02.04.2007

BILDUNGDie Muster-Schulgegner

In Deutschland wächst die Bewegung der Schulverweigerer: Nicht mehr nur weltfremde Fundamentalchristen lassen ihre Kinder zu Hause. Bildungsforscher entdecken das Thema Homeschooling.
Morgens um elf in Bremen-Schönebeck: Moritz, 10, übt Posaune; sein Bruder Thomas, 7, klimpert auf dem Klavier. In der nächstgelegenen Grundschule stünde für die beiden jetzt vielleicht auch Musik auf dem Stundenplan, bald wäre große Pause.
Doch Moritz und Thomas gehen nicht zur Schule. Die beiden sind pfiffige Jungs, die mit großem Ernst erklären, warum das mit der Schule nichts für sie ist. "Ich hatte oft Probleme mit der Langeweile", sagt Moritz, "die meiste Zeit geht ja für Zettelausteilen und Schimpfen drauf." Und Thomas ergänzt: "Das Schlimmste ist die Pflicht, dass man da hingehen muss."
Kaum ein Schulkind, das den Bremer Brüdern da nicht zustimmen würde. Was Moritz und Thomas zu einer kleinen Sensation macht: Dagmar und Tilman Neubronner akzeptieren die Verweigerungshaltung ihrer Söhne - und sie streiten dafür sogar vor Gericht.
Und doch sind die Neubronners eine irritierend normale Familie. "Wir sind nicht prinzipiell gegen die Schule", sagt der Vater. Am früheren Wohnort im Allgäu hätten sie sogar eine gegründet, eine Montessori-Schule, die Moritz zwei Jahre lang unter Protest besuchte: Ihn störte der Lärm in der Klasse, er klagte über Kopf- und Bauchweh, bekam eine Lungenentzündung.
"Aus unserem wissbegierigen Kind wurde in der Schule ein schlaffer Hänger", erinnert sich die Mutter, "es gab nur noch den fröhlichen Ferien-Moritz und das unglückliche Schulkind." Auch der kleine Bruder hielt es gerade mal ein paar Tage in einer Bremer Grundschule aus.
Die Neubronners beschlossen, ihre Söhne zu Hause zu lassen. Lesen und Schreiben konnten beide ohnehin bereits vor der Einschulung. "Warum sollte Thomas dann in der ersten Klasse stundenlang das A üben?", fragt Dagmar Neubronner, und ihr Mann erklärt: "Unsere Kinder wollen nicht in die Schule; und wir sind nicht überzeugt genug, um sie zu zwingen."
Das würde das Land Bremen gern für sie erledigen: "Wir sind fest entschlossen, die Kinder in die Schule zu schicken", sagt Ulrich Kaschner, Justitiar bei der Bildungsbehörde. Die allgemeine Schulpflicht gilt auch für die Neubronners, entschied das Bremer Verwaltungsgericht und wies die Klage der Familie auf Befreiung der Jungs ab. Zugleich ließ das Gericht Berufung zu, Begründung: "Die Rechtssache hat über den Einzelfall hinausgehende, grundsätzliche Bedeutung."
Für ihre Berufung haben die Neubronners internationale Untersuchungen über daheim beschulte Kinder zusammengetragen, Studien über Gewalt in der Schule sowie Ausnahmefälle wie die Teenie-Band Tokio Hotel, deren schulpflichtige Mitglieder sich an einer Internet-Schule einschreiben durften. Aus der Sorge um das Wohl der Kinder ist ein Feldzug gegen die Schulpflicht geworden.
Der Neubronner-Prozess wird in der Gemeinde der Schulpflichtgegner mit Spannung verfolgt: Mindestens 500 Familien, schätzt der Bonner Bildungsforscher Volker Ladenthin, unterrichten hierzulande ihre Kinder am heimischen Küchentisch. "Das ist eine extrem gut vernetzte Bewegung", sagt Ladenthin.
So sind die Neubronners zu einer Art Muster-Schulgegner geworden, zum Aushängeschild der Szene: die netten Bildungsbürger, die ihre Jungs bereitwillig bei Radio Bremen und bei Günther Jauch in "Stern TV" präsentieren.
Voriges Jahr gab Forscher Ladenthin ein Sachbuch zum Thema heraus; an seinem Lehrstuhl startet gerade ein großes Forschungsprojekt zum Heimunterricht. "Das Phänomen Homeschooling ist von der Bildungsforschung bislang übersehen worden", sagt der Wissenschaftler, "ich war überrascht, dass das weit mehr als ein paar Einzelfälle sind."
