30.04.2007

Schweigen bis ins Grab

Der belgische Radsport-Masseur Jef D'hont über seine Arbeit im Team Telekom

Fünfzig Jahre lang habe ich im Radsport gelebt. Die größten Champions habe ich mit meinen Händen massiert. Ich habe einiges gesehen und gemacht.

Früher musste der Soigneur, der Betreuer der Radrennfahrer, Autos waschen, Essen zubereiten, die Fahrer ins Bett bringen, ihnen die Beine massieren, ihren Kopf klarkriegen und ihnen Vitamine geben. Aber aus den Vitaminen wurden schon bald Amphetamine. Dann kamen die Ärzte, und mit ihnen hat sich alles verändert. Nach den Amphetaminen kam das Kortison, danach Anabolika, danach Epo, und heute nehmen sie alles zusammen.

Die Fahrer, die Sportdirektoren, die Teammanager: Alle wussten über den Gebrauch der Mittel. Geheimnisse gab es nicht. Nur die Außenwelt musste und sollte für dumm verkauft werden. Nach jeder Doping-Enthüllung taten alle so, als hätten sie nur Nasenbluten. Scheinheiligkeit, wo man nur hinschaute, totales Schweigen. Und weiter ging es mit dem Spritzen, und weiter wurde geschwiegen.

Jeder schreit, es sei eine Schande, aber niemand spricht. Wenn Doping die Wahrheit ist, ist Schweigen Gold.

Jahrelang habe ich diese Lüge gelebt. Es schien auch alles so normal, so logisch. Ich setzte eine Spritze, ich setzte noch eine und habe die Augen geschlossen. Es hat Jahre gebraucht, bis mir klar wurde, dass das, was wir dort taten, verhängnisvoll war.

Beim Team Telekom war der Einsatz von Epo so stark, dass es mir fast das Genick gebrochen hätte. Nach jedem Rennen kam ich nach Hause und hatte den Kopf voller Sorgen und Stress. Aber ich musste weiter schweigen, denn das ist das Gesetz in der Welt der Radrennfahrer. Omertà, die Schweigepflicht der Mafia, auch im Rennradsport. Schweigen bis ins Grab.

Im November 1991 unterschrieb ich meinen Vertrag bei Telekom. Mein Vertragspartner war der neue Sportdirektor Walter Godefroot, ein Belgier wie ich.

"Du weißt doch, warum sie dich geholt haben?", fragte mich damals Noël Vantyghem, der Mechaniker des Teams, ein alter Bekannter und ein angenehmer Mensch, der viel zu früh gestorben ist. "Du

sollst die Fahrer ordentlich flottmachen, gemeinsam mit Doktor Schmid."

Ich hatte schon einiges über Andreas Schmid gehört. Er war es, der das medizinische System von Telekom aufgebaut hatte. Er befand sich an der Spitze des Ärzteteams. Die Telekom hatte damals per Vertrag darauf bestanden, dass das Team ausschließlich mit deutschen Ärzten arbeiten sollte, und als festen Ansprechpartner hatte man sich die Universität Freiburg ausgesucht. Das war nichts Ungewöhnliches. Schon damals hatte Freiburg einen ausgezeichneten Ruf. Jeder, der in der deutschen Sportwelt etwas bedeutet, hatte dort schon einmal im Wartezimmer gehockt. Radrennfahrer, Leichtathleten, Fußballer, ganze Sportvereine haben das Spezialteam von Doktor Schmid besucht. Freiburg war dafür bekannt, dass es alle Facetten der Sportmedizin abdeckte. Es war also eine einfache und naheliegende Wahl.

Kurz nach dem Jahreswechsel 1991/92 meldete ich mich in der Universität Freiburg. Ich wurde am Personaleingang erwartet. Der Mann, der mich durch das Krankenhaus führte, erzählte mir, wer hier arbeitet und welche Patienten hier behan-

delt werden, Sportler, die sich auf Olympische Spiele, Weltmeisterschaften oder andere große Sportereignisse vorbereiteten. Sie kamen nach Freiburg, in das Walhalla der Sportmedizin. Das Wartezimmer war voll mit kerngesunden Menschen.

Doktor Schmid bat mich in sein Büro. Wir plauderten ein bisschen und unterhielten uns über die Fahrer, über die Erwartungen, über die Teamleitung. Dann nahm er mich mit nach hinten.

"Wir werden gemeinsam den Arzneikoffer zusammenstellen", sagte Schmid. "Die Verbände, die Vitamine, die Mineralien, die Tabletten und Injektionen." Damals gehörte das zum normalen Arbeitsablauf zwischen Ärzten und Betreuern.

Wir saßen einen ganzen Tag lang an der Arzneiliste. Schmid stimmte zu, dass wir einen Teil der Vitamine über belgische Produzenten beziehen wollten. Auch die Bezahlung sollte über Belgien laufen. Dafür gab es die Sportgroep Godefroot BVBA, die Firma des Teamdirektors mit Sitz im belgischen Drongen.

Wir trafen auch klare Vereinbarungen über den Doping-Einsatz in der Mannschaft. Keiner der Fahrer würde ein verbotenes Mittel ohne sein Wissen bekommen. Bei jedem Doping-Einsatz, bei jeder Handlung sollten die Fahrer, die Teambetreuer, der Arzt und der Mannschaftsleiter vorher informiert werden.

