07.04.2007

Die Reise ins Licht

Ostern, das Fest der Auferstehung, erinnert an einen uralten, schönen Menschheitstraum: die Unsterblichkeit der Seele. Kein Denker hat sie je bewiesen. Trotzdem glauben immer noch viele an das Ewige im Menschen. Sie könnten recht haben. Von Mathias Schreiber
Ein Dienstag, es ist der 6. März 2007, etwa 100 Kilometer südlich von Bagdad: Muslimische Pilger wandern nach Kerbela, zu einer ihrer heiligsten Moscheen, wo sie der Ermordung eines jener Männer gedenken, auf die sie ihre schiitische Eigenart gründen: Hussein Ibn Ali, Mohammeds Enkel. In der Provinzstadt Hilla passiert es: Zwei gewaltige Explosionen, mitten in der Menschenmenge, reißen 90 Pilger, darunter Frauen und Kinder, in den Tod, fast 200 weitere werden verletzt.
Zwei Scheinpilger, wahrscheinlich sunnitische Muslime, hatten nacheinander ihre Sprengstoffgürtel gezündet, sogenannte Selbstmordattentäter. "Selbstmordattentäter" ist ein schönfärberischer Begriff, der das eigentliche Verbrechen - die Tötung unschuldiger Zivilisten im Rahmen einer absurden ideologischen Sippenhaft - hinter der Benennung seiner Vollstreckungsart, der Selbsttötung, versteckt.
Seit Beginn des Irak-Kriegs im Jahr 2003 mussten mindestens 65 000 Zivilisten ihr Leben lassen, das sind sieben Mal mehr als die Zahl der Soldaten, die in diesem Krieg gestorben sind. Die Uno nimmt eine hohe Dunkelziffer an und schätzt, dass allein im vergangenen Jahr 34 500 Zivilpersonen umgebracht wurden.
Im irakischen Inferno dieser Wochen war der Pilgermord vom 6. März also eine fast normale Szene. Es ist ungeheuerlich: Nicht sogenannte Ungläubige, sondern sogar harmlose Pilger auf Gott-Suche werden von konkurrierenden Gott-Suchern heimtückisch getötet, angeblich für ein hehres Ziel, doch im Namen desselben Gottes. Sind nicht auch die so zerfetzten Menschen Diener Allahs?
Verstehen lässt sich die suizidäre Metzelei schon lange nicht mehr als bloßer "Aufstand" gegen Amerikaner, Briten und andere "Ungläubige"; auch nicht allein im Blick auf den jahrhundertealten Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten. Die Mörder der Pilger wären nicht, was sie sind, hätten sie nicht eine an sich positive Idee im Kopf, einen stolzen Menschheitstraum: die Unsterblichkeit der Seele.
Muslime, egal ob Schiiten oder Sunniten, bauen auf das Fortleben in einem Jenseits, das vom Koran gärtnerisch ein wenig so ausgemalt wird wie das Paradies, aus dem Adam und Eva vertrieben wurden. Die Gärten des Koran verheißen dem Rechtschaffenen ewigen Müßiggang zwischen Palmen, sprudelnden Quellen und hübschen Jungfrauen mit schwellenden
Brüsten ("Huris"), wobei die beglückende "Betrachtung" des Allerhöchsten versüßt wird durch herrliche Klänge und den häufigen Genuss von Honig, Milch und Wein.
Die selbstmörderischen Massenmörder sind eigentlich gar nicht so heldenhaft, wie sie wirken. Denn diese meist sehr jungen, meist sehr schlichten Gemüter sind fest von ihrem Weiterleben in diesem Paradies überzeugt. Und dass sie offenbar so geringe Hemmungen vor der Tötung Unschuldiger haben, lässt sich - außer mit dem Tunnelblick des verführten Fanatikers, dessen Familie eine Prämie kassiert - auch damit erklären, dass sie sogar ihren Opfern ein Fortleben im Jenseits zugestehen, wenn auch auf einer weniger luxuriösen Etage des Paradieses. Wer meint, ewig zu leben, muss diese Ewigkeit auch denen einräumen, die nicht an sie glauben.
Wie auch immer: Die nicht enden wollenden Selbstmord-Massenmorde zwischen Bagdad und Gaza gäbe es nicht ohne den Traum von der persönlichen Unsterblichkeit. Das Böse wird ermöglicht durch einen der ältesten Trostspender der Menschheitsgeschichte. Eine makabre Paradoxie.
Seit 5000 Jahren wird in den verschiedensten Kulturen der Erde über das Sterben nachgedacht, über die Erfahrung, dass Körper und Selbst des Menschen nicht einfach identisch sind, dass es so etwas wie eine Seele geben muss, die den hinfälligen Körper überdauert. Vom Ahnenkult der Steinzeit bis zur Seelenwanderungslehre der Brahmanen und Buddhisten, vom Wiederauferstehungsgedanken Zarathustras und der biblischen Prophetie bis zu den christlichen Himmels- oder Höllenbildern und den Unsterblichkeitsspekulationen bedeutender Philosophen wie Platon reicht jene Tradition des Tiefsinns. Sie hilft bis heute dem Menschen, auch außerhalb kirchlicher Bindung, den Schock zu verkraften, den der Tod eines Angehörigen oder eines Freundes auslöst.
Was sind die Kerngedanken dieser Tradition? Was bleibt davon nach 200 Jahren Aufklärung und naturwissenschaftlich begründeter Entzauberung der Welt? Macht moderne Gehirnforschung sogar die ehrwürdige Rede von der "Seele" überflüssig?
Wer Unsterblichkeit zu denken versucht, der legt sich mit etwas Unvorstellbarem an, es ist mindestens so unvorstellbar wie eine unendliche Linie. Dass sie anschaulich nicht nachvollziehbar ist, macht aus der Idee der unendlichen Linie noch keinen Nonsens. Verhält es sich am Ende so mit der Unsterblichkeit?
Die Idee der Unsterblichkeit enthält viele Widersprüche. Paradox war der Jenseitsglaube von Anfang an schon durch die Prägung "Leben nach dem Tod": Wo es den Tod doch gerade ausmacht, nach dem Leben anzutreten, als dessen Vernichter. Aber Ungereimtheiten dieser Art hindern viele Menschen bis heute nicht, an so etwas wie dem ewigen Leben festzuhalten.
Immerhin 52 Prozent der Deutschen, das ergab eine vom SPIEGEL in Auftrag gegebene Umfrage des Instituts TNS Forschung Ende März, mögen sich nicht damit abfinden, dass mit dem Tod des Menschen "alles aus" sein soll; von den 18 bis 29 Jahre alten Deutschen sogar 64 Prozent. Sie hoffen offenbar auf irgendeine Art von jenseitiger Fortexistenz. An die Unsterblichkeit der Seele glauben ebenfalls 52 Prozent, von den 18 bis 29 Jahre Jungen 56 Prozent. An die biblische Botschaft, es gebe eine Auferstehung des Fleisches zum Ende der Geschichte, mögen nur 35 Prozent der Befragten glauben; 59 Prozent zweifeln daran.
Die Antworten, die vom SPIEGEL befragte Intellektuelle und Künstler gegeben haben, lassen sich diesem Meinungsbild nur ungefähr zuordnen. Die einen zeigen sich radikal skeptisch, andere bekunden Jenseits-Ahnungen, die sie aber nicht fixieren möchten, wieder andere hadern schon mit der altmodischen Frage; und natürlich gibt es dann auch den Christen, der die von seiner Kirche gepredigte Version der Unsterblichkeit akzeptiert.
Ein gläubiger Ungläubiger, der aus allen Befragungsrastern herausfällt, ist zum Beispiel der Schauspieler Johannes Heesters, 103; er hat soeben von sich reden gemacht, als er gestand, endlich mit dem Rauchen aufgehört zu haben - nach 90 Jahren Zigarettenglück. Heesters ist bekennender Katholik, kann sich aber seine persönliche Unsterblichkeit ebenso wenig "vorstellen" wie die Auferstehung aller Menschen beim Weltgericht.
Noch zurückhaltender äußert sich der Schriftsteller Martin Walser, 80. Er zählt Unsterblichkeit - ebenso wie Gott - zu den "Großwörtern", deren Gegenstände gar nicht existierten, räumt aber ein, dass die Menschen auf solche Wörter nicht verzichten können. Die "Sache" mit der Auferstehung des Fleisches hält er für "ganz irrational". Andererseits gelte: Wer Unsterblichkeit und Auferstehung verneine, sei "schon hereingefallen", nämlich auf einen "historischen Sprachgebrauch", der "sinnlos" geworden sei.
