16.04.2007

KIRCHE

Hype um Gottes Sohn

Von Schwarz, Ulrich

Papst Benedikt XVI. hat ein Bekenntnisbuch über Jesus geschrieben - als Privatmann. Kritik an dem bestsellerverdächtigen Werk ist ausdrücklich erwünscht.

Als er noch oberster Glaubenshüter der katholischen Kirche war, träumte der Kardinal Joseph Ratzinger davon, seinen Lebensabend in einer beschaulichen Gelehrtenstube zu verbringen und theologische Bücher zu verfassen. Aus der Beschaulichkeit des Rentners wurde nichts, aber am Schreiben hängt Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. immer noch.

Mit großem PR-Aufwand kommt am heutigen Montag, exakt zum 80. Geburtstag des Pontifex, ein neues Werk des Theologen Ratzinger auf den weltlichen Markt. Titel und Thema: sein Chef, "Jesus von Nazareth". Programmiert ist das Buch als Weltbestseller, es erscheint in 32 Sprachen, allein die deutsche Startauflage beträgt 150 000 Exemplare*.

Der Papst-Hype, so kalkulieren die Verlage, hält an. Doch kann "Jesus von Nazareth" halten, was sich die Benedetto-Fans in aller Welt erwarten? Zweifel sind an gebracht.

Joseph Ratzinger hat ein sehr persönliches Bekenntnisbuch verfasst, nicht mit der Autorität seines Lehramts im Kreuz, sondern quasi als Privatmann, als der ehemalige Professor der katholischen Theologie. "Dieses Buch ist in keiner Weise ein lehramtlicher Akt", heißt es im Vorwort lapidar, "sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens."

Die ersten vier Kapitel (von zehn) hat er noch als Kardinal geschrieben, den Rest in seiner knappen Freizeit als Papst. Seit vier Jahren forscht und feilt Ratzinger, fertig ist das Opus noch nicht. Der vorliegende Band behandelt die Zeit "von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung" Jesu auf dem Berg Tabor. Ein zweiter Teil soll folgen - falls dem 80-Jährigen, wie er im Vorwort nüchtern anmerkt, die Lebenszeit dazu noch bleibt.

"Jesus von Nazareth" ist kein streng wissenschaftliches Werk, keine Auseinandersetzung mit der kritischen Bibel- und Jesus-Forschung, auch wenn Ratzinger sich von deren Erkenntnissen immer wieder absetzt. Sein Buch, beteuert er, sei "nicht gegen die moderne Exegese" geschrieben: Bekenntnis statt Verdammung Andersdenkender. Das macht das Buch angenehm unaufgeregt.

Doch sein eigener Ansatz ist klar und eindeutig: Es geht ihm darum, den Jesus Christus der Bibel als historische Figur lebendig zu machen. Für Ratzinger steht außer Zweifel, dass der "Christus des Glaubens" zugleich der "historische Jesus" ist. Der habe gelebt, sei für die Menschen am Kreuz gestorben und am dritten Tag aus dem Grab auferstanden. Der päpstliche Autor hält nichts von den Uminterpretationen dieses Jesus in alle möglichen Rollen - "vom antirömischen Revolutionär bis zum sanften Moralisten, der alles billigt und dabei unbegreiflicherweise selbst unter die Räder kommt". Ratzingers Jesus ist kein vorbildlicher Prophet, keine große Menschheitsgestalt wie Abraham oder Buddha.

Für Ratzinger ist Jesus der Sohn Gottes. Die kritische Jesus-Forschung, so sein Vorwurf, verzeichne diesen Jesus aber als lediglich außergewöhnlichen Menschen, dessen Leben weitgehend im Dunkeln liege. Erst später hätten ihn die Christen zum Gottessohn verklärt. Das weist Ratzinger zurück. Für ihn steht fest, dass Jesu Jünger ihren Meister schon zu dessen Lebzeiten als Sohn des Allerhöchsten erkannt haben. Davon handelt sein Buch - eine Mischung aus anspruchsvoller theologischer Vorlesung und (guter) Sonntagspredigt.

