16.04.2007

CDUSensibler Elefant

Eiszeit zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel: Die Regierungschefin will sich nicht dafür einsetzen, dass der Rekordkanzler den Nobelpreis bekommt.
Es war nicht leicht für Helmut Kohl in letzter Zeit. Schon lange peinigen den Altkanzler Schmerzen im rechten Knie, Anfang des Jahres wurden die Beschwerden so schlimm, dass die Ärzte ein künstliches Gelenk einsetzen mussten. Über Wochen ließ Kohl alle offiziellen Termine ausfallen, nicht einmal die glanzvolle Gala zum 50. Jahrestag der EU-Gründung Ende März konnte er besuchen, eine Absage, die den einzigen lebenden Ehrenbürger Europas besonders bedrückte.
Umso tröstlicher, dass EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Feier in Berlin dazu nutzte, Kohl für einen Ehrentitel vorzuschlagen, der ein politisches Lebenswerk krönt wie kein zweiter: den Friedensnobelpreis. Kohl sei ein großer Staatsmann und ein Europäer aus Überzeugung, sagte Barroso: "Er hat den Preis verdient." Der portugiesische Freund verlieh damit selbstredend nicht nur seiner eigenen Meinung, sondern auch der des Altkanzlers Ausdruck.
So stieg Kohls Wohlbefinden mit jeder Wortmeldung, die seine Nominierung un-
terstützte. Umgehend waren CSU-Chef Edmund Stoiber und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus zur Stelle, um sich für ihn stark zu machen, selbst ein überzeugter Genosse wie der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe fand die Größe, aus dem parteipolitischen Schützengraben zu steigen. Es war eine Geste, die Kohl besonders rührte.
Nur eine blieb kühl: Kanzlerin Angela Merkel. Erst hielt sie es nicht für nötig, überhaupt etwas zum Thema zu sagen, was aus Sicht Kohls schon ärgerlich genug war. Dann, als die Fragen immer drängender wurden, überließ sie es Thomas Steg, sich zu äußern - dem SPD-Regierungssprecher, der schon unter dem Kohl-Bezwinger Gerhard Schröder gedient hat. Gewiss, die Kanzlerin würdige die Verdienste Kohls, sagte Steg. Sie halte es aber nicht für nötig, die Initiative des Kommissionspräsidenten "durch weitere schriftliche Eingaben zu verstärken". Für den 77-Jährigen eine große Stillosigkeit, ein Affront.
Von seiner Nach-Nachfolgerin hält er seit einigen Jahren nicht mehr viel. Wenn er über sie spricht, dann vorzugsweise als "die Pfarrerstochter" oder "diese Dame, diese formidable". Es war Merkel, die sich als Erste in der Union von ihm losgesagt hat, damals in jenen dunklen Tagen der Spendenaffäre Ende 1999. Das ist unvergessen. Sie sagt über ihn, dass sie seinen Rat schätze, aber sie ruft kaum noch an, um sich beraten zu lassen. Jetzt missgönnt sie ihm auch noch die wohlverdiente Ehrung, so empfindet es jedenfalls der Mann, der länger regierte als jeder andere Amtsinhaber und als "Kanzler der deutschen Einheit" ins Geschichtsbuch einging.
"Das ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten", knurrte er vergangene Woche, als er sich zwischen zwei Physiotherapien mit Getreuen über den Lauf der Dinge austauschte.
Merkels Berater haben hin und her gewogen, wie sie mit der Nominierung umgehen sollen. Ein Engagement für den Nobelpreis würde auch das Thema CDU-Ehrenvorsitz wieder auf die Tagesordnung setzen, ein Amt, das Kohl während der Spendenaffäre zurückgab. Es wäre sehr schwer zu erklären, warum der Altkanzler die eine Würdigung verdient, die andere aber nicht.
Kohls Getreue sehen hinter Merkels Schweigen weit engherzigere Motive. Sie vermuten, die Kanzlerin hintertreibe die angemessene Würdigung seiner Lebensleistung, damit diese nicht die eigenen außenpolitischen Erfolge überstrahle. Den Freunden des CDU-Patriarchen ist nicht verborgen geblieben, wie spitz Merkel werden kann, wenn die Rede auf die Bonner Regierungsjahre kommt.
Vor ein paar Wochen saß sie in einer handverlesenen Runde von Journalisten und Gesinnungsfreunden zum Abendessen. Die Stimmung war aufgeräumt, Merkel vernahm mit Vergnügen, wie die Gäste ihren geschmeidigen Pragmatismus lobten, ein schöner Abend also, bis sich plötzlich ein alter Kohl-Freund zu Wort meldete. Er müsse doch daran erinnern, dass "der Herr Bundeskanzler" auch deshalb so erfolgreich gewesen sei, weil er stets zu seinen politischen Grundsätzen gestanden habe, zur deutschen Einheit, zur europäischen Integration. "Ach, Sie immer mit Ihren Kohl-Elogen", zischte Merkel unwirsch.
Die Kanzlerin will ihren einstigen Förderer aber auch nicht allzu sehr gegen sich aufbringen, sie weiß, dass der alte Elefant der Christdemokratie noch immer für beträchtliche Unruhe sorgen kann. Als sie während ihres Osterurlaubs von der Gemütslage des Altkanzlers erfuhr, entschied sie sich, nach einigem Überlegen, zu einer Geste des Entgegenkommens. Ende vergangener Woche ließ sie über ihren Regierungssprecher Ulrich Wilhelm ausrichten, sie würde sich "auch ganz persönlich" über einen Nobelpreis für Kohl freuen.
Kohl aber ist nicht nur ein nachtragender, sondern, wenn es um ihn geht, auch ein sehr sensibler Mensch. Persönliche Wünsche, auch Glückwünsche, richtet man normalerweise selber aus, so sieht es der Altkanzler. RENÉ PFISTER
* Vor der Galerie der Bundeskanzler im Kanzleramt am 22. Februar 2006.
Von Pfister, René

DER SPIEGEL 16/2007
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