07.05.2007

ERZIEHUNG

Die Weltverbesserungsanstalt

Von Ehlers, Fiona

Als Gegenentwurf zur deutschen Regelschule und zum Lob der Disziplin wird eine Legende wiederentdeckt: Summerhill, der Hort der antiautoritären Pädagogik. Was für Menschen entlässt dieses britische Internat in die moderne Welt - Romantiker oder Global Player? Von Fiona Ehlers

Sie kamen mit dem Flugzeug aus Japan, Südafrika, dem europäischen Kontinent in den hintersten Winkel der Grafschaft Suffolk, nach Leiston, 150 Kilometer nordöstlich von London, nah am Meer. Sie bogen in die Einfahrt mit dem Schild "Achtung! Spielende Kinder!", ließen sich "Besucher"-Sticker an die Brust kleben und betraten das Gutshaus aus rotem Backstein.

Verwohnt sieht es aus, aber gemütlich. So, wie man sich die Villa Kunterbunt vorstellt; altmodische Veranda, die Dielen knarren, die Treppengeländer sind blank gerutscht, in der Halle hängen noch Girlanden vom Valentinstag.

Sie haben einen weiten Weg hinter sich bis nach Summerhill, einst Vorzeigeschule der antiautoritären Pädagogik, heute so etwas wie eine Legende. Als sie hörten, dass die Schule noch existiert, waren sie überrascht. Sie erinnerten sich an die Erziehungs-Bibel von Alexander S. Neill, dem Gründer von Summerhill, irgendwo hinten steht sie im Bücherregal und vergilbt. Sie ließen sich aktuelle Broschüren schicken mit Fotos von glücklichen Kindern und beeindruckenden Lebensläufen, jetzt sitzen sie hier, acht Elternpaare mit Töchtern und Söhnen, an niedrigen Tischen im Speisesaal - um zu prüfen, ob die Schule noch in die Gegenwart passt oder schon wieder.

Es ist ein warmer Frühlingsmorgen, "Tag der zukünftigen Eltern" im revolutionärsten Internat der Welt: Der Unterricht ist freiwillig, Stundenpläne sind nur zwingend für Lehrer. Die Schüler bestimmen, wie sie leben wollen und nach welchen Regeln. Noten und Zeugnisse gibt es nicht, Fluchen und Sex sind erlaubt, Religion ist tabu. Acht Lehrer leben hier zurzeit und 81 Schüler zwischen 6 und 16, die meisten aus Europa, ein Viertel Asiaten. Am Eingang werden Souvenirs verkauft: "Summerhill - seit 86 Jahren der Zeit voraus".

Ein paar der Eltern reden wie versponnene Weltverbesserer, sie glauben, dass Glück wichtiger sei als Leistung, und fragen, wie es die Schule mit Spiritualität halte. Kann mein Kind Yoga lernen, Tai-Chi, gibt es auch Tiere?

Aber einer sitzt unter ihnen, Winfried Felser aus Köln, Doktor der Betriebswirtschaft, 42 Jahre alt, wertkonservativ, wie er sagt, "weit davon entfernt, ein 68er zu sein" - ihn haben Frust und Ratlosigkeit außer Landes getrieben. Er macht sich Sorgen um seine Tochter. Sie besucht eine deutsche Regelschule, in der, wie fast überall, Verrohung herrsche und Lustlosigkeit, andererseits Leistungsdruck, Drill und Anpassung. Sie hat Lehrer, die Lehrpläne herunterbeten, Mitschüler, die stupide auswendig lernen und sofort vergessen; das Leben findet erst nach Schulschluss statt.

Felser kommt aus einer Republik, die hitzige Debatten führt über Schulsysteme

mit und ohne Zukunft, er weiß nicht mehr, was richtig ist oder falsch, er fragt: "Wie steht es hier mit dem Bildungsniveau, gibt es da Evaluationen?" "Kennen Sie Pisa?" "Was wird aus den Absolventen, kann meine Tochter später studieren?"

