Von Hornig, Frank und Mascolo, Georg
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Lucinda Roy nur ein wenig mehr Angst kennen würde. Aber wovor soll man sich schon fürchten, wenn man im vom Bürgerkrieg zerrissenen Sierra Leone gelebt hat und dann, endlich, zurückkehrt in das Idyll von Virginia Tech, dem weitläufigen Campus der Technischen Universität von Virginia am Fuß der Blauen Berge?
Sattgrüne Rasenflächen liegen zwischen Gebäuden aus grobem gelbem Sandstein, es gibt kleine künstliche Seen, einen Naturwanderpfad, die Volleyballplätze sind mit strahlend weißem Sand aufgeschüttet. "Meine Heimat" nennt die Professorin für Poesie und kreatives Schreiben ihre Universität, "einen Platz, an dem es keine Verbrechen gibt".
Nicht einmal Cho Seung Hui machte ihr Angst, dieser Sonderling unter den 25 000 Studenten. Stets sprach er nur im Flüsterton und meist auch nur ein einziges Wort - wenn überhaupt. Er trug selbst im Unterricht Sonnenbrille und Baseball-Kappe, den Blick starr auf den Boden gewandt. Seine Gedichte und Geschichten handelten vom Tod und waren so gewalttätig und obszön, dass Mitschüler den Kursen fernblieben. Professoren weigerten sich, Cho in ihren Klassen zu behalten.
"Er war der einsamste Mensch, den ich in meinem Leben je getroffen habe", sagt Roy über ihn. "Er sah aus, als würde er hinter seiner Sonnenbrille weinen." Sie gab ihm Einzelunterricht, als kaum jemand auf dem Campus mit dem düsteren Cho zu tun haben wollte. Verwirrt schien ihr der Einwanderersohn, hilfebedürftig, so sehr sogar, dass sie ihn drängte, psychologische Beratung zu suchen. Nur für wirklich gefährlich hielt sie ihn nicht.
Bis zum vorigen Montag, als Cho 32 Menschen hinrichtete und sich dann selbst erschoss. "Dieser Täter war ungeheuer brutal", fasste ein erschütterter Gerichtsmediziner zusammen.
Das Massaker von Blacksburg, Virginia, ist die bisher blutigste Schießerei der jüngeren amerikanischen Geschichte, eine Gewalttat, schlimmer noch als die Morde an
der Columbine High School in Littleton, Colorado. Ein neuer Höhepunkt einer Verbrechensserie, in der sich die Täter stets zum Archetypen des "lone gunman" stilisieren, um allein gegen eine Welt von Feinden anzutreten. Zwar geschehen solche Schreckenstaten nicht mehr ausschließlich in den Vereinigten Staaten, wie die Schüsse am Gutenberg-Gymnasium von Erfurt 2002 belegen, aber noch haben die Amerikaner ein Beinahe-Monopol an solchen Gewaltorgien.
Auch der 23-jährige Koreaner Cho gefiel sich in der Rolle des einsamen Rächers, dank eines multimedialen Abschiedsbriefs gehen die entsprechenden Bilder nun seit Tagen um die Welt. Cho hat sie an den Fernsehsender NBC zusammen mit einem wirren Selbstporträt und einem "Manifest" geschickt. Es sind Dokumente, die das ganze Land in Schock und Aufregung versetzten. Dass Cho auf einem Bild mit seiner Pistole direkt auf den Betrachter zielt, verstehen viele wie einen Anschlag auf die gesamte Gesellschaft. Im Tod bekam der Koreaner nun die Aufmerksamkeit, nach der er verlangte. Der "Campus-Killer" wurde zur globalen Medienfigur.
Amerika und die Welt rätseln weiter über die Motive und den Charakter des Täters - und über den Absendernamen auf seinem Abschiedsbrief: Steht "Ismael" für den gleichnamigen Charakter in "Moby Dick"? Oder für Abrahams Sohn, über den es im Alten Testament heißt: "Er wird ein wilder Mensch sein: seine Hand wider jedermann erheben wie jedermanns Hand wider ihn"?
