23.04.2007

Ein Businessplan für die Armen

Hilfe für den hilflosen Kontinent: Hunderte Milliarden Dollar Entwicklungshilfe sind bisher nach Afrika geflossen - ohne nachhaltigen Erfolg. Doch plötzlich ist es chic geworden, sich wieder für den Schwarzen Kontinent zu engagieren. Milliardäre und Popstars werben für Hilfe an die Ärmsten, wollen mit strikter Erfolgskontrolle nachweisen, dass die Mittel doch ihr Ziel erreichen können. Mit ähnlichen Methoden werben Prominente auch für eine andere Art von Hilfe: Sie fordern Militärinterventionen zur Beendigung der afrikanischen Kriege - etwa des bereits seit vier Jahren andauernden Darfur-Konflikts.

Von Hujer, Marc

Private Geldgeber wollen beweisen, dass Entwicklungshilfe für Afrika gutangelegtes Geld ist.

Bono ist in Berlin. Er will über Afrika sprechen, über Hunger, Elend, Aids und Tuberkulose. Aber bevor er das Gespräch beginnt, fängt er an zu singen:

It's one for the money /

two for the show.

Er sitzt an einem gedeckten Tisch in einem Berliner Restaurant, schwarzes Hemd, schwarzes Sakko, schwarzer Schlips. Er trägt die rosa Brille, die aus dem kleinen Mann in Kreppsohlenschuhen den großen Bono macht, den Sänger der Rockband U2.

Viele Millionen Dollar hat er mit dieser Stimme verdient, er sang immer den richtigen Song im richtigen Moment. Vor ihm liegt ein Aufnahmegerät. Er wollte wissen, ob es funktioniert. Die Show kann beginnen.

Gerade war er im Kanzleramt und sprach mit Angela Merkel. Über Afrika, über Hunger, Elend, Aids und Tuberkulose. Es ist immer das gleiche Thema. Sein Thema.

Er ist pausenlos für Afrika unterwegs, er war schon bei Bill Clinton, bei Bill Gates, bei George W. Bush, sogar beim Papst. Jetzt ist Angela Merkel dran.

Er will, dass die Staaten ihrem Versprechen nachkommen, den Ärmsten der Armen 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts als Entwicklungshilfe zu geben. Keiner der großen Industriestaaten hat diese Summe bisher annähernd erreicht, nur Länder wie Schweden, die Niederlande und Luxemburg geben schon heute so viel ab.

Kanzlerin Merkel hat in diesem Jahr den Vorsitz beim G-8-Gipfel in Heiligendamm inne, und Bono will Merkel überzeugen, dass sie jetzt Vorbild für alle anderen Industriestaaten sein soll und für Afrika mehr Geld ausgeben muss. Es war bestimmt kein einfaches Gespräch, weil es viele Vorbehalte gegen Entwicklungshilfe gibt. Mehr als 50 Jahre lang leisten die Industriestaaten jetzt schon Entwicklungshilfe; 2,3 Billionen Dollar haben sie in dieser Zeit an die ärmsten Länder verteilt, Hunger und Armut gibt es immer noch.

Es gibt Experten, die geraten in Rage, wenn sie das Wort Entwicklungshilfe nur hören. Sie habe Afrika abhängig von Almosen gemacht, argumentieren sie, und jede Eigeninitiative gelähmt. Der Entwicklungsökonom William Easterly sagt, die Entwicklungshilfe sei bisher eine "Tragödie" gewesen, sie habe Afrika geschadet.

Gegen Afrikas Unterentwicklung schien es kein Rezept zu geben: In den ersten zwei Dekaden ihrer Unabhängigkeit hatten sich Afrikas junge Staaten selbst als Motor ihrer Entwicklung gesehen - mit einem jämmerlichen Ergebnis. Mitte der achtziger Jahre waren viele ärmer als zu Beginn ihrer Selbständigkeit. Viele Regierungen konnten ihre Aufgaben nicht gewährleisten. Straßen- und Schienennetze waren verrottet, Krankenhäuser und Universitäten mussten aus Geldmangel schließen. Wer es zu was bringen wollte, versuchte, sein Glück in Europa oder den USA zu machen, zu Hause garantierte allenfalls die Schattenwirtschaft das Überleben.