Wir redeten auch über meinen Zaubertrank, mit dem ich seit 1977 arbeitete. Er bestand aus Koffein, Persantin und Alupent.

Schmid schüttelte ungläubig den Kopf.

"Sie können den Gebrauch natürlich verbieten", sagte ich, "und ich werde ihn dann auch nicht mehr zubereiten, aber Sie können davon ausgehen, dass einige Fahrer sich dann nach anderen Mittelchen umschauen, die bei Doping-Kontrollen vielleicht positiv getestet werden."

Schmid richtete sich auf. Einen Doping-Fall, so was konnte er sich nicht erlauben. Das würde dem Ruf der Universität schaden und erst recht dem Team. "Ich weiß, wie gefährlich es ist, mit Sportlern zusammenzuarbeiten", sagte Schmid. "Ein positiver Fall könnte das Aus für das Team bedeuten." Er stimmte schließlich doch zu.

In meiner ersten Saison bei Telekom blieben große Erfolge aus. Godefroot wurde nervös. Viel Gewinn war in diesem Jahr nicht zu erwarten.

Dann sprach mich Vantyghem, der Mechaniker, an. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. "Du weißt ja, dass Walter sich für dich entschieden hat, weil du der

Mannschaft zu besseren Ergebnissen verhelfen solltest. Davon haben wir bislang noch nichts gemerkt", sagte er.

Godefroot hatte seinen Mann mit einer deutlichen Botschaft geschickt. "Du brauchst keine Angst zu haben. Lass die übertriebene Vorsicht einfach mal sausen. Du kannst den Fahrern ruhig mal etwas ohne ihr Wissen geben."

Das sei doch nicht so schlimm. Und dann erzählte er von Wegmüller, den er noch von einem anderen Team kannte.

Der Schweizer Thomas Wegmüller war ein notorischer Doping-Gegner. Stark wie ein Pferd, schnell fahren, ohne sich umzuschauen, das war Wegmüller. Von verbotenen Mitteln wollte er nichts wissen. Aber Godefroot hatte seinen Betreuer gebeten, Wegmüller mit nicht nachweisbarem Doping zu behandeln. Es war keine Bitte, sondern ein Befehl. Er sollte Celestone in seine Trinkflasche mischen. Celestone enthält ein Kortikoid, das auf der Doping-Liste steht.

Wegmüller habe dann ein Zeitfahren mit Celestone gewonnen und erst hinterher davon erfahren. Er habe das gar nicht komisch gefunden.

"Ich wollte dir nur sagen: Walter wird nichts verraten, wenn du vielleicht auch einen Fahrer so täuschst. Er wird hundertprozentig hinter dir stehen."

In den siebziger Jahren war ich Godefroots Betreuer gewesen. Ich kannte ihn seit 20 Jahren und wusste ungefähr, wie Godefroot tickte und dass er nicht vor miesen Tricks zurückschreckte. Was bei einer Doping-Kontrolle nicht nachgewiesen werden konnte, war für Walter kein Doping - Punkt. Egal ob das Mittel nun auf der Doping-Liste stand oder nicht.

"Noël, ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie einen Fahrer getäuscht, und ich werde das auch nie tun."

Ich fuhr sofort zu Doktor Schmid und erzählte ihm, was Godefroot mir hatte ausrichten lassen. Schmid war nicht begeistert. "Jef, du weißt doch, dass Celestone oft genommen wird? In Deutschland nehmen die Fahrer Urbason, eine bessere Alternative. Einige Fahrer sind nun einmal ganz versessen darauf. Aber so was macht man nicht hinter dem Rücken der Fahrer."

Urbason blockiert die Nebennierenrinde. Die körpereigene Kortisolproduktion versiegt nach langem Gebrauch, und das Gesicht schwillt an, weil der Körper Fett einlagert. Dann muss man Synacthen spritzen, damit alles wieder funktioniert. Ein ungesundes Zeug.

In den belgischen Teams, für die ich vorher gearbeitet hatte, war der Einsatz von Kortikoiden sehr niedrig. Die Belgier fuhren das ganze Jahr Rennen, von Februar bis Ende September, und das wäre mit Kortikoiden oder anderen gesundheitsschädlichen Mitteln nicht möglich gewesen. Nur in großen Ausnahmen hat der Teamarzt Kortikoide gegeben. Aber meistens hatten wir den Fahrer im Griff. Oder wir haben ihm einfach gesagt, dass er ein Kortikoid bekommt, obwohl es in Wahrheit nur eine harmlose Pille war. Alle waren zufrieden: Der Fahrer, die Ärzte, die Betreuer, weil wir den Fahrer psychisch aufgebaut hatten, ohne seine Gesundheit zu gefährden.

