23.04.2007

Das Geheimnis des dritten Mannes

Von Friedmann, Jan; Hinrichs, Per; Sontheimer, Michael; Holm, Cartsten

30 Jahre nach der Tat steht der Mord an Siegfried Buback vor der Aufklärung: Frühere RAF-Mitglieder beschuldigen Stefan Wisniewski, die tödlichen Schüsse abgefeuert zu haben. Der wegen des Anschlags verurteilte Knut Folkerts war am Tattag höchstwahrscheinlich in Amsterdam.

Siegfried Buback, 57, und seine beiden Begleiter hatten keine Überlebenschance. Als der Dienst-Mercedes des Generalbundesanwalts am Morgen des 7. April 1977 auf dem Weg zum Bundesgerichtshof an einer Ampel halten musste, näherte sich auf der rechten Seite eine blaue Suzuki GS 750. Auf dem Motorrad saßen zwei Angehörige der Roten Armee Fraktion (RAF).

Es war kurz nach 9 Uhr an jenem Gründonnerstag in Karlsruhe, als der Sozius vom Motorrad aus mit einem automatischen Gewehr des Typs Heckler & Koch 43 in den Innenraum der ungepanzerten Limousine feuerte. Buback, der oberste Terroristenjäger der Republik, und sein Fahrer Wolfgang Göbel, 30, starben sofort, der im Fond sitzende Georg Wurster, 33, Chef der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, sechs Tage später.

Führerlos war der Mercedes nach den tödlichen Schüssen über die Kreuzung der Linkenheimer Landstraße mit der Moltkestraße gerollt, bis er an einem Poller zum Stehen kam: ein gespenstisches Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis der Westdeutschen einbrannte, das erste der Schreckensbilder jenes Jahres, in dem die RAF mit ihrer "Offensive '77" die Republik an den Rand eines Staatsnotstands brachte.

Unerkannt flüchteten die beiden Täter zu einem Komplizen, der in einem silberfarbenen Alfa Romeo auf sie wartete. Dem Trio gelang es, durch die sofort eingeleitete Ringfahndung zu schlüpfen. In einer sechs Tage später verbreiteten Erklärung nannten sie sich "Kommando Ulrike Meinhof". Sie, die Gesicht und Stimme der RAF war, hatte sich elf Monate zuvor im Gefängnis Stuttgart-Stammheim erhängt.

Das Attentat auf Buback gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Erstmals ermordeten RAF-Mitglieder einen führenden Repräsentanten der deutschen Staatsgewalt. Sie hatten ihn für verschärfte Haftbedingungen in den Gefängnissen verantwortlich gemacht, auch für den Tod des Stockholm-Attentäters Siegfried Hausner, der 1975 lebensgefährlich verletzt in der Haft gestorben war. Sie wollten Buback dafür bestrafen.

Erbittert schlug der Staat zurück. "Ich bringe sie dir alle", gelobte Horst Herold, damaliger Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), an Bubacks offenem Grab.

Er konnte sein Versprechen nicht halten. Dem Polizeiapparat und der Justiz gelang es nicht, den Mordanschlag aufzuklären. Zwar wurden die RAF-Angehörigen Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt wegen des Anschlags und weiterer Straftaten zu teils mehrfachen lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt - während der mutmaßliche Mittäter Günter Sonnenberg wegen der bei seiner Festnahme erlittenen lebensgefährlichen Verletzungen

nicht für den Buback-Mord zur Rechenschaft gezogen wurde. Doch Beweise für den konkreten Tatbeitrag gab es kaum, und die Angeklagten schwiegen.

30 Jahre nach dem Mordanschlag scheint endlich Licht ins Dunkel des Tatgeschehens zu kommen. Die Debatte um die bevorstehende Entscheidung des Bundespräsidenten Horst Köhler über ein Gnadengesuch, das der seit 24 Jahren einsitzende Christian Klar gestellt hat, hat die lange fast in Vergessenheit geratene Frage wieder aufgeworfen, wer beim Buback-Mord welchen Tatbeitrag geleistet und wer, vor allem, die tödlichen Schüsse auf den Generalbundesanwalt und seine beiden Begleiter abgefeuert hat.

Michael Buback, 62, Sohn des ermordeten Chefanklägers und Chemieprofessor in Göttingen, hatte am Mittwoch voriger Woche via "Süddeutsche Zeitung" mitgeteilt, er habe "Informationen aus dem Bereich der RAF" erhalten. Kernpunkt: Klar sei "keiner der beiden Täter auf dem Motorrad" gewesen, er habe "auch nicht an der frühen Planung des Attentats teilgenommen, auch nicht an der Ausbildung für die Aktion". Bubacks Forderung: "Gnade für Christian Klar".

Strafrechtlich, räumte Buback ein, sei zwar die Frage "weniger relevant", wer bei einem gemeinschaftlich begangenen Mord was getan habe. Für die Angehörigen sei "aber doch derjenige, der geschossen hat, der entscheidende Täter". Das Plädoyer für die Freilassung Klars, veröffentlicht just am Tag, an dem Buback auf Einladung des Bundespräsidenten ins Berliner Schloss Bellevue kommen sollte, wurde im Präsidialamt allerdings als "ungehörig" empfunden (siehe Seite 32).