Es sind die Fragen eines Vaters, der das Buch "Lob der Disziplin" von "Deutschlands strengstem Lehrer", dem ehemaligen Salem-Leiter Bernhard Bueb, gelesen hat, es macht ihn wütend. Er sagt, er hoffe auf einen Ort, der Werte vermittelt, Solidarität, Eigeninitiative, wo aus Kindern mündige Bürger werden, ohne dass Erzieher Macht ausüben, deshalb sei er hier.

Seine Tochter Alara, ein pummeliges, aufgewecktes Kind mit braunen Locken, zehn Jahre, Gymnasialempfehlung, sitzt neben ihm und lässt sich jedes Wort übersetzen. Alara lerne gern, aber auf Zwang reagiere sie mit Faulheit. Ja, sie werde oft schikaniert, Kinder müssten ihre Kanten abschleifen, sei der Kommentar ihrer Lehrer. Am Ende des Tages, hat sie ihren Vater wissen lassen, werde sie entscheiden, ob sie in Summerhill bleiben wolle.

Zoë Readhead, 60, rotes Haar, Gummistiefel, sitzt inmitten der Eltern auf einem Tisch und baumelt mit den Beinen. Für sie ist Pisa eine Stadt in Italien, Disziplin ein Wort, das sie nicht benutzt.

Zoë Readhead ist die Tochter von Alexander S. Neill, seit 27 Jahren leitet sie das Internat. Sie kennt diese Fragen, sie kommen in Wellen, immer dann, sagt sie, wenn Konservative die Debatten bestimmten oder Erziehungsbücher zum Bestseller gejubelt werden müssten. "Gutes Benehmen kommt von allein, wie auch die Lust am Lernen", so denkt sie, und dass ihr Internat besser in die Gegenwart passe denn je. "Wir haben die Wirren der antiautoritären Erziehung überlebt, Skandale in der Presse, den Prozess um die Schließung. Wir haben bewiesen, dass wir funktionieren."

Summerhill sei eine Schule ohne Zwang. Eine Schule ohne Regeln sei sie nie gewesen. "Sehen Sie, da hängen sie", sie zeigt auf eine Mappe an einer Pinnwand. 152 Gesetze momentan, sie regeln Bettzeiten, die Höhe des Bußgelds. "Wir haben mehr Gesetze als andere Internate und kosten weniger: je nach Alter zwischen 10 000 und 17 000 Euro im Jahr. Have a look."

9.30 Uhr, die Schulglocke schrillt, die Eltern betreten den Hof, und endlich sieht man auch Kinder. Sie düsen auf Skateboards, basteln an Baumhäusern, ein Japaner kickt Bälle auf ein Tor. Miss-Sixty-Jeans oder Push-up-BH, die Uniformen der Konsum-Kids, sind hier out. Summerhill-Kinder tragen lässige Mützen und Flicken auf den Knien.

Meylis, 15, wartet am Pool. Sie ist im Besucherkomitee, führt zu den Klassenräumen, hell und improvisiert, zu den Schlafbaracken, Eintritt für Fremde verboten. Abseits, hinter Gebüsch, stehen Wohnwagen. Dort leben die Lehrer, erklärt sie, die verdienen wenig hier, Luxus interessiert die nicht.

Meylis und ihre Mitschüler müssen niemandem gefallen, schon gar nicht Erwachsenen. Früher waren sie auf normalen Schulen und haben gelitten. Tertius, 14, ein blonder Knirps mit Skateboard, sagt: "Früher war ich hyperaktiv, jetzt bin ich ruhiger." Er rammt das Bein eines Besuchers, lässt ihn stehen, kommt zurück und

reicht Tee. Susan, 15, Koreanerin: "Für Asiaten zählt nur der Erfolg, wir sind von Versagensangst zerfressen, ich bin lieber hier." Meylis, Brille, altklug: "Das Wichtigste ist die Freiheit. Wir engagieren uns für die Gemeinschaft und haben immer eine Meinung."