Zu ähnlichen Schlüssen kommt der Marburger Soziologe Thomas Spiegler, der gerade seine Doktorarbeit über Homeschooling abgeschlossen hat - die erste empirische Studie hierzulande. Mehr als hundert Familien hat der Forscher im Laufe seiner Arbeit persönlich kennengelernt und zum Teil sehr ausführlich befragt: "Ich habe schnell festgestellt, dass das eine Entwicklung ist, die bei weitem nicht nur das religiöse Milieu betrifft."
Nicht nur strenggläubige Familien, die ihre meist zahlreichen Kinder vor Evolutionstheorie und Sexualkunde schützen wollen, bevorzugen die Heimbeschulung - darunter etwa die Hamburger "Bibelfamilie", die 2006 nach Österreich flüchtete, um ihren Nachwuchs der Schulpflicht zu entziehen.
"Meist sind es gebildete Eltern mit Hang zur Alternativpädagogik, die das staatliche Schulsystem herausfordern", sagt Ladenthin. Unterstützung erhielten die Bildungs-Exoten vor kurzem von Uno-Menschenrechtsberichterstatter Vernor Muñoz, der in seinem umstrittenen Report über die Schwächen des deutschen Schulsystems unter anderem das Fehlen alternativer Bildungsmöglichkeiten wie
Homeschooling und Fernunterricht kritisiert.
Die Biologin Dagmar Neubronner hat ihre Kinder anfangs nach festem Stundenplan unterrichtet. Sie führt mit ihrem Mann einen kleinen Buchverlag, beide arbeiten zu Hause. Heute, nach mehr als einem Jahr Heimunterricht, gibt es keinen Plan mehr. "Lernen ist für uns nicht nur am Tisch sitzen und schreiben", erklärt Dagmar Neubronner. Moritz und Thomas lernen jetzt in "Projekten".
Die Jungs lieben Playmobil und Werder Bremen. In tagelanger Arbeit haben sie ein Lehrbuch der Fußballregeln erstellt: Playmo-Kicker in Spielsituationen von Abseits bis Elfmeter, fotografiert mit der Digitalkamera und ausführlich betextet.
Solche Arbeitsproben schauen sich nun alle 14 Tage zwei Grundschullehrerinnen an und berichten der Bildungsbehörde über die Fortschritte von Moritz und Thomas. "Wir haben immer versucht, gemeinsam mit den Behörden eine Lösung zu finden", beteuert Dagmar Neubronner.
Derzeitiger Kompromiss: ein Kooperationsvertrag für die Dauer des Rechtsstreits. So lange müssen die Söhne nicht zur Schule, die Neubronners führen dafür ein Lerntagebuch und richten sich weitgehend nach dem Bremer Lehrplan für die Grundschule. "Mit diesem Vertrag hat die Behörde die volle Kontrolle, und wir haben gleichzeitig viel Freiheit", sagt die Mutter.
Ein Hauptargument für die Schulpflicht, finden die Neubronners, greife in ihrem Fall nicht: "Die Allgemeinheit hat ein berechtigtes Interesse daran, der Entstehung nicht nur von religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften, sondern auch von bestimmten schulpolitisch ausgerichteten Gruppen entgegenzuwirken, deren Bestreben es ist, sich von der Gesellschaft abzuschotten", heißt es in der Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichts.
"Wir schotten unsere Kinder nicht ab", hält Vater Neubronner dagegen. Die Jungs singen im Chor und kicken im Verein; sie haben Freunde in der Nachbarschaft, aber auch in anderen norddeutschen Homeschooling-Familien.
Könnte es nicht sein, fragt das Gericht weiter, dass Moritz und Thomas bei einer möglichen Rückkehr in die Schule schon deswegen wieder Bauchschmerzen bekämen, weil die Eltern ebendas erwarten? Ganz sicher nicht, sagen die Eltern. Doch was bleibt bei einem Siebenjährigen hängen, wenn seine Mutter im Gespräch über die Grundschule am Ort sagt, sie selbst kriege "schon in der Eingangshalle Beklemmungen"?
"Wir hören immer das gleiche Argument für die Schulpflicht", sagt Rina Groeneveld, ebenfalls eine Heimschüler-Mutter: "Wenn man uns erlaubt, unsere Kinder zu Hause zu unterrichten, dann lassen alle Fundamentalisten ihre Kinder zu Hause und erziehen sie zu Terroristen."
Die Groenevelds kommen aus Südafrika, sie haben in den USA und in Italien gelebt, Vater Steven Groeneveld ist Flugzeugingenieur. Sie wissen nie, wann er wieder in ein anderes Land versetzt wird.
