23.04.2007

RECHTSSTREITDas Schweigegeld

Noch immer kämpft Bayer mit den Folgen des Lipobay-Skandals, über 1,2 Milliarden Dollar hat der Konzern bisher für Vergleiche gezahlt. Ein Rentnerehepaar aus Bayern gehört zu den seltsamsten Klägern - es will keine Abfindung, sondern Öffentlichkeit. Von Barbara Hardinghaus
Der Anwalt hat über das amerikanische Rechtssystem gesprochen, über die Sammelklagen in den USA und wie man sich gegen sie wehren könne. Er hat geredet über die Lage in Deutschland, die viel übersichtlicher sei, und über die Strategie, die schweren Fälle zu vergleichen und die leichten zu verhandeln. Der Anwalt sitzt in Zimmer 1.101, einem Büro im alten Verwaltungsgebäude des Leverkusener Bayer-Werks, er ist 55 Jahre alt, sein Haar liegt wie ein Helm auf seinem Kopf, kurz und blond, die Augen sind blau.
Er ist nicht allein, zwei Juristinnen aus der Rechtsabteilung sitzen neben ihm an dem Konferenztisch aus schwerem, dunklem Holz, sie koordinieren und prüfen die Arbeit von fünf großen amerikanischen Kanzleien. Sie erzählen schlimme Geschichten aus Amerika, zu 14 600 Klagen habe das geführt, rund 1,2 Milliarden Dollar habe man bislang für Vergleiche gezahlt, überwiegend gedeckt durch Versicherungen. Zudem seien bislang weitere 400 Millionen Euro für Kosten und Vergleiche aufgewendet worden oder für absehbare künftige Ausgaben zurückgestellt. Sie sprechen gern über Amerika, wo die große Herausforderung liegt, und nicht so gern über Deutschland, das Land, in dem die größte Arzneimittelkatastrophe der Firmengeschichte ihren Anfang hat.
Auch die beiden Juristinnen reden über diese Klagen, wie der Anwalt über sie redet; um eine große Schlacht geht es, um Strategien, List und Geld geht es, um das Ringen zwischen einem Unternehmen und Tausenden Gegnern.
Und dann sagt Anwalt Dietmar Knopp: "Die Groebls sind ein schwieriger Fall." Der Anwalt guckt dabei wie ein störrischer Esel.
Die Groebls strapazieren seine Zeit, sie bedrohen den Konzern. Sie gehören zu den Menschen, die sich über Ungerechtigkeiten ärgern, die nicht verstehen wollen, warum ein Josef Ackermann nicht ins Gefängnis muss, sie geben jedem Bettler einen Euro. Sie glauben, dass die Welt gut ist, wenn es gerecht in ihr zugeht. Sie sind der Fall, der nicht in das Bayer-Raster passt, weil dieser Fall nicht mit Geld zu lösen ist. Sie sind der Fehler im System.
Bei Mechthild Groebl, sagt Knopp, sei Lipobay eindeutig nicht die Ursache für ihre Gesamterkrankung gewesen, und selbst bei der Rhabdomyolyse, die sie erlitten habe, ließe sich nicht mit Sicherheit feststellen, dass sie durch das Medikament ausgelöst worden sei.
"Die Blasenentzündung", sagt er, "kann eine Rolle gespielt haben, muss aber nicht."
Was war es dann?
"Die Entzündung", sagt er.
Welche Entzündung?
"Ein entzündliches Geschehen in ihrem Körper, schon als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde", sagt Knopp. Das gehe klar aus den Blutwerten hervor.
Er macht eine Pause.
Er wird deutlicher: "Rechtlich ist da nichts drin."
So hat es ihm die medizinische Abteilung von Bayer vorgearbeitet, Juristen haben es festgezogen. Knopp spricht weiter von Frau Groebls Gesamterkrankung, von einer seltenen Krankheit, die auch aufgetreten sei, die alles komplizierter gemacht habe, er kommt langsam in Fahrt, er wird flüssiger, er lässt keine Lücken. Knopp gehört zu den besten Anwälten im Land.