Der Traum von einer Schule also, Vorbild für eine bessere Gesellschaft? Man kann Summerhill altmodisch finden oder modern. Ein Relikt aus studentenbewegten Tagen. Oder ein Modell der Zukunft. Weil die Schule keine Anpasser produziert, sondern Demokraten. Weil sie statt der von Bueb geforderten Sekundärtugenden wie Ordnung und Fleiß auf Toleranz setzt, auf Kritikfähigkeit und Mitbestimmung.

Welchen Eindruck man mitnimmt aus Summerhill, hängt davon ab, was man hineinbringt - Vorurteile, Erinnerungen an die eigene Schule, die Antwort auf die Frage, ob man es selbst hier geschafft hätte.

Summerhill, so viel ist klar, macht es Fremden nicht leicht: Kritiker erwarten verwöhnte Chaoten, kaputtgeschmissene Fenster, Orgien, Anarchie. Wenig davon werden sie hier finden. Verehrer hingegen sind enttäuscht, dass nicht ständig Flower-Power herrscht, sondern oft gar nichts passiert. Ein unspektakulärer Alltag: Wecken ist um 8 Uhr, um 9.30 beginnt der Unterricht für die, die wollen, dann Lunch, Unterricht, Abendbrot, Bettruhe. "Ombudsmen" schlichten Streitereien, "Fines Officers" kassieren Taschengeld von denen, die sich nicht an die Regeln halten. Nur Putzen, Waschen und Kochen erledigt das Personal. Der Rest kann sehr langweilig sein.

Die Kinder sind stolz auf ihre Tradition, und doch klingt vieles, was sie sagen, auswendig gelernt. Das mag daran liegen, dass Fremde immer dieselben Fragen stellen: Fühlt ihr euch vorbereitet aufs Leben? Was lernt man, wenn man nichts lernen muss?

Sie sind es gewohnt, besichtigt zu werden wie seltene Exemplare der Gattung Kind. Sie machen sich nicht viel aus Fragen, sie stellen lieber selbst welche: "Ist Erfolg wichtig? Wer bemisst Erfolg? Ob wir Sex haben miteinander? No way, das wäre ja wie Inzest. Was wir gegen Langeweile tun? Gar nichts! Wenn wir sie nicht mehr aushalten, treibt sie uns in den Unterricht, und dort manchmal zu Höchstleistungen."

Über ihre Probleme mit der Freiheit oder den Frust mit der fremden Sprache sprechen sie nicht - keine Lust. Und wenn Summerhill-Kinder keine Lust haben, ist nichts zu machen. Sie verabschieden sich höflich, aber bestimmt. Die Klingel schrillt, zum Unterricht geht niemand.

Wie prägt diese Schule ein Leben, wie kommt man klar hinterher? Antworten haben nur Erwachsene, Ehemalige. Viele haben Vorwürfe, fast alle aber sagen, Summerhill sei das Beste, das ihnen passieren konnte, für eine Weile zumindest.

Alexander Rühle, 36, kommt vom Squash, er ist frisch geduscht, sein Haar ist kurz, er trägt einen Pullunder zum karierten Hemd und empfängt zur Tea-Time in einem Hotel an der Themse. Sein Handy klingelt. "Ja, das machen wir so", sagt er in geschliffenem Englisch, "aber das nächste Mal bitte strukturierter." Auf seiner Visitenkarte steht "Fondsmanager".

Alexander war neun, als ihm seine Mutter abends am Bett aus Neills Buch vorlas. Über das Kinderparadies in England, wo Lehrer Freunde sind und jeder tut, was er will, solange es niemanden stört. Er wollte dort hin, klar, sein Vater war dagegen. Der war Handelsattaché der DDR in Tunesien gewesen, später Republikflüchtling. Alexander besuchte eine strenge Schule in Paris, wenn er quatschte, bekam er ein Pflaster über den Mund.

