16.04.2007

Hämmern in engen Gassen

Global Village: Im historischen Judenviertel der ungarischen Hauptstadt kämpft der Besitzer eines Cafés für das Alte und gegen das Neue.
Adám Schönberger hastet umher, er hat viel zu tun. Sein Café, das "Sirály" - ungarisch für Möwe -, ist gerade bestens besucht. Junge Budapester Pärchen trinken ihren Tee oder Mokka, mancher Gast sitzt versunken über seinem Laptop an einem der dunkelbraunen Holztische und drangsaliert die Tastatur. An den Wänden hängen Plakate gegen Rassismus neben Schwarzweißfotografien aus längst vergangenen Tagen, als in diesem Viertel im 6. und 7. Budapester Bezirk vorzugsweise Juden lebten.
Adám Schönberger trägt raspelkurze Haare, der Dreitagebart hat einen Stich ins Rötliche, die Nickelbrille verleiht ihm eine denkerische Note. Er ist "Manager" des Cafés und außerdem Vorsitzender des Vereins der zionistischen Jugend "Maron", der praktischerweise auch hier im Café angesiedelt ist. Er hat keine Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung der Juden, auf dem Kopf, er trägt ein verwaschenes Sweatshirt und Turnschuhe.
Außen zieren bunte Graffiti die Hauswand, im Innern stehen leere Holzregale: Das Sirály war vor langer Zeit einmal ein Buchladen. Dann stand das Haus zehn Jahre leer, bis Adám und seine Zionisten es im vergangenen Herbst besetzten und aufmöbelten. Seitdem hat sich das Café in einen Treffpunkt für junge Intellektuelle und jüdische Aktivisten verwandelt. Hier steigen HipHop-Acts oder Jazz-Events, es gibt Ausstellungen, es wird Theater gespielt.
Im Sirály treffen sich aber auch viele NGOs, "Zivilorganisationen", wie Adám sie nennt. Hier wurde zum Beispiel das riesige Peace-Zeichen organisiert, das viele junge Budapester am vierten Jahrestag des Irak-Kriegs auf dem Heldenplatz mitten in Budapest bildeten. Und auch die Leute von "Ovás" - Einspruch - kommen hierher. Die kleine Aktionsgruppe hat ein Ziel: das Sterben des alten jüdischen Viertels zu verhindern.
Das will auch Adám, denn das Viertel, sagt er, "ist in Gefahr". Mit seinen Fingern zwirbelt er ein Blatt Papier zu Kügelchen. Von der Wand hängen hier und da Putzfetzen herunter wie Stalaktiten in einer Tropfsteinhöhle. Draußen lärmt und dröhnt es, Bauarbeiter entkernen einen Hinterhof. Überall wird gehämmert, gemauert und abgerissen in den Bezirken 6 und 7 mit den alten k. u. k. Namen Theresienstadt und Elisabethstadt.
In den Gassen mit den Jugendstilbauten wurde im Jahr 1860 Theodor Herzl, der Begründer der zionistischen Bewegung, geboren. Noch immer gibt es koschere Metzgereien, koschere Bäckereien, koschere Restaurants. In der Dob utca steht eine Thoraschule, in der Dohány utca Europas größte Synagoge.
Doch überall ist das Mauerwerk löchrig, ganze Straßenzeilen sind heruntergekommen. Die Rumbach-Synagoge, die der Wiener Jugendstilarchitekt Otto Wagner mit orientalisch anmutenden Türmchen erbaute, gleicht einer Großbaustelle. Für die Renovierung, so heißt es, fehle das Geld.
Ein Dutzend alte Häuser sind schon abgerissen worden, etliche andere sollen folgen. Wenige Meter vom Sirály entfernt, steht eingerüstet ein vierstöckiges Haus mit klassizistischer Fassade. Eigentlich sollte das Gebäude mit der Hausnummer 40 schon lange dem Erdboden gleichgemacht werden. Doch dann wurde das Haus zum Symbol für den Kampf um das Alte. Immer wieder machen Abrissgegner wie Adám und sein Verein Front gegen die Pläne der Investoren, an dieser Stelle einen Hotelkomplex hochzuziehen.
Adám Schönberger ist im alten jüdischen Viertel aufgewachsen, hier ging er in den Kindergarten, später in die jüdische Grundschule in der Wessélenyi utca. Nach dem Abitur studierte er Literatur. "Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht", sagt er, als habe er deshalb ein Anrecht auf Mitbestimmung über die Zukunft des Viertels.
Adáms Eltern wohnen nur wenige Minuten entfernt, auch seine Großeltern. Sie erlebten mit, wie die Nazis nach ihrem Einmarsch im März 1944 das Quartier in ein Ghetto verwandelten: rund 70 000 Menschen auf wenigen Quadratkilometern zusammengepfercht. Auf dem Klauzál tér wurden die Toten begraben, heute spielen hier Kinder. Nebenan hat eine Filiale von "Kaiser's Szupermarket" eröffnet.
"Mein Großvater geht heute noch in den alten Milchladen, in dem er schon seit Jahrzehnten einkauft", erzählt Adám. "Kleine Geschäfte und Handwerksbetriebe sind typisch für unser Viertel." Für das alte Viertel, an dem Adáms Herz hängt.
Doch das neue Viertel ist auf dem Vormarsch. Am Anfang der Király utca hat die spanische Firma Fadesa einen gewaltigen Betonbau errichtet, höher als alle übrigen Gebäude, 270 Wohnungen sollen hier entstehen. In der Nähe zog der ungarische Immobiliengigant Autóker einen imposanten Neubau hoch. Schräg gegenüber entstehen trendige Designerläden, sie heißen Goa Home oder Arcadia, auch der deutsche Hersteller Hülsta mit seinen Lifestyle-Möbeln ist schon da.
Ausländische Immobilienunternehmen haben das Quartier entdeckt, Investmentfonds aus Spanien, Irland und Großbritannien konkurrieren um profitträchtige Objekte. Traumrenditen von rund 40 Prozent, heißt es bei Autóker, habe man 2006 im alten jüdischen Viertel erwirtschaftet. Und in diesem Jahr, so lautet die Prognose, werden die Preise noch einmal in die Höhe schießen.
Adám befürchtet zu Recht, dass sein altes Viertel gegen dieses neue kaum eine Chance besitzt. Steigen die Mieten, dann droht auch seinem Café und damit dem jüdischen Jugendzentrum der Abschied. "Unser größtes Projekt ist es, zu überleben", sagt er. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 16/2007
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