"Wir wollten uns einigen", sagt er dann. Er sei sogar zu den Groebls nach Hause gefahren, nach Freising. "Es war ein Entgegenkommen an diesem Tag, ganz klar", sagt er.
Mechthild Groebl, geboren am 29.7.1936, wurde vom 24.7.1998 an mit Lipobay behandelt, im Dezember trat eine Blasenentzündung auf, die fünf Tage lang behandelt wurde. Am Abend des 22.12.1998 traten starke Übelkeit, Durchfall, Kopfschmerzen und Nackenschmerzen auf, am 25.12.1998 musste wegen Verschlechterung des Allgemeinzustands der ärztliche Bereitschaftsdienst geholt werden, der die Erkrankung als grippalen Infekt auffasste und homöopathische Medikamente verordnete. Wegen massiver Verschlechterung des Zustands mit anhaltendem Erbrechen und Schmerzen in den Beinen wurde sie auf eine Station im Kreiskrankenhaus Freising aufgenommen, dann wegen des bedrohlichen Allgemeinzustands mit Nierenversagen am 30.12.1998 auf die Intensivstation des Klinikums Schwabing verlegt, mit hohem Gesamt-CK-Wert (3239 mg/dl), bedingt durch eine schwere Rhabdomyolyse, eine inzwischen allgemein bekannte Nebenwirkung von Lipobay, so heißt es im ärztlichen Abschlussbericht "zur Vorlage beim Rechtsanwalt".
Eigentlich arbeitet Knopp in Frankfurt am Main als Anwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer, einer großen Kanzlei mit Blick auf den Dom. Vor sechs Jahren klingelte dort sein Telefon, nachdem es Stunden zuvor in der "Tagesschau" und allen anderen Nachrichtensendungen geheißen hatte, die Bayer AG nehme ihren Cholesterinsenker Lipobay vom Markt. An den Nebenwirkungen des Medikaments sollen Menschen gestorben sein oder schwer erkrankt, und weil Knopps Spezialgebiete Arzneimittelrecht und Produkthaftung waren, er Erfahrung hatte mit anderen schweren Fällen, wurde er Bayers erster Mann für Deutschland, wo man auch Klagen erwartete.
Die größten Probleme aber, so vermuteten die Anwälte, würden aus den USA kommen, wo ihr Cholesterinsenker als "Baycol" verschrieben worden war, wo das Rechtssystem ein anderes ist und zulässt, dass Menschen in Sammelklagen gegen Unternehmen vorgehen. Aus den USA also würde die Flut an Klagen kommen, die große Bedrohung.
"Ein besonderer Motor für die extrem hohe Klagezahl in den USA ist das Vergütungssystem der Anwälte, die 30, 40 Prozent von dem, was sie erstreiten, kassieren, aber auch das alleinige Risiko tragen und letztlich Unternehmer sind", sagt eine der Bayer-Juristinnen. Zudem kosteten Sammelklagen den Kläger nichts. Viele Anwälte schalteten deshalb Anzeigen, produzierten TV-Spots und Internet-Seiten.
"Die Dimension ist eine neue, eine globalisierte", sagt Knopp, er meint Amerika. Und wäre ihre Strategie nicht so gut, so erfolgreich und auch neu, wäre möglicherweise alles anders. Man habe größeren Schaden verhindert.
Knopp schildert, wie es Bayer gelang, sich gegen die Flut von Klagen zu wehren. Man kündigte an, und das war neu, die Sammelklagen zu fleddern und sich nur mit denjenigen Opfern zu vergleichen, die ihre Leiden nachweisen konnten. Der Unterschied zu früheren Verfahren lag darin, dass man sich jeden Fall einzeln ansah und nicht mit allen Klägern einer Sammelklage pauschal Abfindungen vereinbarte. Andere Unternehmen hatten das vorher anders gemacht, um einen Skandal möglichst schnell wieder aus der Öffentlichkeit zu schaffen. Unternehmen aus der Tabakindustrie und aus der Autoindustrie machten das so. Bayer riskierte durch die Einzelprüfung immer wieder neue Medienberichte, immer wieder negative Schlagzeilen; es war der Weg, der aufwendiger war, der länger dauern würde, aber der am Ende auch weniger kosten könnte, so war die Strategie.