Buback und die Angehörigen der beiden anderen Opfer werden sich bis zur vollständigen Aufklärung des Verbrechens vermutlich nicht mehr lange gedulden müssen. Denn wohl recht bald werden das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz und das Wiesbadener Bundeskriminalamt zu erklären haben, aus welchen Gründen sie lange Zeit Hinweise verschwiegen haben, die einen spektakulären Schluss nahelegen: Die Ereignisse am 7. April 1977 in Karlsruhe können nicht so gewesen sein, wie hohe deutsche Gerichte in harten Urteilen gegen Verdächtige aus der RAF festgestellt haben.

Dem Bundeskriminalamt liegt seit 17 Jahren die Aussage der ehemaligen RAF-Angehörigen und heutigen Friedensaktivistin Silke Maier-Witt vor, wonach der wegen des Buback-Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte Knut Folkerts am Tattag mit den meisten übrigen Mitgliedern der RAF-Kommandoebene in Amsterdam gewesen ist.

Hat Maier-Witt, die sich 1979 von der RAF losgesagt hatte, in der DDR untergetaucht war und 1990, nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen deutschen Staates, enttarnt wurde, die Wahrheit gesagt, wäre der Schuldspruch im Fall Folkerts in wesentlichen Teilen ein krasses Fehlurteil. Folkerts wäre wohl auch wegen anderer schwerer Delikte zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Vielleicht aber nicht zu Lebenslang.

Schlimmer noch: Dem Bundesamt für Verfassungsschutz liegt seit mehr als 20 Jahren die Aussage der ehemaligen RAF-Angehörigen Verena Becker vor. Sie hatte sich Anfang der achtziger Jahre, während ihrer Haft in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, auf eine Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst eingelassen.

Was Becker enthüllte, könnte das Geheimnis um den dritten Mann beim Karlsruher Anschlag lösen - wenn ihre Aussagen damals stimmten: Christian Klar habe in dem Alfa Romeo auf seine Komplizen gewartet, Günter Sonnenberg habe das Motorrad gefahren - und Stefan Wisniewski sei es gewesen, der vom Soziussitz der Suzuki aus die tödlichen Schüsse abgegeben habe.

Vieles spricht dafür, dass Beckers auf den ersten Blick abenteuerliche Geschichte der Wahrheit entspricht. Sie wurde von Verfassungsschützern damals als seriöse Zuträgerin eingeschätzt. Und: Ihre Version der Tat bestätigt jetzt Peter-Jürgen Boock, ein weiteres ehemaliges Mitglied der RAF-Kommandoebene jener Zeit, im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 36).

Der Name Wisniewski ist bisher in den jahrzehntelangen Spekulationen über den Todesschützen von Karlsruhe nicht gefallen. Das frühere RAF-Mitglied wurde im Zusammenhang mit der Entführung und dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer 1981 wegen fünffachen gemeinschaftlichen Mordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Wisniewski kam 1999 frei, nachdem er sich "glaubhaft davon distanziert" hatte, "politische Ziele mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen".

Als eines der wenigen RAF-Mitglieder, die sich zu dem Anschlag auf Buback überhaupt äußerten, hat Wisniewski 1997, noch im Gefängnis, die Beweggründe der Extremisten für die Tat erläutert. Der damals oberste deutsche Strafverfolger, sagte er in einem Interview mit der "Tageszeitung", sei "für die Haltung gegenüber den Gefangenen verantwortlich" gewesen. Die RAF habe "in ihm den Verantwortlichen für den toten Trakt" im Gefängnis Köln-Ossendorf "und die Haftbedingungen von Ulrike Meinhof gesehen".

"Dem", so Wisniewski, "wollten wir Grenzen setzen."

Wisniewski war Anfang 1975, nach dem Hungertod des RAF-Manns Holger Meins, in den Untergrund gegangen und etwa bei der Schleyer-Entführung im Herbst 1977 als einer der Schießwütigsten aufgefallen. Für seine Mitstreiter muss er eine herausragende Bedeutung gehabt haben: Als er 1978 im Gefängnis von Frankenthal einsaß, war er der einzige RAF-Kämpfer, den Christian Klar, Adelheid Schulz und Willy- Peter Stoll mit einem Hubschrauber befreien wollten.

Sollten aber die Angaben Beckers und Boocks über seine Tatbeteiligung beim Buback-Mord zutreffen, müsste Wisniewski mit einem neuen Strafverfahren wegen Mordverdachts rechnen. Allerdings: Wie bei den übrigen Verdächtigen gibt es auch in seinem Fall keinen Sachbeweis für eine Tatbeteiligung. Ob die früheren RAF-Angehörigen, die ihn belastet haben, auch vor Gericht zu ihren Aussagen stehen, ist offen. Für eine Stellungnahme waren am vorigen Freitag weder Verena Becker noch Stefan Wisniewski erreichbar.

Die Karlsruher Bundesanwaltschaft antwortete auf die Frage, ob es ein neues Ermittlungsverfahren gegen Wisniewski gebe oder ob die Einleitung eines solchen Verfahrens geprüft werde, am vorigen Freitag: "kein Kommentar".

