23.04.2007

SCHATZFUNDE Gral aus dem Chiemsee

Ein mysteriöser Goldschatz beschäftigt Ermittler und Experten. Der angeblich jahrtausendealte Kessel steht im Zentrum eines Verwirrspiels um alte Nazis und moderne Geschäftemacher.
Da war er also, der sagenumwobene Gral. In einem Safe nicht weit vom Zürcher Flughafen. Die Investorin Svetlana K. aus Kasachstan war auf manches gefasst gewesen, an diesem Märztag des vergangenen Jahres. Aber als sie dann das "wohl bedeutendste kunsthistorische Fundobjekt des Abendlandes" leibhaftig vor sich sah, verblassten auch die anderen Superlative des vierseitigen Prospekts im noch strahlenderen Glanz der Wirklichkeit. "Ein in allen Kriterien so überragendes Objekt", hatte in den Papieren gestanden, sei "wohl noch nie dem freien Kunstmarkt zugeführt worden". Und: "Nach entsprechender Promotion dürfte der Wert nach Annahme von Experten die Summe von etwa 1 Mrd. Euro erreichen."
Ein wahres Traumgeschäft schien in greifbarer Nähe. Denn das Gefäß aus elf Kilogramm Gold, angeblich über 2000 Jahre alt und mit keltischen Verzierungen geschmückt, übte tatsächlich eine unwiderstehliche Faszination auf den Betrachter aus.
Bei dem Geschäft, hatte man die Frau aus Kasachstan gemahnt, gebe es allerdings einen Haken: Sie müsse schnell zugreifen, schließlich bekomme man nicht alle Tage die Gelegenheit, in so etwas zu investieren. Das leuchtete Svetlana K. und ihrem Geschäftspartner Vladimir T. ein - wenig später schickten sie über eine Moskauer Bank umgerechnet 1,1 Millionen Euro in die Alpenrepublik, für eine Beteiligung an den versprochenen Vermarktungsgewinnen des Gold-Topfes.
Der Schweizer Millionendeal ist der vorläufige Höhepunkt einer abenteuerlichen Geschichte, die 2001 mit dem Fund des goldenen Kessels im Chiemsee begann und die von Anfang an vor allem von der Aura des Mysteriösen lebte: Ob okkulte Nazi-Zirkel, düstere Keltenrituale oder gar schwarzmagische Intrigen - stets ließ sich das Artefakt irgendwie ins Bild pressen. Die bayerische Staatsregierung, raunten die einen, halte geheime Analysen über den heidnischen Topf zurück - "vermutlich auf Druck der katholischen Kirche". In seinen goldenen Reliefs, behaupteten die anderen, seien zudem verschlüsselte Botschaften versteckt.
Als bislang einzig definitive Wahrheit über Herkunft und Zweck des Kessels bleibt indes nur übrig, dass niemand darüber etwas Sicheres weiß. Fest steht aber, dass sich hinter Mystik und Magie noch eine andere Geschichte verbirgt. Und die spielt im rauen Milieu dubioser Kunsthändler und justizbekannter Kapitaljongleure.
Das bayerische Finanzministerium ist ebenso involviert wie professionelle Schatzsucher vom Schlage eines Jens E., 43, der in seiner Szene als große Nummer gilt. Bereits 1996 meldete er ein Gewerbe für Handel und Vermittlung von Ausgrabungsgegenständen an.
Den ganz großen Coup aber soll Jens E. erst im Jahr 2001 gelandet haben, als ihm ein Bekannter von einem seltsamen Fund im Chiemsee berichtete. Der Hobbytaucher, in der Szene als "Lui" bekannt, war im Mai unweit eines Badestrandes bei Arlaching auf ein merkwürdiges Objekt gestoßen. Über Wochen, so erzählen Insider, habe das Ding freilich zunächst "achtlos herumgelegen". Erst im Sommer habe Jens E. den Wert des Fundes erkannt und dem Taucher seine Dienste als Vermittler angeboten. Nachdem "Lui" eingewilligt habe, soll Jens E. wiederum den Kunsthändler Thorsten K. eingeschaltet haben. Der vermittelte den Topf dann um den Jahreswechsel 2001/2002 - frisch gesäubert und goldglänzend - zu Untersuchungszwecken an die Archäologische Staatssammlung München.