Dann übernahmen die Banker aus dem Westen den gescheiterten Kontinent. Gegen das Versprechen politischer Reformen halfen Weltbank und Internationaler Währungsfonds mit Krediten und nochmals Krediten. Doch Afrikas Führer kümmerten sich weiterhin lieber um ihre Macht als um Wirtschaftswachstum, mit wenigen Ausnahmen wie etwa Ghanas Jerry Rawlings. Ende des 20. Jahrhunderts standen die Länder vor riesigen Schulden.

Doch nun wollen Stars wie Bono und eine neue Generation von Entwicklungshelfern beweisen, dass Hilfe trotzdem erfolgreich eingesetzt werden kann - wenn sie richtig konzipiert ist und streng überwacht wird. Sie wollen die Zweifel über die Wirksamkeit von Hilfe zerstreuen, eine neue Aufbruchstimmung für Afrika erzeugen. Und Bono ist jetzt der inoffizielle Cheflobbyist des Kontinents.

Er lobt, wo er kann, er lobt Merkel, er lobt die Deutschen. Bono ist ein Dauer-Charmeur.

Er findet es "heroisch", dass Deutschland neben der Wiedervereinigung auch Afrika-Hilfen finanziert, und er will überall den "New German" kennengelernt haben, der begeisterungsfähig ist, pazifistisch und hilfsbereit. "Der 'Neue Deutsche'", sagt Bono, "will keinen Krieg. Der 'Neue Deutsche' will, dass Schulen gebaut werden. Die Welt braucht diesen 'Neuen Deutschen'."

Nach dem Ende des Kalten Kriegs sei ein Vakuum entstanden, glaubt Bono, es gebe eine Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach mehr Umweltschutz und nach Hilfe für die Armen in Afrika.

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass sich etwas geändert hat. Afrika ist wieder ein Thema und verkauft sich sogar. Die Otto-Gruppe bietet eine Produktreihe an, die "Cotton made in Africa" heißt. Bono erfand die Marke "Red", die Verbrauchern verspricht, dass ein Teil des Erlöses dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria in Afrika zugute- kommt. Apple, Armani, American Express, Motorola, alle sind dabei.

Auch Bill Clinton setzt sich als Botschafter für Afrika ein, die schwarze Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey baut Schulen in Südafrika, und Madonna adoptiert ein Kind aus Malawi.

"Unsere Generation hat eine einmalige Chance, Geschichte zu schreiben", sagt Bono. "Wir haben das Geld, wir haben das Wissen, wir kennen die Leute, die Afrika helfen können. Wir können es schaffen, mit Leuten wie Bill Gates - für mich sind das Helden."

Das Haus von Bill Gates steht eine halbe Weltreise von Berlin entfernt, am Lake Washington bei Seattle. Es hat sieben Schlafzimmer, ein Bootshaus und eine Garage für die Porsche-Sammlung.

946 Milliardäre gibt es weltweit, vor zehn Jahren gab es 447. Die Reichen werden immer reicher. Das ist Afrikas Chance.

Sie allein könnten Afrika retten, meint der Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs, denn nie war technisch so viel möglich, und nie war, gemessen am Einkommen der Reichen, ein so kleines Opfer gefragt. "Eine jährliche Spende von fünf Prozent würde reichen", sagt er.

Firmengründer, Bankenbosse, Ex-Politiker sind mit den Superstars der Popmusik eine Allianz eingegangen auf der Suche nach einer höheren Bestimmung für ihren Besitz. "Wer reich stirbt, stirbt in Schande", sagte einst Andrew Carnegie, der amerikanische Raubtierkapitalist, und gründete über 20 Stiftungen.

Gates ist von allen der Reichste, seit Jahren die Nummer eins der Forbes-Rangliste. Vor sieben Jahren gründete er die Gates- Stiftung, den größten privaten Wohltätigkeitsfonds der Welt. Er gibt jährlich 1,5 Milliarden Dollar für Gesundheitsprobleme in der Dritten Welt aus, etwa so viel wie der Weltgesundheitsorganisation als Jahresbudget zur Verfügung steht. "Die Gates-Stiftung kann die wichtigste Entwicklungshilfeorganisation des 21. Jahrhunderts werden", sagt Sachs.

Gates will die Entwicklungshilfe revolutionieren, wie er einst die Computerwelt revolutioniert hat. Er setzt auf Forschung

und Technologie, auf Entwicklungshelfer in Anzügen statt Sandalen. Er setzt auf einen Businessplan für Afrika, auf eine New Economy der guten Tat.