Die Richter in den USA hörten das, es beeindruckte sie, weil es für sie gerecht klang. Sie wiesen sämtliche Sammelklagen ab, fünf insgesamt. Und die ersten Anwälte, die auf Einzelfälle keine Lust hatten, weil die Arbeit bedeuten und wenig Geld, zogen zurück, mit ihnen die ersten Kläger; bis heute anhängig sind in den USA
noch 1870 Fälle, Einzelfälle und Sammelklagen.
"Bei denen, die diese Rhabdomyolyse hatten, waren wir unter bestimmten Voraussetzungen bereit, einen Vergleich einzugehen, was aber nur auf einen kleinen Teil der Kläger zutraf. Bei den anderen, die zumeist gar keine Nebenwirkungen hatten, sind wir standhaft geblieben", sagt eine der Bayer-Juristinnen. "Ansonsten", sagt sie, "hätte das vermutlich bedeutet, dass es noch mehr Klagen gegeben hätte von Patienten, denen das Produkt geholfen hat und die nur auf den Zug aufspringen."
Es klingt, als sei die Rhabdomyolyse eine Art Scheckkarte für das große Geld von Bayer. "Das war die richtige Strategie, auch moralisch, ethisch", glaubt die Bayer-Juristin. 3152 Vergleiche wurden so geschlossen. Es gibt Bayer-Mitarbeiter, die die Strategie jetzt auf Seminaren anderen US-Konzernen erklären. Eine deutsche Lösung war das, man hatte eine Antwort gefunden auf die geräuschlose, aber teure amerikanische Strategie.
"Entscheidend war", sagt Knopp, "dass die US-Gerichte die Kläger so zwangen, zu belegen, dass sie tatsächlich auch durch Lipobay Nebenwirkungen hatten." Aber: Es ist schwer für Patienten, den eigenen Medikamentenschaden nachzuweisen.
Lipobay sollte ein "Top-Seller" werden, jährlich 2,5 Milliarden Euro Umsatz bringen, es war seit 1997 auf dem Markt. Ein Jahr später wurde der erste Todesfall eines Patienten gemeldet, Tod durch Rhabdomyolyse, einen Muskelabbau, der zu Nierenversagen führt. Und weil solche Meldungen sich häuften, nahm Bayer das Mittel im Sommer 2001 vom Markt. Die Aufräumarbeiten laufen noch, sechs Jahre später. So lange arbeitet Knopp schon an deutschen Fällen, obwohl dort alles kleiner ist.
Von anfangs 400 Vorgängen, die in Briefen, Anrufen und Anwaltsschreiben bei Bayer in Leverkusen eingegangen waren, blieben 20 Klagen. 18 Fälle hat Knopp für Bayer gewonnen, 2 stehen noch aus, leichte Fälle, ohne Rhabdomyolyse. "Wir hatten hier extrem wenig schwere Fälle", sagt Knopp, "im einstelligen Bereich." Zwei Fälle hat er bislang in Deutschland durch außergerichtlichen Vergleich beigelegt. Die Groebls sollten der dritte Fall sein.
"Es ging uns nicht ums Geld", sagt Mechthild Groebl.
Die Rentnerin sieht vom Sofa aus die Blumen auf dem Balkon stehen, die sie vor Tagen aus dem Treppenhaus hinaus in den Frühling gestellt hat, drei Rosen und Lavendel. Sie hält einen Tischkalender in den Händen, er soll ihr helfen, sich an alles zu erinnern, auch an die Daten. Bei Tagen, die fehlen, weil sie ohne Bewusstsein war, sie nichts hörte, nichts sah, hilft ihr Mann.