Sollte es zu einem Verfahren kommen, könnte die Justiz einiges besser machen als in der Hoch-Zeit des deutschen Terrorismus. Denn die damalige Aufarbeitung der Tat markiert ein unrühmliches Kapitel der bundesrepublikanischen Justizgeschichte. In den Urteilen wimmelte es von hilflosen Offenbarungen weitgehender Unwissenheit.

Folkerts war 1980 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Mohnhaupt, der unter anderem Mithilfe bei der Vorbereitung des Buback-Mords zur Last gelegt wurde, erhielt 1985 Lebenslang. Klar wurde im selben Verfahren zu fünfmal lebenslanger Haft plus 15 Jahren verurteilt - unter anderem wegen des Mordes am Generalbundesanwalt und der Schleyer-Entführung.

Christian Klar wurde 1985, wie schon Folkerts fünf Jahre zuvor, als Todesschütze

angeklagt - doch darauf mochte sich das Gericht nicht festlegen. Im Falle Klar stehe fest, urteilten die Richter, "dass er entweder Lenker oder Soziusfahrer des Motorrads war oder mit dem Alfa Romeo wartete". Dass Klar, Folkerts und Sonnenberg die Tat gemeinsam begangen hätten, "liegt auf der Hand", heißt es in der dünn belegten Begründung - nichts Genaues wussten die Richter nicht.

Auch das Urteil gegen Folkerts, mahnte sogar die konservative "Frankfurter Allgemeine" an, stütze sich "auf Indizien, die schwach, und auf Zeugen, die fragwürdig sind". Die Tatbeiträge einzelner RAF-Terroristen blieb ebenso rätselhaft wie bei dem Mord an Schleyer. "Aber auch in diesem Fall", sagt ein ehemaliger RAF-Mann, "wird bald die Zeit kommen, in der jemand das Geheimnis, wer Schleyer erschossen hat, lüften wird."

Dass Günter Sonnenberg, wie Becker behauptete, beim Buback-Mord die Suzuki 750 GS gefahren hat, also am Tatort in Karlsruhe dabei war, klingt plausibel. Er hatte, was als zweifelsfrei gilt, das schnelle Motorrad angemietet. Und nur bei ihm gab es ein nennenswertes Spurenaufkommen. Als Sonnenberg am 3. Mai 1977, gut drei Wochen nach der Tat, in Singen mit Verena Becker festgenommen wurde, trug er einen Rucksack, in dem die Tatwaffe steckte.

Was jetzt bekannt wird, könnte zu einem Fall von grundsätzlicher Bedeutung werden. Denn ein kleiner Zirkel ehemaliger RAF-Angehöriger glaubt zu wissen, dass Verena Becker schon 1982 zum Verfassungsschutz "überlief". Das Bundesamt für Verfassungsschutz wollte am Freitag zu dem Fall "keine Stellungnahme" abgeben.

Sollte es aber zutreffen, dass dem Geheimdienst schon vor dem Klar-Urteil 1985 die Aussagen Verena Beckers mit Hinweisen auf die Täter vorlagen, hätten es die Kölner Beamten zu verantworten, dass den Strafverfolgern wichtige Ermittlungsansätze wie eine Vernehmung Beckers verborgen blieben - und damit eine vollständige Aufklärung der Tat verhindert würde.

Aber auch wenn Becker ihr Wissen erst nach dem Urteil preisgegeben haben sollte, müssen Sicherheitsbehörden und Politiker einmal mehr die Frage beantworten, welche Grenzen ein Rechtsstaat dem Eigenleben

seiner Geheimdienste setzen muss. Es wird zu klären sein, ob es verfassungsrechtlich, politisch und moralisch zu rechtfertigen ist, den Schutz einer geheimen Quelle für gleichsam unantastbar zu erklären.

Auf den Prüfstand der politischen Diskussion gehört auch, ob es den Angehörigen der RAF-Opfer etwa im Fall Buback zuzumuten ist, womöglich niemals zu erfahren, wer den Finger am Abzug hatte, als drei Männer starben - nur weil eine Behörde sich an ihren Arbeitsauftrag hält. Allerdings: Ohne die Zusicherung, die geheimen Informationen von V-Leuten und anderen Zuträgern zu schützen, könnten die Dienste kaum verdeckte Informanten für ihre Arbeit im Vorfeld von Straftaten gewinnen.

Bisher hat die Zusicherung der Nachrichtendienste, Informationen ihrer geheimen Zuträger auf immer unter Verschluss zu halten, den "Charakter einer Ewigkeitsgarantie", sagt ein Verfassungsschützer. Die aber mache "zumindest nach 25 Jahren keinen Sinn mehr, weil Quellen nach so langer Zeit im Allgemeinen längst nicht mehr gefährdet sind".

In der Szene der früheren RAF-Mitglieder wird der "schwere Verrat" (ein ehemaliger RAF-Mann) der Verena Becker mit unterschiedlicher Schärfe beurteilt. Die Schweigepflicht und die kategorische Ablehnung einer Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat zählten zu den Grundfesten im Selbstverständnis der RAF.

Manche gaben auch in höchster Not nicht nach. Knut Folkerts berichtet davon, welches Angebot ihm Beamte des BKA machten, nachdem er am 22. September 1977 in den Niederlanden einen Polizisten erschossen hatte und festgenommen worden war. Er sei 48 Stunden lang, nur mit einer Unterhose bekleidet, an Händen und Füßen gefesselt gewesen. In der fensterlosen Zelle eines niederländischen Militärgefängnisses hätten die Ermittler allerhand versucht, um von ihm zu erfahren, wo die RAF den entführten Hanns-Martin Schleyer versteckt halte.

