DER SPIEGEL



TIERE

Pelzsatans Verstummen

Von Bredow, Rafaela von

Der Beutelteufel, Ikone Tasmaniens, ist dabei auszusterben - ein ansteckender Gesichtskrebs rafft die Tiere dahin. Nie zuvor gab es eine ähnliche Seuche.

Zurzeit bekommt der Teufel Kinder. Gewöhnlich im April, nur 21 Tage nach Zeugung, gebiert er rosa Teufelchen, nackt und kleiner als Nordseekrabben.

Vier der Miniteufel passen in einen Teufelinnenbeutel. Darin wachsen sie etwa 21 Wochen heran, lange Zeit fest angedockt an Mamas Zitzen. Kuschelig geborgen überstehen die Winzlinge den kühlen Winter der Südhalbkugel; erst zu Frühlingsbeginn trauen sie sich raus.

Sich streng dem Rhythmus der Jahreszeiten anzupassen ist wichtig für den Beutelteufel Tasmaniens, den größten Fleischfresser unter den Beuteltieren. Und doch beobachten die Biologen immer häufiger einzelne Tiere, die sich nicht mehr halten an die alte Ordnung ihrer Art, die ihnen seit Abertausenden von Jahren das Überleben auf der australischen Insel gesichert hat. Zu früh zeigen sie sich zum Liebesspiel bereit und bringen zudem noch zur falschen Jahreszeit den Nachwuchs zur Welt.

Eine Krankheit ist es, die das Leben der Beutelteufel so durcheinandergewirbelt hat. Ein mysteriöser Krebs macht ihnen den Garaus: Seit der Entdeckung des ersten kranken Tiers vor elf Jahren haben die sonderbaren Geschwülste mehr als 75 000 der rabenschwarzen Aasfresser durchwuchert und getötet - etwa die Hälfte aller "Tassie Devils", wie die etwa waschbärgroßen Räuber von den Tasmaniern liebevoll genannt werden.

Der Krebs ist unabwendbar tödlich für die Tiere. "Haben sie erst mal eine Geschwulst, gibt es keinen Weg mehr zurück", sagt die Beutelteufel-Expertin Menna Jones von der University of Tasmania. "Ein solch extremes Maß an Letalität ist höchst ungewöhnlich", erklärt Nick Mooney, Wildtierbiologe der tasmanischen Regierung.

Was Forscher und Artenschützer besonders entsetzt: Die Wucherungen sind ansteckend. Wie gierige Parasiten springen die kranken Zellen über aufs nächste Tier, wachsen, lösen seine Knochen, Muskeln, Sehnen auf wie ein Säurebad.

Solch einen Krebs gab es noch nie. Wie die Pest breitet er sich aus. So erreichte das Leiden im Jahr 2001 die Freycinet-Halbinsel. 18 Monate währte es, dann waren dort alle ausgewachsenen Beutelteufel tot. Fast zwei Drittel des etwa bayerngroßen Tasmaniens sind bereits durchseucht. Im Nordosten, wo der Teufeltod seinen Ursprung nahm, hat er schon 90 Prozent der Raubbeutler erledigt.

Inzwischen wurde klar: Der Tasmanische Teufel, Ikone und Touristenattraktion der Insel, wird aussterben, wenn es nicht gelingt, den Krebs zu stoppen. "Das wäre unverzeihlich", sagt der Ökologe Mooney.

Tief sitzt noch das schlechte Gewissen wegen des Tasmanischen Tigers. Gnadenlos haben die Farmer den größeren Verwandten des Teufels bejagt, vergiftet und schließlich ausgerottet; 1936 starb das letzte Beutelwolf-Exemplar im Zoo.

So erlangte der Tasmanische Teufel als der größte verbliebene Raubbeutler den Status eines Symbols für die kostbare, unbedingt zu schützende Fauna der australischen Insel. Auf faszinierende Weise füllt er eine ganz ähnliche Nische wie in Afrika die Hyäne - sogar der schleppende Galopp beider Tiere ähnelt sich.

Ihren Namen bekamen die Teufel wohl von den ersten Europäern, die Anfang des 19. Jahrhunderts das damalige Van Diemen's Land besiedelten. Es ist nicht schwer zu sehen, wie die darauf kamen - allein die Laute, die der Pelzsatan von sich gibt, sind geeignet, einem unvorbereiteten Greenhorn des Nachts das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Das gotterbärmliche Greinen, das würgende Brüllen, Knarzen und Grollen gehört wohl zu dem schauderhaftesten Vokalrepertoire, das die belebte Welt hervorgebracht hat*.

Nicht gerade sympathisch auch die Tatsache, dass die Tiere alle Kadaver verschlingen, deren sie habhaft werden können - auch die ihrer eigenen Kinder, und zwar mitsamt Haut, Haar und Knöchelchen. Selbst Schädel knuspern sie gern.

Nicht zuletzt ihre Erscheinung lässt die Aasgenießer dem Antichrist verwandt erscheinen: das Tiefschwarz des Fells, die bei Erregung noch röter leuchtenden Spitzohren, das klaffende Maul mit seinen 42 Zähnen, die der Raubbeutler annähernd mit der Kraft eines Leoparden ins Fleisch seiner Opfer schlagen kann - im Verhältnis zu seinem Körpergewicht ist er das beißkräftigste Säugetier der Welt. Zu alledem verströmt er auch noch einen Gestank, der einem Skunk zur Ehre gereichen würde.

