Von Araghi, Verena
SPIEGEL: Herr Testino, obwohl hier in Düsseldorf gerade die neue Kunstmesse "duesseldorf contemporary" stattfand, scheint sich jetzt alles um Ihre Ausstellung "Out of Fashion" zu drehen*. Sämtliche Werbeflächen sind mit Plakaten zu Ihrer Schau besetzt. Sogar die Fahne Ihres Heimatlandes Peru hat man bei Ihrer Ankunft vor dem Hotel gehisst.
Testino: Ein Empfang wie für einen Staatsgast.
SPIEGEL: Sie haben in den ersten fünf Tagen mit "Out of Fashion" sagenhafte 12 000 Besucher angezogen. Ihre letzte Schau "Portraits" in der Londoner National Portrait Gallery war die meistbesuchte in der Geschichte des Museums. Weshalb sind Ihre Ausstellungen so erfolgreich?
Testino: Weil die Leute meine Welt fasziniert, der Glamour, die Stars. Sie lieben es, einer auf Überlebensgröße aufgezogenen Madonna oder Gwyneth Paltrow ins Gesicht schauen zu können. Oder ins Gehirn. Vielleicht mögen sie auch den hübschen Hintern von Gisele Bündchen. Ich weiß es nicht. Wenn die Leute allerdings nur in meine Ausstellung gehen, um sich schöne Gesichter und Körper anzusehen, das würde mich ein bisschen frustrieren.
SPIEGEL: Dabei ist Schönheit Ihr Geschäft. Sie gelten seit Jahren als der einflussreichste und auch bestbezahlte Modefotograf der Welt. Sie arbeiten täglich mit Models, Schauspielerinnen, Rockstars.
Testino: Ganz ehrlich, Schönheit langweilt mich. Als ich anfing zu fotografieren, so gegen Ende der siebziger Jahre, war ich nur an Schönheit interessiert. Und an ihrer Perfektion. Heute lasse ich mich lieber verärgern oder verstören durch ein Gesicht, das ich fotografiere.
SPIEGEL: Haben Sie sich an Schönheit sattgesehen?
Testino: Nein, aber mein Konzept von ihr hat sich verändert. Was ich früher als schön bezeichnete, finde ich heute furchtbar oberflächlich. Mein Blick ist tiefer geworden und fordernder. Ich habe unzählige wunderschöne Frauen und Männer in meinem Leben gesehen und dachte, diese Schönheit zu zeigen, sie auf eine Art Höhepunkt zu bringen, sei meine Aufgabe. Das sehe ich heute anders. Die Schönheit ist für einen Künstler oder einen Fotografen immer auch eine Gefahr, weil die Grenze zwischen ihrer Authentizität und ihrer Banalität hauchdünn ist.
SPIEGEL: Seit dem Tod des brasilianischen Models Ana Carolina Reston wird vor allem die Grenze zwischen Schönheit und Krankheit diskutiert. Die Modeindustrie gelobt Besserung und will in Zukunft nicht mehr mit zu dürren Models arbeiten. Nehmen Sie das der Industrie ab?
Testino: Die Models müssen doch schon jetzt nicht mehr so dünn sein. Dass in den vergangenen Monaten ein paar Mädchen an Magersucht gestorben sind, ist sehr bedauerlich, aber ich halte es nicht für richtig, die Modeindustrie für diese Fälle verantwortlich zu machen. Den Großteil der sehr dünnen Mädchen findet man sowieso unter den ganz jungen. Eine 15-jährige Jugendliche von 1,80 Meter kann doch gar nicht die Statur einer echten Frau haben. Die sind nur eins: lang und dürr. Es gibt im Modelgeschäft natürlich auch Mädchen, die es mit dem Hungern übertreiben. Aber da stecken wohl meist starke persönliche Probleme dahinter. Ich zumindest arbeite mit diesen Dünnen nicht. Ich mag Fleisch.
SPIEGEL: Die Diskussion der Modebranche dreht sich gerade auch um die ganz jungen Mädchen unter den Models. Sollte man
Ihrer Meinung nach eine Altersgrenze einführen?
Testino: Vielleicht wäre das sinnvoll. Aber ich weiß nicht, ob das etwas ändern würde. Ich habe kürzlich mit einem Mädchen gearbeitet, das erst 16 war, sich aber gab und aussah wie eine 20-Jährige. Zur Produktion flog sie allein von Amerika nach Europa, als ob es nichts wäre. Die Kinder sind mit den ihnen zur Verfügung stehenden Informationen und Netzwerken über das Internet, aber auch über das Privatfernsehen heute einfach früher erwachsen. Dabei hat selbst das Erwachsensein seine unterschiedlichen Abschnitte verloren. Es gilt: Alle sind jung - nur manche sind eben ein bisschen jünger.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?
Testino: Sprechen wir nicht drüber. Solange ich mich mit Kunst und Fotografie beschäftigen kann, geht's.
SPIEGEL: Sehen Sie sich selbst eigentlich als Künstler oder als Fotografen?