Seine Videoclips, Berichte von Studenten, Professoren, Ärzten, Waffenhändlern und Polizisten ergeben das Bild eines Massenmörders, der sich als Opfer begreift; als Mann, dem, wie Cho in seinen Videos sagt, "ins Gesicht gespuckt wurde" und der den ganzen "Müll die Kehle herunterwürgen musste". Mit seiner Tat, so der wirre Amokläufer, wolle er "Generationen von schwachen und wehrlosen Menschen inspirieren". Es steht zu befürchten, dass ihm das gelingen könnte.
Viele Fragen bleiben offen. Warum hat die Universität die zahlreichen Warnsignale nicht ernster genommen? Weshalb konnte ein Mann, der von Ärzten offiziell als "geisteskrank" erklärt wurde, problemlos Waffen kaufen? Hätte die Polizei nach den beiden ersten Morden nicht umgehend den Campus sperren oder zumindest die Studenten warnen müssen? Und schließlich: Welche Lektionen werden die Amerikaner aus der Tragödie ziehen. Werden sie ihre liberalen Waffengesetze verschärfen oder den Studenten, wie es die Schießindustrie sofort forderte, zur "Selbstverteidigung" Waffen nun auch im Klassenzimmer erlauben?
Wenn es einen Tag gibt, an dem Cho begann, sein Massaker vorzubereiten, dann war es der 9. Februar. Es ist der Tag, an dem er das weiße Holzhaus an der Main Street 410 betritt. Es liegt gleich gegenüber der TU Virginia. Im Erdgeschoss gibt es einen Blumenladen, ein Zigarettengeschäft und das Pfandhaus JND Pawnbrokers.
Im Schaufenster sind gebrauchte Gitarren ausgestellt, drinnen stapeln sich alte Fernseher, Mikrowellenherde, Werkzeugkoffer. In Schaukästen liegt billiger Schmuck aus. Und Waffen.
"Er wirkte wie ein normaler, anständiger Kerl", erinnert sich Joe Dowdy, der Pfandhaus-Betreiber, "andernfalls hätte ich doch die Behörden gewarnt." Sein junger Kunde legte Ausweispapiere vor, füllte die Formulare aus. "Dann rief ich die Polizei an, um seine Personalien überprüfen zu lassen", so Dowdy. Es gab keine Probleme.
Gut vier Wochen später die gleiche Prozedur, diesmal im Nachbarort Roanoke. "Mein Verkäufer erinnert sich kaum an ihn", sagt Waffenhändler John Markell. Warum auch? Wer bei Roanoke Firearms eine Handfeuerwaffe kaufen will, muss US-Bürger oder - wie Cho - im Besitz einer Green Card sein und darf kein Vorstrafenregister haben, weitere Fragen werden
nicht gestellt. Nach 30 bis 60 Minuten liegt normalerweise das Okay der Behörden vor, dann ist der Kauf perfekt. 100 Patronen gibt es schon für zehn Dollar.
Cho hat jetzt zwei Pistolen, eine Glock 9 Millimeter und eine Walther .22, Waffen, die so rasch schießen, wie es der Abzugsfinger schafft. Nur 15 Minuten sind es mit dem Auto vom Campus zum Schießplatz im Jefferson National Forest. Das Übungsgelände ist so frei zugänglich wie ein Kinderspielplatz. Es gibt kein Aufsichtspersonal, keinen Sicherheitszaun und keine Kontrollen. Unter der Woche ist die Anlage mitten im Wald so gut wie ausgestorben, ein idealer Platz zum Trainieren. "Cho war ein geübter Schütze", sagen die Ermittler.
Je mehr über Cho bekannt wird, desto drängender stellt sich die Frage nach Schuld und Verantwortung. Hätte der Massenmord verhindert werden können?
"Da ist jemand, mit dem ich aufwuchs und den ich liebte", das sagte Chos Schwester Sun-Kyung Cho am vergangenen Freitag, "jetzt fühle ich mich so, als ob ich diese Person nie gekannt habe." Ihr Bruder habe "die Welt zum Weinen gebracht".
Schon in der Westfield High School nahe seinem Heimatort Centreville bei Washington, wo seine Eltern eine chemische Reinigung betreiben, war Cho verhaltensauffällig. Ein Junge, der wenig sprach, nie lächelte und Augenkontakt vermied. Zu Hause gestattete er nicht einmal seinem Großvater, ihn zu umarmen. Überall sonst wurde er weitgehend ignoriert. Es war, "als würde er nicht existieren", erinnert sich seine frühere Mitschülerin Jummy Olabanji.
Die Flucht in die Rolle des großen Einsamen wurde immer schlimmer. Am College der Virginia Tech hielten Kommilitonen den Koreaner zunächst für einen Austauschstudenten, der kaum Englisch versteht - so selten sprach Cho.
Fünf Studenten teilten sich mit Cho eine WG im Wohnheim Harper Hall: drei Schlafzimmer, ein Aufenthaltsraum, ein Bad. "Er hat niemals Interesse an einer Unterhaltung gezeigt", sagt einer von ihnen, Karan Grewal, der neun Monate mit ihm lebte. Chos Gesicht war völlig ausdruckslos, wenn man ihn ansprach, tat er, als hörte er nichts und wäre allein im Raum. "Am Anfang war es komisch, aber dann haben wir uns daran gewöhnt", sagt Grewal.
Dass Cho ein Problemfall ist, war Polizei und Uni-Verwaltung seit Ende 2005 bekannt. Kurz nacheinander beschwerten sich damals zwei Studentinnen über "nervige" Kontaktversuche: "Mein Name, verehrte Heilige, ist mir selbst verhasst", hieß es in einer seiner skurrilen Botschaften, die er per Computer verschickte. Ein weiterer Kommilitone warnte die Polizei, Cho sei selbstmordgefährdet.
Ein Richter entschied, der Koreaner stelle eine "unmittelbare Bedrohung für sich selbst und andere" dar, und verfügte seine Begutachtung in der psychiatrischen Klinik Carilion St. Albans. Dort erklärten ihn die Ärzte für "geisteskrank". "Kaum äußerliche Gefühlsregungen, depressive Stimmung", heißt es in einem Befund.
Gegen den Rat der Mediziner ordnete das Gericht aber nur eine ambulante Behandlung an. Cho kehrte auf den Campus zurück. Ob er die ihm auferlegte Therapie überhaupt begann, ist bislang nicht bekannt.
Stattdessen häuften sich Zusammenstöße mit den Lehrkräften. Eine Taskforce der Englischdozenten beschäftigte sich mit seinem Verhalten. Immer düsterer wurden seine Texte. In zwei kurzen Theaterstücken, "Mr. Brownstone" und "RichardMcBeef", beschimpfen und bedrohen die jugendlichen Hauptfiguren Eltern und Lehrer. Es sind pubertäre Gewaltphantasien, die mit Kettensägen ausgetragen werden: "Muss Dick töten, muss Dick töten, Dick muss sterben, töte Dick."
Auch die letzten Warnsignale wurden übersehen. Auf einmal begann der schmächtige Cho in einem Fitnesscenter mit einem Krafttrainingsprogramm, dann ließ er sich einen militärischen Kurzhaarschnitt verpassen. Gestörte Charaktere wie Cho, sagen Psychologen, müssen sich selbst verändern, bevor sie zu Amokläufern werden. Cho war jetzt bereit.
Es ist 5.30 Uhr, ein kalter Morgen, der Himmel ist grau, Schneeflocken tanzen in der Luft. In Chos WG in Harper Hall hat Mitbewohner Grewal die Nacht durchgepaukt. Als er unter der Dusche steht, kommt Cho ins Bad, T-Shirt, Boxershorts, wie immer sagt er kein Wort.
Kurz darauf verlässt er das Zimmer 2121, bis zur West Ambler Hall, einem Studen-
tenwohnheim am Südrand des Campus, sind es nur ein paar Schritte. Es ist kurz nach sieben Uhr, viele der Studenten schlafen noch. Cho trägt eine Hose mit weiten Taschen, eine Weste mit den Waffen und Ersatzmagazinen. Sonst sind die Taschen leer, keinen Führerschein, keinen Studentenausweis findet die Polizei später bei dem Täter.