Walsers Leib-und-Magen-Kritiker, Marcel Reich-Ranicki, 86, beantwortet die Fragen nach Unsterblichkeit oder Auferstehung sehr entschieden: Er halte von alldem "gar nichts".
Überraschend ist, dass dieser Skepsis am heftigsten Zeitgenossen widersprechen, die mehr als jeder gewöhnliche Sterbliche Erfahrungen mit Todkranken gemacht haben. Die Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926 bis 2004), die als Ärztin jahrelang Krebskranke, vor allem Kinder, bis an die Grenze des Todes begleitet hat, bezeichnete das Sterben als "Übergang" in "eine andere Form des Lebens", als "strahlenden Beginn" des Eintritts in ein "kosmisches Bewusstsein". Sie hat es verglichen mit dem "Heraustreten" des "Schmetterlings aus seinem Kokon".
Der Kölner Seelsorger Bert van der Post, 69, hat etliche Workshops der Kübler-Ross besucht, begleitet seit über 30 Jahren junge und alte Todkranke auf ihrem letzten Weg und leitet das Hospiz Haus Tobias, ein "Abschiedshaus", wie er sagt, für 25 Menschen. Van der Post bekennt sich ohne Zögern: "Das Ich bleibt, der Tod ist nicht das Ende, das geb ich Ihnen schriftlich." Er habe, erzählt er, intensiv erlebt, wie seine sterbende Mutter von ihrem zuvor gestorbenen Mann regelrecht "abgeholt" wurde, sie habe "Peter!", seinen Namen, gesagt und ausgeschaut, als sehe sie ihn vor sich.
Im Haus Tobias habe unlängst Bernd, 23, an Leukämie unheilbar erkrankt, ihn gefragt, was wohl nach dem Tod passiere. Und als er erwiderte, wir Menschen seien bei Gott gut aufgehoben, habe Bernd, einen Tag später, gestanden: "Ich würde gerne glauben, kann aber nicht. Ich möchte etwas anderes: Darf ich mich in Deinen Glauben fallen lassen?" Er durfte.
Van der Post weiß natürlich, dass viele Gehirnforscher die Unsterblichkeit der Seele für ein Hirngespinst halten, weil ohne die Aktivität der Nervenzellen so etwas wie Bewusstsein unmöglich sei. Dennoch insistiert er: "Ich habe erfahren, dass und wie die Seele den Körper verlässt. Wie genau das aussieht, weiß ich nicht, ist mir aber auch egal."
Die Auferstehung des Fleisches am Ende aller Tage kann er sich nicht vorstellen: Er habe zu viele sieche Körper erlebt. Der Mann ist kein Esoteriker, doch er verlässt sich lieber auf seine Intuition als auf die Wissenschaft. Sein Verein, der das Haus Tobias betreibt, heißt "Himmel un Ääd", Himmel und Erde. So nennt man in Köln ein Gericht: Kartoffelpüree mit Apfelmus, Blutwurst und Speckwürfeln. Echter Seelentrost.
Suhrkamp- und Insel-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, 55, hat soeben auf der Leipziger Buchmesse die Gründung des "Verlags der Weltreligionen" erläutert. Er soll die "alten religiösen Schriften" neu publizieren und, auch im Rahmen einer "edition unseld", mit Erkenntnissen der Naturwissenschaften konfrontieren, etwa jenen, die von unsichtbarer Antimaterie und rätselhaften Parallel-Universen handeln. Unseld-Berkéwicz: "Wir haben Gott abgesetzt, weil wir ermessen und berechnen wollten. Die Kräfte aber, die wir nicht messen oder berechnen können, walten weiter." Das "verlorene Wissen" der Alten Welt, meint sie, könne fruchtbar gemacht werden für eine Naturwissenschaft, die sich vom "physikalisch-technologischen Fundamentalismus" der platten Aufklärung unserer Tage verabschiede.
Sie weiß, dass einer, der so denkt, rasch zum Mystiker gestempelt wird. Deswegen beruft sie sich bei einem archaischen Thema wie dem der Unsterblichkeit auch gern auf nüchterne Naturwissenschaftler; etwa auf den US-Physiker Frank J. Tipler, der in seinem Buch "Die Physik der Unsterblichkeit" (deutsche Ausgabe 1994) die Diskussion auf wissenschaftlicher Basis führt und zu begründen versucht, "dass jeden Einzelnen von uns ein Leben nach dem Tode erwartet".
Die Verlegerin findet es "merkwürdig, dass viele Menschen offenbar Angst haben, es könnte nach dem Tod weitergehen". Und fragt sich: "Wie schaffen die das eigentlich, wenn einer stirbt, den sie lieben?" Sie glaubt nicht, dass mit dem Tod "alles aus" ist. Keine Energie gehe im All verloren, der Geist, und da zitiert sie Erwin Schrödinger, könne nicht "durch die Zeit vernichtet werden" (siehe Seite 122, 126, 129, 132).
Die großen Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, denen rund 3,6 Milliarden Erdenbürger anhängen, sprechen allesamt vom ewigen Leben, wenn auch mit bemerkenswerten Unterschieden.
Das erste Problem dabei: Leben als solches wird erst in der Abgrenzung zum Gegenteil, dem Totsein, definiert: "Nicht existierte der Tod, also auch nicht das Leben", heißt es im altindischen Weltentstehungsbericht des "Rigveda". Leben ist
wesentlich "Sein zum Tode", wie der Philosoph Martin Heidegger formuliert. Außerhalb des Horizonts der Zeitlichkeit gibt es kein Sein. Ein ewiges Leben ist ein Widerspruch in sich: unvorstellbar.
Eben darum glauben wir daran, kontern die Weisen der jüdisch-christlich-islamisch geprägten Tradition. Ja, sagen sie, das ewige Leben ist unvorstellbar, wir kennen so etwas nicht. Kenntnis davon haben die Menschen nur, weil Gott dies geoffenbart hat. Nur Gott, der schlechthin Unvorstellbare, kann so etwas wie das ewige Leben wissen und uns wissen lassen. "Er selbst erkennt in uns", sagt Nikolaus von Kues (1401 bis 1464), ein christlicher Denker, hier stellvertretend für die anderen monotheistischen Gotteslehrer.
Die hehre Lehre ist so klug gebaut, dass sie auch den noch einfängt, der an ihr zweifelt. Dass er so etwas wie "eine unendliche Sphäre" (Immanuel Kant) imaginieren oder einen unendlichen Gott skeptisch erwägen kann, betrachten viele schon als Beleg für die göttliche Abkunft des Menschen.
Ohne Zweifel ist ein Menschenleben, das als Hüter eines solchen Geheimnisses begriffen wird, sehr viel kostbarer und auch faszinierender als jener naturwissenschaftlich durchleuchtete Homo sapiens, der auf seine animalische Abstammung, seine tierischen Triebe und die - immerhin - sensationelle Komplexität seiner Gehirnfunktionen reduziert wird. Die Kultur der Menschenwürde ist am stärksten in der Bindung an die Idee der Unsterblichkeit. Mag diese Idee auch Selbstmord-Massenmörder beflügeln, so gilt doch zugleich: Sie liefert das triftigste Argument gegen deren Untaten. Ohne die Würde, die aus der Unsterblichkeitsvorstellung abgeleitet wird, fehlt dem Tötungsverbot die höchstmögliche metaphysische Begründung, und zugleich die Chance, dem Mörder die allerschlimmste Strafe anzudrohen: die ewige Verdammnis.
Nun muss, was moralisch wünschenswert ist, durchaus noch nicht der Fall sein. Andererseits verbietet der Kampf um die Menschenwürde den leichtfertigen Verzicht auf eine Metaphysik, die von der Naturwissenschaft bisher ja nur in ihren gröbsten Versionen widerlegt wurde.
Der Gedanke, der Mensch verfüge über eine mehr als bloß irdische Lebensdauer und Bedeutung, hat sich im dritten Jahrtausend vor Christus in den Hochkulturen zwischen Ganges, Euphrat, Tigris und Nil herausgebildet. In der Schattenzeit davor bezeugt der an Grabfunden ablesbare Ahnenkult jenes Gefühlsgemisch aus Scheu und Schauder, das "eine religiöse Haltung dem Tod und den Toten gegenüber" schon sehr früh wahrscheinlich macht, so Hermann Müller-Karpe in seiner "Geschichte der Steinzeit" (1974).