Er kommt aus der Welt der Erfolgswahrscheinlichkeiten und Kosten-Nutzen-Analysen, die keine Gefühligkeit kennt. Er redet nicht von Kranken, sondern von "Kunden", er redet nicht vom "Kinderimpfprogramm", sondern vom Programm 125, weil es ihn 125 000 Dollar gekostet hat. Er will Erfolge sehen, die sich nachweisen lassen. Und zwar möglichst schnell. Er ist jetzt 51 Jahre alt und will noch erleben, dass es Afrika bessergeht.

Deshalb steckt Gates sein Geld in die Forschung, er ließ 275 der besten Wissenschaftler zu einer Zukunftsolympiade antreten und fördert die Zucht einer besonders vitaminhaltigen Banane. Er will neue Wege gehen und finanziert Projekte, die sonst niemand finanziert, weil die Erfolgsaussichten so gering sind, Projekte wie das von Stefan Kappe.

Kappe ist Deutscher, aus Bad Homburg bei Frankfurt. Er hat es ins Seattle Biomedical Research Institute geschafft, eines der renommiertesten Infektionsforschungsinstitute der Welt. Er hat hier bessere Bedingungen als zu Hause in Deutschland, kann über Gen-Sequenziermaschinen und leistungsstarke Computer verfügen.

Kappe bewarb sich 2005 bei der Gates-Stiftung, er brauchte für sein Projekt mehrere Millionen Dollar. Bis dahin waren die National Institutes of Health, die oberste US-Forschungsbehörde, seine einzige Chance, das Projekt zu finanzieren. Aber das Amt verlangte gute Erfolgsaussichten, wollte allein nur Projekte mit Chancen von mehr als 80 Prozent und geringem Risiko fördern. Kappe kam gerade einmal auf 20 Prozent. Optimistisch gerechnet. "Ohne Gates hätten wir das Projekt nie finanzieren können", sagt er.

Es gab weit über tausend Bewerber für Grand-Challenges-Stipendien der Gates-Stiftung, die die großen Gesundheitsprobleme der Welt lösen sollen, nur drei Prozent der Bewerbungen sind nach der Auswahl übriggeblieben, 43 Projekte, zu denen jetzt auch das von Kappe gehört. 13,5 Millionen Dollar gibt ihm Gates für fünf Jahre Recherche.

Kappe will etwas schaffen, was noch niemand geschafft hat, er will den Malariaerreger in der menschlichen Leber überlisten, wo er am verwundbarsten ist, wo er sich einnistet und hunderttausendfach reproduziert und dann ausschwärmt, um rote Blutkörperchen zu fressen. Der Malariaerreger braucht die menschliche Leber, um sich vermehren zu können. Und Kappe will den Malariaerreger in seiner Brutstätte abpassen, die menschliche Leber soll zur Falle werden. Kappe nennt das neue System den Check-ein-aber-check-nicht-aus-Ansatz.

Deshalb sucht Kappe einen Weg, die Leber immun zu machen. Per Computer durchforstet er die Gene des Malariaerregers. "Computergymnastik" sagt er dazu. Kappe muss die gefährlichen finden, damit er sie ausschalten kann, so dass er die veränderten Parasiten als Lebend-Impfstoff auf die Leber loslassen kann. Er muss die genaue Dosierung finden. Der Erreger muss schwach genug sein, um die Krankheit nicht auszulösen, aber auch stark genug, um die Abwehrkräfte in der Leber zu stimulieren. Er will ihr helfen, genügend Abwehrkräfte zu entwickeln.

Kappe ist gut vorangekommen mit seiner Forschung, er kann Erfolge vorweisen, so wie es Gates mag. Er hat mit seinem Projekt schon die erste Phase klinischer Tests erreicht und hat bei der Universität in Edmonton, Kanada, 40 Mäuse mit menschlichen Leberzellen bestellt, 1000 Dollar das Stück. Bald sollen die neuen Sicherheitsräume fertig sein, in denen die Mücken mit den Malariaerregern gezüchtet werden. Dann wird er die Mücken auf die Mäuse loslassen, und wenn sie überleben, ist er fast schon am Ziel. Er muss den Impfstoff dann nur noch an Menschen testen.

Afrika könnte schon in 10 bis 20 Jahren malariafrei werden, es wäre der ultimative Sieg gegen einen der tödlichsten Erreger der Welt. "Der Malariaerreger hat uns seit der Evolution immer begleitet. Über die gesamte Menschheitsgeschichte ist jeder Dritte an Malaria gestorben", sagt Kappe, "wir sind gerade dabei, den größten Killer der Menschheit zur Strecke zu bringen."

Aids ist der andere gefährliche Killer der Menschheit. Fast drei Millionen Menschen sterben jährlich an Aids, die meisten in Afrika, die meisten in Vorstädten wie Guguletu, einem Vorort von Kapstadt. Ein Plumpsklo ist hier für manche schon ein Luxusgut.

Über 300 000 Menschen leben hier, mehr als 25 Prozent sind HIV-infiziert. Und die Zahlen steigen. Seit dem Ausbruch der Krankheit stieg die Bevölkerungszahl stetig an, und mit der wachsenden Bevölkerung wuchs auch die Zahl der HIV-Infizierten. Das Bevölkerungswachstum multiplizierte die Probleme.

Vor fünf Jahren haben private Geldgeber aus Kapstadt in Guguletu ein Pilotprojekt begonnen. Sie errichteten eine Notstation zur Behandlung HIV-Infizierter, zu einer Zeit, als Südafrikas Präsident Thabo Mbeki noch bestritt, dass es einen Zusammenhang zwischen HIV und Aids gibt. Es war ein Guerillakampf gegen den Wahnsinn.

Sie mussten gegen Vorbehalte kämpfen, dass Afrikaner faul seien, an Medizinmänner glaubten, nicht in der Lage seien, zweimal am Tag ihre Medizin einzunehmen, weil sie keine Armbanduhren trügen.

Aber sie haben gekämpft und ein Modell entwickelt, das funktionierte. Sie stellten Männer und Frauen ein, die selbst HIV-positiv waren, die ihre Krankheit als Chance verstanden und anderen dabei helfen wollten, mit ihrer Krankheit zu leben.

Niemand weiß besser als sie, wie es ist, wenn man die Diagnose bekommt, niemand weiß besser, wie man sich bei der Frage fühlt, ob man seine Familie und Freunde einweihen soll oder nicht. Viele lassen sich noch immer nicht freiwillig testen, sie kommen erst, wenn sie erkrankt sind, an Tuberkulose oder Malaria, aber wenn sie einmal da sind, dann beginnen die Aidsberater von Guguletu mit ihrer Arbeit. Dann rufen sie bei den Erkrankten an, besuchen sie, stellen ihnen nach. Wenn sie einmal einen Patienten gewonnen haben, dann geben sie ihn so schnell nicht mehr auf.

Das Modell funktionierte. Die meisten Patienten nahmen die Medikamente regelmäßig ein, eine Voraussetzung dafür, dass die Medizin wirkt. Sie waren erfolgreich, aber mehr als ein paar Leuten konnten sie nicht helfen. Sie brauchten den Staat, seine Unterstützung und sein Geld, um expandieren zu können.

Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie die Unterstützung bekamen. 2004 lenkte die Regierung Südafrikas ein und finanzierte mit Hilfe des Globalen Fonds ein staatliches Programm zur Behandlung von Aids. Der Globale Fonds, ein multinationaler Hilfsfonds zur Bekämpfung von

Aids, Malaria und Tuberkulose, übernimmt einen Teil der Kosten, die von der Klinik in Guguletu übernimmt er ganz. Auch Gates unterstützt den Fonds mit seinem Geld.

Heute steht in Guguletu eine richtige Klinik, das Hannan Crusaid Treatment Center, mit einem Wartesaal, Behandlungszimmern, einer Medikamentenausgabe und einem Computerraum. Die Klinik, in der alle Daten gesammelt werden, ist so gut ausgestattet wie kaum eine andere in der Gegend. Sie liegt hinter einer Mauer und einem Stacheldrahtzaun und sieht aus wie ein Hochsicherheitstrakt mit einer stählernen Drehtür und privaten Sicherheitskräften. Ohne Anmeldung kommt hier niemand herein.

Es ist Dienstag nach Ostern, und draußen ist der Wartesaal so voll, dass die Patienten bis in den Hof stehen. Es kann Stunden dauern, bis sie an der Reihe sind. 120 haben an diesem Tag einen Termin, bis zu zwei Wochen haben sie darauf gewartet. Sie sind wiedergekommen, der beste Beweis, dass das Modell Guguletu funktioniert.

Drinnen sitzen die Aidsberater von Guguletu und reden über ihre Kranken. Es sind inzwischen 24 Männer und Frauen, ein Trupp von Helfern, der mittlerweile mehr als 2000 HIV-Infizierte als Patienten gewonnen hat. Mehr als 90 Prozent halten sich an die Vorgaben, nehmen regelmäßig die Medikamente und kommen regelmäßig zum Bluttest.

Das Programm ist ein Beleg dafür, wie wichtig öffentliche Hilfe trotz vieler Privatinitiativen noch ist, dass private Geldgeber zwar wirksame Instrumente entwickeln können, Impfstoffe, Beratungsmodelle, dass es aber des Geldes und der Unterstützung der Staaten bedarf, wenn nicht nur ein paar Testfälle, sondern viele profitieren sollen.

Reghana Taliep hat an diesem Morgen Dienst, eine junge Frau, die laut werden kann, wenn ihr jemand widerspricht. Es ist wie beim Appell.

Sie geht die Problemfälle durch, sie vergleicht Telefonnummern, Adressen. Sie kennt die Problemfälle, den Alkoholmissbrauch, die Gewalt, ihre Berater sind bei fast allen Patienten schon zu Hause gewesen. Es gibt immer wieder Patienten, die nicht erscheinen, weil sie den Termin vergessen haben, weil sie ihre Medikamente nicht regelmäßig genommen haben oder einfach weil sie an die Medikamente plötzlich nicht mehr glauben. Manchmal reicht es schon, dass sie davon Durchfall bekommen.

Taliep ruft die Nummern der Problempatienten auf, man erkennt sie an den roten Aufklebern auf den Mappen. Sie fragt: "Was ist mit 1776? 1776 ist letzte Woche nicht zu seinem Termin in die Klinik gekommen."

Eine Beraterin sagt, dass 1776 über Ostern gestorben sei.

Taliep nickt, schiebt die Akte zur Seite und nimmt die nächste zur Hand. Den ganzen Vormittag sitzen sie noch zusammen, dann schwärmen sie wieder aus, in die Häuser und Blechhütten von Guguletu.

In West-Kenia, am Rande des Victoriasees soll der endgültige Beweis angetreten werden, dass Entwicklungshilfe funktioniert, dass, wenn die Geberländer ihre Hilfszusagen einhalten, Armut verschwindet.

Die Vereinten Nationen haben hier ein Millenniumsdorf abgesteckt, das den Namen Sauri trägt. 5184 Leute leben hier, 64 Prozent davon unter der Armutsgrenze, 24 Prozent sind HIV-infiziert, 43 Prozent

an Malaria erkrankt, 42 Prozent der Kinder leiden an Untergewicht.

Jährlich sollen hier 110 Dollar pro Kopf reichen, um dem Dorf aus der Armut zu helfen. Von den 110 Dollar pro Kopf kommen 40 Dollar von den lokalen Behörden und als Eigenbeteiligung aus dem Dorf selbst, 70 Dollar von externen Spendern. Diese 70 Dollar entsprechen der Pro-Kopf-Summe, die die Industriestaaten Afrika versprochen haben, als sie 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts als Ziel für die künftige Entwicklungshilfe festlegten.

Die Dorfbewohner sollen zur Eigenverantwortung und Mitarbeit erzogen werden. Sie müssen Kommissionen gründen, die Wasser-, die Landwirtschafts- und die Straßenkommission, und dann nicht nur entscheiden, wie sie das Geld am besten verwenden, sondern auch dafür sorgen, dass die Mitglieder einen Eigenanteil leisten. Dass sie etwa das Mittagessen der Brunnenexperten zahlen oder dabei helfen, Steine zu präparieren.

Sauri ist das erste von zwölf Millenniumsdörfern. Millenniumsdörfer liegen in den "Hot spots" Afrikas, in denen die meisten Menschen unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag leben. Die Erwartungen sind hoch. Von der New Yorker Columbia-Universität aus wacht der Entwicklungspolitiker Jeffrey Sachs, der allerdings einst mit seiner Schocktherapie bei der Privatisierung für Russland zweifelhafte Erfolge erzielte.

Bei ihm laufen die Statistiken auf, und er hat Statistiken über alles: über die ahl der Malariaerkrankungen im Millenniumsdorf und außerhalb, er kennt den Ernteertrag im Jahresvergleich, die Spendenhöhe beim Schulspeisungsprogramm und die Zahl derer, die sich Moskitonetze über ihre Betten hängen.

Das Millenniumsprojekt setzt auf neue Techniken und Anreize, die sich wissenschaftlich als erfolgreich erwiesen haben. Die Helfer verteilen Moskitonetze, sie spendieren Mittagessen an Schulen, damit mehr Kinder kommen, sie spendieren Dünger, damit die Bauern eine höhere Ernte erzielen und in den lukrativeren Gemüseanbau investieren.