Der Junge setzte sich durch. Er spielte viel in Summerhill, "um den Hass auf die alte Schule zu überwinden". Aber dann sei etwas mit ihm passiert, sagt er, es war wie Aufwachen. Er lernte Englisch in wenigen Monaten, schaffte Abschlussprüfungen in drei Fächern, hatte viel aufzuholen, paukte. Mit 17 ging er aufs College. Es war kein besonders gutes College. Seine Mitschüler waren Schnösel und Sitzenbleiber, sobald ihnen ein Lehrer den Rücken kehrte, flippten sie aus, jedes Wochenende waren sie blau oder bekifft. Rühle hatte sich längst ausgetobt, Rebellion kam für ihn nie in Frage. "Ich wusste schon damals, dass ich draußen überleben muss."

Rühle legte drei Uni-Abschlüsse hin, arbeitete als Analyst bei einem Hedgefonds. Heute ist er selbständig, sitzt vor sechs Bildschirmen bis tief in die Nacht und liebt, was er tut. Rühle passt in die globalisierte Welt, er sagt: "Früher brauchte man Fließbandarbeiter, heute Querdenker, Kreative, Multitasker - all das bin ich dank Summerhill." Gerade bekam seine brasilianische Frau das erste Kind. Ob er es ins Paradies schickt, überlegt er noch.

300 Kilometer weiter westlich lebt Freer Spreckley, 62, in einem ausgebauten Rinderstall bei Hereford, viel Glas, grandioser Blick rüber nach Wales. Er lebt hier noch nicht lange, mit seiner Frau, einer ehemaligen Summerhill-Lehrerin, und drei Kindern. Früher suchte er seinen Weg in der Welt.

Als Kind war der Brite das Gegenteil von Rühle, dem Deutschen. Freer trug den stolzen Vornamen eines Wikingers, als wäre es ein Versehen. Er war ein trauriger Junge, seine Mutter starb an Krebs, da war er drei.

Als er mit sechs nach Summerhill kam, spielten die Kinder vor dem Gutshaus und sagten, er solle nicht so glotzen, sondern mitspielen. "Das war der Moment, als ich lernte, Kind zu sein. Ein Kind mit Familie."

Spreckley, heute ein stattlicher Mann, Berater für Dritte-Welt-Organisationen, sagt, Summerhill habe ihn gelehrt, glücklich zu sein. Wer könne das schon von seiner Schule behaupten? Aber eigentlich sei es gar keine Schule, eher ein Ferienlager. Als man ihn entließ, war er 16 und konnte weder lesen noch schreiben.

Vor Spreckley auf einem Tisch steht ein getöpfertes Schälchen, sein Abschlusszeugnis aus Summerhill, wenn man so will. Spreckley war sehr gut im Töpfern. Zum Unterricht ging er selten, er litt an Legasthenie. Man hätte ihm helfen können, damals in den sechziger Jahren. Ein Lehrer versuchte es, aber er blieb nicht dran, es war nicht wichtig. Nach Summerhill reiste er fünf Jahre um die Welt, per Anhalter. Er spendete Blut in Kuweit, war bekifft in Kalkutta, im US-Radio trat er auf als eines der berühmten Kinder von Summerhill. Mit Mühe schaffte er den Führerschein, bis heute der einzige Leistungsnachweis seines Lebens.

Er versteckte sein Handicap, kritzelte Kringel, brachte Japanern Englisch bei, Buchstabieren ging nicht, nur Konversation. Als er in Australien Bulldozer fuhr, schlug ihm ein Kumpel auf die Schulter: "Einmal ein Arbeiter, immer ein Arbeiter." Spreckley empfand das als Beleidigung, er wollte so nicht enden, auf dem Bau, als Analphabet. Er schloss sich im Wohnwagen ein, schrieb Wörter aus dem Buch "Wer die Nachtigall stört" und schlug deren Aussprache nach. Nach drei Monaten hatte er sich selbst geheilt. "Wenn man wirklich etwas lernen will, kann man es schaffen", sagt Spreckley, dieser Grundsatz habe ihm damals geholfen, auch der sei ein Erbe aus Summerhill.

Glaubt er, Utopien der Linken ausgebadet zu haben? "Ein wenig schon", sagt er. "Man hätte mehr für mich tun können." Seine Kinder hat er auf normale Schulen geschickt. Manchmal tut ihm das leid.

Zu Spreckleys Zeiten war Summerhill eine unbekannte Provinzschule. Alexander S. Neill hatte sie 1921 in Deutschland gegründet, als "Neue Schule" bei Dresden, bald darauf zog sie um nach England. Neill, Sohn eines schottischen Rektors, war mit 15 Hilfslehrer und musste schlagen und strafen. Sein Traum: eine sorgenfreie Kindheit, die er nie gehabt hatte. Seine Überzeugung: Jedes Kind ist von Natur aus gut und begierig darauf zu lernen. Freiheit ist kein Versprechen, sie beginnt hier und jetzt. Zu einer Zeit, in der Schulen noch Pauk- und Prügelanstalten waren, war Summerhill, die erste freie Schule der Welt, wahrlich revolutionär.

Den Ruf einer Revoluzzer-Schule aber verpasste ihr erst die Generation der 68er. In Deutschland war Neills "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung" ein Bestseller, doch als man die Studentenrevolte für gescheitert erklärte, vergaß man auch Summerhill. Was gezählt hatte, war die Idee, die Welt durch Erziehung zu verändern. Wie Summerhill funktioniert, hatte kaum einer überprüft.

Der deutsche Buchtitel hängt bis heute wie ein Fluch über der Schule. Dabei hatte Neill den Begriff antiautoritär nie benutzt, sein Motto war "Freiheit, nicht Zügellosigkeit". Seine Schule war kein experimenteller Kinderladen, seine Schüler kamen klar mit der Freiheit. Bis heute, betont man in Summerhill, sei kein einziges Kind schwanger geworden, drogenabhängig oder rechtsextrem. "Lasst mich bloß in Ruhe mit den deutschen 68ern", soll Neill oft gewettert haben.

Neill war ein kauziger Typ im Cordanzug, sagt Freer Spreckley, ein schottisches Raubein, in seinem Mund steckte stets eine Pfeife. Die Kinder riefen "Neill, Neill, orange peel", er nannte sie "bloody folks", verdammte Racker. Er erzählte wundervolle Geschichten wie "Die grüne Wolke", war charismatisch, ein Theoretiker war er nie. Eltern aus aller Welt schrieben ihm Briefe und baten um Hilfe. "In der Erziehung", so sein Befund, "sind alle meschugge." Spreckley gab er "private lessons", so etwas wie Therapiestunden, ein bisschen Freud, ein bisschen Wilhelm Reich. "Meist sprachen wir über meine tote Mutter", sagt Spreckley, schluckt ergriffen und schaut auf sein getöpfertes Schälchen.

Neill starb 1973 mit fast 90 Jahren. Seine einzige Tochter wuchs hier auf, sie war mal das berühmteste Kind der berühmten Kinder von Summerhill. Zoë Readhead machte kein einziges Examen, nur eine Prüfung zur Reitlehrerin. Das war sie viele Jahre lang, bevor sie Schuldirektorin wurde, unterrichtet hat sie nie.

Auch Zoë Readhead kann gut mit Kindern, sie nennen sie "Mummy", manchmal backt sie Apfelkuchen, meist lässt sie die Schüler in Ruhe und kümmert sich um Personal und Finanzen. Sie sagt: "Kinder lernen mehr voneinander als von Erwachsenen." Die Ideen ihres Vaters sind ehernes Gesetz, es hat sich nicht viel geändert.

Mit Erwachsenen allerdings kann Zoë Readhead sehr energisch sein. Summerhill-Leute nennen Fremde "die aus der Außenwelt" und behandeln sie wie Eindringlinge. Journalisten finden sie aufdringlich. Die Lehrer sagen, sie seien gebrannte Kinder, seit ein britischer TV-Sender 1993 einen Film zeigte, in dem Summerhill-Kinder ein Kaninchen schlachten und Lehrer wirres Zeug erzählen. "Die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt auch Zoë Readhead und blickt auf ein Foto ihres Vaters, als suche sie Trost.