Schon die primitivsten Höhlenbewohner und Jäger gewannen den Eindruck, dass der Mensch nicht einfach mit seinem Körper abstirbt, weil der Verstorbene in den Erinnerungen und Träumen seiner Angehörigen herumgeistert. Solche Ahnung geistiger Autonomie gegenüber der Körperwelt verdichtete sich aber nur sehr allmählich zur konsistenten Vorstellung von einem Jenseits, in dem der Tote fortexistiert.
Dass man ihm Keile, Hacken, Pfeilspitzen, Schmuck und Fleischbrocken, etwa vom Wildschwein, ins Grab legte, zeigt, wie körperlich dieses Fortleben lange gedeutet wurde. Der Tote wurde durch Grabbeigaben verabschiedet und geehrt, wohl auch genährt; zugleich legte man Steine und die Schulterblätter von Mammuts auf die Leichen, um sie einerseits vor wilden Tieren zu schützen und um andererseits die gruselige Wiederkehr des "lebenden Leichnams" zu verhindern.
Der Ahnenkult ist auf der ganzen Erde eine Brücke zum Jenseits, zur Verehrung von allgegenwärtigen (Familien-)Geistern und (Natur-)Göttern, die der Mensch durch Opfergaben günstig stimmen will, denn sie können den Lebenden Fruchtbarkeit spenden, aber auch schaden und sich böse rächen, wenn die Opfergaben ausbleiben.
Je deutlicher die göttliche Sphäre mit dem Totenreich verbunden wird, desto auffälliger nähern sich die Bestattungsriten je-nen Formen, in denen auch der Gottheit geopfert wird. Brandbestattung und Menschenopfer greifen ineinander. Wenn das verbrannte Stammesmitglied ein tapferer Krieger gewesen ist, kann es leicht selbst zum Schutzgott aufsteigen, dem geopfert wird.
Manche Völker glauben, dass außer ihren Königen nur solche Heroen nach dem Tod fortleben, andere reservieren diesen den Aufstieg in eine lichte Himmelswelt, während die Masse des Volkes in einem unterirdischen Totenreich weiterdämmern muss. Bei den Azteken Alt-Mexikos fallen Menschen, die durch Alter und Krankheit zu Tode gekommen sind, in die Unterwelt. Ertrunkene, vom Fieber Dahingeraffte, vom Blitz Getroffene dürfen zum Regengott Tlaloc eilen und sich in seinem Bergparadies aalen. Ihre Leichen werden nicht verbrannt. Gefallene Krieger und als Menschenopfer dem Sonnengott dargebrachte Kriegsgefangene - das waren bei einer einzigen, mehrtägigen Fete schon mal bis zu 20 000 - werden in den Himmel eben dieses Sonnengottes aufgenommen.
In Afrika und Australien ist der Glaube verbreitet, dass sich der Verstorbene in einer Person derselben Sippe neu verkörpern kann. Ähnliches spukt durch die altgermanische Sagenwelt. Starkad der Alte, ein Kraft-Knorz der Edda, erzählt, er sei ein wiedergeborener Riese, nämlich der Großvater Starkad. Auch die sprachliche Besonderheit, dass das Wort "Enkel" aus dem Althochdeutschen "eninchili" kommt, was "der kleine Ahn", der kleine Großvater, heißt, macht einen ursprünglichen Glauben an sippengebundene Wiedergeburt wahrscheinlich.
Wirklich Ruhe geben die Verstorbenen, so glaubt man in vielen Kulturkreisen der Steinzeit, erst nachdem ihnen der Kopf abgetrennt wurde. Schädelkulte aller Art deuten an, dass der Kopf als Sitz des Geistes besondere Verehrung genoss, aber auch Angst einflößte. Die Steinzeit-Menschen in Papua-Neuguinea haben noch bis vor 50 Jahren die Gehirne ihrer verstorbenen Angehörigen verzehrt, um für deren Seelen ein Überleben zu sichern. Ob deswegen so viele von ihnen an Kuru erkrankten, einer der Creutzfeld-Jakob-Krankheit verwandten Endemie, ist ungewiss. Die Infizierten konnten nur noch torkeln und stammeln, sie starben den "lachenden Tod".
Kaum eine Kultur der Frühgeschichte hat sich intensiver mit dem Tod beschäftigt als die altägyptische. Viele Jahrhunderte lang war für sie der Tod kein Endpunkt der Existenz, sondern ein neuer Anfang in einer anderen Welt.
Allein durch den Tod kann die Menschenseele den Göttern direkt begegnen. Etwa dem Sonnengott Horus alias Harachte, der als Atum in den zwölf Stunden der Nacht dramatisch altert, dabei aber die Verstorbenen mit seinem Licht erquickt und am Morgen verjüngt zum Himmel steigt.
Für das weitere Schicksal der Seele entscheidend ist der Termin beim Chef: dem Totenherrscher Osiris. Er und 42 Totenrichter lassen den Delinquenten seine Sünden bekennen und überantworten sein Herz, nachdem sie es auf eine Waage gelegt haben, entweder einer höllischen "Fresserin" oder der glücklichen Seele für ein ätherisches Lotterleben.
Eine derartige Verknüpfung der moralischen Bewährung zu Lebzeiten mit der richtenden Instanz im Jenseits ist im antiken Babylon und Assur unbekannt. In Babylon glaubt man: Schon auf Erden werden gute Taten belohnt, schlechte bestraft. Im Totenreich, das von sieben Wällen und Toren gesichert wird, herrscht die Göttin Allatu über staubige Geisterkreaturen, die in der Finsternis Lehmklöße essen und trübes Wasser trinken, sofern ihnen die Hinterbliebenen nicht bessere Kost in die Grabkammern schaffen.
In der ägyptischen Unterwelt ist mehr los. Schon deshalb, weil die Seele noch nicht als einheitliches Wesen vorgestellt wird, sondern vielgestaltig, als buntes Gewimmel verschiedener Wesen, als eine Person
aus Personen. Name und Schatten sind solche Wesen, ein anderes heißt "Ba" und wird dargestellt als Vogel mit Menschenkopf. Im Augenblick des Todes fliegt Ba dem Menschenkörper davon, aber das hindert diese Seelengestalt nicht daran, jenes Schlemmermahl zu genießen, das die Angehörigen des Verstorbenen in der Grabkammer deponieren. Bei dieser Gelegenheit besucht Ba die Mumie des betreffenden Menschen - auch dieser Teil des Toten bedarf der Zuwendung, weil auch in ihm der Verstorbene fortexistiert.
Lokalisiert wird das Jenseits mal in der westlichen Wüste, wo der Sonnengott die Erde verlässt, mal im Sternenhimmel (wie bei den Griechen die olympischen Götter), mal in einer recht diesseitig ausgemalten, düsteren Unterwelt tief in der Erde.
Die Pyramiden über den Grabkammern der Könige sind Residenzen für die Ewigkeit. Die Stufenpyramide des Pharaos Djoser in Sakkara, der älteste monumentale Steinbau der Geschichte, vor der Mitte des 3. Jahrtausends entstanden, galt als große Treppe zum Himmel: Über sie konnte der Pharao in die Ewigkeit aufsteigen und als "Göttlichster der Götterschaft" schließlich "unter den Sternen sitzen". Der Himmlische garantierte jenen seiner Untertanen, die am Bau beteiligt gewesen waren, gleichfalls Unsterblichkeit.
Die Geschichte verstanden die alten Ägypter nicht als fortschreitenden Prozess, sondern als ständig sich wiederholenden Zyklus des Aufblühens, Starkseins, Hinsiechens, Sterbens und der Regeneration. Wie die Menschen konnten auch Götter sterben, sie konnten sich aber regelmäßig erneuern. Die Ewigkeit, deren Denkmal und Symbol die Pyramide ist, meint hier also keinen statischen Zustand.
Das Jenseits der alten Griechen erinnert in vielem an das Schattenreich der Ägypter. Zum Beispiel in der aus Thrakien stammenden orphischen Lehre: Die vom "Gefängnis" des Körperlichen frei gewordene Seele, die aus göttlicher Sphäre kommt und dorthin zurückstrebt, wird im Hades vor ein Gericht gestellt, das den Frevler im schrecklichen Schlammpfuhl versenkt oder ihn zwingt, Wasser in einem Sieb zu tragen; das dem Tugendhaften aber ein sanfteres Los im Reich der Unterirdischen beschert: "Auf der schönen Wiese am tiefströmenden Acheron", mit einem reinigenden, vegetarischen Mahl bei den Göttern der Tiefe, wohl auch mit dem Erlebnis der "ununterbrochenen Trunkenheit", so Erwin Rohde in seinem Standardwerk "Psyche - Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen" (1894).