Das Millenniumsprojekt hat eine Villa am Victoriasee angemietet, eine knappe Fahrstunde vom Millenniumsdorf entfernt. Es ist der Ort, an dem die Zahlen und Statistiken ausgewertet werden, Seminare abgehalten und Besucher empfangen werden. Von hier aus werden Wissenschaftler und Journalisten wie Safaritouristen ins Millenniumsdorf kutschiert. Es sind schon viele wichtige Besucher hier gewesen, einmal sogar Melinda, die Frau von Bill Gates.

Es geht über staubige Straßen, vorbei an Dörfern und Märkten, so lange, bis die Straßen keinen Asphalt mehr haben. Es ist eine Fahrt durch einen Kleingarten der guten Tat, wo jeder neue Friseur, jedes neue Unternehmen als großer Erfolg gefeiert wird - ein Kiosk beispielsweise, der nicht nur Limo und Zucker, sondern auch Telefonkarten für Handys verkauft, ein Haus, das komplett mit Moskitonetzen zum Schutz gegen Malaria ausgestattet ist. Die Helfer suchen stets nach Indikatoren des Fortschritts, sammeln Zahlen und schicken sie dann nach New York. Es geht auch um gute PR.

Die Getreidebank in Yala ist der beste Beweis für den Erfolg. Viele Jahre waren die Lagerhallen hier ungenutzt, weil niemand etwas zu lagern hatte, kein Getreide, keine Bohnen, alles wurde sofort gegessen. Aber jetzt sind die Hallen plötzlich voll, angemietet von den Bewohnern Sauris, weil sie dank des subventionierten Düngers ihre Getreideproduktion pro Kopf mehr als verdreifacht haben. Wo früher nichts war, liegen jetzt 11 000 Säcke. Es ist das Manifest ihres Erfolgs.

Aber es ist ein Erfolg, der mit Vorbedingungen kommt. Er setzt voraus, dass das Dorf an ein Straßennetz angebunden ist, dass es mit Elektrizität versorgt wird, dass es gute Lehrer bekommt. Er setzt staatliche Unterstützung voraus. Jedes private Projekt ist darauf angewiesen, dass der Staat gute Rahmenbedingungen schafft, nicht korrupt ist und nicht pleite. Private Hilfe kann Lücken füllen, Anreize schaffen und neue Instrumente entwickeln, Armut beseitigen kann sie nicht.

Die Probleme sind so groß, dass sie so schnell kein privates Projekt, kein Millenniumsdorf allein lösen kann. Viele Millionen Kinder gehen heute in Afrika nicht zur Schule, und nur mit einem freien Mittagessen wie in der Sauri Primary School lassen sie sich nicht dorthin locken. Wichtig ist, dass auch der Staat handelt. In Kenia und im benachbarten Tansania brachte eine Abschaffung der Schulgebühren mehrere Millionen Kinder mehr in die Schule.

Wirtschaftliche Entwicklung kann deshalb nicht allein auf private Hilfen setzen, sie braucht den Staat, der Rahmenbedingungen schafft, um Investitionen sinnvoll zu machen. Sie braucht die Hilfe der Industriestaaten, die Ländern wie Tansania die Schulden erlassen, wenn sie dafür Geld in Schulen und Gesundheitsversorgung investieren - aber eben auch nur dann. Sie braucht den Staat, der Straßen baut, denn nur so kann das Getreide, das in den Lagerhallen von Yala liegt, zu einem guten Preis verkauft werden.

Keiner weiß das besser als Monica Okega. Sie ist die Vorsitzende der Koordinierungskommission von Sauri, sie weiß, wie wichtig es ist, über die Grenzen des Dorfs hinauszuschauen.

Sie lebt in Sauri B, dem Teil des Dorfs, wo die Hütten von Häusern abgelöst werden und das Wellblech von richtigen Mauern. Die Helfer des Millenniumsdorfs nennen sie ihre "Champion-Farmerin". Sie gehörte schon immer zu den Privilegierten, aber jetzt sagt sie, geht es auch den anderen besser. "Die anderen brechen jetzt nicht mehr bei mir ein."

Im vergangenen Jahr hat sie 36 Säcke Getreide geerntet, doppelt so viel wie im Jahr davor. Seit dieser Ernte kann sie sich sogar Helfer von außerhalb leisten. Sie ist wirtschaftlich selbständig geworden.

Sie ist ein Vorbild für ihr Dorf, aber auch für ihren Kontinent. MARC HUJER


DER SPIEGEL 17/2007
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