Als einen "Fall von Hässlichkeit, die bis in die Knochen reicht" beschrieb ihn ein Beobachter Anfang des vorigen Jahrhunderts. Voller Abscheu berichtet der Autor vom Gehabe der Beutelteufel: "Sie sind sehr wild und kämpfen häufig untereinander, während sie andere Geschöpfe morden aus mutwilliger Lust an der Metzelei." Aus "reiner Unbarmherzigkeit" rissen sie ihre Opfer in Stücke.

Es bedurfte einer jahrzehntelangen Imagekampagne von Verhaltensforschern, um den Beelzebub zum Botschafter seines Landes werden zu lassen. "Sie sind so tolle kleine Persönlichkeiten", schwärmt Biologin Jones. "Sensibel sind sie, sehr intelligent und frech." Ihr Gekreische, das Zähnefletschen, die Wutattacken, so kam heraus, sind Teil eines fein abgestimmten Drohverhaltens, mit dem die Aasfresser, eigentlich Einzelgänger, es schaffen, im Team selbst den Kadaver einer ganzen Kuh sehr schnell zu zerkleinern und aufzuteilen - ohne, wie es wirklich soziale Tiere tun, in zermürbenden Kämpfen die ausgefeilte Rangordnung aufrechterhalten zu müssen.

Aber vielleicht, überlegen nun manche Biologen, sind es genau seine Eigenheiten als ruppiger Fleischfresser, die ihn nun so anfällig machen für den Krebs.

Denn die bösartigen Zellen scheinen über Bisse den Wirt zu wechseln, beim Fressen oder bei der Paarung, die sich nicht gerade in romantischer Zärtlichkeit vollzieht. Dafür spricht, dass die Tiere bisher meist erst ab dem dritten Lebensjahr erkrankten - und mithin nach der Geschlechtsreife.

Und: Der Tumor startet seinen Vernichtungszug immer am Maul. Er beginnt mit kleinen, offenen Stellen an Gaumen oder Lefzen, wächst heran zu Beulen, klaffenden Wunden. Reihenweise fallen die Zähne heraus, die Augen werden durchwuchert. Bei lebendigem Leibe verrottet das teuflische Antlitz. Innerhalb weniger Monate können die Opfer nicht mehr beißen, nicht mehr schlucken - erbärmlich verhungern sie. Kein Tier ist resistent.

Die widerlichen Gewächse der Devil Facial Tumour Disease stellten die Tierärzte vor Rätsel. "Wir waren verwirrt", erzählt der Veterinär Stephen Pyecroft. "Wir waren zehn, elf Pathologen und hatten zehn, elf verschiedene Meinungen über das, womit wir es da zu tun hatten."

Mit einem Virus? Beim Menschen ist durch Ansteckung ausgelöster Krebs nicht unbekannt. Zum Beispiel können Papillomaviren das Erbgut der Zellen im Gebärmutterhals so verändern, dass diese entarten. Doch beim Beutelteufel fanden sich in keiner Probe, in keiner Krebszelle, nirgends irgendwelche Spuren von Viren, die als Verursacher in Frage kämen.

Dass es die Krebszellen selbst sind, die die Tiere anstecken, hat die Forscherin Anne-Maree Pearse in einer aufsehenerregenden Untersuchung herausgefunden. Sie stellte fest, wie ähnlich sich das Erbgut aller Tumorzellen ist: Sie alle besitzen nur 13 Chromosomen - und damit eines weniger als gesunde Zellen.

Das macht kein Virus.

Damit war klar: Die tödlichen Gebilde sind nicht etwa entartete Zellen des jeweils erkrankten Tiers. Vielmehr stammen sie ab von einer einzigen, einst in irgendeinem Ursprungstier zum Killer mutierten Zelle, quasi der Urmutter der Seuche. "Ich bin aus meinem Labor gestürmt und ums Gebäude herumgehopst", erzählt Pearse, so aufgeregt sei sie gewesen.

Aber ist das möglich: ansteckende Krebszellen? Seit August vergangenen Jahres darf sich Pearse endgültig bestätigt fühlen: Bei Hunden war man auf eine ähnliche Art Tumor gestoßen, die ebenfalls bei der Paarung übertragen wird. Wie beim Tasmanischen Teufel stammen die Wucherungen auch hier von einem gemeinsamen Vorfahren ab, der irgendwann ein Eigenleben als krankmachender Parasit zu führen begann. Allerdings töten diese wildgewordenen Krankheitsbringer ihre Wirte, die Hunde, nur sehr selten; es ist ein vergleichsweise zahmer Krebs.

Das Wettrennen gegen den Teufeltod läuft. Alle Details des eigenartigen Tumorleidens werden nun erforscht: Wie umgehen die tödlichen Zellen die Immunabwehr? Lässt sich ein Test entwickeln, mit dem befallene Tiere identifiziert werden können, bevor sich die erste Eiterbeule im Maul zeigt? Vielleicht sogar ein Impfstoff?

Damit der Beutelteufel nicht ausstirbt, bevor die Forscher Antworten gefunden haben, starteten die Tasmanier bereits ein Arche-Projekt: Um den Jahreswechsel herum haben sie nach langer Quarantäne 47 gesunde Tiere aufs Festland geflogen. "Versicherungspopulation" nennen sie die Gruppe. Wenn die Seuche den Tasmanischen Teufel komplett vernichtet hat, sollen die geretteten Beutler von der Tasman-Halbinsel aus ihre alten Streifgebiete wieder besiedeln.

Wobei ihnen dann neues Ungemach droht: Der Fuchs, von irgendwem Ende der neunziger Jahre eingeschleppt, könnte sich bis dahin still und heimlich in der Nische der Beutelteufel breitgemacht haben. RAFAELA VON BREDOW

* Hörprobe und Kurzfilme über den Beutelteufel auf www.spiegel.de/beutelteufel.

DER SPIEGEL 18/2007
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