16.04.2007

Gier, Neid und Kriege

Von Preuß, Joachim und Thielke, Thilo

Sambias erster Präsident Kenneth Kaunda, 82, über die Aufbruchstimmung der ersten Unabhängigkeitsjahre und das schwierige Zusammenleben mit den Erben der Kolonialherren

SPIEGEL: Herr Präsident, vor 50 Jahren wurde Ghana als erstes schwarzafrikanisches Land von Großbritannien unabhängig. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie zurückdenken?

Kaunda: Es war eine phantastische Zeit. Ich war damals 33 Jahre alt, also ein sehr junger Mann. Ghanas erster Präsident Kwame Nkrumah lud mich zum Festakt nach Accra ein. Ganz Afrika hat gefeiert, es war wirklich großartig, auf den Straßen tanzten die Menschen und sangen. Wir wollten die Welt neu gestalten, wir wollten alles anders machen.

SPIEGEL: Von Ghana sprang der Funke dann schnell über. Im folgenden Jahrzehnt wurden die meisten afrikanischen Staaten unabhängig, 1964 auch Sambia.

Kaunda: Was in Ghana geschah, hat uns alle mitgerissen. Das war ein Fanal. Wir hatten ja diese schrecklichen Zeiten hinter uns, den Sklavenhandel, den Kolonialismus. In Südafrika herrschte weiterhin das Apartheidregime. Und plötzlich öffnete sich da eine Tür, und uns winkte die Freiheit. Wir drängten alle darauf, dass es ganz schnell ging. Niemand wollte mehr warten.

SPIEGEL: Vielleicht ging alles zu schnell?

Kaunda: Ach, das ist schwer zu sagen. Wir waren jung und ungestüm, wir hatten keine Zeit und außerdem Angst, dass unsere Kolonialherren sich die ganze Sache noch anders überlegen. Aber es ist richtig: Von einem Tag auf den anderen waren wir auf uns allein gestellt. Wir mussten nach den Jahrzehnten der Bevormundung plötzlich für uns selbst sorgen. Wir mussten übrigens auch lernen, menschlich miteinander umzugehen. Als ich 1964 der erste Präsident des unabhängigen Sambia wurde, hat mir mein christlicher Glaube sehr geholfen.

SPIEGEL: Sie kommen aus einem frommen Elternhaus. Ihre Mutter war Lehrerin, Ihr Vater Geistlicher.

Kaunda: Liebe Gott, den Schöpfer, von ganzem Herzen, mit all deiner Seele, deinem Verstand und deiner Kraft - so bin ich erzogen worden, und dementsprechend habe ich versucht, als Präsident zu handeln. Vor allen Dingen wollte ich das Land nach dem Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" formen.

SPIEGEL: Das ist sicher nicht ganz leicht in einer Region, in der Stammeskonflikte noch immer den Alltag bestimmen.

Kaunda: Wir müssen die Geißel des Tribalismus überwinden. Gerade deshalb war der Glaube ja so wichtig. In Sambia leben 73 verschiedene afrikanische Stämme, dazu kommen noch ein paar weiße Stämme - ein englischer Stamm, ein deutscher Stamm: Zuwanderer, die später in diese Region gekommen sind. Doch uns eint, dass wir alle Menschen sind, und als solche sollten wir friedlich zusammenleben.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an Ihre Träume von damals?

Kaunda: Bildung, Bildung, Bildung. Die Menschen hatten ja zuvor kaum Chancen bekommen, etwas zu lernen. Wir hatten gerade einmal 109 Universitätsabsolventen und überdies 300 Ärzte im Land. 300 Ärzte für ein paar Millionen Menschen! Können Sie sich das vorstellen? Wir wollten das alles ändern, wir wollten Straßen bauen, Krankenhäuser und Schulen. Zum Teil ist uns das ja auch gelungen. Als wir 1991 aus der Regierung ausschieden, hatten wir immerhin erreicht, dass 12 000 Sambier ein Studium abgeschlossen hatten. Viele haben wir ins Ausland geschickt, sowohl in osteuropäische Länder als auch in den Westen.