"Adi, sag du mal", sagt sie dann. Adi Groebl hat alles abgeheftet, die Berichte aus den Krankenhäusern, Laborwerte, die vielen Briefe, die er abschickte, und die, die zurückkamen, ihre ganze Geschichte.
Nebeneinander sitzen sie im Wohnzimmer ihrer Neubauwohnung mit hohen Decken, Glasvitrinen, sie, die frühere Sekretärin, er, der frühere Produktmanager.
Die Geschichte beginnt 1998 an einem Freitag um 15 Uhr. Mechthild Groebl ging zu ihrem Hausarzt, der am Marienplatz in Freising eine dunkelvertäfelte Praxis hatte und sagte, ihr Cholesterinwert sei etwas erhöht. Das wunderte Mechthild Groebl erst, denn sie ist schmal, ernährte sich fettarm, aß kaum Fleisch oder Käse, aber erinnerte sich, dass das mit dem Cholesterin in der Familie lag. Sie nickte und wartete ab, der Arzt zog ein Medikament aus der Schublade, eine von zwei Packungen Lipobay. Ein Pharmavertreter hatte sie ein paar Wochen zuvor als Proben dagelassen.
Es hatte viele andere Cholesterinsenker gegeben, Lipobay war neu, seit einem Jahr auf dem Markt. Es galt als günstig und als Mittel, das sich auch niedrig dosieren ließ.
Die Probe half, ihr Wert sank. Von nun an lief Mechthild Groebl jeden Monat in die Apotheke, um ihre Tabletten zu holen. So vergingen Monate, der Herbst kam. Im Dezember bekam sie eine Blasenentzündung, die sie auskurierte, und Mechthild Groebl begann, sich auf Weihnachten vorzubereiten, trotz ihrer leichten Erkältung. Ihre Tochter Steffi würde aus Köln kommen mit deren Sohn Leon, in den Kalender trug sie ein, an was sie alles denken wollte. Sie blättert und liest vor, was am 23.12., dem Mittwoch, steht: "Markt, Eier holen, Möhren, Metzger, Fleischwurst Leon".
Am Dienstag aber bekam Mechthild Groebl plötzlich Nackenschmerzen, sie litt unter Übelkeit, Durchfall, legte sich ins Bett. Und blieb im Bett. Keine Eier, keine Möhren, keine Fleischwurst. Es wurde jeden Tag schlimmer. Zweimal kam nachts der Notarzt, stand ratlos vor ihrem Bett, verschrieb ihr etwas gegen die Erkältung, beim dritten Mal rief er den Krankenwagen.
Sie spürte ihre Beine nicht mehr, sie waren geschwollen, so wie die Arme. Sanitäter zogen sie in dieser Nacht an den Achseln aus dem Bett, trugen sie durch das Treppenhaus, an den Blumen vorbei, legten sie auf eine Trage, fuhren sie davon.
Die Ärzte auf Station 4 vom Krankenhaus in Freising konnten keine Diagnose stellen. Muskelzellen würden sich auflösen, die Niere sei betroffen, mehr wussten sie nicht an diesem 29.12. Am Nachmittag beschlossen sie, Frau Groebl auf die Intensivstation des Klinikums in Schwabing zu bringen, das war ihnen sicherer. Schläuche versorgten sie mit Sauerstoff, mit Flüssigkeit, mit Antibiotika, sie bekam eine Magensonde, Zufuhr von Eiweiß, "Vorhofflimmern" steht im Protokoll und: "Patientin ist unkenntlich aufgeschwemmt".
"Adi, sag du jetzt", sagt sie. Sie klappt den Kalender vom Jahr 1998 zu, legt ihn zurück neben ihre Krimis, streckt sich, sie will aufrecht sitzen. An die Tage, die kamen, erinnert sich Mechthild Groebl nicht.
"Sie lag da und wusste nichts mehr", sagt Adi Groebl. Sie habe phantasiert, sprach von einem Schiff, von vielen Wagen, und als man sie fragte, ob sie wisse, wo sie sich gerade befinde, sagte sie: "Im Sterbehaus."
So vergingen die Tage. Mechthild Groebl phantasierte, die Ärzte versuchten das, was ihnen einfiel. EKG, Langzeit-EKG, Röntgen-Thorax, CCT, Sonografie, Kernspintomografie. "Keiner hatte eine Idee. Sie rangen um ihr Leben", sagt Adi Groebl.
Am Neujahrsmorgen um elf Uhr stand er wieder auf der Station bei seiner Frau, als eine Ärztin auf ihn zulief, sie hatte eine Idee. Sie zögerte zunächst und sagte dann, sie glaube an eine Auto-Immunkrankheit, ausgelöst durch einen Virus, eine bakterielle Infektion oder Medikamente. Adi Groebl sollte jedes Medikament mitbringen, das seine Frau in letzter Zeit genommen hatte.
Er ging nach Hause, in die Küche, packte ihre Beta-Blocker ein, die homöopathischen Mittel gegen die Erkältung und Lipobay. Er fuhr zurück und gab alles den Ärzten.
Sie betrachteten die Medikamente wie kleine seltene Lebewesen, sie lasen die Packungsbeilagen, sie telefonierten mit einer Gift-Notfallzentrale, dann mit Bayer.
Was genau der Arzt, der mit Leverkusen telefonierte, da sagte, konnte Adi Groebl nicht verstehen. Er hatte auf dem Gang vor der Tür gestanden. Er fragte nach, aber er bekam keine Auskunft, bis heute nicht.
Das Wichtigste aber war, dass die Ärzte nun zu wissen glaubten, was zu tun war. Die Anordnung lautete: hochdosierte Kortisontherapie, Infusionen, Regeneration von Leber, Muskeln und Nieren.
Seiner Frau ging es langsam besser, sie erkannte ihren Mann wieder, sie hatte Appetit, auf kanarische Tomaten und Ananas.
Sie lernte das Laufen neu.
Im März war Mechthild Groebl wieder zu Hause.
Das Ende war das trotzdem nicht.
Ihr Hausarzt behandelte sie weiter. Mitte April kam es zu verstärktem Haarausfall, der bis Juli dauerte, die Beinödeme bildeten sich zurück, ihre Muskulatur an Unterarmen und Unterschenkeln schwand weiter, sie litt immer, vor allem nachts, an auftretenden Angstgefühlen. Und ihr Arzt sagte: "Die Rhabdomyolyse geht sicher auf Lipobay zurück." Das habe er Bayer auch mehrfach mitgeteilt.
Dass Mechthild Groebl Opfer in einem Medikamentenskandal geworden war, erfuhr sie zwei Jahre später aus der "Tagesschau". Sie saß, wie jetzt, mit Adi auf dem schwarzen Sofa.
Drei Tage später las sie in der Zeitung von einem Anwalt, bei dem sich jeder melden könne, der betroffen war oder sich betroffen fühlte als Opfer von Lipobay. Es lief ein Anrufbeantworter, auf den jeder sprechen konnte. Der Anwalt antwortete schnell und kündigte an, die ganze Angelegenheit werde Bayer Milliarden kosten.
Er schlug vor, dass die Groebls sich einer Sammelklage anschlössen, die er in den USA führen wollte, die sie nichts kosten
würde. Zusammen mit rund 2000 anderen Deutschen vertrauten die Groebls diesem Anwalt.
Dann hörten sie lange nichts.
Es vergingen zwei Jahre. Bayer hatte erklärt, weltweit Vergleiche anbieten zu wollen. Die Sammelklage mit deutschen Klägern war in den USA eingeleitet und abgewiesen worden; mit ihr die Prämie für den deutschen Anwalt, der nach amerikanischem Vorbild kalkulierte, funktionierte.
Der Anwalt schrieb den Groebls noch zweimal, das erste Mal Ende 2003: "Sie gehören zu den relativ wenigen Fällen", teilte er mit, die er bald mit Bayer verhandeln werde.