Radrennfahrern fällt es schwer, über ihre Abenteuer mit Doping-Mitteln zu schweigen. Wenn sie wieder ein neues Mittel gefunden haben, sind sie so stolz, als hätten sie die Frau ihres Lebens gefunden. 1992 benutzten schon viele italienische Teams Epo, und weil die italienischen Fahrer nicht über ihre neue Geheimwaffe schweigen konnten, hörten auch wir bald die ersten Gerüchte. Ich kannte Epo damals nicht. Ehrlich gesagt, hat es mich auch nicht interessiert. Wir hatten meinen Zaubertrank und die Vitamine von Doktor Schmid. Wir glaubten nicht, dass wir neue Mittel brauchten. Wir hatten noch nicht begriffen, dass es wirklich ein verblüffendes Mittel ist. Wir ahnten nicht, dass Epo bald die Sportwelt bestimmen würde.

Erst später erfuhr ich, dass zwei unserer Fahrer bereits mit Epo und Wachstumshormon experimentierten: Uwe Ampler war 1992 von Histor-Sigma gekommen, Uwe Raab ein Jahr später vom Team PDM. Besonders PDM war weit vorn, wenn es um revolutionäre Mittel und Methoden ging.

Während unserer Teamvorstellung in Bonn hörte ich das Raunen unter den Fahrern. Sie empörten sich über die Erfolge

der Italiener und Spanier. Ampler sagte, er wolle zu einem italienischen Arzt und er wolle Godefroot bitten, den Stoff zu bezahlen. Ich ließ ihn reden und dachte mir meinen Teil: Armer Junge, nimm doch einfach meinen Zaubertrank. So naiv waren wir damals.

Die italienischen und spanischen Mannschaften beherrschten alles. Dominant bis zum geht nicht mehr. Das Wort mit drei Buchstaben war in aller Munde. Unsere Fahrer hatten begriffen, dass da etwas nicht stimmte. Fahrer, die früher in den Bergen nicht mithalten konnten, flogen plötzlich hinauf.

Ampler konnte überall mithalten. Er gab sich zugeknöpft, wenn es um seinen Medizinschrank ging, was innerhalb des Teams zu Unmut führte.

Kurz vor der Tour de France 1993 sprach Ampler mich an. "Ich habe eine Epo-Kur angefangen."

Ich schwieg und hörte zu.

"2000 Einheiten alle drei Tage."

Ich wusste nicht genau, was das zu bedeuten hatte. Ich wusste schlichtweg nichts über Epo.

"Wissen Walter Godefroot und Doktor Schmid davon?", fragte ich.

"Ja, ich habe sie informiert. Sie sind einverstanden. Godefroot wird für die Kosten aufkommen."

Ampler unterzog sich einer Kur und merkte von Tag zu Tag, wie sich seine Kondition verbesserte. Seine Beine wurden stärker, sein Kopf wurde klarer. Uwe war ein anderer Mensch geworden. Aus Niedergeschlagenheit war Lebenslust geworden. Der Schweigsame war plötzlich gesprächig. Er war glücklich. Er hatte seine neue Liebe gefunden.

Den anderen Deutschen aus dem Team war Amplers Metamorphose natürlich nicht entgangen. Panik kam auf, nur neun Fahrer sollten bei der Tour an den Start gehen, einige der Deutschen bangten um ihren Platz. Sie wollten Ampler aus dem Tour-Team drängen.

Jetzt, da Epo in unserem Team seinen Einzug gehalten hatte, beschlossen die Ärzte von der Universität Freiburg, dass Olaf Ludwig damit für die Weltmeisterschaft in Oslo vorbereitet werden sollte.

Für Ludwig wurde ein Doping-Plan aufgestellt. Insgesamt sollte er zehnmal jeweils 1000 Einheiten Epo gespritzt bekommen.

Erst später wurde mir klar, dass das eine sehr niedrige Dosis war. Jeden dritten Tag bekam er eine Spritze, kombiniert mit Vitamin B12 und Folsäure. Zusätzlich nahm er täglich zwei Aspirin von 100 mg, eine morgens, eine abends, damit sein Blut dünner wurde. Resultat: Er wurde Dritter bei der Weltmeisterschaft, hinter Lance Armstrong und Miguel Induráin.

Die anderen Fahrer wurden hochnervös. Jeder wollte Epo ausprobieren. Doktor Schmid sah voll Bedauern zu, was da geschah. Er war der Hauptverantwortliche für das medizinische Team. Er war verzweifelt und hatte Angst vor dem, was da kommen könnte.

Lange Besprechungen fanden statt, es wurden Dinge beschlossen, über die ich nicht glücklich war. Das Epo-System wurde im Telekom-Team eingeführt. Die Ärzte von der Universität Freiburg sollten das Mittel den Fahrern direkt verabreichen. Sollten sie nicht anwesend oder die Fahrer nur schwer zu erreichen sein, mussten die Betreuer das übernehmen. In den kommenden Monaten erhielt ich oft mit DHL aus Deutschland ein Päckchen an meine belgische Adresse. Der Inhalt: ein paar Epo-Spritzen plus Gebrauchsanweisung.

Godefroot organisierte das Doping-System und finanzierte es zusammen mit seiner rechten Hand, Eddy Vandenhecke. Die Apotheke in Freiburg wurde per Überweisung bezahlt von der Godefroot BVBA. Über die Betreuer ließ sich Godefroot von den Fahrern alles bis auf den letzten Cent zurückbezahlen.