Orpheus, der mythische Sänger aus Thrakien, geistert durch die griechische Literatur seit dem 6. Jahrhundert vor Christus. Seiner Gestalt verdankt die Welt, trotz Dracula und anderen Zombie-Gruselmärchen, die eindrucksvollste Unterwelt-Story überhaupt: Orpheus, Sohn der Muse Kalliope und des thrakischen Königs Oiagros, ein weiser Magier und Anhänger des Rauschgottes Dionysos, ist ein so begnadeter Musiker, dass Menschen, Tiere, sogar Bäume ihm folgen, um zu hören, was er zum Klang seiner Lyra, eines Saiteninstruments, singt. Selbst Flüsse stehen still, wenn Orpheus die Welt verzaubert.
Dieser Wunderknabe liebt Eurydike, eine Baumnymphe. Als sie vor einem aufdringlichen anderen Herrn flieht, tritt sie auf eine Schlange, wird gebissen und stirbt. Orpheus will sie zurückhaben, steigt in das Reich des Hades hinab und verhext diesen und alle anderen Schattengeister durch seine Musik. Seine Bitte wird erhört. Er darf Eurydike ins irdische Leben zurückholen, aber nicht zurückschauen, bevor sie die Oberwelt erreicht haben.
Natürlich kann der Liebeskranke nicht an sich halten und blickt vorzeitig zurück - Eurydike entschwindet. Warum blickt er zurück? Die einen sagen: Er hat ihre Schritte nicht mehr hören können und wollte wissen, warum; die anderen sagen: Sehnsucht und Neugier haben ihn einfach übermannt; in der von Christoph Willibald Gluck komponierten Opernversion "Orpheus und Eurydike" (1762) ist es Eurydikes Klage über die mangelnde Zärtlichkeit des Sängers, die diesen verführt, ihr das Gegenteil zu beweisen, indem er sich ihr übereifrig zuwendet.
Jedenfalls ist Eurydike - nicht in allen Opernversionen, aber doch im Kernmythos - endgültig tot, und die Folgen sind unschön. Weil Orpheus fortan trauert und die Frauen verschmäht, reißen ihn enttäuschte Mänaden, dionysisch verzückte Frauen, zornig in Stücke; Kopf und Lyra des Klangverführers werden am Strand der Insel Lesbos angeschwemmt. Der abgetrennte Kopf singt noch. Auf Lesbos entsteht ein Orpheus-Orakel und jene homoerotische Lyrik, für deren Frühzeit der Name Sappho steht. Ein Dieb, der sich derweil mit der Leier des Wundersängers davongemacht hat, wird von Hunden zerfetzt, wie Orpheus von den Mänaden.
Diese wunderbare, vielfach vertonte, 2005 von Helmut Dietl unter dem Titel "Vom Suchen und Finden der Liebe" suggestiv verfilmte Unterwelt-Geschichte enthält eine schamanische Urszene. Demnach ist der Abstieg in die Unterwelt, den der meist von Rauschmitteln beflügelte Schamane in der Ekstase wagt und für andere vorempfindet, die Probe auf den üblichen Gang der unzerstörbaren Seele nach dem Tod. In der Regel gilt dies als Anfang eines wahren Lebens, als Phase der Läuterung, die 1000 Jahre dauern kann, nach denen die Seele dann auf die Erde zurückkehrt: in einem anderen Lebewesen. Die Seele muss insgesamt zehnmal wandern, bevor sie erlöst im Schoß der Götter ruhen darf. Weil ein getötetes Tier die Seele eines Verwandten in sich haben kann, essen die Anhänger dieser Theorie kein Fleisch; was sie im frühen Griechenland automatisch in Opposition zu den blutigen offiziellen Tieropfer-Kulten gebracht hat.
Auch der große Denker Pythagoras (um 570 bis 500 vor Christus) war ein Orphiker. Er sah den Kosmos beherrscht von Atem und Zahl. Eines Tages stieg er, so eine Legende, in den Hades hinab und traf dort
die Seelen der Dichter Homer und Hesiod; sie mussten Jahrhunderte dafür büßen, dass sie so vieles Schlechte über die Götter und deren Intrigen verbreitet hatten.
Pythagoras hat allen Ernstes behauptet, er könne sich an seine frühere Existenz, über die läuternde Vergessensbrücke im Hades hinweg, konkret erinnern: Seine Seele habe unter anderem, als die des tapferen Helden Euphorbos, im Heer der Griechen gegen die Trojaner gekämpft. In dieser Vorstellungswelt kann übrigens die Zahl der Seelen weder größer noch kleiner werden. Die Götter haben eine gleichbleibende Zahl von Seelen geschaffen, die sich zyklisch mit immer neuen Körpern verbinden. So denken typischerweise archaische Jäger und Sammler, die weder Tierzucht noch Pflanzenanbau kennen und deshalb einen Horror vor einer Welt haben, in der immer mehr Hungrige sich um die schrumpfenden Nahrungsreserven in Wald und Feld balgen.
Die Lebenden kommen also von nirgendwo anders her als von den Toten. Die Grabkultur der Antike, der die Nachwelt so viele Kunstwerke verdankt, erklärt sich erst aus dieser Überzeugung. Alle jeweils Lebenden sind Rückkehrer aus dem Reich der Toten. Gräberkultur ist eigentlich Lebenskunst. Sie darf heiter sein.
Aus der orphischen Idee der Seelenwanderung hat der Athener Philosoph Platon (427 bis 348/47 vor Christus), in den Dialogen "Menon", "Phaidros" und vor allem "Phaidon", erstmals den strikten Begriff eines seelischen Wesens, einer sich gleich bleibenden Substanz entwickelt. Wenn die denkende Seele, sagt Platon, Ideen, reine, bleibende Modelle des Wirklichen erkennt, etwa das Wesen der Zahl Zwei oder des perfekten Kreises, so wird sie dabei ihrer Wesensverwandtschaft mit dem Erkannten inne. Der mit dem reinen Bleibenden Wesensverwandte bleibt selbst und war schon immer. Darum erlebt die Seele die Erkenntnis als einen Akt der Wiedererkennung, der "Aha"-Erinnerung.
Zwischen zwei irdischen Existenzen hat die Seele, bei den Göttern der Unterwelt, "teil" an der reinen Wahrheit der Ideen. Bevor sie zur Erde zurückkehrt, trinkt sie aus der Quelle des Vergessens ("Lethe"). Das ideelle Wissen, das sie gespeichert hat, wird dadurch trübe und ist nur noch latent vorhanden. Die philosophische "Hebammenkunst" (Platon) muss dann das Trübe klären und ans Licht holen. Der von Platon als Wortführer seiner Dialoge eingesetzte Sokrates vermittelt seinen Gesprächspartnern Einsichten stets so, dass diese Gesprächspartner fast von selbst auf die entscheidenden Gedanken zu kommen scheinen: Urbild aller einfühlsamen Pädagogik.
Der platonische Sokrates versteht das Philosophieren als eine sanfte "Vorbereitung auf den Tod", auf jene Trennung von Seele und Körper, die eigentlich auch jeden substantiellen Erkenntnisakt ausmacht: als schrittweise Entfernung der Seele von der Sinnenwelt, als Loslösung der Abstraktion von der anschaulichen Einzelerscheinung, als Annäherung an die reine, ewige Idee, die vollends und ungetrübt erst im Tod erkannt werden kann. Dass dieser Sokrates das Todesurteil der Athener so gelassen hinnimmt, hat mit Todessehnsucht nichts zu tun: Der kauzige Wahrheitssucher denkt an die zeitlose Idee der Gerechtigkeit
und freut sich darauf, "in jenem Lichte zu genießen, wonach ich in dieser Finsternis gestrebt habe". Es ist die konsequente Anwendung eines asketischen Erkenntnisideals. Bei der Vorstellung, die Seele reinige sich durch die Wahrheitssuche von allen sinnlichen Verwirrungen, wirkt noch das alte schamanische Reinigungsritual nach.
