrechts auf dem Rebstockgelände vortrug.
Einmal in Rage schrieb der Immobilienhändler, dass nicht zuletzt wegen des Rebstockprojekts der einst von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem Exitus bewahrte Baukonzern Holzmann in die Insolvenz geraten sei. Diesen Vorwurf weisen dessen Vertreter scharf zurück. Die Holzmann-Banken stellen nach wie vor frisches Geld für die Erschließung des Areals zur Verfügung, weil sie die dortigen Grundstücke irgendwann für viel Geld verkaufen wollen.
Im August 2005 machte ein Vantus-Anwalt gegenüber der Stadt Ausgleichsansprüche geltend, die rund 300 Millionen Euro betragen können. Manche Experten werteten das als einen letzten Versuch, die Insolvenz der ehemaligen Bock-Firmen noch einmal abzuwenden. Die Forderungen seien völlig abstrus, heißt es im Rechtsamt der Stadt Frankfurt.
Mittlerweile strebt der Insolvenzverwalter Plathner in deutlich konzilianterer Form ein Schiedsgerichtsverfahren mit der Stadt an. "Wir möchten die rechtlichen Fragen klären", sagt er vorsichtig. Von dreistelligen Millionenbeträgen ist jedenfalls nicht mehr die Rede.
Und was macht Bock? Der rächte sich auf seine Weise an der Stadt am Main. Er berief sich auf eine Klausel in einem ominösem, geheimgehaltenen Vertrag. Seine Kunststiftung zog im Laufe des Jahres 2005 fast 500 Werke aus dem Frankfurter Museum für Moderne Kunst ab, die der ehemalige Museumsdirektor mit Bocks Geld gekauft hatte.
Dank der Expertise des Museumsdirektors und der öffentlichen Präsentation in einem renommierten Museum verfügt Bock nun über eine wertvolle Sammlung. Mit dem Verkauf von nur drei Werken bei Sotheby's spielte der Spekulant seine ursprüngliche "Spende" von drei Millionen Mark wieder ein. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 14/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INVESTOREN:
Stille Beerdigung

Video 02:49

Im Klötzchen-Universum Die irren Maschinen des Lego-Meisters

  • Video "Florida: Häftling befreit Kleinkind aus Auto" Video 02:03
    Florida: Häftling befreit Kleinkind aus Auto
  • Video "Münchner Sicherheitskonferenz: Fünf Sekunden Schweigen gegen Trump" Video 02:07
    Münchner Sicherheitskonferenz: Fünf Sekunden Schweigen gegen Trump
  • Video "Pakistanische Luftwaffe: Saudischer Prinz erhält Kampfjet-Eskorte" Video 00:41
    Pakistanische Luftwaffe: Saudischer Prinz erhält Kampfjet-Eskorte
  • Video "Stillgelegtes Kraftwerk im Ruhrgebiet: Spektakuläre Sprengung in zwei Akten" Video 02:47
    Stillgelegtes Kraftwerk im Ruhrgebiet: Spektakuläre Sprengung in zwei Akten
  • Video "Whistleblower Daniel Ellsberg: Wartet nicht, bis die Bomben fallen" Video 04:59
    Whistleblower Daniel Ellsberg: "Wartet nicht, bis die Bomben fallen"
  • Video "Gelbwesten-Proteste in Paris: Demonstranten beleidigen bekannten Philosophen antisemitisch" Video 02:24
    Gelbwesten-Proteste in Paris: Demonstranten beleidigen bekannten Philosophen antisemitisch
  • Video "Indonesien: Chaotische Evakuierung nach Flugzeug-Crash" Video 01:04
    Indonesien: Chaotische Evakuierung nach Flugzeug-Crash
  • Video "Snowkiting: Deutscher Doppelsieg auf zugefrorenem Alpensee" Video 01:25
    Snowkiting: Deutscher Doppelsieg auf zugefrorenem Alpensee
  • Video "Faszination Tauchen: Auge in Auge mit Hai, Buckelwal und Co." Video 25:33
    Faszination Tauchen: Auge in Auge mit Hai, Buckelwal und Co.
  • Video "Frankreich: Erneut Krawalle bei Gelbwesten-Protest" Video 01:26
    Frankreich: Erneut Krawalle bei "Gelbwesten"-Protest
  • Video "Rekord-Treffen: Alles voller Schlümpfe!" Video 01:30
    Rekord-Treffen: Alles voller Schlümpfe!
  • Video "Vor NBA-All-Star-Game: Diallo krönt sich zum Dunk-Champion" Video 01:58
    Vor NBA-All-Star-Game: Diallo krönt sich zum Dunk-Champion
  • Video "Filmstarts: Dann schlag mich doch K.o." Video 06:29
    Filmstarts: "Dann schlag mich doch K.o."
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch
  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters" Video 02:49
    Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters