23.04.2007

TÜRKEI„Das waren nicht die Letzten“

Ein neuer nationalistischer Extremismus gefährdet Reformfortschritte beim EU-Beitrittskandidaten. Nach dem Dreifachmord von Malatya fürchten sich Christen vor weiteren Anschlägen.
Tilman Geske, 46, kam mit einem Traum in die Türkei. Er wollte als bekennender Christ friedlich unter Muslimen leben in dem Land, von dem aus sich einst das frühe Christentum verbreitet hatte. Der Deutsche gab Sprachunterricht, gründete eine Consulting-Firma, übersetzte christliche Literatur. "Er war ein liebenswürdiger Mensch", sagt ein türkischer Buchhalter, der im Büro neben ihm arbeitete, "wenn ich ihn fragte, wie es ihm gehe, antwortete er immer in traditionellem Türkisch: ,Çok seker - sehr süß'."
Der süße Traum endete jäh. Vergangenen Mittwoch stürmten fünf mit Brotmessern bewaffnete türkische Fanatiker das Büro des christlichen Zirve-Verlags im zentralanatolischen Malatya, fesselten Geske und zwei Verlagsmitarbeiter, folterten sie und schnitten ihnen schließlich die Kehle durch. Eines der Opfer wurde mit 150 Messerstichen geradezu niedergemetzelt. "Das soll den Feinden unserer Religion eine Lehre sein", stand auf wortgleichen Zetteln, welche die Attentäter in ihren Taschen trugen, und: "Wir haben es für unser Land getan."
Genutzt hat es dem sicher nicht. Der Schaden, den die Mörder anrichteten, hätte kaum verheerender sein können. Das "Missionars-Massaker", wie die türkischen Zeitungen die außergewöhnlich grausame Tat betitelten, stürzt die Türkei in neue Turbulenzen - und damit auch in der existentiellen Frage, ob das Land es schafft, Mitglied der Europäischen Union zu werden.
Türkei-Kritiker, auch solche in Angela Merkels CDU, sehen sich nun in ihren Warnungen bestätigt, dass dieses Land einfach nicht nach Europa gehöre. "Diese Tat hilft dem Beitrittswunsch nicht", befand selbst Italiens Premier Romano Prodi.
Die Optimisten hoffen dagegen, dass der Mord nur eine Provokation von Feinden der Demokratie gewesen sei, die versuchen, die Türkei von ihrem Westkurs abzubringen. "So wie man nach dem Amoklauf von Virginia nicht behaupten kann, dass die Amerikaner sich dauernd als Serienkiller betätigen, wäre es auch falsch, diese Tat dem ganzen Land anzuhängen", warnt der Soziologe Dogru Ergil.
Doch dass die Türkei bei ihrer gesellschaftlichen Entwicklung in ernsthaften Schwierigkeiten steckt, ist nicht mehr zu leugnen. Der Mord an den evangelikalen türkischen Protestanten legt ein tiefgehendes Problem offen: In Kernfragen wie Toleranz und Pluralismus steckt die Türkei fest oder entwickelt sich sogar zurück.
"Wo ist die muslimische Toleranz für den anderen Glauben?", fragte der Chefredakteur der "Hürriyet", Ertugul Özkök. "Türken haben in Deutschland mehr als 3000 Moscheen, und wir halten ein paar Kirchen und ein Dutzend Missionare nicht aus?"
Dabei kommt die Gefahr nicht so sehr von fundamentalistisch islamischer Seite. Es ist vielmehr eine unheilige Allianz der Nationalisten von links bis rechts-islamisch, die gegen Freidenker und Andersgläubige hetzt. Der Soziologe Ergil spricht von einer "Mischung aus fanatischem Nationalismus und militanter Religiosität", die dem Massaker von Malatya den Boden bereitet hat - und die auch hinter der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink und des Priesters Andrea Santoro im vergangenen Jahr zu suchen ist. Experten wie Ergil sehen einen beunruhigenden neuen Trend: Fanatische nationalistischreligiöse Gruppen sehen Gewalt als "reinigende Kraft" an und fühlen sich selbst zu vermeintlichen "Rettern der Nation" berufen - so wie die 19- und 20-jährigen Attentäter von Malatya, die alle im gleichen konservativ-islamischen Studentenwohnheim lebten.
Die Hetze kommt von links wie rechts. Da wettert die vermeintlich linke Rahsan
Ecevit, die Witwe des beliebten früheren Ministerpräsidenten Bülent Ecevit, regelmäßig gegen Ausländer, die Land in der Türkei kaufen. Wer Bürger ermuntere, zu einer anderen Religion überzutreten, wolle die Türkei spalten, sagt sie.
Vor allem im Südosten der Türkei sei das Christentum auf dem Vormarsch, warnte kürzlich der Vorsitzende der rechts-nationalistischen Großen Einheitspartei (BBP) und beschuldigte die christlichen Missionare, sie würden "von der CIA unterstützt". Je verwegener solche Verschwörungstheorien daherkommen, desto beliebter scheinen sie zu sein.
Gleichwohl hat die brutale Tat die Türken schockiert. Und natürlich verurteilt die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan die Morde von Malatya. Sie will die Türkei nach Europa bringen, doch dazu müsse sie "offensiv an ihre Bürger appellieren, Menschen anderer Religionen und anderer ethnischer Herkunft zu akzeptieren", fordert der niederländische Europapolitiker Joost Lagendijk, der selbst mit einer Türkin verheiratet ist.