Die Ärzte und die Teamleitung von Telekom waren nie sehr erpicht darauf, mit Epo zu arbeiten. Es passierte unfreiwillig, ohne Vorbedacht. Die anderen machen es, dann machen wir es auch, weil wir sonst nicht gewinnen. Godefroot und Vandenhecke hatten viel Geld in das Team gesteckt. Es fing mit einem oder zwei Fahrern in kleinen Dosen an. Schon bald folgten auch die anderen, außer dem Franzosen Marc Madiot und noch ein paar weiteren Ausnahmen. Schmid war verantwortlich für die medizinische Koordination, Godefroot finanzierte alles, aber sie waren nie richtig begeistert. Damals dachten wir, dass uns keine Wahl bliebe. Es war wohl ein langwieriger Prozess kollektiver Verwirrung. Wir sind alle sehenden Auges in die Falle getappt. Ein Zug, der einmal abgefahren ist, ist nicht mehr zu stoppen. Mit Epo verhielt sich das nicht anders.

Wir spritzten meistens 2000 Einheiten. Die wichtigste Aufgabe des Betreuers war es, die Spritzen kühl zu lagern und die Rechnungen zu sammeln. Die Fahrer kauften immer zehn Spritzen in einer Sendung. Wir klebten die Spritzen zusammen, versahen sie mit dem Namen des Fahrers und konnten so nach jeder Anwendung erkennen, wie viel gespritzt worden war.

Seit Jahren heißt es, Bjarne Riis, der Kapitän des Teams 1996, habe bei uns den Spitznamen "Mister 60 Prozent" gehabt, weil sein Hämatokritwert nach einer schweren Epo-Kur irgendwann die 60 erreicht haben soll. Ein Hämatokritwert von 60, das bedeutet richtig dickes Blut, Herz und Blutgefäße könnten verstopfen. Ein Hämatokritwert von 60 ist lebensgefährlich. Aber der Spitzname stimmt nicht. Riis war in unserer Mannschaft nicht "Mister 60 Prozent". Das muss einfach mal gesagt werden. Er war "Mister 64 Prozent".

Riis war meistens ein toller Kerl, aber er konnte die Finger nicht vom Epo lassen. Epo war mittlerweile üblich, aber Riis hat die Sache eskalieren lassen.

Die anderen Jungs aus der Mannschaft, Christian Henn zum Beispiel, spritzten sich auch Epo, aber sie nahmen minimale Einheiten, und das nicht vor jedem Wettrennen. Für wichtige Rennen im eigenen Land oder für die Tour de France erhielten sie aus Freiburg einen Plan. Aber die Männer haben nicht übertrieben.

Erik Zabel war einer der saubersten Fahrer seiner Generation. Außer ein paar niedrigen Epo-Dosen hat er kaum etwas genommen. Er sah einfach keinen Nutzen darin. Ein einziges Mal hat er sich vor und während einer Tour de France einer Epo-Kur unterzogen, er bekam 1000 Einheiten, so wie Ludwig 1993. Danach wollte er noch nicht einmal die Minimumeinheiten haben. Sein Kopf würde es nicht brauchen, sagte er. Er siegte weiterhin, er verschliss nicht, sein Körper blieb sauber.

Mit Riis habe ich zum ersten Mal intensiv bei der Tour de Suisse 1996 zusammengearbeitet. Er hatte eine Grippe und fragte mich, ob ich ein Kortikoid für ihn bekommen könnte. Er wollte Kenacort.

Ich konnte es besorgen - damals war das überhaupt kein Problem, besonders nicht in der Schweiz. Aber es hat nicht geholfen, Riis gab auf.

Das wird nichts mit der Tour de France, dachte ich. Aber eine Woche davor hatte er schon Hämatokritwerte zwischen 50 und 52. Zum Start hin stieg der Wert auf 54.

Während der Tour bekam er jeden zweiten Tag 4000 Einheiten Epo und 2 Einheiten Wachstumshormon, jedes Mal doppelt so viel wie normal. Das Risiko war gering, denn auf Epo und Wachstumshormon wurde damals nicht getestet. Sein italienischer Arzt hatte den Plan erstellt, Telekom stimmte zu, und Riis spritzte sich selbst. Jeden Tag dasselbe Ritual. Und nach den Spritzen kamen die Nadeln: Ein Quacksalber aus Dänemark, auf den Riis wie ein Schoßhündchen hörte, behandelte ihn mit Akupunktur. Riis hat ihn aus eigener Tasche bezahlt.

Seine unnatürlich hochdosierte Epo-Kur war erfolgreich. Fast immer - und das ist ganz normal - geht es bei einer schweren Etappenfahrt wie der Tour de France mit dem Hämatokritwert eines Fahrers stetig bergab. Mit 50 anfangen, auf 46 absacken in der zweiten Woche, ankommen bei niedrigen 40 oder sogar 38. Aber der Wert bei Riis stieg immer weiter an, bis er schließlich die 60 überschritt. Das war Riis' erster Weltrekord.

Von seinem 64er Wert hörte ich an einem Morgen gegen Ende der zweiten Tour-Woche. Morgens wurde der Hämatokritwert von unseren Fahrern gemessen. Hatten sie 38, dann wussten wir, dass sie an diesem Tag aufgeben würden. Hatten sie 42, dann versuchte der Arzt mit Vitaminpräparaten und Spritzen das Niveau konstant zu halten oder sogar anzuheben.

Riis kam mit einem Lächeln von hier bis Tokio in den Massageraum.

"Jef, Jef, sieh mal, ich habe 64!"

Ich war vollkommen platt, als ich auf den Zettel sah. 64.

"Ist das nicht gefährlich?"

"Nein, ich fühle mich gut. Alles okay. Und niemandem etwas sagen, ja?"

Zwei Tage darauf stand die Fahrt nach Hautacam auf dem Programm, wo er seine Sternstunde hatte. Er trug das Gelbe Trikot, gewann in der Gesamtwertung, und

es sollte eine ganze Woche dauern, bevor sein Hämatokritwert wieder absackte.

Jan Ullrich wurde in diesem Jahr Zweiter der Tour de France. Aber Ullrich hätte schon damals gewinnen können. Ein Ausreißversuch und Riis hätte das Nachsehen gehabt, davon bin ich bis heute überzeugt.

Das hat Ullrich auch gesagt, als er bei mir auf dem Massagetisch lag.

"Morgen kann es mit Riis vorbei sein, so, wie der aussieht."

Ullrich hatte es natürlich auch gesehen. Riis konnte kaum noch die Finger bewegen. Sein Körper war vollkommen verkrampft. Durch die vielen Überdosen war sein Körper vollkommen durcheinander. Zu viel Epo, zu viel Wachstumshormon, zu viel Testosteron. Sein Blut war schleimiger Sirup. So dick, dass er jeden Augenblick an einem Herzstillstand sterben konnte.

"Warum greifst du nicht an?", fragte ich.

"Nächstes Jahr", antwortete Ullrich.

Mir konnte es eigentlich egal sein. Riis und Ullrich waren beide bei der Telekom, das reichte mir. Aber ich fand schon, dass ich Ullrich wenigstens darüber in Kenntnis setzten musste, einmal über seine eigenen Chancen nachzudenken. Riis Krämpfe in den Händen, das ging zu weit. Der Arzt gab ihm dann einige Muskelkrampflöser und setzte ihm Anti-Thrombose-Spritzen in die Bauchdecke, damit Blutverklumpungen vermieden wurden. Riis war ein komplettes Wrack.

Es ist dann doch noch alles gutgegangen. Riis hat die Tour gewonnen und wurde ein großer Held. Im Jahr darauf sollte Ullrich sein Versprechen einlösen.

Jan Ullrich kam bereits 1994 in unser Team. Er war damals einer der besten Amateure, wir erwarteten sehr viel von ihm. Er sollte unser neuer Star werden.

Ich sah ihn zum ersten Mal bei einem Radrennen zu Frühlingsbeginn in Spanien. Beim ersten kleinen Hügel fiel er schon zurück, gemeinsam mit vier oder fünf anderen, die einfach schlechte Radrennfahrer waren. Ist das der Ullrich, habe ich noch gedacht.

Die Tests der Universität Freiburg hatten etwas komplett anderes vorausgesagt. Ullrich sprenge alle Kategorien, hatte ich gelesen. Dieser Junge wird einmal die Tour de France gewinnen, das haben alle im Team gewusst. Nicht nur einmal, sondern mindesten sechsmal.

"Der Jan" hatte nicht Zabels Charakter. Wenn Ullrich wie Zabel gelebt hätte, dann hätte er meiner Meinung nach bestimmt zehnmal die Tour gewinnen können. Zabel gab alles für den Sport, er hatte ein Auge fürs Detail, niemand musste ihm etwas sagen. Bei Ullrich musste alles geregelt werden. Er war unordentlich, wenn es um Kleinigkeiten ging, aber genau auf die kommt es an, wenn man ein richtig großer Fahrer werden will.

Ich habe das Telekom-Team verlassen, weil ich den Stress nicht mehr aushielt. Einmal hätte übrigens nicht viel gefehlt, und alles wäre aufgeflogen. An diesem Tag kam ich zu dem Entschluss, dass es reichte. Das war 1996, die Tour de Suisse war

gerade vorüber, wir wollten bald zur Tour de France aufbrechen. Ich musste von Zürich nach Belgien fahren, frische Kleidung holen.

Doch Doktor Schmid hatte mich angerufen und gebeten, in Freiburg Station zu machen, um die Sachen für die Fahrer mitzunehmen. Es kam inzwischen nicht mehr so oft vor, dass ein Epo-Paket zu mir nach Hause geschickt wurde. Ein paarmal holte ich es direkt in Freiburg mit dem Wohnmobil ab. Meistens brachten die Ärzte oder die Fahrer das Zeug selbst zu den Rennen mit. Heute erscheint das unvorstellbar, aber in den neunziger Jahren stiegen die Ärzte vom Team einfach mit einer Kühlbox ins Flugzeug.

Ich fuhr nach der Tour de Suisse also nach Freiburg, und wir stellten den Arzneischrank zusammen, ich und Doktor Schmid, der sehr gestresst schien. Er ließ mich größtenteils die Arbeit machen. Ich schleppte das Zeug zum Wohnmobil, die Kiste mit den Vitaminen stellte ich auf dem Boden ab. Danach bin ich wieder reingegangen.