Er sei mit dem Tod bedroht worden, dann habe man ihm eine Million Mark, neue Papiere und freies Geleit geboten. Er lehnte ab.

Gleichwohl verdammen selbst hartgesottene RAF-Veteranen Verena Becker nicht. Manch einer sieht sie als "tragischen Fall einer Kollaborateurin, die unter dem ungeheuren Druck schlimmster Isolationshaftbedingungen zusammengebrochen" sei.

Tatsächlich galt die Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf in den siebziger Jahren unter RAF-Gefangenen neben dem Betonbunker von Stuttgart-Stammheim und dem Celler Gefängnis als einer der härtesten Knäste. Mehrfach hatte Verena Becker sich an Hungerstreik-Aktionen der RAF-Häftlinge beteiligt, irgendwann muss ihre Kraft erschöpft gewesen sein.

Den Verfassungsschützern konnte das kaum entgehen. Michael Grünhagen, in den siebziger Jahren Linksextremismus-Spezialist des Berliner Landesamts für Verfassungsschutz, hatte die Taktik ersonnen, mit der einsitzende RAF-Mitglieder für eine Zusammenarbeit mit dem verhassten Staat gewonnen werden sollten. "Wenn sie draußen sind, haben wir keine Chance, wenn sie drinnen sind, müssen wir ran", warb er bundesweit für seine Methode.

Sie gehört bis heute zum Repertoire der Geheimdienstwerber, in allen Lagern. Wird etwa ein Rechtsextremist bei einer verbotenen Demonstration festgenommen, schaut danach nicht selten ein ungebetener Besucher vorbei und macht ein Angebot, dem schwer zu widerstehen ist: Der Inhaftierte könne, ganz freiwillig, versteht sich, entscheiden, ob sein Arbeitgeber von seinen rechtsextremen Neigungen erfahren solle, heißt es dann. Das könne vermieden werden, wenn der Häftling dem Dienst zuarbeite. Zudem gebe es noch einen echten Leistungslohn.

Grünhagens erster großer Fall nach diesem Muster kam 1974 zu trauriger Berühmtheit. Der Verfassungsschützer hatte den kurzzeitig inhaftierten Studenten Ulrich Schmücker, ein Mitglied der terroristischen "Bewegung 2. Juni", im Gefängnis angeworben. Als in der linksextremen Szene der Verdacht des Verrats aufkam, wurde Schmücker in der Nacht zum 5. Juni im Berliner Grunewald erschossen. Ein V-Mann brachte dem Geheimdienst die Tatwaffe - und eines der wichtigsten Beweismittel landete für Jahre im Tresor des Verfassungsschutzes, um die Identität des Zuträgers zu schützen.

Die Parallelen zum Fall der Verena Becker sind unübersehbar. Auch in ihrem

Fall hielt der Geheimdienst wichtige Informationen zurück, um seine Quelle zu schützen - und nahm womöglich billigend in Kauf, dass der wahre Tatverlauf während des Anschlags auf Buback bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

Das Vertrauen der Terroristin Becker hatten sich die Geheimdienstler durch zähe Routinearbeit erworben. Systematisch wurden zu jener Zeit überall im Land die Gespräche zwischen den RAF-Häftlingen und ihren Besuchern überwacht, ausnahmslos landeten die Protokolle auf den Schreibtischen der Auswerter. Plötzlich ahnten die Geheimen, dass Becker durch die Haft offensichtlich zermürbt und labil geworden war.

Der Tag, an dem die Gefangene einer Zusammenarbeit zustimmte, war für die Geheimen ein Feiertag. Noch nie war es dem Dienst gelungen, ein altgedientes RAF-Mitglied zur Zusammenarbeit zu bewegen: Becker kam von der "Bewegung 2. Juni". Spektakulär war der Erfolg des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, das in jener Zeit ein älteres Ehepaar aus der Antifa-Szene anwarb - das für ein paar Wochen Quartiergeber für Christian Klar und Adelheid Schulz wurde.

Doch offensichtlich beobachteten die Beobachter zu lange: Geschnappt wurde das RAF-Pärchen schließlich nicht. Den letzten bekannten großen Erfolg verbuchte der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz: Er führte den V-Mann Klaus Steinmetz 1992 an die Kommandoebene heran - die Festnahme Birgit Hogefelds 1993 am mecklenburg-vorpommerschen Bahnhof von Bad Kleinen wurde möglich. Allerdings endete der Zugriff im Desaster: Hogefelds Begleiter und ein Polizist kamen ums Leben.

Die Quelle Becker sprudelte - obwohl sie zu den überzeugtesten und langjährigsten Aktivistinnen der Terrorszene zählte. Sie gehörte 1971 in West-Berlin zusammen mit zwei weiteren späteren RAF-Mitgliedern zu den Gründern der "Schwarzen Hilfe", die inhaftierte Anarchisten unterstützte. Zusammen mit ihrer Gefährtin

Inge Viett schloss sie sich bald der "Bewegung 2. Juni" an.