Deren Chef, Professor Ludwig Wamser, musste zunächst die entscheidende Frage beantworten: Ist das Objekt überhaupt antik? Die Reliefs - gehörnte Gottheiten, Horn blasende Krieger und Figuren mit altertümlichen Schwertern - wirken tatsächlich keltisch. Die Verarbeitungstechniken dagegen, und besonders die Beschaffenheit der verwendeten Lötzinne, ließen die Spezialisten der Staatssammlung auf eine Fertigung des Kessels im 20. Jahrhundert schließen - womöglich im "Dritten Reich".
Die Datierung war aber nicht nur historisch von Bedeutung: Sie entschied auch darüber, wem das Objekt gehört. Denn anders als in den meisten anderen Bundesländern verfügt Bayern über kein sogenanntes Schatzregal, eine Verordnung, die den Staat zum Eigentümer wertvoller Bodenfunde macht. Hätte der Kessel früher dem NS-Regime gehört, wäre der Freistaat nach der komplizierten Rechtslage Alleineigentümer des Kessels; anderenfalls gehörte der Topf zur Hälfte den Findern.
Bereits wenige Wochen nach dem Erhalt der Goldschale präsentierte Wamser am 1. Februar 2002 verblüfften Fachkollegen den "Keltenfund des Jahrhunderts", wie sich ein Zuhörer erinnert. Im altehrwürdigen Toskana-Saal der Universität Würzburg habe der Professor, so einer der Anwesenden, ein "wahres Feuerwerk an Bildern, ein Prachtspektrum von Farbfotos"
auf die Fachwelt herniederprasseln lassen: Glich der Chiemsee-Topf nicht bis ins Detail jenem silbernen Gundestrup-Kessel, der 1891 aus einem Moor in Jütland geborgen wurde? Stand der Republik eine archäologische Sensation bevor?
Die Aufregung im Saal war kurz vor dem Siedepunkt, als Wamser lässig seine Pointe zündete: Der Pott, so verkündete er gut gelaunt, sei eine Fälschung. Hergestellt aus modernem Gold, wahrscheinlich im Auftrag der Nazis. Die hätten nämlich unweit der Fundstelle eine "Hohe Schule der NSDAP" geplant und das Ding womöglich für seltsame Weiheriten gebrauchen können.
Geraune unter den Gästen: Hatte SS-Chef Heinrich Himmler seinerzeit nicht den selbsternannten Gralsforscher Otto Rahn beschäftigt, der in den Burgruinen der mittelalterlichen Katharer-Sekte in Südfrankreich nach dem mystischen Kelch suchte, der einst das Blut des gekreuzigten Jesu aufgefangen haben soll? Wollten sich die Nazis etwa den Gralsmythos zunutze machen, indem sie den keltischen Gundestrup-Kessel kopieren ließen? Der Vortrag sorgte in Fachkreisen für so viel Wirbel, dass auch die Presse Wind von der Sache bekam: Am 6. August 2002 lief die Nachricht vom Chiemsee-Kessel erstmals über die Agenturen.
Während man im Chiemgau noch heftig über die Identität der Finder grübelte und Witze über "Hitlers Nachttopf" die Runde machten (SPIEGEL 33/2002), feilschte Schatzsucher Jens E. offenbar schon eifrig mit dem Bayerischen Finanzministerium um die Rechte an dem Kessel. Im Juni 2003 brach das Ministerium schließlich sein monatelanges Schweigen und meldete, das Artefakt sei verkauft worden - an einen "seriösen Privatmann", den man auf Vermittlung eines der Finder habe gewinnen können. Die Identität des Käufers, angeblich ein Sammler aus München, und die Höhe des Kaufpreises, den sich die Finder zur Hälfte mit dem Freistaat teilten, ist bis heute geheim. Lediglich das Ergebnis von wissenschaftlichen Untersuchungen wurde in groben Zügen bekannt: Der Kessel, so die dünne Auskunft des Ministeriums, stamme weder aus der Keltenzeit, noch könne er einem NS-Vermögen zugeordnet werden.