SPIEGEL: Von denen kamen allerdings viele nicht zurück, sondern suchten sich dort einen Job.

Kaunda: Ja, das ist Afrikas Schicksal. Die Menschen lernen etwas und verschwinden. Der gesamte Kontinent leidet unter dieser Abwanderung seiner Intelligenz. Wir müssen zusehen, dass wir das Leben hier attraktiver machen. Wir können es uns nicht leisten, dass unsere Besten nach Europa oder in die Vereinigten Staaten gehen.

SPIEGEL: Ihr christlicher Sozialismus mit der Staatskontrolle über die Wirtschaft gilt allerdings als gescheitert.

Kaunda: Wir hatten das Pech, dass die Kupferpreise 1975 abstürzten. Das ist heute ganz anders, die Rohstoffpreise steigen ständig weiter an. Außerdem wurden wir von der Weltbank massiv unter Druck gesetzt. Sie nötigte uns ständig zu privatisieren. Aber eigentlich war unsere Regierung auf dem richtigen Weg. Sie sehen doch, was derzeit passiert. Wie in einem Ausverkauf gehen unsere Kupferminen an Inder und Chinesen, aber auch an Kanadier und Australier. So verschleudern wir unser Vermögen, es ist eine Schande. Auch der Rest des Landes ist heruntergekommen.

SPIEGEL: Das scheint überall in Afrika das Problem zu sein. Woran liegt das?

Kaunda: Da gibt es viele Gründe: schlechte Regierungsführung in vielen Ländern, dazu die Bürgerkriege. Und vergessen Sie nicht das Erbe des Kolonialismus. Millionen Afrikaner waren außerdem zuvor als Sklaven nach Europa oder Amerika verschleppt worden. Wir begannen bei

null, und das ist gerade erst 50 Jahre her, also noch nicht sehr lange. Wir brauchen mehr Zeit und mehr Geduld.

SPIEGEL: Damals ging es Asien genauso schlecht wie Afrika. Dennoch geht es den meisten Asiaten heute besser als den Afrikanern.

Kaunda: Dabei haben wir Kupfer, Gold und andere Mineralien. Der Herr hat das Land wahrlich reich gesegnet. Auch mir ist es ein Rätsel, warum wir Afrikaner uns so schwertun, diesen Wohlstand zu verwalten. Manchmal denke ich, auf all diesen Rohstoffen lastet ein Fluch. Gier, Neid und Kriege zerfressen den Kontinent.

SPIEGEL: Sind die meisten Katastrophen nicht selbstverschuldet, beispielsweise die Lage in Simbabwe?

Kaunda: Robert Mugabe und ich waren gute Freunde, enge Gefährten im Ringen um Afrikas Unabhängigkeit. Dieser Mann hat unbeirrbar für die Freiheit seines Landes gekämpft, er hat gelitten und saß lange im Gefängnis.

SPIEGEL: Was ist mit ihm geschehen, dass er sein Land jetzt so ruiniert?

Kaunda: Wer Mugabe heute beurteilt, darf die Geschichte nicht außer Acht lassen. Ich erinnere mich noch gut an damals. Wir waren ein Frontstaat. In Südafrika und dem heutigen Namibia herrschte die Apartheid, in Angola und Mosambik waren die Portugiesen noch bis Mitte der siebziger Jahre an der Macht, in Rhodesien hatte Ian Smith einseitig die Unabhängigkeit erklärt und führte den Staat mit einer kleinen weißen Minderheit. Er hat Mugabe und die anderen politischen Gefangenen erst nach zehn Jahren Haft entlassen.

SPIEGEL: Und das hat Mugabe verbittert?