Nichts weist bisher darauf hin, warum Emily Hilscher an diesem Morgen sein erstes Opfer wird. Die lebenslustige 19-Jährige will Tierärztin werden. Emily ist allein in ihrem Zimmer 4040 gleich am Aufzug. Cho schießt sie nieder. Ryan Clark muss die Schüsse gehört haben, er führt Aufsicht im dritten Stock. Auf dem Flur begegnet Ryan dem Mörder, der drückt ein zweites Mal ab.
Zwei Leichen, Patronenhülsen und Fußabdrücke von den Turnschuhen des Täters auf dem vom Blut glitschigen Boden findet die Polizei, als sie kurz darauf am Tatort erscheint. Cho ist verschwunden, aber er kann ganz sorglos sein. Die Polizei sucht nicht nach ihm, die campuseigenen Ordnungshüter, die den Fall übernehmen, machen einen fatalen Fehler: Sie verdächtigen Hilschers Freund Karl Thornhill, obwohl nichts auf eine Beziehungskrise zwischen den beiden hindeutet. Als Indiz gilt einzig die Aussage einer Studentin, dass Thornhill ein Waffennarr sei. Die Toten im Wohnheim West Ambler gelten als "lokales Ereignis", die Polizei gibt eine Fahndung nach Thornhill heraus, der wenig später an einem nahen Highway aus dem Auto gezerrt wird. Die Polizei meldet der Uni-Leitung Entwarnung - keine Gefahr für
die Studenten. So sicher fühlen sich die Fahnder, dass sie nicht einmal nach einem möglichen weiteren Täter suchen - und die Studenten nicht warnen. Alles schien zu Ende, dabei hat die Tragödie noch nicht einmal richtig begonnen.
Cho hat den Campus verlassen, kurz vor neun Uhr taucht er im Postamt von Blacksburg auf. Er zahlt 14,40 Dollar für ein Expresspäckchen mit der DVD für den Fernsehsender NBC in New York. Die 43 Fotos und 23 Videofilmchen sind sein wirres Vermächtnis. Cho zielt auf die Kamera, hält sich die Waffe an die rechte Schläfe, schwingt einen Hammer. "Ihr hattet hundert Milliarden Chancen und Wege, diesen Tag zu vermeiden", murmelt er mit leblosen Augen in das Aufnahmegerät, eine schwarze Basketballmütze verkehrt herum aufgesetzt. "Ihr habt mein Herz verwüstet, meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen in Brand gesetzt."
Einmal bezieht sich Cho auf "Eric und Dylan". Gemeint sind Eric Harris und Dylan Klebold, die fast auf den Tag genau vor acht Jahren an der Columbine High School in Colorado zwölf Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen. "Märtyrer" nennt er die beiden.
Kurz nach neun Uhr taucht Cho auf dem zentralen Platz des Campus auf, es ist ein weites Rasengelände, um das herum viele Lehrgebäude der Uni liegen. Der Amokläufer hält auf die Norris Hall zu - das dreigeschossige Gebäude wirkt ein bisschen wie eine mittelalterliche Festung, vor 35 Minuten hat in den Klassenzimmern der Unterricht begonnen. Cho verriegelt den Ausgang mit einer schweren Eisenkette. Dann läuft er die Treppe hinauf in den ersten Stock. 30 Menschen werden in den nächsten Minuten sterben.
Cho arbeitet sich von Raum zu Raum vor, sein Gesicht ist wie versteinert, er sagt kein Wort. Nur die Schüsse und das Klacken der leeren Patronenhülsen, die auf den Boden fallen, sind zu hören. Viele im Gebäude begreifen erst einmal gar nicht, was passiert, sie glauben, der Lärm komme von einer nahegelegenen Baustelle.
In Raum 211, Französisch für Fortgeschrittene, sterben zehn Studenten und die Lehrkraft, in 206, angewandte Hydrologie, bleiben eine Professorin und acht Studenten tot zurück. Zwei Räume weiter, in 204, unterrichtet Professor Liviu Librescu gerade Mechanik, er hält die Tür zu, während Studenten aus dem Fenster springen. Der 76-jährige Holocaust-Überlebende aus Rumänien bezahlt dafür mit seinem Leben. "Er hat uns gerettet", sagt Caroline Merrey und weint.