Im Laufe der Jahre hat Zoë Readhead gelernt, ihre Schule gegen die Außenwelt und deren Anfeindungen abzuschotten. Die Welt von Neills Ideen überzeugen zu wollen, hat sie aufgegeben. Manchmal reist sie noch zu Reformschulkongressen nach Japan oder Deutschland, aber auch dort gilt - so radikal wie das Original sind nur wenige. Meist sind die Eltern das Problem. Auch einige Summerhill-Eltern, sagen die Lehrer, misstrauen der Idylle: Sie laden ihre Problemkinder hier ab, doch sobald aus ihnen soziale Menschen geworden sind, melden sie sie wieder ab und schicken sie auf Internate mit gymnasialer Ausbildung. Summerhill als Besserungsanstalt, ist das der Trend? "Ich hoffe nicht", sagt Zoë Readhead und lächelt müde.

14 Uhr, Vollversammlung im Gutshaus. 50 Kinder sitzen in der Halle, auf Treppenstufen

und Fensterbrettern, aneinandergekuschelt, konzentriert. Sie stimmen ab, ob die Besucher teilnehmen dürfen. Sie dürfen. Tertius, der blonde Knirps, ist Vorsitzender und ruft die Fälle auf: Wer wann übers Wochenende weg darf, wer wie viel Milch bekommt. Dann wird verhandelt, ob ein Junge sein Holzgewehr mit sich herumtragen darf, obwohl das ein paar Kindern Angst macht. Sie melden sich, argumentieren geübt, lachen viel. Die Kinder beschließen eigene Gesetze, es ist der Höhepunkt jeder Woche, ein hartes Stück Arbeit. Sie lernen, Demokratie zu produzieren, nicht nur zu konsumieren. Sie haben eine Stimme, Rechte, aber auch Pflichten. Wer stiehlt, lärmt oder nervt, bekommt keinen Pudding oder wäscht ab.

Winfried Felser, der Deutsche, wirkt enttäuscht. "Pünktlich sind sie ja und lassen einander ausreden", sagt er. "Aber das dauert ja ewig, wenn alle mit allen über alles diskutieren." Seine Tochter hat sich davongeschlichen. Sie tobt vorm Haus und malt sich aus, wie es wäre, hier zu leben. "Ich könnte ja die Lehrer fragen", flüstert sie, "ob sie mir Extra-Hausaufgaben geben." Noch lebt sie in einer anderen Welt.

Angela Neustatter, 62, ist die Enkelin von Neills erster Frau Lillian, vier Jahre war sie Schülerin in Summerhill und musste sich ihr Leben lang dafür rechtfertigen. Journalisten fand sie damals doof, weil die ihr Geld zusteckten, damit sie vor Kameras rauchte oder nackt im Pool badete. Heute ist sie selbst Journalistin, arbeitet für den "Guardian" und schreibt Bücher über Menschen, die aus dem System rutschen: jugendliche Straftäter, schwangere Teenager. Neben ihr auf dem Sofa im Londoner Szenestadtteil Islington liegen Zeitungen: Mobbing an Schulen, tödliche Bandenkriege, Parallelwelten in Koranschulen - die Schlagzeilen eines gewöhnlichen Tages. Wäre die Welt besser, gäbe es mehr Schulen wie Summerhill? Summerhill funktioniere nur für die, die es sich leisten können, daran zu glauben, sagt sie. Kinder haben Macht - so etwas passe nicht in die heutige Gesellschaft, das sei nicht erwünscht.

Angela Neustatter glaubt an die Idee, aber sie kritisiert die Praxis. "Neill war davon überzeugt, dass Kinder leidenschaftlich gern lernen. Aber er hat nie darüber nachgedacht, wie man sie mit Leidenschaft unterrichtet." Nach Summerhill wechselte sie auf ein Schweizer Internat, das war "wie ein Fünf-Gänge-Menü nach all der makrobiotischen Kost". Dieses erhebende Gefühl, endlich Shakespeare zu lesen, angeleitet von Lehrern, die begeistern. In Summerhill warf mal einer ein Buch nach ihr, weil sie den Unterricht störte, das hat sie beeindruckt. Die meisten Lehrer aber seien Luschen gewesen oder hätten ihre Kindheit nachgeholt auf Kosten der Kinder.

Neustatter sagt, sie wolle nicht unfair wirken oder bitter, denn eines habe sie aus Summerhill mitgenommen, davon zehre sie noch heute: "Diesen fundamentalen Optimismus und den Glauben, dass die Welt es wert ist, in ihr zu leben." Aus Summerhillianern seien verantwortungsvolle Bürger geworden, Tony Blair könne stolz auf sie sein. Doch gerade der war einer der ärgsten Feinde.

Blair war gerade zwei Jahre im Amt, der Neoliberalismus in aller Munde, es war das Jahr 1999, die Links-Regierung wollte die Privatschule, die keinen Penny vom Staat bekommt, schließen. Wie schon zu Neills Zeiten kamen Schulinspektoren Ihrer Majestät. Diesmal beanstandeten sie keine undichten Toiletten, diesmal ging es um das Prinzip Summerhill, um die Frage: Schule ohne Unterrichtspflicht, passt das noch in die Welt? Sie wollten Summerhill schließen, ihr Befund: Die Schüler würden "Faulheit als Übung in persönlicher Freiheit missverstehen", ihre Bildung sei bruchstückhaft.

Die Schule zog vor den High Court in London, und der Erziehungsminister lenkte ein. Er bot an, den freiwilligen Unterricht zu tolerieren, sofern Summerhill die Schüler künftig zur Teilnahme "ermutigen" würde. Im Gerichtssaal hielten die Kinder ihr Meeting ab und stimmten dafür, den Deal anzunehmen.

Heute sitzt Anwalt Geoffrey Robertson, 60, der damals Summerhill vertrat, in seinem Londoner Büro und sagt: "Wir brauchen Summerhill mehr denn je." Für viele Kinder sei das Internat keine Lösung, sie brauchten früh feste Strukturen. Aber für Kinder, die Panik haben vor Prüfungen oder auf dem Schulhof verdroschen werden, sei es die Rettung. Er schüttelt den Kopf über die Deutschen und ihren neu erschallten Ruf nach Disziplin, der sei gefährlich, sagt er, Deutsche neigten zu Extremen, "das liegt wohl am Charakter, ich dachte, das hätten sie überwunden!"

Am Ende des Tages stehen Sterne über Summerhill, Licht dringt aus den Klassenräumen, und ein paar Kinder sitzen im Unterricht. Geschichte bei Nina, Wiener Kongress als Rollenspiel. "Stellt euch vor, ihr wärt Preußen oder Österreich und müsstet verhandeln", sagt sie und verteilt die Rollen. Maximus, MP3-Player im Ohr und schwer pubertierend, stolpert herein. "Wer soll ich sein? Fürst Metternich? Bin ich aber nicht!" Ob er wenigstens einen Krieg anzetteln dürfe, fragt er, ruft "peng, peng!" und erschießt sich. "Setz dich, mach mit, oder du fliegst!", sagt Nina. Er bleibt.

Die Fremden aber müssen gehen. Lehrerin Nina weist den Weg zum Ausgang. So sind die Regeln. Sie wollen unter sich sein. In ihrer Welt, auf einer Insel.

Winfried Felser, der Deutsche, sitzt derweil im Flugzeug nach Köln. Seine Tochter trägt ihr neues Summerhill-T-Shirt. Zu Beginn des Sommer-Terms wird sie wiederkommen.


DER SPIEGEL 19/2007
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