Kaunda: Kann man das nicht verstehen? Als er einige Jahre darauf Simbabwes Ministerpräsident geworden war, sagte ihm Margaret Thatcher: Machen Sie, was Sie wollen, aber rühren Sie mindestens zehn Jahre lang die Landfrage nicht an. Schmeißen Sie die britischstämmigen Farmer nicht raus. Er war Premier, aber das Land befand sich zu einem großen Teil immer noch in der Hand derjenigen, die ihn zuvor interniert hatten. Trotzdem hielt er sein Versprechen.

SPIEGEL: Und Großbritannien?

Kaunda: Die konservativen Regierungen von Thatcher und später von John Major diskutierten immer wieder die Frage des Landbesitzes und suchten eine einvernehmliche Lösung. Sie wollten erreichen, dass mehr weiße Farmer freiwillig Land verkauften. Ausgerechnet Tony Blairs Sozialisten wollten plötzlich nichts mehr davon wissen. Da musste Mugabe handeln.

SPIEGEL: Mugabe musste alle weißen Siedler aus dem Land schmeißen?

Kaunda: Ian Smith, der ihn so schlecht behandelt hat, lebt noch heute friedlich in Simbabwe. Wir sollten Mugabe also nicht dämonisieren. Er ist durch die Hölle gegangen.

SPIEGEL: Seit der Landreform ist das Land ruiniert.

Kaunda: Es sind ja auch große Fehler begangen worden. Aber eben nicht von Mugabe allein. Ich hoffe, dass die schrecklichen Ereignisse in Simbabwe uns allen eine Lehre sein werden, denn in Südafrika und Namibia droht eine ähnliche Entwicklung, wenn wir nicht aufpassen. Auch dort befindet sich noch ein Großteil des Grund und Bodens in der Hand von Weißen, und diese Länder haben eine lange, leidvolle Geschichte des Kolonialismus und der Apartheid hinter sich.

SPIEGEL: Was könnten diese Lehren sein?

Kaunda: Es kann nicht sein, dass ein paar Weiße dort auf riesigen Gütern sitzen und

die Mehrheit des Volks darbt. Die Schwarzen in diesen Ländern haben lange genug gelitten. Wir sind nicht an die Macht gekommen, um den Landbesitz einer kleinen Gruppe weißer Großgrundbesitzer zu erhalten. Dennoch waren die südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela und Thabo Mbeki sehr rücksichtsvoll dieser Minderheit gegenüber. Einer Minderheit wohlgemerkt, die für die meisten Probleme des Landes verantwortlich ist. Sie sollte diese Freundlichkeit nicht ausnutzen, sonst kann passieren, was in Simbabwe geschehen ist.

SPIEGEL: Ausgerechnet in Sambia haben sich nun aus Simbabwe vertriebene weiße Farmer sehr erfolgreich angesiedelt.

Kaunda: Das hat die neue Regierung zu verantworten.

SPIEGEL: Sie hätten sie nicht ins Land gelassen?

Kaunda: Ich weiß nicht.

SPIEGEL: Es sind gute Landwirte, Sambia profitiert von ihnen.

Kaunda: Wir brauchen keine Hilfe von außen. Wir kommen gut allein zurecht.

SPIEGEL: Aber Afrika hat große Probleme.

Kaunda: Afrika hat gewaltige Probleme. Aids, Kriege. Die weitverbreitete Armut kommt hinzu. Die Schuldenlast. Wir müssen so viele Schulden zahlen, dass wir keine Schulen und Krankenhäuser mehr bauen können.

SPIEGEL: Das klingt resigniert.

Kaunda: Nein, nein, ich bin 82, aber ich bekämpfe mit meiner Stiftung immer noch Aids und Tuberkulose. Afrika hat gelernt, mit großen Herausforderungen umzugehen. Afrika kann kämpfen. Ich bin ein sehr zuversichtlicher Mensch. Wir werden unsere Zukunft meistern.

SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Joachim Preuß und Thilo Thielke in Lusaka.

DER SPIEGEL 16/2007
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