Draußen erscheint die Polizei, Studenten haben sie per Handy alarmiert. Wer kann, flieht über den großen Rasen - in die Bibliothek, auf die Straße, wo auch immer es sicher zu sein scheint.
Drinnen in Norris Hall geht das Blutbad weiter, in 207 unterrichtet James Bishop Deutsch für Anfänger. Der 35-Jährige studierte in Kiel, er liebt Deutschland, "Herr Bishop" müssen ihn die Studenten nennen, wenn er sie einmal in der Woche zu einem "Stammtisch" in eine der Kneipen am Campus einlädt. Bei Bier und Burger darf nur Deutsch gesprochen werden.
Bishop stirbt als Erster, als Cho die Tür aufstößt. Eine Waffe in jeder Hand, beginnt er sofort zu feuern, der Lehrer wird in den Kopf getroffen. Wie ein Roboter, berichten später die Überlebenden, habe Cho gewirkt. "Er war ganz ruhig, entschlossen, er ging methodisch vor", sagt Derek O'Dell.
Bishop liegt auf dem Boden, Cho nimmt die erste Reihe der Studenten unter Feuer. Vier weitere Tote. Dann dreht er sich um, geht, einfach so. Und wenn O'Dell und einer seiner Kommilitonen nicht so geistesgegenwärtig gewesen wären, läge die Zahl wohl noch höher.
O'Dell robbt zur Tür, in der Hand hat er einen Hosengürtel, er bindet sich eine Schusswunde im rechten Arm ab. Mit den Füßen drückt er gegen die Tür, gerade rechtzeitig, denn Cho kommt noch einmal wieder. Er drückt, versucht die Tür aufzustoßen. Aber mit der Kraft der Verzweiflung gelingt es den Studenten, die Tür zuzudrücken. Auf den Fluren und im Treppenhaus sterben weitere Unschuldige.
Vor dem Eingang hat sich die Polizei zum Sturm des Gebäudes entschlossen, schwerbewaffnete Männer mit Stahlhelmen hasten ins Treppenhaus. Cho muss sie gehört haben. Er hält sich die Waffe an den Kopf und drückt ein letztes Mal ab.
30 Stunden nach der Tat steht US-Präsident George W. Bush nur ein paar Meter von der Norris Hall entfernt, Studenten haben ein provisorisches Mahnmal errichtet. Bush und seine Frau legen gelbe und rote Rosen nieder.
"Es wird eine Menge Diskussionen geben", sagt Bush in Blacksburg, aber vor den auf ihn einstürmenden Fragen, ob er persönlich für schärfere Waffengesetze plädieren will, duckt er sich weg. Sein Vorgänger Bill Clinton hatte das nach Littleton zumindest versucht, war aber am Widerstand des Kongresses gescheitert. Wenn es um möglichst liberale Schusswaffengesetze geht, herrscht in den USA längst eine Große Koalition. Das ermöglichte es Cho, seine Pistolen ganz legal zu erwerben.
Über 30 000 US-Bürger sterben jedes Jahr durch Schusswaffen. Waren sie alle schlicht "zur falschen Zeit am falschen Ort", wie Präsident Bush über die Opfer von Blacksburg sagte? Es sieht ganz danach aus.
Die Politik ist ein schnelles Geschäft. Die Toten von Blacksburg waren noch nicht beerdigt, da gab Terry McAuliffe, einer der Wahlkampfleiter von Hillary Clinton, bereits eine Warnung an demokratische Präsidentschaftsbewerber heraus. Sie sollten im Wahljahr 2008 das Thema auf jeden Fall vermeiden. Es bringe keine Stimmen.
Werden stattdessen Studenten demnächst überall ihre Knarren mit in die Hörsäle nehmen dürfen - wie jetzt schon in Utah?
Für Philip Van Cleave, den Präsidenten der Virginia Citizens Defense League, wäre das nach Blacksburg genau die Lösung. Kein Cho Seung Hui könne dann noch Schüler und Studenten "wie Schafe" abschlachten. "Sie wären wie Wölfe, mit Reißzähnen, bereit, zurückzuschlagen."
FRANK HORNIG, GEORG MASCOLO
DER SPIEGEL 17/2007
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