"Sie war zuverlässig und sehr ruhig", sagt ihr einstiger Kampfgenosse Bommi Baumann, "aber sehr radikal." Becker war erst 19, als sie im Sommer 1972 das erste Mal verhaftet wurde.

Becker war im März 1975, nach der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz, als inhaftiertes Mitglied der "Bewegung 2. Juni" gegen den Christdemokraten ausgetauscht worden und in den sozialistischen Süd-Jemen geflogen. Ende 1975 gesellten sich in der Hauptstadt Aden die ersten Mitglieder einer RAF-Gruppe unter Führung des Anwalts Siegfried Haag dazu; die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) beherbergte sie in einem Lager.

Die Deutschen erhielten eine militärische Ausbildung und diskutierten, wie sie die in Stuttgart-Stammheim einsitzende RAF-Führung um Andreas Baader und Gudrun Ensslin "befreien" könnten.

Gut sechs Jahre später saß Becker Beamten des Verfassungsschutzes gegenüber und erzählte, was sie wusste. Manche Einzelheiten wirkten gespenstisch: Auf einer "Vollversammlung" in einem niederländischen Küstenort hatte die RAF eine gleichsam demokratische Entscheidung über Leben und Tod von Siegfried Buback gefällt.

Das "Abchecken" der Fahrrouten des Generalbundesanwalts von seinem Karlsruher Haus bis zu seinem Dienstsitz hatten Mitglieder der "Förstergruppe", wie die aus dem Schwarzwald und Karlsruhe stammende Abteilung genannt wurde, schon ein Jahr zuvor erledigt. Ihr gehörten Christian Klar, Adelheid Schulz, Knut Folkerts, Günter Sonnenberg und andere an.

Als Becker dann die Identität des Täter-Trios von Karlsruhe verraten hatte, herrschte unter den Verfassungsschützern helle Aufregung - und Skepsis. Konnte dass wahr sein? Hatte Verena Becker in der RAF-Hierarchie überhaupt die Möglichkeit, solche sensiblen, ihre früheren Mitstreiter stark belastenden Informationen zu erhalten?

Die Geheimdienstler nahmen ihre Quelle unter die Lupe - und hielten sie für seriös. Alle überprüfbaren Angaben Beckers stimmten. Ermittlungsergebnisse des BKA zum Tatvorgang Buback beseitigten restliche Zweifel.

In einem Motorradhelm, den die Täter nach dem Mord an Buback zusammen mit der Suzuki und dem zweiten Helm in der Kammer eines Brückenpfeilers an der Autobahnbrücke Wolfartsweier versteckt hatten, fand sich, so das BKA, eine "Haarspur" Beckers.

Für die Verfassungsschützer stand damit fest, dass Becker während der Vorbereitungen des Anschlags zumindest engsten Kontakt zu den späteren Tätern gehabt haben muss.

Oder war da noch mehr? Deutete die Haarspur darauf hin, dass Becker am Tattag

selbst auf der Suzuki gesessen hatte? Womöglich auf dem Soziussitz? Hatte sie selbst etwa auf Buback und dessen Begleiter gefeuert? Hatte sie gegenüber dem Verfassungsschutz Stefan Wisniewski belastet, um von ihrer eigenen Tatbeteiligung abzulenken?

In der Bundesanwaltschaft war bereits nach dem Anschlag die Frage erörtert worden, ob Verena Becker die Todesschützin von Siegfried Buback, Wolfgang Göbel und Georg Wurster sein könnte.

Immerhin gab es vage Aussagen von Zeugen, die von einer "schmächtigen" Person auf dem Soziussitz der Suzuki berichteten. Und: Wer Menschen in Motorradkleidung sieht, wird kaum mit Sicherheit erkennen können, ob sich unter Helm und Kleidung ein Mann oder eine Frau verbirgt.

Ein Zeuge aber war sich sicher, dass es zwei Männer waren, die zwei Tage vor der Tat, am 5. April 1977, am Stellwerk 1 in Karlsruhe zwei Damenfahrräder abstellten, sie an ein Verkehrsschild anketteten und auf ein Motorrad umstiegen. Es war die Tatmaschine. In der Bundesanwaltschaft wurden die Haare im Helm schließlich als "tote Spur" bewertet.

Erstaunlich ist, dass die hochgeheime Zusammenarbeit Verena Beckers mit dem deutschen Inlandsgeheimdienst schon Anfang der achtziger Jahre nicht geheim blieb: Die Stasi wusste davon - vermutlich, weil der DDR-Dienst über die sogenannte strategische Funkkontrolle nahezu alle Apparate des Bundesamtes für Verfassungsschutz abhörte.

Anders als Verena Becker haben sich Knut Folkerts, Christian Klar und Günter Sonnenberg bis heute eisern an das Schweigegelübde innerhalb der RAF gehalten. Von ihnen ist keine Aufklärung darüber zu erwarten, ob Beckers Äußerungen zutreffen.

Zumindest im Fall Folkerts scheint klar zu sein, dass er für einen Mord verurteilt wurde, den er nicht begangen hat. Bei einem Treffen von RAF-Veteranen zu Pfingsten 1997 in Zürich hatte Folkerts erstmals offen darüber gesprochen, "die Angriffe auf Buback, Ponto und Schleyer" mit vorbereitet zu haben (SPIEGEL 22/1997). Eine unmittelbare Tatbeteiligung räumte er damit

keineswegs ein, eher wohl schloss er sie aus.