Testino: Als Fotograf und eine Art Zeitdokumentar, der von zeitgenössischer Kunst inspiriert und beeinflusst wird. Um Künstler zu sein, habe ich die falsche Arbeitsweise. Sehen Sie, der Entstehung eines modernen Kunstwerks geht meist ein langer Prozess der Reflexion voran. Ob ein Künstler ein oder zwei Jahre braucht, um eine Arbeit fertigzustellen, spielt keine Rolle. Meine Zeit, die ich für ein Bild aufbringen kann, ist immer limitiert. Ich fotografiere den einen Tag eine Kampagne für Burberry, den nächsten eine achtseitige Modestrecke für die "Vogue". Das heißt, das reflektierende Moment ist in meiner Fotografie sehr begrenzt.
Ich kann im Grunde erst anfangen nachzudenken, wenn die Arbeit schon getan ist.
SPIEGEL: Bedauern Sie das?
Testino: Manchmal hätte ich gern mehr Zeit für die einzelnen Aufträge, aber über die Jahre habe ich mich an das Tempo gewöhnt. Außerdem hat es meinen kreativen Instinkt geschult. Gott sei Dank, denn es fällt mir ja nicht jeden Tag etwas Geniales ein.
SPIEGEL: Sie sammeln seit zwölf Jahren zeitgenössische Kunst. Verfolgen Sie dabei eine Strategie?
Testino: Meine Strategie ist: Ich kaufe alles. Wenn ich einen Künstler entdecke, der mir gefällt, will ich jede Arbeit haben, die ich bekommen kann. Als ich mit dem Sammeln von Kunst anfing, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich mir anschaffte. Meine künstlerischen oder kunsthistorischen Kenntnisse waren gleich null. In meiner Kindheit und Jugend in Peru spielte Kunst keine Rolle. Da war ich nur besessen von Mode.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sich aus teuren Stoffen eine besondere Schuluniform nachschneidern ließen?
Testino: Ja, ich wollte sie perfekt haben, wenn ich schon den ganzen Tag in ihr rumrennen musste. Der Schnitt, die Knöpfe, das Innenfutter, das musste alles stimmen. Heute bedeutet mir Mode nichts mehr. Zumindest nicht an mir selbst. Sie ist mein größter Auftraggeber, hat mich aber auch schon in schlimme Krisen gestürzt.
SPIEGEL: Sie meinen, Sie haben kreative Krisen?
Testino: Jeden verdammten Tag. Ein neuer Auftrag, eine neue Krise. Meine Arbeit basiert im Grunde auf meiner Unsicherheit. Sie ist es, die mich antreibt. Die wohl größte Anstrengung in meinem Leben besteht darin, mich selbst immer wieder davon zu überzeugen, dass ich etwas kann. Dass mein Erfolg doch irgendeinen Grund hat. Ich muss all den Models und Hollywood-Stars ja auch den Eindruck vermitteln, dass sie sich bei mir nicht in die Hände eines Dilettanten begeben haben.
SPIEGEL: Jetzt kokettieren Sie. Stars wie Demi Moore, Robbie Williams und Angelina Jolie äußern sich hymnisch über die Arbeit mit Ihnen. In einem Vorwort zu Ihrem demnächst erscheinenden Bildband "Let me in!" nennt Nicole Kidman Sie den größten lebenden Fotografen überhaupt.
Testino: Sie ist eine Freundin von mir. Wenn Sie verstehen, was ich meine.
SPIEGEL: Die Branche kritisiert hin und wieder, dass Sie keinen erkennbaren Stil verfolgen.
Testino: Ein blödsinniges Urteil von Leuten, die keine Ahnung haben. Stil entsteht nicht durch Wiederholung, sondern er kommt mit der persönlichen Besessenheit, sich über etwas auszudrücken. Das kann Mode sein, Architektur oder wie in meinem Fall Fotografie. Das falsche Verständnis von Stil halte ich für ein Gefängnis.
SPIEGEL: Könnten wir uns zumindest auf eine gewisse Intimität einigen, die sich in Ihren Bildern wiederholt?
Testino: Ja, die will ich ja auch erzeugen. Mein Anspruch ist es, die Menschen, die ich fotografiere, dazu zu bringen, mir etwas zu geben, was sie niemandem sonst überlassen würden. Das klappt natürlich nur in einer intimen Atmosphäre. Und auch dann nicht immer.
SPIEGEL: Richard Avedon war bekannt für einen distanzierten Blick, der auch die Schwächen der Modelle für seine Bilder nutzte. Interessieren Sie sich überhaupt für die Schwächen der Menschen, die Sie fotografieren?
Testino: Nicht unbedingt. Ich will eine Verbindung, eine Beziehung, ich will in ihr Leben eindringen. Vielleicht steckt dahinter ein tiefer Wunsch von mir, akzeptiert zu werden und sich irgendwo zugehörig zu fühlen. Seitdem ich Peru im Jahr 1976 verlassen habe, bin ich nirgends wirklich zu Hause gewesen. Nicht in Paris, nicht in New York, nicht in London, wo ich überall mal gelebt habe. Die Außenseiterposition hat mich einerseits frei, andererseits aber auch auf ewig entwurzelt und manchmal ganz schön einsam gemacht. INTERVIEW: VERENA ARAGHI
DER SPIEGEL 18/2007
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