07.05.2007

SPANIEN„Tanz von Schlafwandlern“

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Attentäter von Madrid wird live in Fernsehen und Internet übertragen. Die Spanier meinen, diese Art der Öffentlichkeit diene der Wahrheitsfindung.
Wenn Roberto Gallego zu arbeiten beginnt, schaut er zuerst nach dem "Käfig" - einem Kasten aus Panzerglas, in dem 18 Angeklagte während der Verhandlung sitzen. Wie haben sich die Männer auf den Bänken gruppiert? Was haben sie an? Wie sind Spaniens meistgefürchtete Häftlinge heute aufgelegt?
Gallego ist Techniker der Firma Fujitsu. Im Auftrag des spanischen Nationalen Gerichtshofs bedient er vier Kameras, mit denen der spektakulärste Terrorismusprozess Europas aufgezeichnet wird. Seit dem 15. Februar müssen sich in Madrid insgesamt 29 Angeklagte für jene Zugattentate verantworten, bei denen am 11. März 2004 191 Menschen getötet und 1824 verletzt wurden.
Der Prozess in einem umgerüsteten Klinkerbau auf dem ehemaligen Messegelände ist ein rund um den Globus beachtetes Justizexperiment. Per Internet können sich Zuschauer von jedem Ort der Erde aus in den Gerichtssaal klicken, um zu sehen, wie über ein besonders grausames Attentat des globalen Dschihad verhandelt wird. Unter www.datadiar.tv kann jeder miterleben, wie sich die Verdächtigen rechtfertigen und wie die Anwälte sie verteidigen - ein Prozess für die Welt.
Das Bild, das Roberto Gallego an seinem Mischpult auswählt, geht zuerst an das staatliche spanische Fernsehen. TVE verteilt das Signal an alle, die Interesse an der Direktübertragung haben. Das sind in Spanien Millionen Neugierige - neben einigen regionalen und privaten Fernsehsendern bietet das spezielle Internet-Portal für Juristen der Firma Datadiar den vollständigen Terrorprozess an. Auch in den Vereinigten Staaten, in Peru, Deutschland und sogar in Pakistan rufen Internet-Nutzer die Direktübertragung auf - bis vergangene Woche waren es sechs Millionen "page impressions".
Die virtuellen Besucher sind mit dabei, wenn Rabei Osman Ahmed, genannt "Mohammed der Ägypter", verdächtig als Ideologe der Attentäter, die Fernbedienung für die arabische Übersetzung in der Hand dreht und behauptet: "Ich bin völlig unschuldig." Sie lassen sich zu Tränen rühren von den Erinnerungen der Überlebenden des Anschlags: "Ich sah Leute herumlaufen, es war wie der Tanz von Schlafwandlern", hören sie die Stimme eines 21-jährigen Spaniers, der in der Folge drei Gehirnschläge erlitten und das Gehör verloren hat.
Der gelernte Fernsehjournalist Julio López arbeitet seit sieben Jahren für das juristische Portal Datadiar. Er sitzt, im Keller des Gerichtsgebäudes, im Presseraum an einer kleinen, mobilen Übertragungseinheit. López kodiert das empfangene offizielle Bild und stellt es mit 20 Sekunden Verzögerung ins Internet. Das reicht aus, um Namenszeilen und Zusatzinformationen in Schriftbändern einzublenden. Den Link zum Prozess über Datadiar haben inzwischen nicht nur juristische Websites, sondern zahlreiche Online-Medien im In- und Ausland übernommen.
So versuchen in aller Öffentlichkeit der Gerichtspräsident und zwei Kollegen in ihren mit breiten weißen Spitzen besetzten schwarzen Seidenroben Klarheit in die immer noch wirren Hintergründe der Tat zu bringen. Wie war das, als die zehn Bomben morgens im Abstand von Minuten in vier Pendlerzügen explodierten, kurz vor deren Einfahrt in den zentralen Bahnhof
Atocha? Um die 10 000 Menschen sind als Angehörige direkt betroffen. Nicht alle finden im Gerichtssaal und in einem eigens für die Opfer mit fünf Plasmabildschirmen ausgerüsteten Raum im Keller Platz, wo Psychologen und Ärzte den Traumatisierten Hilfe leisten können. Es gilt 38 667 Jahre Haftstrafe über jeden der sieben Haupttäter zu verhängen, so viel hat die Staatsanwaltschaft gefordert.
Am meisten fasziniert die Öffentlichkeit das Gezerre um die Wahrheit vor Gericht. Die Attentate und die Suche nach den Schuldigen haben Spanien gespalten. Nur drei Tage nach dem blutigen 11. März wurde die konservative Regierung von José María Aznar abgewählt. Sie wollte glauben machen, die baskische Terrorbande Eta habe die Pendlerzüge gesprengt, während Polizei und Geheimdienst schon sichere Hinweise auf islamistische Täter hatten. Die Sozialisten um José Luis Rodrigúez Zapatero gewannen die Wahl am 14. März 2004.