Als das Oberlandesgericht Stuttgart Folkerts im Juli 1980 in Stammheim zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte, war das ein Eingeständnis weitgehender Ahnungslosigkeit. Folkerts habe den Tod von Buback gewollt, sagte der Vorsitzende Richter Eberhard Foth, "ob er nun selber schoss, das Motorrad fuhr oder das Fluchtauto bereithielt".

Aber wenn er gar nicht in Deutschland war?

Im Fall Folkerts haben die Richter vermutlich völlig danebengelegen. Als die DDR zusammengebrochen war und bekannt wurde, dass zehn frühere RAF-Terroristen jenseits der Mauer Unterschlupf gefunden hatten, wurde auch Silke Maier-Witt enttarnt. Sie war unter anderem als Späherin an der Entführung Schleyers beteiligt, brach aber 1979 mit der RAF. Als bei einem BanküberfalI im selben Jahr eine Unbeteiligte ums Leben kam, tauchte Maier-Witt im Juli 1980 mit Hilfe der Stasi unter dem Namen Angelika Gerlach und später Sylvia Beyer in der DDR unter.

Maier-Witt, die in der DDR Krankenschwester geworden war und an der Technischen Universität in Ilmenau Informationswissenschaften studierte, wurde am 18. Juni 1990 in Neubrandenburg verhaftet, und sie packte aus. In mehreren Vernehmungen offenbarte sie BKA-Beamten als Kronzeugin ihr Wissen über den deutschen Terrorismus. 1995 wurde sie vorzeitig aus der Haft entlassen und arbeitete unter anderem als Friedensfachkraft im Kosovo.

Die Kriminalbeamten hatten keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit Silke Maier-Witts. Detailliert beschrieb sie, wie am 7. April 1977 gegen 11 Uhr in einer "Wienerwald"-Gaststätte, einem beliebten Treff von RAF-Mitgliedern in Amsterdam, die Terroristinnen Brigitte Mohnhaupt und Sieglinde Hofmann einen weiteren Kämpfer, vermutlich Rolf Klemens Wagner, getroffen hätten. Die Terroristen hatten in der niederländischen Hauptstadt im Laufe der Zeit mehrere konspirative Wohnungen gemietet, in die sie sich nach "Aktionen" zurückziehen konnten.

Bis zu diesem Tag hatte Maier-Witt in der Legalität gelebt. In der Gaststätte fiel ihr auf, dass Mohnhaupt und Hofmann "ständig zur Uhr sahen", wie sie den BKA-Männern berichtete. Die beiden Frauen entfernten sich dann für einige Zeit, wohl um zu telefonieren. Eineinhalb Stunden später traf man sich in einem anderen "Wienerwald" wieder. Mohnhaupt und

Hofmann teilten ihr mit, "dass die Aktion Buback gelaufen" sei.

Maier-Witt reiste anschließend sofort nach Deutschland, um einige Arbeiten für

die RAF zu erledigen. Was dann ihren Angaben zufolge passierte, entlastet Knut Folkerts vom Vorwurf des Mordes an Generalbundesanwalt Buback: Als Maier-Witt am Abend nach Holland zurückkehrte, warteten Folkerts und der RAF-Mann Rolf Heißler an der deutsch-niederländischen Grenze bei Kerkrade auf sie mit dem Auto und fuhren sie nach Amsterdam.

Wann genau sie in der konspirativen Wohnung ankam, daran konnte sich Maier-Witt in den Vernehmungen durch das BKA nicht mehr erinnern, "spätabends" soll es gewesen sein. Sie wurde nach ihren Angaben von Peter-Jürgen Boock mit einer Pistole und einem Holster, mit einem gefälschten deutschen Personalausweis und einem gefälschten dänischen Pass ausgestattet - der übliche Initiationsritus bei der Aufnahme in die RAF.

Nach dieser Darstellung kann Folkerts mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht am selben Tag um kurz nach 9 Uhr am Tatort gewesen sein. Die Entfernung zwischen Karlsruhe und Amsterdam beträgt

zwar nur rund 550 Kilometer, in heutiger Zeit eine Fünfstundenreise mit der Bahn oder per Auto.

Kategorisch aber mieden RAF-Angehörige, zumal nach Anschlägen, die offiziellen Grenzübergänge. Sie ließen nach "Aktionen" ihre Fluchtfahrzeuge so bald wie möglich zurück, stiegen auf öffentliche Verkehrsmittel um und verließen diese in der Nähe der Grenze zwischen Deutschland und den Nachbarstaaten. Im Fußmarsch ging es dann an ausgespähten Orten über die grüne Grenze. In Wissembourg im Elsass etwa tarnten sich die Terroristen als Wanderer, wenn sie aus einem Wald auf deutscher Seite in einen Weinberg auf französischem Staatsgebiet wechselten.

Folkerts kann es am 7. April kaum geschafft haben, auf diese zeitraubende Weise zum Grenzübergang nahe Aachen zu kommen, um Heißler zu treffen und gemeinsamsam auf Maier-Witt zu warten. Und noch etwas spricht dagegen, dass er zu den Buback-Mördern gehörte: "Niemals", sagt ein RAF-Insider, "wäre ein Mitglied eines Kommandos nach einem Anschlag so einer Dimension wie bei Buback am Abend zum Fahrdienst für eine Frau abgeordnet worden, die gerade von der Legalität in die Illegalität wechselt."