Der Geist ist rein, die Sinne sind unrein: Dieses Schema beherrscht noch fast das ganze christliche Mittelalter, das - seit Augustinus - mit Platons Grundbegriffen die Bibel deutet. Die christlichen Denker dieser Epoche brauchten die Fortexistenz der Seele im Jenseits allein schon für die Glaubwürdigkeit himmlischen Lohns und höllischer Strafe. Was die Menschen damals darunter verstanden, fasst beispielhaft der italienische Dichter Dante Aligheri (1265 bis 1321) in seinem Versepos "Die Göttliche Komödie" zusammen. Geführt vom römischen Dichterkollegen Vergil, später von der Jugendliebe Beatrice, durchwandert ein staunendes Ich, der andere Dante, das Jenseits von der "Hölle" über den "Läuterungsberg" bis ins himmlische "Paradies".
Der fiktive Wanderer gelangt zunächst in die Hölle, weil er sich - uraltes Märchenmotiv - "in einem dunklen Wald" verirrt. Kolossal, was er in den verschiedenen "Kreisen" des trichterförmig vorgestellten Höllenschlundes so alles antrifft: Sechsfüßige Schlangen, die Dieben in die Wangen beißen; einen dicken, aus drei Kehlen bellenden Höllenhund mit roten Augen, schwarzem Bart und scharfen Krallen; Lüstlinge, die von höllischen Stürmen und peitschenden Teufeln durch fahle, finstere Wüsten gejagt werden, vorbei an schwarzen Pfützen und tosenden Vulkanen; Schlemmer, die ein eisiger Regen zu Boden drückt; Ketzer in brennenden Särgen; Betrüger, die mit lodernden Sohlen kopfüber in Felslöchern stecken; Mörder, die von Kentauren immer wieder in kochende Blutströme gestoßen werden; Fälscher mit ekelhaftem Ausschlag und in blinder Raserei; Schmeichler, die sich in Kloaken suhlen; Heuchler, die unter vergoldeten Kutten aus Blei fast zusammenbrechen; Verräter, tiefgefroren im Eissee Cocytus; Habgierige, die an Dingen kleben; Zwietrachtstifter, denen Teufel die stets nachwachsenden Gliedmaßen immer neu abhacken - unter den Beklagenswerten befindet sich auch Mohammed.
Das drängt und stößt, schreit und stinkt, zischt und quirlt, brennt und klappert wie beim Hexenfest der Walpurgisnacht, das Goethes "Faust", als Vorgeschmack auf die Hölle, im Harz entfesselt. Aber dann, welch eine Erlösung, Dantes Paradies: harmonische, süße Klänge, zuckende Lichter, duftende Luft, tanzende, überirdisch schöne Frauen, eine Jenseits-Discothek, in der auch Gelehrte wie der Heilige Thomas von Aquin selig küssen und lächeln.
Der reale Thomas von Aquin (um 1225 bis 1274), ein Schüler des Albertus Magnus, hält sich in der Unsterblichkeitsfrage an Aristoteles, der nur dem göttlichen "Nous", dem in allen Individuen identischen Geist der Einsicht, Ewigkeit zubilligt, nicht aber der individuellen Seele. Thomas sieht wie Aristoteles die Seele als formende Kraft des Körpers, untrennbar mit ihm vereint. Er spekuliert freilich über ihre Fähigkeit zur "visio Dei", einer zeitüberhobenen Intuition.
Platon, der Asket der reinen Begriffe, hat noch 2000 Jahre nach seinem Leben Furore gemacht. Einer seiner besten Schüler, über die Weite der Zeiten hinweg, ist
kein mittelalterlicher Denker, sondern der Aufklärer Moses Mendelssohn (1729 bis 1786). Dieser Sohn eines Dessauer Thora-Schreibers veröffentlichte 1767 das Buch "Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele", in dem er darzustellen versucht, "durch welche Gründe ein Sokrates in unseren Tagen seinen Freunden die Unsterblichkeit beweisen" könnte. Die genialische Mischung aus Übersetzung, Auslassungen und ergänzender Kommentierung war einer der philosophischen Bestseller des 18. Jahrhunderts.
Der von Mendelssohn aktualisierte Platon des "Phaidon" (so heißt der Erzähler des letzten Disputs zwischen Sokrates und seinen Freunden) begründet die sokratische Überzeugung, "dass mit dem Tode noch nicht alles für uns aus ist", folgendermaßen:
Damit die Seele die "fast unendliche Menge von Begriffen, Erkenntnissen, Neigungen, Leidenschaften" als einer einzigen Person zugehörig erleben kann, muss sie mehr sein als die bloße Vielfalt oder Summe dieser Vorstellungen; sie kann nicht selbst "aus Teilen zusammengesetzt", sie muss "einfach" sein - unteilbar, unausgedehnt, auch nicht aufteilbar in die verschiedenen Augenblicke, die sie durchlebt.
"Es gibt also in unserem Körper wenigstens eine einzige Substanz, die nicht ausgedehnt, nicht zusammengesetzt, sondern einfach ist, eine Vorstellungskraft hat, und alle unsere Begriffe, Begierden und Neigungen in sich vereiniget. Was hindert uns, diese Substanz Seele zu nennen?"
Alle Veränderung ist Zerfall oder Zusammenschluss von Zusammengesetztem. Auch der Tod: Er scheidet Körper und Seele und zerteilt den Körper in kleinere Körper. Doch das Einfache hat keine Teile und ist darum auch nicht veränderbar. Was sich nicht verändern lässt, ist unzerstörbar: So ist die Seele.
Platon (und mit ihm Mendelssohn) bemühte noch andere Argumente für die Unzerstörbarkeit der Seele, aber sie sind nicht so überzeugend wie die Reflexion über das Einfache und das Teilbare. Sie hat auch Gottfried Wilhelm Leibniz zum Begriff der "Monade" inspiriert, dieser intelligenten Urzelle der Welt, und hallt noch in der modernen "Teilchen"-Physik nach.
Immanuel Kant bestreitet den Erkenntniswert der Begriffe "einfach" und "teilbar". Ihn stört der vermeintliche Fehlschluss von der begrifflichen Stringenz auf die Existenz. Begriffe werden für ihn nur real, wenn ihnen eine Anschauung entspricht, und die ist ja bei der unsterblichen Seele ausgeschlossen.
Theoretisch ist für Kant die Unsterblichkeit der Seele also unbeweisbar. Gleichwohl hält er sie für "notwendig". Sie gilt ihm, in der "Kritik der praktischen Vernunft", die 1788 in Riga erstmals gedruckt wird, als ideelles "Postulat", als notwendige Annahme, ohne die das natürliche Streben der Seele nach dem "höchsten Gut", als ein grundsätzlich "ins Unendliche gehender Progress", ins Leere liefe. Kant fürchtet, ohne die Unsterblichkeit könnte die Grundlage vernünftiger Moralität wegbrechen. Ähnlich begründet er, als moralische "Postulate", die Willensfreiheit und die Existenz Gottes. Wirklich erkennen, sagt er, könne der Mensch weder die Freiheit noch Gott.
Der böhmische Philosoph und Mathematiker Bernard Bolzano (1781 bis 1848), Priester, Ketzer, Pionier der Mengenlehre und wohl der bedeutendste Logiker des 19. Jahrhunderts, hat den durch Mendelssohn modernisierten Platon gegen Kant verteidigt. Auch ihn packte das Teilbarkeitsargument. Bolzano: "Sehen wir aber mit Deutlichkeit ein, dass unsere Seele eine einfache Substanz sei, so muss es uns auch außer Zweifel sein, dass sie in Ewigkeit fortdauern werde."
Denn das Einfache kann "nicht durch Zerstörung und Auflösung in seine Teile" aufhören, sondern nur durch völlige "Vernichtung". Die wiederum sei auszuschließen. Denn "keine einzige Substanz" wird "jemals vernichtet". Was wir als Vernichtung wahrnehmen, sind "Veränderungen", die aus wechselnden "Verbindungen" einer prinzipiell gleich bleibenden substantiellen "Menge" bestehen.
Das heißt: Die Unsterblichkeit der Seele lässt sich vernünftig begründen; empirisch beweisen lässt sie sich nicht. Dies vorausgesetzt, darf auch heute auf Platons Plattform weiter gefragt werden. Nach dem Motto des britischen Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead (1861 bis 1947), alle westliche Philosophie seit der Antike bestehe eigentlich aus Fußnoten zu Platon.