Dann hörten sie wieder lange nichts. Adi Groebl schickte dem Anwalt in der Zwischenzeit einige Briefe. Er wollte wissen, wie die Verhandlungen nun gelaufen seien.
Dass es bei dieser Sache nicht um Gerechtigkeit ging, merkte das Ehepaar zum ersten Mal im November 2004, als der Anwalt das letzte Mal schrieb. In dem Brief heißt es, die Unterlagen würden die gesetzten Voraussetzungen nicht erfüllen. Er erlaube sich, eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 208,80 Euro in Rechnung zu stellen. Rückfragen seien nur noch schriftlich möglich.
"Der Fall Lipobay", sagt der Anwalt heute, "hat mich am Ende nur Nerven gekostet und insgesamt 100 000 Euro."
Er sitzt allein in seiner Kanzlei in München-Bogenhausen und wirkt klein. Es kann an dem großen Tisch liegen, vor dem er sitzt, an der hohen Decke über ihm. Oder am Thema. Er hat lange gezögert, bis er dem Gespräch zustimmte.
Der Anwalt heißt Michael Witti. Er wirkt sonst nie klein, er ist immer groß, er nennt sich Opfer-Anwalt und sagt, er habe das Wort Sammelklagen in Deutschland etabliert.
Er taucht immer dann in Zeitungen auf, wenn es Menschen gibt, die leiden, gruppenweise. Er klagte für Zwangsarbeiter, für Angehörige der Opfer von Zug- oder Gondelunglücken. Jedes Mal in Amerika.
Er spricht lieber über seine Erfolge.
Der Fall Lipobay behagt ihm nicht. Er sagt, er würde heute vieles anders machen, es habe viele Missverständnisse gegeben.
Er meint die Rechnung an die Groebls. Die habe gar nicht rausgehen sollen. Die habe ein Mitarbeiter geschickt, ohne sein Wissen.
"Die Groebls wollten dann nicht mehr", sagt er.
Michael Witti konnte nicht damit rechnen, dass es Sammelkläger gibt, die sich auch gegen ihre Anwälte wehren. Die Groebls sprengen auch sein System. Sie können alles belegen, auch wie Witti sie fallenließ.
"Entscheidend war, dass wir nun wussten, wir gehörten zu den Fällen, die es schwer getroffen hatte", sagt Adi Groebl. Sie beschlossen, sich an Bayer zu wenden.
Es war ein schöner Tag im September 2005, als Dietmar Knopp, der Anwalt aus Frankfurt, am S-Bahnhof in Freising, dem bayerischen Städtchen, stand. Er trug einen braunen Anzug, der gut war, aber nicht edel aussah, und eine Aktentasche.
Adi Groebl holte ihn ab, sie fuhren bis zu dem weißen Mehrfamilienhaus in der Ludwig-Thoma-Straße, gingen die Treppe hinauf, setzten sich an den Tisch im Esszimmer. Mechthild Groebl hatte Kaffee gekocht, sie fand, dass der Mann von Bayer nett geklungen hatte am Telefon. Sie dachte daran, dass nun alles gut würde oder zumindest besser.
Sie saß auf dem Sofa, sah zu den Blumen und hörte, was die Männer sprachen.
Der Mann von Bayer sagte, dass man sich einigen wolle. Das klang gut. Sie hörte, dass alles schlimm gewesen sein müsse für Frau Groebl. Das klang noch viel besser.
Er holte seine Unterlagen heraus, er las vor. Sie hörte die Wörter "Blasenentzündung"
und "entzündliches Geschehen", womit er ihre Erkältung meinen musste, die sie hatte, bevor sie ins Krankenhaus gekommen war, sie hörte, wie er sagte, dass sämtliche Fristen sowieso schon abgelaufen seien, die Wörter "Entgegenkommen" und "Größenordnung 2000 bis 3000 Euro".