Dabei fördert der Staat mitunter sogar die feindselige Stimmung. Bereits 2001 setzte der Nationale Sicherheitsrat noch unter Ecevit "missionarische Aktivitäten" auf die Liste der nationalen Bedrohungen. Das staatliche Religionsamt verbreitete Muster-Predigten gegen Missionare. Und die AKP-Regierung untergräbt ihre Glaubwürdigkeit, wenn etwa Staatsminister Mehmet Aydin behauptet, die Aktivitäten von Missionaren seien "keine unschuldige Erklärung religiöser Ansichten, sondern eine geplante Bewegung mit politischen Zielen".
Politiker heizen die Stimmung an, Teile der Bevölkerung scheinen allzu leicht zu folgen. Vor allem das offensivere Christentum, wie es die evangelikalen Freikirchen vertreten, ist vielen Türken suspekt.
Auch der freundliche muslimische Büronachbar von Tilman Geske wurde skeptisch, als er hörte, der Deutsche "missioniere". Zur Vorsicht schaute er sich im Büro seines Nachbarn um, ob etwa Bibeln dort herumstanden. Gefunden hat er nichts. "Dieser schreckliche Mord bringt Schande über uns", sagt der entsetzte Buchhalter, der lieber anonym bleiben möchte. Gleichzeitig gefällt ihm aber auch nicht, was er so gehört hat: "Die Missionare legen Geldscheine in Bibeln, die sie vor unseren Schulen verteilen."
Für die bedrängten Christen ist es manchmal besser, gar nicht erst aufzufallen. So verwies kein Firmenschild auf das Zirve-Verlagsbüro in Malatya. Vor zwei Jahren war bereits ein Lieferant überfallen worden, später marschierten aufgebrachte Nationalisten vor dem Haus auf.
"Wir erleben eine Hexenjagd wie im Mittelalter, und die Toten von Malatya waren bestimmt nicht die Letzten", klagt der Vorsitzende der Erlöserkirche, Ihsan Özbek, der in der gesamten Türkei rund 5000 protestantische Glaubensbrüder zählt. "Wir werden als potentielle Kriminelle und Verräter präsentiert." Einen Missionar mag sich der Geistliche nicht mehr nennen lassen. "Das kommt inzwischen fast einem Todesurteil gleich."
Christen berichten von Prozessen, die gegen angebliche Missionare angestrengt werden, obwohl das Missionieren in der Türkei offiziell nicht verboten ist. Im Gegenteil: Theoretisch macht sich jeder strafbar, der einen anderen an der Ausübung und Verbreitung seines Glaubens hindert. Doch gegen unliebsame Ungläubige "greift man halt zu anderen konstruierten Vorwürfen", berichtet der Anwalt Orhan Cengiz. In Silivri westlich von Istanbul stehen derzeit zwei Konvertiten wegen "Beleidigung des Türkentums" und "Aufwiegelung zu religiösem Hass" nach dem berüchtigten Paragrafen 301 vor Gericht.
Auch der jetzt in Malatya ermordete Verlagsmitarbeiter und Gemeindepastor Necati Aydin war schon einmal festgenommen worden, als er Bibeln und fromme Schriften verteilte. "Angeblich hätten Dörfler ausgesagt, Aydin und seine Kollegen hätten den Islam beleidigt", sagt sein Anwalt. Sie wurden wegen "Propaganda gegen die Religionsfreiheit" angeklagt.
Vor allem türkische Konvertiten, die vom rechten Glauben abfallen, haben es schwer. Der Soziologe Behnan Konutgan, 54, trat als Student zum Christentum über: "Während alle meine Kommilitonen ständig im Koran lasen, hatte ich mir eine Bibel schicken lassen und las mit Begeisterung im Neuen Testament." Inzwischen arbeitet Konutgan als Pastor und übersetzt die Bibel. "Unser Problem sind nicht die Gesetze, sondern die Gesellschaft", schildert er seine Erfahrung, "die Kirche wird als Feind wahrgenommen."
Die ermordeten Christen gehörten zur kleinen evangelikalen Gemeinde von Malatya, zu der neben ein paar Ausländern wie Tilman Geske nur noch 15 Türken zählten, die vom Islam zum Christentum konvertiert sind. Auf 10 000 schätzt die liberale Zeitung "Radikal" die Gesamtzahl der Konvertiten in der Türkei und wundert sich, wie diese in einem Staat mit 73 Millionen Einwohnern und 99 Prozent Muslimen als "Bedrohung" angesehen werden können.
Doch genau das ist offenbar der Fall. Nach einer Umfrage fordern 59 Prozent aller Türken, gegen Missionare juristisch vorzugehen. Und über 40 Prozent erklärten, sie wollten keinen christlichen Armenier oder Griechen zum Nachbarn haben.
Am vergangenen Freitag wurde Tilman Geske beerdigt, in seiner türkischen Wahlheimat Malatya. Er sei ein "Märtyrer für Jesus", sagte seine Frau Susanne im türkischen Fernsehen, sie bete um Vergebung für die Täter.
Sein mit ihm ermordeter türkischer Glaubensbruder Ugur Yüksel war da schon längst bestattet - nach islamischem Ritus. "Seine Familie", erklärte ein Gemeindesprecher der Protestanten verlegen, "bestand darauf." ANNETTE GROßBONGARDT
Von Großbongardt, Annette

DER SPIEGEL 17/2007
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