Im Jahrtausendspiel der Denker um den Einzug der Seele ins Finale der Ewigkeit haben die Verfechter der Unsterblichkeit die besseren Argumente. Aber nur, solange sie die Frage offen lassen, wie viel ihr Idealismus des Unteilbaren vom individuellen Selbstbewusstsein ins Ewige rettet. An diesem Punkt wird die Brücke ins Jenseits aller Empirie brüchig. Da hilft nur noch die Existenz Gottes. Nur ein Gott, selbst unsterblich und Schöpfer aller Seelen, kann und muss, da er barmherzig ist, seine kostbaren Menschenprodukte in die Unsterblichkeit heben.
Der altindische Glaube an eine unzerstörbare, durch viele Daseinsformen wandernde geistige Substanz stützt sich nicht auf einen allmächtigen persönlichen Gott. Das heilige Buch der Brahmanen, die Upanishaden, kennt viele Götter, aber sie sind dem "Atman", dem Selbst, und dem "Brahman", der Allseele, nachgeordnet. Atman und Brahman verschmelzen in der wahren Erkenntnis zu einer Art Ur-Selbst. Für diese Einheit des Seienden gilt der Satz: "Nicht stirbt die lebende Seele. Diese feinste Substanz durchzieht das All. Das ist das Wahre, das ist das Selbst, das bist du."
Der Buddhismus, der aus Indien kommt, glaubt ebenso wie der Brahmanismus an das ewige "Rad" der Seelenwanderung, an jene endlose Wiederholung von Tod und Wiedergeburt, deren jeweilige Qualität von der Qualität der mehr oder weniger guten Taten der Seele abhängt. Allerdings ist der Buddhist pessimistischer als der Brahmane: Er sieht kein konstantes "Selbst" von Existenz zu Existenz wandern, sondern unpersönliche psychophysische Phänomene wie Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, Bewusstsein. Sie sind durchweg mit Leiden verbunden. So ist das Ziel des Buddhisten die Erlösung von dieser Leidenskette durch den Abschied von allem Begehren - auf dem Weg ins "Nirvana", in ein heiliges Nichts, wo die Seele unermesslich
wie das Meer wird. Die befreite Seele als Meer: Der ursprüngliche Sinn des Wortes "Seele" meint "zum See gehörend". Eine Metapher mit großer Vergangenheit.
Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) schätzt den Buddhismus höher ein als das Christentum. Kant-Schüler Schopenhauer ordnet der sinnlich wahrnehmbaren Welt der Erscheinungen den Begriff "Vorstellung" zu, das aller Vorstellung verschlossene, ideelle "Ding an sich" (Kant) deutet er als "Willen", als sinnfreien Daseinsdrang.
Die Unvernunft des Willens ist der Grund allen Übels. Also kommt es darauf an, dass er sich selbst verneint, was etwa in der künstlerischen Anschauung oder im praktischen Mitleid zum Teil geschieht. Dauerhaft ist diese Erlösung erst im Übergang zum Nichtsein, zum Nirvana; Buddha lässt grüßen, auch wenn Schopenhauers Negation des Wollens die gestalten- und stufenreiche Lehre des "erleuchteten" Fürstensohns allzu sehr vereinfacht.
Schopenhauer lehrt, "dass das Thier im Wesentlichen und in der Hauptsache durchaus das Selbe ist, was wir sind, und dass der Unterschied bloß im Accidenz, dem Intellekt liegt, nicht in der Substanz, welche der Wille ist". Dieser Wille sei "das ewige Wesen" im Menschen wie in "allen Thieren". Entsprechend gefällt es dem Philosophen, dass die Buddhisten "alle lebenden Wesen unter ihren Schutz nehmen", nicht bloß den Menschen.
Er, der seinen Pudel verhätschelte, wettert gegen Kettenhund-Halter, die "den alleinigen wahren Gefährten des Menschen" misshandelten "wie einen Verbrecher". Auch "Käfig-Vögel" und "Vivisektionen" lehnt er ab. Die "größte Wohlthat der Eisenbahnen" sei, "dass sie Millionen Zug-Pferden ihr jammervolles Daseyn ersparen". Ihm gefällt, dass der "Brahmanist oder Buddhaist", wenn er etwas zu feiern hat, auf dem Markt "Vögel kauft, um vor dem Stadtthore ihre Käfige zu öffnen".
Ein Tier-Freak, der schon mal vom Markt allerlei Vögel nach Hause mitbringt, obwohl er das gar nicht vorgehabt hat, und der aus dem Staunen über Elefanten, Ameisen und überhaupt die Vielfalt der Natur nicht heraus kommt - so einer ist auch der Journalist Tiziano Terzani gewesen (1938 bis 2004), ein Jurist und Sinologe, der von 1972 bis 1997 für den SPIEGEL aus Asien Berichte geschrieben hat.
Auch Terzani liebte das alte Bild von der tiefen Verwandtschaft zwischen befreiter Seele und grenzenlos wirkendem Wasser: "Ich bin im Himalaja gewesen und habe mich darauf vorbereitet, auf den großen Ozean des Friedens hinauszusegeln."
So formuliert er in einem Gespräch, das sein Sohn Folco im Juli 2004 vor einer toskanischen Berghütte vier Wochen lang mit ihm geführt und dann, nach dem Tod des krebskranken Vaters, als Buch veröffentlicht hat: "Das Ende ist mein Anfang", diese schon im Titel mystische Lebensbilanz, sozusagen in letzter Minute ausgehandelt zwischen Vater und Sohn, wurde 2006 in Italien allein in drei Monaten 440 000-mal verkauft - ein Bestseller. Er erscheint in diesen Tagen auf Deutsch.
Der katholisch erzogene Terzani ist in Asien, dieser spirituell besonders musikalischen Weltregion, weise geworden. Besitz, beruflichen Ehrgeiz, Familienbande, Identität, Wünsche: Von allem hat er sich, nach Jahren der selbstverordneten Einsamkeit in einer Hütte im Himalaja, gelöst, um die große, atmende Leere in sich zu finden, in der das reine Sein ohne Begrenzung auf dieses oder jenes Ding aufscheint.
"Alle Arten von Verlangen, angefangen vom Verlangen, das Fleisch eines anderen zu besitzen", seien letzten Endes "nutzlos", so formuliert es Terzani in der Auftaktpassage seines eindrucksvollen Buches, die der SPIEGEL in diesem Heft vorab
druckt (siehe Seite 135). Und fast euphorisch, im begeisterten Blick auf Vögel, Käfer und Blumen, auf diesen "großen Friedhof" namens Natur, spekuliert er, dass er im Tod "wieder Teil von all dem" werden könne, von diesem "unteilbaren Leben", von "dieser Kraft, dieser Intelligenz", die man "Gott" nennen könne, diesen unfassbaren "großen Geist, der alles zusammenhält".
Die Teilhabe an diesem Ganzen ist "das, was von dir bleibt", sagt Terzani. Vom selbstbewussten Individuum ist da nicht mehr die Rede, es ist entbehrlich wie Haus und Hof, sobald es die Reise ins Unendliche antritt.
Alle möglichen Natur-Apostel und Geistdes-Ganzen-Mystiker sind heute in Deutschland unterwegs auf Terzanis einsamen Pfaden: Die Zahl der deutschen Brahmanen und Buddhisten, von denen es etwa 600 unterschiedliche Gruppen gibt, wird mittlerweile auf 130 000 geschätzt. Eine beträchtliche Menge, bedenkt man, dass es für diese Religionsrichtung keine organisierte Propaganda gibt wie etwa für den Islam.
Der Buddhismus verficht eine dezentrale, netzartig strukturierte Psycho-Metaphysik, die erstaunlich modern anmutet: Auch für die heutige Gehirnforschung ist das mit sich identische Selbst, das der Buddhist leugnet, fragwürdig geworden; sie sieht im Ich "nur eine der vielen möglichen kulturellen Realisationen von Kognition", nur "eine von vielen Softwares", zu denen das Gehirn mit seinen über 100 Milliarden Nervenzellen befähigt ist, wie der 2005 verstorbene Neurophysiologe Detlef Linke in seinem Buch "Das Gehirn" (1999) formuliert. Operationen haben gezeigt, dass nach der Durchtrennung des sogenannten Balkens, der die beiden Großhirnhälften verbindet, der betreffende Patient sich praktisch sozusagen von seiner Ich-Identität verabschiedet: Während, zum Beispiel, die eine Hand einen Liebesbrief schreibt, zerbricht die andere einen Bleistift.
Doch gleichgültig, ob die Idee der Unsterblichkeit der Seele oder des Weltgeists das kompakte individuelle Selbstbewusstsein einschließt oder nicht: Von hier aus ist es ein Riesenschritt zum jüdisch-christlichen Glauben an die Auferstehung der Toten am Ende aller Tage. Der Auferstehungsglaube setzt voraus, dass zuvor tatsächlich, und nicht zum Schein, gestorben wird, mit Leib und Seele.