Doktor Schmid hatte inzwischen eine ganze Ladung Epo und Wachstumshormon fertiggemacht. Viele Fläschchen, gut eingepackt in Eisbehälter und Aluminiumfolie. Die sollten auch mit, sagte er.

"Pass auf, die Sachen dürfen nicht lange in der Hitze liegen", sagte der Doktor.

Hinten im Wohnmobil waren kleine Schrankfächer an der Decke eingebaut. Dort verstauten wir immer die Kleidung der Fahrer: pro Fahrer ein Schrankfach. Jetzt hatte ich drei leere Fächer, in denen ich das Epo und das Wachstumshormon verstauen konnte. Sie waren proppenvoll.

Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg nach Belgien. Ich kam gut durch und war schnell in Belgien. Kurz hinter der Grenze, in Martelange, musste ich tanken. Das Auto mit den Leuten vom Zoll neben mir bemerkte ich zu spät. Sie winkten mich heran und wollten meine Papiere sehen.

"Herr Telekom, könnten Sie bitte die Tür Ihres Wohnmobils öffnen?"

Ich war äußerst nervös, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Sie würden doch nicht etwa das Epo ...

"Was ist das hier?"

Einer der Zollbeamten zeigte auf die Kiste mit den Vitaminen auf dem Boden, die ich gemeinsam mit Doktor Schmid zusammengestellt hatte.

"Das sind Vitamine für unsere Fahrer. Die können die ja gut gebrauchen, wenn sie demnächst die Tour de France fahren."

Die Leute vom Zoll warfen sich besorgte Blicke zu.

"Los, alles ausladen", sagten sie.

Einer der beiden Zollbeamten öffnete die Fächer. Jetzt ist es um mich geschehen, dachte ich. Ich bin erledigt. In den ersten Fächern fand der Grenzbeamte Ersatzkleidung und Schuhe. In den letzten

drei hatte ich die Doping-Mittel verstaut. Der Grenzbeamte wollte gerade das siebente Fach öffnen, als ihn sein Kollege rief.

"Schau dir das mal an, er hat keinen Aufkleber an seinem Fenster. Er hat keine Steuervignette!"

Godefroot hatte wieder einmal die Steuer nicht bezahlt. Die Zollbeamten setzten ein Protokoll auf und teilten mir mit, dass der Bußbescheid per Einschreiben zugestellt würde. Ich durfte weiterfahren, mit zittrigen Knien.

An jenem Tag legte ich in meinem Kopf den Schalter um. Zehntausende Einheiten Epo hatte ich den Telekom-Fahrern gespritzt. Die Vorbereitung von Ludwig auf die Weltmeisterschaft 1993: Wenn kein Arzt in der Nähe war, musste ich die Spritzen setzen. Danach hörte es nicht mehr auf. Epo wurde nicht für alle Fahrer und nicht bei allen Rennen gebraucht, aber es waren oft der Jef und die anderen Betreuer, die spritzen mussten.

Godefroot verlangte von mir, dass ich Buch führte, Listen erstellte für Epo und Wachstumshormon, die die Fahrer nahmen, damit er wusste, was die Männer ihm schuldeten. Für 1000 Einheiten Epo nahm er 1000 belgische Franken, ungefähr 25 Euro. Auf Dauer wurde Epo für viele Fahrer zu einer Obsession. Einige Fahrer haben sich mehr mit Epo beschäftigt als mit dem Training oder ihrer Ernährung.

Ich konnte nicht mehr bei der Telekom bleiben. Ich wollte in einem sauberen Team arbeiten, einem Team mit einem Gewissen, oder ich würde ganz aufhören. Ich hatte wirklich genug von der Telekom und konnte ihr Doping-System nicht mehr ertragen. Ende 1996 kündigte ich und wechselte zu dem neuen französischen Team La Française des Jeux, das der ehemalige Telekom-Fahrer Marc Madiot aufbaute.

Der 8. Juli 1998, drei Tage bis zur Tour de France. Die Vorbereitungen waren so wie immer: hartes Training, viele Doping-Spritzen, niemand, der etwas spitzkriegte. Diesmal startete die Tour in Irland, ein belgischer Betreuer des Festina-Teams wurde gleich auf dem Weg von Brüssel zur Fähre nach Calais angehalten und kontrolliert. In seinem Wagen war eine komplette Doping-Apotheke versteckt. Das war nur der Startschuss einer Tour mit vielen Aufregungen. Es folgten Festnahmen, Verhöre und Polizeirazzien in den Hotels der Teams.

Ende Juli, nach einer Etappe mit Ankunft in Aix-les-Bains, kam Marc Madiot, der Teamchef von La Française des Jeux, auf mich zu.

"Schau mal, was ich hier habe!"

Er winkte mit einem Brief, der an Jean- Marie Leblanc, den Leiter der Tour, gerichtet war, unsere Namen kamen darin vor, und es wurde von Doping-Praktiken im Team Telekom berichtet. D'hont, stand in dem Brief, sei ein "homme dangereux", der für eine große Transfersumme von der Telekom zu La Française des Jeux gewechselt sei, um den Franzosen die Telekom-Methoden beizubringen. Absender: anonym. Datiert auf den 24. Juli.

Im September wurde ich das erste Mal verhört. Aus dem Verhör wurde eine Verhaftung. Man beschuldigte mich des Transports, des Handels und der Vergabe von verbotenen Mitteln. Ein Fahrer hatte behauptet, ich hätte ihm einmal Epo verkauft.

Ein paar Tage vorher hatte ich mit Godefroot telefoniert. Schließlich hatte ich ja fünf Jahre lang für sein Team gearbeitet - ich kannte die Geheimnisse von Jan Ullrich und Bjarne Riis. Schön schweigen, schlug Godefroot vor, und danach treffen wir eine finanzielle Regelung. Auch der Arzt von der Universität Freiburg, der damals bei der Telekom im Dienst war, bat mich zu schweigen. "Demnächst werde ich Professor. Das verstehst du doch, Jef?"

Über die Telekom verriet ich nichts. Ich hatte Godefroot mein Wort gegeben. Ich

war ein Kind der Omertà. "Die Telekom hat mit der Festina-Sache nichts zu tun", sagte ich dem Beamten, der mich verhörte. Das System der Telekom war das Einzige, was sie zu interessieren schien. Sie fragten nach Riis' Hämatokritwerten und nach Ullrichs Vorbereitungsmethoden.

Nach zwölf Tagen Untersuchungshaft stellte sich heraus, dass die Staatsanwaltschaft nicht genügend Fakten hatte, um mich weiterhin in Haft zu behalten. Einige Fahrer, die sich widersprachen, das schon, aber sonst? Kein Beweismaterial, kein einziger positiver Doping-Test bei La Française des Jeux. Man ließ mich gehen.

Ich kam unter Auflagen frei. Ich durfte keinen Kontakt mit anderen Verdächtigen haben und musste eine Kaution in Höhe von 80 000 Francs, umgerechnet etwa 12 000 Euro, hinterlegen.

Im Dezember 2000 wurde ich zu neun Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von umgerechnet 3000 Euro verurteilt. In der Berufung, zwei Jahre später im März 2002, wurde das Urteil bestätigt. Meine Bewährungsfrist endete im März 2007, vor einem Monat.

Habe ich, im Nachhinein betrachtet, das Gericht belogen? Kaum. Ich war naiv. Über meine Zeit bei La Française des Jeux war ich ehrlich. Viele kamen davon, aber ich wurde geopfert. Und das, obwohl ich während meiner Arbeit bei La Française des Jeux außer ein paar Ratschlägen und Tipps nicht mehr viel mit den Vitaminen und Medikamenten der Fahrer zu tun hatte. Das gehörte in dieser Mannschaft einfach nicht zu den Aufgaben eines Soigneurs. Es gab keinen organisierten Doping-Plan.

Über das Team Telekom habe ich geschwiegen, ja. Ich wollte die Mannschaft von Godefroot schützen. Vorsichtshalber habe ich gesagt, dass ich nichts von Doping in der Mannschaft wusste. Schließlich hatte mich Godefroot gebeten zu schweigen. Er versprach mir eine finanzielle Regelung, wenn die Sache schlecht für mich ausginge, solange ich nur den Mund hielte. Er sagte, er würde mir Schweigegeld zahlen. Schmerzensgeld, so nannte er das. La Française des Jeux sollte die Hälfte meiner Gerichtskosten - zwei Millionen belgische Franken, umgerechnet etwa 50 000 Euro, für meine Anwälte - übernehmen, Godefroot die andere Hälfte.

Ich habe geschwiegen, aber Geld habe ich nie gesehen. Dennoch habe ich Godefroot verschiedene Male an sein Versprechen erinnert. Mein Anwalt hat 2000 nach Ende des Prozesses sogar seinen Anwalt angerufen, um zu fragen, wann das Geld überwiesen werde. Godefroot schickte daraufhin ein lapidares Briefchen, dass er mir kein Geld mehr schulde, dass er meine Gehälter immer pünktlich gezahlt habe und dass er nicht auf eine Erpressung eingehen werde.

Godefroot beschuldigte mich also der Erpressung. Okay! Wenn er mir Erpressung vorwirft, so muss es doch Dinge geben, mit denen man erpresst werden kann? Sein Brief war das Letzte, was ich von Godefroot hörte.

Es war nie besonders schwierig, ein positives Doping-Ergebnis zu vermeiden, manchmal aber verflixt schmerzhaft. Amphetamine können lange Zeit im Urin eines Radrennfahrers nachgewiesen werden, also ging es darum, für frischen, "sauberen" Urin im Glas des Doping-Kontrolleurs zu sorgen. Aber dieser Arzt ist immer dabei, wenn der Radrennfahrer pinkeln muss. Wir haben uns im Laufe der Jahre verschiedene Tricks ausgedacht, aber meistens holten wir die Urinspritze hervor. Frischer Urin musste direkt in die Harnblase gespritzt werden, und zwar kurz bevor der Radrennfahrer in den Doping-Raum ging.

Manchmal passierte auch schon mal ein kleines Malheur. Noël Foré bekam in den sechziger Jahren seine Doping-Kontrolle mit der Bemerkung zurück: "Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger".

Foré hatte vergessen, dass seine Frau schon im fünften Monat war.

Der Trick mit der Urinspritze funktionierte so: Zunächst betäubte ich die Harnröhre mit Xylocain, einem stark schmerzlindernden Gel. Ich schmierte es auf das Röhrchen, das ich in die Harnröhre einführte. Wenn diese betäubt war, schob ich das Röhrchen weiter hinein, etwa 20 Zentimeter tief. Sehr vorsichtig, denn es war noch immer etwas schmerzhaft. Am Ende des Röhrchens war ein kleines Bällchen. So

merkte man, wann man die Blase, eigentlich den inneren Schließmuskel, erreichte. Stach man durch diese Pforte, entleerte sich die Blase. Wir fingen den Urin des Fahrers auf und gossen ihn weg. Anschließend wurde die Blase mit Kochsalzlösung gereinigt. Dritter Schritt: die Blase nochmals entleeren. Dann war die Blase fertig für den vierten und letzten Schritt: Frischer, sauberer Urin eines Mechanikers

oder von mir selbst wurde eingespritzt. Der Fahrer konnte unbesorgt zum Doping-Test, die Gefahr, dass noch Spuren gefunden würden, war minimal.

Der Trick mit der Sonde ist seit Ende der siebziger Jahre ein fester Bestandteil im Radrennsport, auch heute noch. In dringenden Situationen ist die Sonde noch immer die leichteste, schnellste und wirksamste Methode, eine Doping-Sperre zu vermeiden. Heute spritzen sie zusätzlich neutralisierende Mittel in die Blase, das senkt die Fehlerquote gen null.

Inzwischen will die UCI ständig einen Wachhund in der Nähe der Fahrer haben. Keine Zeit mehr, um sich unbemerkt in das Wohnmobil oder den Mannschaftsbus zu schleichen.

Wird sich dadurch an dem Problem etwas ändern? Seit Epo werden immer öfter nicht nachweisbare Substanzen oder Methoden angewandt. Amphetamine können leicht gefunden werden, also werden sie im Radrennsport nicht mehr benutzt. Riis und Ullrich schliefen gut, ernährten sich gut, achteten auf ihre Blutwerte und brauchten keine Amphetamine mehr. Sie nahmen Epo, als es noch nicht nachweisbar war. Heutzutage benutzen die Fahrer Epo-Abwandlungen in niedrigen Dosen. Es gibt keine Tests, die so etwas nachweisen können. Ein Fahrer, der heutzutage Wachstumshormon nimmt oder eine Transfusion mit Eigenblut vornimmt, hat nichts zu befürchten. Kein Wachhund, der das verhindern kann. Die Fahrer, die heutzutage mit Doping erwischt werden, haben sich im Timing vertan oder sind ganz einfach Dummköpfe.

Es ist noch einfacher, wenn man die Kontrolleure auf seiner Seite hat. Ob das im großen Rahmen stattfindet, weiß ich nicht. Ich selbst habe es nie gewagt, Absprachen zu treffen. Aber ich weiß, dass es passiert. So hatte Rudy Pevenage 1996 Kontakt mit einem Labor in Gent. Er ließ dort erproben, wie lange Testosteron und synthetische Mittel im Urin und Blut nachgewiesen werden können.

Im Winter vor dem Tour-Sieg von Bjarne Riis schickte Pevenage wöchentlich einige Gläser mit Urin an das Labor in Gent. Dort wurden die Proben analysiert. So wussten wir, wie lange Hormone nachgewiesen werden können - Testosteron war nach drei Wochen aus Blut und Urin verschwunden.

Die Skandale und Prozesse, die den Radsport heimsuchten, von Festina bis Fuentes, haben dem Radsport genützt. Die Sponsoren sind geblieben, das Doping ist verschwunden. Oder es ist zumindest weniger geworden. Es ist nicht mehr die normalste Sache der Welt, Fahrer jeden Tag dreimal an den Tropf zu hängen. Die Kontrollen werden besser, die Teams strenger, die Toleranz sinkt. Die Mannschaftsärzte beraten noch immer über Produkte, aber schreiben nichts mehr vor oder setzen Spritzen. Die Risiken sind zu groß geworden. Der normale Radrennfahrer muss sauber bleiben, nur noch die großen Champions fahren nach Spanien oder Italien und versuchen es mit teuren Designerdrogen.

* Jan Ullrich, Bjarne Riis, Erik Zabel und Udo Bölts auf der Etappe von Turin nach Gap am 9. Juli 1996.* Mit Miguel Induráin und Lance Armstrong am 29. August 1993 in Oslo.* Mit dem damaligen Telekom-Chef Ron Sommer bei der Tour de France 1997.* Bei der Mannschaftspräsentation am 23. Januar 1996 in der Telekom-Konzernzentrale in Bonn.Jef D'hont: "Memoires van een Wielerverzorger". Van Halewyck Verlag, Leuven/Belgien; erscheint am 30. April.

DER SPIEGEL 18/2007
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Schweigen bis ins Grab