Seit drei Jahren lebt die Familie am Bremer Stadtrand, die beiden älteren Kinder werden zu Hause unterrichtet, die anderen zwei sind noch nicht schulpflichtig. "Wir wollten die Kinder nicht jedes Mal wieder aus der Schule reißen, wenn sie sich gerade eingewöhnt hatten, und wir wollen sie in unserer Muttersprache lernen lassen", sagt Rina Groeneveld. "In vielen anderen Ländern ist Homeschooling ganz normal, hier droht man uns mit Bußgeldbescheiden." Auch die Groenevelds klagen.
Viele Homeschooler berufen sich auf die Situation in Nachbarländern wie Dänemark und Österreich, wo es keine Schulpflicht, wohl aber eine Unterrichtspflicht gibt. Wer seine Kinder von der Schule abmeldet, muss nachweisen, dass sie daheim unterrichtet werden; es gibt regelmäßige Leistungsprüfungen.
Groenevelds Sohn Robert, 13, geht zum Fußball, zum Karate und in den Schachclub, er möchte Pilot werden. Tochter Rowena, 9, spielt Klavier, reitet und trainiert Eiskunstlauf. "Wir sind eine absolute Mainstream-Familie", versichert die Mutter, "wir gehen zu McDonald's und kaufen bei Aldi ein, und wir haben ganz viele Bücher über die Evolutionstheorie." Dass Schulflüchtige unter Gleichaltrigen mitunter trotzdem als Sonderlinge gelten, hat Moritz Neubronner bereits erfahren. Als sich im Fußballverein herumsprach, dass er nicht zur Schule muss, nervten ihn die Teamkollegen mit Rechenaufgaben: "Die haben mich gefragt, was denn zehn hoch vier ist."
"Was auf der einen Seite Schutz vor den Einflüssen des Alltags bedeutet", gibt auch Forscher Ladenthin zu bedenken, "ist auf der anderen Seite Mangel an Erfahrung." Das Lernen im Klassenverband, der Wettbewerb untereinander, lässt sich daheim im Wohnzimmer nur bedingt simulieren.
Dennoch plädiert der Wissenschaftler dafür, die Schulpflicht auch in Deutschland nicht als in Stein gemeißelt zu betrachten. "Wenn Lehrpläne eingehalten werden und Leistungsprüfungen stattfinden, kann diese Form der Bildung manchmal die bessere Lösung sein", sagt Ladenthin. "Für die Kinder ist es auf jeden Fall schlechter, wenn sich der Heimunterricht in einer Grauzone abspielt", sagt auch Soziologe Spiegler.
Denn solange die Heimbeschulung verboten ist, gibt es auch keine festen Regeln wie den Lernvertrag der Neubronners. Die meisten der betroffenen Kinder bleiben trotzdem über Jahre daheim. Spiegler weiß von Fällen, in denen Familien ihre Kinder in stillschweigendem Einvernehmen mit den Behörden zu Hause lassen: "Die rechtlichen Regelungen sind zwar eindeutig, werden aber uneinheitlich angewandt."
Die Mohsennias aus Düsseldorf wollten sich den Kampf mit dem Amt von vornherein ersparen. Als Sohn Julian, acht, schulpflichtig wurde, wanderte die Familie in den kanadischen Westen aus. "Hier ist Homeschooling eine ganz normale Bildungsalternative", sagt Mutter Stefanie Mohsennia, "jeder hat zumindest einen Nachbarn oder Arbeitskollegen, dessen Kinder zu Hause lernen." In Kanada gibt es Fernschulen, Homeschooling-Gruppen und sogar Zuschüsse vom Staat für Materialien und Museumsbesuche.
"Julian war nie ein Gruppenkind", erklärt seine Mutter, "ich hatte immer das Gefühl, dass er zu Hause am besten lernen kann, getrieben von seiner eigenen Neugier." Einmal pro Woche trifft sich Julian mit anderen Homeschoolern, dann gehen sie ins Konzert, machen Ausflüge oder toben im Park. Dazwischen lernt er Englisch, liest oder arbeitet Mathehefte durch. 25 Stunden "Lernaktivität" muss der Junge pro Woche dokumentieren.
Dem Achtjährigen gefällt sein Heimschüler-Leben: "Ich gehe nicht zur Schule wail in der Schule zwingen die dich!", schreibt er auf seiner Homepage, "aber zu Hause ist es frei!" JULIA KOCH
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 14/2007
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