Das Niveau ist gleichbleibend hoch anstrengend und unkonkret, daran ändern auch einige sozialkritische Einsprengsel nichts, etwa über die Ausbeutung Afrikas durch die Industrieländer, über die "Grausamkeiten des Kapitalismus, der den Menschen zur Ware degradiert", oder über den Mammon, "der große Teile der Welt in seinem grausamen Würgegriff hält".

"Die große Masse der Menschheit", so Ratzinger resignierend, "hat fast immer in der Unterdrückung gelebt." Sogar Karl Marx kommt in diesem Zusammenhang

gut weg. Der habe "drastisch die ,Entfremdung' des Menschen" geschildert und damit "ein anschauliches Bild für den Menschen geliefert, der unter die Räuber gefallen ist".

Doch Ratzingers Thema ist das in Wahrheit nicht. Er predigt und schreibt - möglichst eng an den biblischen Texten entlang - über den historischen Jesus, der zugleich Gott sei. Und was dieser Jesus hier und heute bedeutet. "Was hat Jesus eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat?", fragt der Autor. "Die Antwort lautet ganz einfach: Gott." Das ist Ratzingers Ebene. Als Lebenshilfe für verunsicherte Gläubige taugt dergleichen nicht so recht.

Wird "Jesus von Nazareth" trotzdem ein Bestseller? Durchaus möglich. Denn die Papst-Begeisterung scheint - zumindest in Deutschland - ungebrochen. Er könnte die Käufer in Scharen in die Buchhandlungen treiben und die Kalkulation der Verleger aufgehen lassen.

Lesen indes dürfte das Jesus-Werk allenfalls eine kleine Minderheit seiner Käufer. Denn der Theologe Ratzinger setzt eine Menge an Kenntnis der Bibelwissenschaft sowie der Glaubenslehre voraus. Seine Sprache nimmt auf den theologischen Bildungsstand seiner Leser keine Rücksicht. Den Gedankengängen zu folgen erfordert über mehr als 400 Seiten erhebliche intellektuelle Anstrengung. Dem Verlag Herder schwante das offenbar. Im umfänglichen "Anhang des Verlags" versuchen seine Lektoren, zahlreiche Fremdvokabeln einzudeutschen - von Agape über Pneuma und Synoptiker bis Zoé.

Manche Medien haben vorweg bereits "Jesus von Nazareth" zur "Sensation" hochgejubelt. Sensationell an Ratzingers Buch indes ist nur ein Satz: "Es steht jedermann frei", so der Autor, "mir zu widersprechen." Dass einer, der seit mehr als 20 Jahren als oberster Glaubenshüter der katholischen Kirche gewohnt ist, mit amtlicher Autorität, quasi ex cathedra, zu sprechen, seine Reflexionen über Jesus der Kritik von jedermann unterwirft, ist schon bemerkenswert.

So frei sind Ratzingers katholische Untertanen ansonsten nach wie vor nicht - zumindest nach Ansicht ihres Oberhaupts. Erst vor wenigen Wochen hat Benedikt XVI. den salvadorianischen Befreiungstheologen Jon Sobrino, 68, gemaßregelt - wegen Sobrinos Gottesbild. Angeblich hat der Jesuit in seinen Schriften die Göttlichkeit Jesu nicht gebührend herausgestrichen. Sobrinos Thesen, so ließ der Vatikan verlauten, könnten bei den Gläubigen "großen Schaden" anrichten.

Das Kirchenzuchtverfahren gegen den Pater hatte übrigens vor sechs Jahren der damalige Chef der vatikanischen Glaubenskongregation angezettelt. Sein Name: Joseph Ratzinger. ULRICH SCHWARZ

* Benedikt XVI.: "Jesus von Nazareth". Verlag Herder, Freiburg; 448 Seiten; 24 Euro.

DER SPIEGEL 16/2007
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