Bei jedem Satz, den der Anwalt sagte, zuckte Mechthild Groebl zusammen.
Als Dietmar Knopp aus der Wohnung gegangen war, hatten die Groebls das zweite Mal das Gefühl, dass es bei dieser Sache nicht um Gerechtigkeit ging.
Das wollten sie so nicht hinnehmen.
Sie kündigten dem Konzern an, sich an Filmproduzenten zu wenden, an Michael Moore, an Helmut Dietl und Adolf Winkelmann, an die Öffentlichkeit, denn sie wussten, dass Öffentlichkeit in dieser Angelegenheit Gift war für das Unternehmen. Sie glaubten, dass Bayer vieles von dem, was es tat, nur tat, um Lipobay herauszubekommen aus den Köpfen der Menschen und der Aktionäre.
Bayer erhöhte auf 5000 Euro.
Diese Summe bot Knopp den Groebls in seinem letzten Brief an. Er schickte einen "Entwurf einer Vergleichsvereinbarung", den Frau Groebl unterzeichnen sollte.
Der erste Punkt darin lautete "Erledigung von Ansprüchen", der fünfte lautete "Vertraulichkeit und Vertragsstrafe". Er enthielt vier Unterpunkte: "Frau Groebl verpflichtet sich, über den Inhalt dieser Vereinbarung Stillschweigen zu bewahren"; "Frau Groebl trägt dafür Sorge und steht dafür ein, dass das vereinbarte Stillschweigen in gleicher Weise von Personen aus ihrem persönlichen Umfeld, insbesondere von ihrem Ehemann und von den sie behandelnden Ärzten, gewahrt wird"; "über eventuelle Anfragen von Medienvertretern werden Frau Groebl oder die vorher genannten Personen die Bayer Vital GmbH oder Herrn Rechtsanwalt Dietmar Knopp sofort informieren"; "für den Fall einer Verletzung der vereinbarten Vertraulichkeit verpflichtet Frau Groebl sich, eine Vertragsstrafe in Höhe des unter Ziffer 1. 1 genannten Abfindungsbetrags zu bezahlen".
Das Ehepaar empfand das als Nötigung. Als Modalitäten zur Auszahlung eines Schweigegeldes.
Sie wandten sich an die Staatsanwaltschaft in Köln und stellten Strafanzeige gegen Bayer, das war vor ein paar Monaten, im Januar. Die Staatsanwältin antwortete schnell. Sie begründete auf zwölf Seiten, warum sie die Ermittlungen gegen Bayer im Sommer eingestellt hatte und warum sie die für die Groebls nicht wieder aufnehmen werde.
Sie habe die Ergebnisse aus der Zulassungsphase von Lipobay geprüft und keine Fehler gefunden. Sie habe die Werte aus der zweiten Phase, der Arzneimittelüberwachung, geprüft und auch hier keine Fehler gefunden. Es habe in den ersten beiden Phasen keine Pflichtverletzungen gegeben, was eine Frage nach der Kausalität, ob Lipobay also die Ursache für Rhabdomyolysen gewesen ist oder nicht, sinnlos mache. So sei das im deutschen Recht. Bayer habe sich "in jeder Situation adäquat verhalten".
Sie könne aber verstehen, sagt die Staatsanwältin später, wenn die Groebls diesen Satz als etwas unbefriedigend empfänden.
In Zimmer 1.101, dem Büro im alten Verwaltungsgebäude des Leverkusener Bayer-Werks, denken Knopp und die beiden Juristinnen darüber nach, ob der Fall Groebl für sie nun abgeschlossen sei. Sie antworten nicht gleich.
"Davon gehe ich aus", sagt Knopp.
"Ja, das ist er", sagt die Bayer-Juristin. Das Unternehmen habe mit sehr viel Geduld über sehr lange Zeit diskutiert.
"Es hätte für Bayer ganz schnell und ganz billig laufen können", sagt Adi Groebl auf seinem Sofa. Wenn Bayer sich entschuldigt hätte.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 17/2007
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