Auch über den Abend des Tattages wusste Maier-Witt Interessantes zu berichten. So sei "über die Aktion Buback wenig gesprochen worden" - wie in der RAF nach Anschlägen üblich.

Am Abend waren die meisten Mitglieder der Kommandoebene in der Amsterdamer Wohnung versammelt: Brigitte Mohnhaupt und Sieglinde Hofmann, Peter-Jürgen Boock, Knut Folkerts und Rolf Heißler.

Irgendwann in diesen Tagen waren auch Stefan Wisniewski, Christian Klar und Angelika Speitel in der Wohnung.

Wann allerdings, ob etwa schon am späten Abend des Tattags oder ein, zwei Tage später - daran konnte sich Silke Maier-Witt 1990, 13 Jahre nach den Geschehnissen, in ihren Gesprächen mit den BKA-Ermittlern nicht mehr erinnern.

So bleibt es wohl Sache des Staates, alte, geheimgehaltene Erkenntnisse mit den Ergebnissen neuer Recherchen zusammenzuführen. Und es sollte Sache der Täter und Mitwisser sein, ihr Schweigen zu brechen und aus der Logik der Konspiration auszusteigen.

Der RAF-Terror ist Geschichte, die Rote Armee Fraktion hat sich 1998 aufgelöst. Es ist Zeit, Fehler zu korrigieren. Auf allen Seiten. CARSTEN HOLM;

JAN FRIEDMANN, PER HINRICHS, MICHAEL SONTHEIMER

Günter Sonnenberg

Geboren 1954 in Karlsruhe, schlug Sonnenberg zunächst einen bürgerlichen Lebensweg ein. Als Austauschschüler durfte er wegen seiner guten Leistungen 1970 für ein Jahr nach Detroit reisen. Nach dem Abitur 1973 studierte er Philosophie, Geschichte und Politik in Heidelberg. Bald wohnte er zusammen mit Knut Folkerts und Christian Klar in einer Karlsruher Wohngemeinschaft und ging ab 1976 für die RAF in den Untergrund. 1977 war er am Buback-Mord beteiligt; er mietete das Motorrad, von dem aus Buback erschossen wurde, und war mit einiger Wahrscheinlichkeit am Tattag der Fahrer der Maschine. Einen Monat später wurde der Terrorist in Begleitung von Verena Becker in Singen kontrolliert, worauf er mit mehreren Schüssen einen Polizisten schwer verletzte und selbst einen Kopfschuss erlitt. Mehrere Wochen lang lag er im Koma, im anschließenden Prozess wurde Sonnenberg zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Auch aus gesundheitlichen Gründen wurde er 1992 auf Bewährung entlassen.


Christian Klar

Er stammt aus einer bürgerlichen Freiburger Familie. 1976 schloss er sich als 24-jähriger Student der RAF an und ging in den Untergrund. Im Jahr darauf war er Mittäter bei der Ermordung von Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer. Am 16. November 1982 verhafteten Fahnder den Top-Terroristen, als er im Sachsenwald bei Hamburg ein RAF-Waffendepot inspizierte. Am 2. April 1985 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Klar wegen neunfachen Mordes und elffachen Mordversuchs zu fünfmal lebenslanger Freiheitsstrafe plus 15 Jahren. Im Jahr 2003 reichte er beim damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau ein Gnadengesuch ein, über das Rau nicht mehr entschied. Anfang 2007 lehnte das baden-württembergische Justizministerium mildere Haftbedingungen für Klar ab, unter Verweis auf einen von Klar in der linken Zeitung "Junge Welt" veröffentlichten Text. Darin schreibt Klar im RAF-Duktus, die Zeit sei gekommen, "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen".


Stefan Wisniewski

1953 in Klosterreichenbach bei Freudenstadt geboren, stieß Wisniewski 1974 nach dem Hungerstreiktod von Holger Meins zur RAF. Er gehörte zu dem Kommando, das am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Schleyer entführte und den Fahrer sowie drei Polizeibeamte des Begleitschutzes ermordete. Wisniewski fuhr gemeinsam mit einem weiteren RAF-Mitglied vom Brüsseler Versteck aus über die belgisch-französische Grenze, dann wurde Schleyer in einem Waldstück mit drei Schüssen in den Hinterkopf getötet. Am 11. Mai 1978 nahm die Polizei Wisniewski bei einer Passkontrolle am Pariser Flughafen Orly fest. Er unternahm 1980 einen Ausbruchversuch aus dem Gefängnis Frankenthal. Am 4. Dezember 1981 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen gemeinschaftlichen fünffachen Mordes, erpresserischen Menschenraubs, Geiselnahme und versuchter Nötigung der Bundesregierung. Nach 20 Jahren Haft, der festgelegten Mindestdauer, setzte das Gericht die lebenslange Strafe zur Bewährung aus, am 1. März 1999 kam Wisniewski auf freien Fuß.