Im Alten Testament taucht die klare Trennung von Körper und Seele erst relativ spät auf, unter platonischem Einfluss: etwa im 3. Jahrhundert vor Christus.
Die Unsterblichkeitserwartung betrifft mal die Seele, mal den ganzen Menschen. Es ist mehr eine Heilserwartung als eine Existenzprognose. Dass nach dem Tod noch etwas kommt, resultiert für das Alte Testament aus zwei Gedanken: Gottes Gerechtigkeit muss im Jenseits ausgleichen, was im Diesseits offensichtlich schief läuft, wo der Schurke allzu oft reüssiert. Außerdem kann ein gütiger Allmächtiger, der das Leben erschafft, nicht zulassen, dass der Tod das letzte Wort behält und seine Schöpfung vernichtet.
Auch in der Religionslehre des altpersischen Propheten Zarathustra (griechisch: Zoroaster), der wohl um 1000 vor Christus, vielleicht zur Zeit von Mose, gelebt hat, wird der Sieg des Guten über das Böse durch die leibliche Auferstehung der Toten gekrönt und besiegelt. Bei Zarathustra braucht der gute Gott Ahura Mazda auch
deswegen diese Bestätigung seines Durchsetzungsvermögens, weil sein teuflischer Widersacher Ahriman beinahe so mächtig ist wie er selbst. Um ihn niederzuringen, macht Ahura Mazda gewaltigen Lärm: Er inszeniert einen Weltuntergang, dem dann die finale Welterneuerung folgt.
An diese Mythen erinnern in Zentral-Iran noch heute die "Türme des Schweigens", etwa in der Nähe der Stadt Yazd. Mächtige, kegelförmige Lehmbauwerke auf Hügeln, gekrönt von Plattformen, auf denen die Gläubigen einst ihre Toten zurückließen. Deren Seelen mussten hier sieben Tage lang auf ihre Himmelfahrt, ihre Heimkehr ins Unendliche, warten. Die Leichen wurden von Hunden bewacht, von Geiern ausgeweidet (einen ähnlichen Ritus, bei dem Felsen die Türme ersetzen, gibt es im alten Tibet).
Die Seele des Guten wird von seinem Gott gut versorgt: Ein junges Mädchen führt sie über eine breite Brücke ins Paradies, in das blumenreiche, "lichterfüllte Haus des Lobgesangs". Die Bösen gehen über einen schmalen Steg, von dem sie in die Hölle stürzen. Noch heute gibt es in Iran einige Tausend Anhänger Zarathustras, aber die wunderbare Luftbestattung ist seit 1970 verboten.
Auferstehung von den Toten: Diese märchenhafte Idee haben die Christen wohl, vermittelt durch Apokalyptiker des Alten Bundes, von Zarathustra übernommen. Zugleich haben sie sie bereichert und so recht erst begründet durch eine spektakuläre Zutat: die leibliche Auferstehung Christi, angekündigt von einem "großen Erdbeben" am Grab des Jesus. "Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein von der Tür und setzte sich darauf. Und seine Ge-
stalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee. Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel antwortete und sprach zu den Weibern: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, suchet. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat." So schildert der Evangelist Matthäus das Osterereignis (in der von Eberhard Nestle überarbeiteten Luther-Übersetzung).
Der auferstandene Jesus versichert seinen Jüngern, er bleibe bei ihnen "alle Tage bis an der Welt Ende". Dieses Weltende schmückt dann der Apokalyptiker Johannes mit der Vision eines "neuen Himmels und einer neuen Erde" aus; er fügt dem Blick auf das himmlische Jerusalem die Bemerkung hinzu, Gott werde bei seinem Volk "wohnen" und ihm "alle Tränen" von den Augen wischen - "und der Tod wird nicht mehr sein".
Die leibliche Auferstehung Christi, die leibliche Auferstehung des Christen und die endgültige Kapitulation des Todes vor der liebenden Allmacht: Das ist das Kernstück des christlichen Glaubensbekenntnisses. Es ist das Bekenntnis zur Unvergänglichkeit Gottes und zur "Mitunsterblichkeit des an Christus glaubenden Menschen" (so der evangelische Theologe Gerhard Ruhbach).
Naturwissenschaftler betrachten die Idee der Unsterblichkeit der Seele meist als bloße "Weltbildtröstung" (Detlef Linke), der nichts Wirkliches entspreche. Der Hirnforscher Wolf Singer, 64, erklärt klipp und klar: "Das Konstrukt einer immateriellen Seele ist wissenschaftlich nicht haltbar." Und der Philosoph Thomas Metzinger, 49, einer der wenigen seiner Zunft, die sich mit der neurowissenschaftlichen Hirnforschung auseinandersetzen, ergänzt: "Die Vorstellung einer Fortexistenz des bewussten Selbst nach dem physischen Tod wird jetzt so unplausibel, dass der emotionale Druck auf Menschen, die dennoch an ihren traditionellen Weltbildern festhalten wollen, nur schwer erträglich werden könnte."
Solch emotionaler Druck könnte erklären, wie manche Parapsychologen, Sterbeforscher und Mystiker dazu kommen, bestimmte Totenbett-Träume als Hinweise auf eine entstofflichte Fortexistenz im Jenseits zu lesen.
Der US-Radioredakteur Studs Terkel, 94, hat etliche sogenannte einfache Leute in "Gespräche um Leben und Tod" verwickelt und diese 2001 als Buch publiziert. Darin berichtet etwa Randy Buescher, ein ehemaliger Tischler und Teilhaber eines Architekturbüros in Chicago, wie es ihm ergangen ist, als er - im Rahmen einer intensiven chemotherapeutischen Behandlung seiner Krebserkrankung - eines Abends im Bett lag: "Irgendwann mitten in der Nacht bin ich aufgewacht und habe bemerkt, dass ich meine Fußsohlen sehe. Ich hatte das Gefühl zu sitzen: oben an der Decke. 'Herrje', hab ich mir gesagt, 'ich glaube, ich bin tot. Mein Körper liegt da unten, und ich bin hier oben.' Ich habe die beiden Wände seitlich von mir gesehen, auch das Bücherregal vor mir, das Fußende des Bettes und mich selbst auf dem Bett. Mit dem Körper, der da unten lag, konnte ich nichts anfangen. Mein Körper lag ausgestreckt da. Und ich war außerhalb meines Körpers."
Ein anderer Beinahe-Tod-Traum ist der, den die Filmschauspielerin Liz Taylor gehabt
hat, als sie 1961, erkrankt an einer schweren Lungenentzündung, im Koma lag: Sie kroch durch eine finstere Röhre auf einen gleißenden Lichtpunkt zu. Taylor: "Ich sah ein helles Licht, das sich langsam golden färbte". Franz von Assisi nannte den Tod "das Tor zum Licht" am Lebensende. Hieronymus Bosch hat diesen Tod gemalt: als Licht am Ende einer sich verjüngenden Röhre.
Viele Menschen, die im Sterben gelegen und sich wieder erholt haben, erzählen, sie hätten einen gewichtslosen, durchsichtigen Körper, einen Astralleib gehabt, der im Zimmer schwebte, manchmal auch im Weltall.
Der Psychiater und Freud-Schüler C. G. Jung (1875 bis 1961) fühlte sich als ein solcher Kosmonaut nach einem Herzinfarkt: "Weit unter mir sah ich die Erdkugel in herrlich blaues Licht getaucht."
Auch solche Grenzerfahrungen beweisen nicht die Existenz einer unsterblichen Individualseele. Doch sie erlauben Ahnungen und Vermutungen, die über das abrupte "Aus und weg" hinausschweifen.
Das wichtigste Argument gegen die Unsterblichkeit der Individualseele ist eine Beobachtung, die von Philosophen und Gehirnforschern geteilt wird: die Zeitlichkeit des Denkvorgangs. Offensichtlich setzt das individuelle Selbstbewusstsein einen Akt der Selbstvergewisserung voraus, der Prozesscharakter hat: Ich denke mich. Diesen außerzeitlich zu definieren, wie Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) es tat, setzt im Grunde eine weitere, uns (noch?) völlig unbekannte Prozessdimension jenseits von Zeit und Raum voraus.