Letztere Aussage wirkt jedoch etwas verwunderlich, besonders vor dem Hintergrund, dass die bis dato konkreteste Spur sehr wohl zu einem hohen Nazi-Funktionär hätte führen können. So erklärte der Seniorchef der alteingesessenen Münchner Juwelierfirma Theodor Heiden, dass er sich noch genau an die detailreichen Erzählungen eines früheren Mitarbeiters erinnern könne. Der Goldschmied Alfred Notz, so der Zeuge, habe ihm vor dessen Tod in den sechziger Jahren von einem "figural verzierten, in Treibtechnik gearbeiteten Goldkessel von mehr als zehn Kilo" berichtet, der zwischen 1925 und 1939 in der Werkstatt Heidens gefertigt worden sei - im Auftrag der Elektrochemischen Werke München. Deren Chef Albert Pietzsch sei der Goldschmiede als Kunde wohl bekannt gewesen.
Seit 1920 pflegte Ingenieur Pietzsch persönliche Kontakte zu Adolf Hitler und be-
dachte ihn mit großzügigen Spenden. Pietzschs Investition zahlte sich aus: Der Industrielle, der 1927 in die NSDAP eingetreten war, avancierte später zum "Wehrwirtschaftsführer" und wurde sogar Präsident der Reichswirtschaftskammer. Nach Kriegsende wurde Pietzsch von den Alliierten verhaftet. Und sollte er tatsächlich etwas über den Kessel oder seinen Verbleib gewusst haben, so hat er es mit ins Grab genommen - er starb 1957.
Nach dem Verkauf durch das bayerische Finanzministerium wechselte das Artefakt im Frühjahr 2005 erneut den Besitzer: Nach Angaben von Insidern tauchte die Schüssel zunächst im Dunstkreis einer Londoner Briefkastenfirma mit dem wohlklingenden Namen "Morgan Stanwick" wieder auf, bevor sie an eine gleichnamige Aktiengesellschaft im Schweizer Kanton St. Gallen weitergereicht worden sei.
Als Chef des Unternehmens, das in einer stattlichen Villa im malerischen Jona residiert, fungiert der Schweizer Marcel W. - ein wortgewandter Manager mit zahlreichen Firmen und bewegter Vergangenheit: Derzeit ermitteln Darmstädter Staatsanwälte gegen W. wegen dubioser Kapitalschiebereien. Und nun haben auch Schweizer Kollegen W. im Visier - wegen mutmaßlichen Betrugs der kasachischen Geschäftsleute. Denen soll er die Geschichte vom Gral aufgetischt haben, im Oktober 2006 erstatteten sie Strafanzeige gegen ihn.
Der Morgan-Stanwick-Chef habe ihnen damals einen "Partizipationsvertrag" vorgelegt, in dem unter anderem zu lesen war, dass der Kessel das preisliche "Niveau der goldenen Totenmaske eines Tutanchamun erreichen" könne. Des weiteren wird ein "Experte für keltische Kunst" zitiert, der dem Goldkessel angeblich einen "realisierbaren Zeitwert von 250 bis 350 Millionen Euro bestätigt".
Vom SPIEGEL befragt, distanziert sich der Experte heute von seiner "Stellungnahme". Um den Wert eines solchen Objekts schätzen zu können, müsse in Wahrheit ja erst bewiesen werden, dass es tatsächlich echt sei. Marcel W. wollte sich indes nicht zu den Vorwürfen äußern.
Seine Kunden, die laut Partizipationsvertrag bereits "mehrere Millionen Euro an Kaufpreis- und Abfindungszahlungen geleistet" hätten, um das "kunsthistorische Weltkulturerbe in Besitz und Eigentum nehmen zu können", sind derweil in großer Sorge um die Investition. Die Befürchtungen scheinen berechtigt: Immerhin hat die Schweizer Staatsanwaltschaft den Chiemsee-Kessel jetzt erst einmal beschlagnahmt, als ordinäres Asservat in einem Betrugsverfahren. SVEN RÖBEL
* Mit Reichswirtschaftsminister Walther Funk (M.) und dem Stabsleiter der Deutschen Arbeitsfront Otto Marrenbach, 1939.
Von Röbel, Sven

DER SPIEGEL 17/2007
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