Verena Becker

Becker, 1952 in Berlin geboren, verübte als Mitglied der "Bewegung 2. Juni" 1972 einen Anschlag auf einen britischen Yachtclub in Berlin, bei dem ein Bootsbauer starb. Angehörige der "Bewegung 2. Juni" pressten Becker und andere Inhaftierte im Austausch frei, indem sie den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführten. Becker wurde im März 1975 in den Südjemen ausgeflogen. Nach ihrer Rückkehr wurde sie im Mai 1977 gemeinsam mit Günter Sonnenberg im baden-württembergischen Singen gefasst. Bei der Verhaftung kam es zu einer wilden Schießerei. Am 28. Dezember 1977 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Becker zu lebenslanger Haft wegen sechsfachen Mordversuchs und räuberischer Erpressung. Im Herbst 1989 wurde sie von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt, nachdem sie sich in der Haft vom Terrorismus losgesagt hatte. Während dieser Zeit erklärte sie sich auch zu einer Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz bereit. Der Tag ihrer Entlassung fiel mit dem Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen zusammen.


Silke Maier-Witt

Die heute 57 Jahre alte Psychologin wurde im baden-württembergischen Nagold geboren. In Hamburg besuchte sie ein Gymnasium und studierte dort ab 1969 Medizin und Psychologie. Während dieser Zeit arbeitete sie unter anderem in sozialen Projekten und war in der RAF-Gefangenenunterstützung aktiv. 1977 schloss sich Maier-Witt der RAF an und spähte die Lebensumstände von Hanns-Martin Schleyer aus. Eine führende Rolle spielte sie nie. Zwei Jahre später stieg Maier-Witt aus der RAF aus und ging in die DDR, wo die Stasi Unterschlupf bot. Unter dem Namen "Gerlach" arbeitete sie als Krankenschwester in Erfurt und studierte später in Ilmenau Informationswissenschaften. Nach der Wende wurde Maier-Witt am 18. Juni 1990 in Neubrandenburg festgenommen und unter anderem wegen der Beteiligung an der Schleyer-Entführung und an einem Banküberfall mit Todesfolge zu zehn Jahren Haft verurteilt. Bereits 1995 kam sie auf Bewährung frei und arbeitete von 2000 bis 2005 als Friedenshelferin im Kosovo.


Brigitte Mohnhaupt

Mohnhaupt, 1949 geboren, landete als Studentin in der Münchner Kommunardenszene. 1971 stieß sie zur Baader-Meinhof-Gruppe und stieg später zur Chef-Logistikerin auf. Nach einer Serie von Anschlägen wurde sie 1972 zum ersten Mal inhaftiert. In Stammheim plante Mohnhaupt mit den anderen Gefangenen die Reorganisation der RAF. Gleich nach ihrer Entlassung am 8. Februar 1977 tauchte sie wieder unter und war an führender Stelle für den mörderischen "Deutschen Herbst" verantwortlich. Danach floh Mohnhaupt nach Bagdad und nach Paris. Im Mai 1978 wurde sie in Zagreb festgenommen, dann aber wieder freigelassen und in den Südjemen ausgeflogen. Sie kehrte unerkannt nach Deutschland zurück, wurde aber im November 1982 gefasst. Am 2. April 1985 verurteilte das Stuttgarter Oberlandesgericht Mohnhaupt als "Rädelsführerin" der RAF zu fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahren. Ihr wurden jeweils neunfacher Mord und Mordversuch angelastet. Am 25. März 2007, nach Ablauf der Mindestverbüßungsdauer von 24 Jahren, kam sie frei.


Knut Folkerts

Der 1952 im badischen Singen geborene Folkerts wuchs mit drei älteren Brüdern in Karlsruhe auf. Dort spielte er in einer Band Gitarre und war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. 1976 zog Folkerts in eine Wohngemeinschaft mit Christian Klar und Günter Sonnenberg und schloss sich der RAF an. Er wurde als einer der Buback-Attentäter gesucht; bei seiner Festnahme am 22. September 1977 im niederländischen Utrecht erschoss er den Polizisten Arie Kranenburg, wofür ihn das Landgericht Utrecht drei Monate später zu 20 Jahren Haft verurteilte. 1978 wurde der Gefangene nach Deutschland abgeschoben und 1980 als einer der Buback-Mörder verurteilt. 1995 wurde Folkerts aus der Haft in Stuttgart entlassen. Er lebt heute als Buchhalter einer Logistikfirma in Hamburg. Über ein Auslieferungsersuchen, das die niederländische Justiz überraschend 2005 stellte, muss das Hamburger Landgericht entscheiden. Folkerts soll noch einmal für 20 Jahre wegen des Polizistenmords in Haft.


* Am 13. April 1977 in Karlsruhe.* Links: als Friedensaktivistin in Prizren im Kosovo im April 2006; rechts: vom September 1990.* Oben: mit Mutter Inge bei der Enthüllung eines Gedenksteins zum 30. Jahrestag des Mordes an Siegfried Buback am 7. April in der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe; unten: Observationsfoto der Polizei im August 1978 beim Einstieg in einen Hubschrauber, mit dem die mögliche Befreiung von RAF-Gefangenen aus dem Gefängnis im rheinland-pfälzischen Frankenthal ausgekundschaftet werden sollte.* Im November 1974 in Hamburg.

DER SPIEGEL 17/2007
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