Ein bedeutender Gehirnforscher wie Francis Crick, der Entdecker der DNA-Struktur, behauptet in seinem Buch "Was die Seele wirklich ist" (1994), alle seelischen Vorgänge, sogar der "Sinn für die eigene Identität" seien in Wahrheit "nur" das "Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazu gehörigen Molekülen". Das stimmt, ist aber auch bemerkenswert nichtssagend. Wie wenn einer die Aura eines von Rembrandt gemalten Selbstporträts mit Kennermiene als Resultat des Zusammenwirkens von Ölfarbe, Pinsel und Leinwand erklärte.
"Wie kommt es", fragt der australische Mathematiker und Philosoph David Chalmers völlig zu Recht, "dass all die Prozesse im Gehirn, diese 100 Milliarden verschalteter Neuronen, zu einem subjektiven Innenleben des Bewusstseins führen, zu der Perspektive der ersten Person?" Diese Frage habe auch die Hirnforschung bisher nicht beantwortet. Der Mensch, den Physiker und Nervenzerteiler bisher analysiert hätten, sei auch ohne Ich-Bewusstsein vorstellbar - als Zombie.
Wer Raum und Zeit als sehr relative Maßeinheiten für Realitätserfahrung einzuschätzen weiß - aus der Perspektive der Andromeda-Galaxie weidet der Urmensch eben erst Tierkadaver aus - , der hält naturgesetzlich unerklärliche, immaterielle Prozesse auch in jenem Bereich für möglich, den die Alten nun einmal "Seele" genannt haben. Macht es nicht auch ein wenig Spaß, die schlaubergerhafte Aufklärungsrede einmal umzukehren mit der These: Nicht Gott sei die seltsamste Idee des Menschen, sondern der Mensch die seltsamste Idee Gottes? Und wenn er es sei, wieso solle er diese seine Idee umbringen?
Der Gedanke findet sich in dem demnächst erscheinenden Buch des Stuttgarter Philosophen Robert Spaemann: "Das unsterbliche Gerücht - die Frage nach Gott und der Täuschung der Moderne". Da begegnet der verblüffte Leser einem alten Bekannten, der längst vom Zweifel der Moderne zermalmt schien: einem Gott, der den Tod besiegt.
Spaemann, 79, bekennt sich ohne dialektische Verrenkungen zu der Überzeugung, "dass das Grab leer war", ebenso zu dem Glauben, dass auch die naturwissenschaftlich erkaltete Welt als "Wirkung eines kontinuierlichen Aktes göttlicher Freiheit" gedacht werden könne; dass es "eine Auferstehung der Toten gibt"; und dass das endliche Subjekt Unendlichkeit ahnt, indem es "sich selbst erfährt als ein solches, das nicht nur weiß, sondern das gewusst wird".
Bei alldem geht es nicht nur um Beweise und Gegenbeweise. Wie sich einer entscheidet, hängt auch davon ab, was für ein Charakter er ist. Des Menschen bester Freund ist noch immer einer, der die Unsterblichkeit der Seele für möglich hält.

STIMMEN ZUR UNSTERBLICHKEIT
Johannes Heesters
"Ich bin gut katholisch. Ich gehe in die Kirche. Aber ich kann nicht mehr allein in die Kirche gehen, weil ich schlecht sehe - ich erkenne nur kleine Figuren. Und das soll ewig so bleiben?
Heesters, der unsterbliche Schauspieler? Schön wär's. Aber im Ernst: Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, dass ich persönlich ewig leben soll - da wäre ich ja auch ziemlich einsam.
Und was die Auferstehung am Ende aller Tage betrifft: Wo kommen wir denn hin, wenn alle diese Menschen eines Tages zurückkehren, all diese Millionen und Milliarden, die gelebt haben, leben und noch leben werden? Ich glaube, was meine Kirche verkündigt - aber dies kann ich einfach nicht glauben, weil ich es nicht verstehe, weil ich es mir nicht vorstellen kann. So katholisch bin ich dann auch wieder nicht."

STIMMEN ZUR UNSTERBLICHKEIT
Martin Walser
"Unsterblichkeit der Seele? Bezeichnend ist doch schon, dass das hiermit Gesagte durch eine Verneinung zustande kommt: Un-Sterblichkeit. Positiv kann man es gar nicht ausdrücken. Die Verneinung der Sterblichkeit ist nichts als das Eingeständnis größter Ohnmacht, Ausdruck eines unendlichen Bedürfnisses.
Es gibt eben Großwörter, die sagen etwas, was es nicht gibt, aber wir brauchen sie - dazu gehören die Wörter Gott, Ewigkeit, Unsterblichkeit der Seele. Die so bezeichneten Sachen existieren gar nicht, aber trotzdem brauchen wir diese Wörter, um das Leben zu ertragen, um mit den Wörtern zu spielen, egal ob niedlich oder heroisch. Wer von der Unsterblichkeit der Seele spricht, nutzt einen ehrwürdigen Sprachgebrauch, der aber völlig sinnlos geworden ist. Mit der Unsterblichkeit der Seele zielen wir auf einen zeitlosen Zustand, etwas Statisches. Dabei ist doch alles immer in Bewegung: unser Denken, Fühlen, Ahnen, Glauben. Als etwas Statisches ist es gar nicht vorstellbar.
Glaubensfähigkeit ist vergleichbar mit Musikalität, mit dem absoluten Gehör - der eine hat es, der andere nicht. Glaubensfähigkeit ist an sich etwas Positives. Ich bewundere Leute, die glaubensfähiger sind als ich selbst und die nicht etwa nur an die Wiederauferstehung glauben, sondern auch an die unbefleckte Empfängnis Mariens. Die Größe des Glaubens, sagt Kierkegaard, wird kenntlich an der Größe des Unglaubens. Auch Glaubensaussagen müssen sich aber der Erkenntnis stellen: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Mein Leitspruch."

STIMMEN ZUR UNSTERBLICHKEIT
Marcel Reich-Ranicki
"Unsterblichkeit der Seele? Auferstehung des Fleisches? Davon halte ich gar nichts. Derartiges ist in meiner Gedankenwelt nicht vorhanden. Ich bin in dieser Hinsicht auch unbelehrbar. Ich sprach einmal mit Walter Jens darüber, ob er die Seele für unsterblich halte. Er zitierte Ernst Bloch, der auf diese Frage nur geantwortet habe: Wer weiß? Ich fügte hinzu: Gott sei für mich keine Realität, sondern eine literarische Figur wie Hamlet oder Odysseus. Darauf Jens: Kann es eine größere Realität geben als die von Hamlet oder Odysseus? Das hat mir gefallen. Was die Unendlichkeit angeht, glaube ich an eines: Es gibt gewisse Melodien, etwa von Mozart oder Beethoven, die währen ewig - solange es Menschen gibt, die sie hören können."

STIMMEN ZUR UNSTERBLICHKEIT
Ulla Unseld-Berkéwicz
"Ich habe viele Menschen beim Sterben begleitet. Dabei macht man bestimmte Erfahrungen und wird immer sicherer, dass da noch etwas ist, das wir nicht sehen. Ich glaube, auch die individuelle Seele lebt irgendwie weiter, vielleicht nicht in alle Ewigkeit. In tiefer Meditation kann man eine Ahnung davon bekommen, was es ist, ohne Körper weiter zu existieren."
* Gemälde von Raffaellino del Garbo, um 1505.
* Qaida-Propaganda-Video nach dem Anschlag vom 11. November 2001.
* Altargemälde (Ausschnitt) von Hans Memling, 1467/71.
* "Vom Suchen und Finden der Liebe", mit Alexandra Maria Lara und Moritz Bleibtreu, 2005.
* Gemälde von Jacques Louis David, 1787.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 15/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Reise ins Licht

Video 01:07

Interstellares Objekt Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"

  • Video "Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild" Video 01:07
    Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild
  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Geplatzte Jamaika-Sondierungen: Ich bin ziemlich schockiert" Video 01:58
    Geplatzte Jamaika-Sondierungen: "Ich bin ziemlich schockiert"
  • Video "Keine Road to Jamaika: Lindner wollte offensichtlich nicht regieren" Video 02:53
    Keine Road to "Jamaika": "Lindner wollte offensichtlich nicht regieren"
  • Video "Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund" Video 00:47
    Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund
  • Video "Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet" Video 01:15
    Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet
  • Video "Merkel zu Jamaika: Tag mindestens des tiefen Nachdenkens" Video 01:28
    Merkel zu Jamaika: "Tag mindestens des tiefen Nachdenkens"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab
  • Video "Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld" Video 03:58
    Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"