Die Frage nach den Hintermännern ist in Spanien noch immer das entscheidende Politikum. Konservative Zeitungen und Fernsehsender werden nicht müde, die Ermittlungen des Nationalen Gerichtshofs ins Lächerliche zu ziehen. Die meistgelesene Tageszeitung "El País" wiederum, den Sozialisten nahestehend, spöttelt über konspirative Spinnereien. Das Publikum aber, des Gezänks überdrüssig, hält sich ans Internet als Mittel der Aufklärung. Die Spanier, sagt Richter Javier Gómez Bermúdez, wollten ähnlich dem heiligen Thomas "mit eigenen Augen sehen, um zu glauben", dass die Justiz nicht unter Parteilichkeit leidet oder im politischen Auftrag handelt.
Der Umgang mit den neuen Medien ist dem Vorsitzenden Richter nicht fremd. Mit seiner Frau, einer Journalistin, brachte er gerade ein Handbuch über Justiz und Öffentlichkeit heraus. Verbündete findet er im spanischen Verfassungsgericht, das vor drei Jahren zur Öffnung der Gerichtssäle ausdrücklich aufforderte. Gómez Bermúdez ließ deshalb 43 Mikrofone installieren. Sämtliche 93 226 Seiten Ermittlungsakten können mit einem elektronischen Suchprogramm gefunden werden. Wichtige Beweise lässt der Richter nicht nur im Saal zeigen, er spielt sie auch über seinen Laptop auf die 17 im Gericht verteilten Bildschirme und ins Fernsehen ein.
Manchmal wendet sich Gómez Bermúdez direkt an seinen Gehilfen: "Roberto, die Kamera", sagt dann der kleine Mann mit der rahmenlosen Brille und dem spiegelglatt geschorenen Denkerschädel. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, bedient er sich zudem eines Laserstrahls. Den lässt er von der Decke schießen, um mit einer eigenen Kamera von Zeugen mitgebrachte Dokumente einzuscannen und sie in seine Akten aufzunehmen.
Live verbreitete Gerichtsverfahren sind für deutsche Verhältnisse ein Unding. Gerichtspräsidenten achten hierzulande darauf, dass alle Kameras aus dem Saal getragen werden, bevor die Sitzung beginnt. Am Tabu der Übertragung in Ton und Bild haben bislang die Fernsehanstalten in Deutschland vergebens gerüttelt. Die Gegner der Bilder aus dem Gerichtssaal befürchten, die Prozesse könnten zur Volksbelustigung verkommen wie Talkshows oder den Voyeurismus bedienen wie "Big Brother".
Der Gefahr, dass es so weit kommt, haben die Spanier vorgebeugt. Eine Beamtin des Justizministeriums und die Pressesprecherin des Nationalen Gerichtshofs sitzen, versteckt hinter verspiegelten Scheiben, mit dem Techniker Gallego im Kabäuschen. Sie achten darauf, dass Zeugen nicht von vorn gezeigt werden. Einige besonders geschützte Vorgeladene dürfen ohnehin hinter einer Jalousie aussagen, so dass die Angeklagten ihr Gesicht nicht erkennen. Meist ist daher die Richterbank zu sehen. Staatsanwälte, Verteidiger oder Opferanwälte, die als Nebenkläger auftreten, werden frontal gezeigt, sobald sie Fragen stellen.
Wenn Prozessbeteiligte der Versuchung erliegen, die Anwesenheit der Weltöffentlichkeit zur eigenen Profilierung oder zur Verbreitung unbewiesener Anschuldigungen zu nutzen, weist Gómez Bermúdez sie schneidig zurecht: Fragen dürften nicht "impertinent" werden. Wenn das nicht hilft, bleiben ihm drei weiße Knöpfe. Wenn er sie drückt, verstummen die Mikrofone.
Die Angeklagten haben sich offenbar mit der weltweiten Übertragung abgefunden, vielleicht genießen sie sogar den zweifelhaften Ruhm ihrer Taten. Einige reden miteinander, andere verfolgen tief versunken über Kopfhörer die arabische Übersetzung. Der mutmaßliche spanische Sprengstoffbeschaffer verbringt die Zeit mit Nägelkauen und Nasebohren.
In einem eleganten verglasten Neubau im Madrider Vorort Pozuelo de Alarcón sitzen mehr als hundert Rechtsexperten und Sozialwissenschaftler des Internet-Portals Datadiar an Computern, um die Prozessbilder zu verarbeiten. Unter ihren Füßen laufen dicke Kabelautobahnen zur Verteilerzentrale. Die meist jungen Juristen machen Überstunden, um Zusammenfassungen und Dokumentationen, auch auf Englisch, zu verfassen und die Befragung fast zeitgleich als elektronische Datei auf den Server zu stellen.
50 Millionen Euro haben Investoren in Datadiar gesteckt. Der Zugang zum Portal ist gratis, die Firma hofft aber, mehr Abo-Kunden für die kostenpflichtigen Angebote zu werben. Das Modell, Prozessübertragung mit ausdruckbaren Dokumenten und juristischer Ausbildung im Internet zu verbinden, will Datadiar ins Ausland verkaufen.
Auch dem spanischen Staat ist die Übertragung aus der Casa de Campo Millionen wert. Das Justizministerium bezahlt die Direktübertragung und deren Regisseur Roberto Gallego. Es bleibt noch viel zu tun, denn die Hauptverhandlung wird sich hinziehen, bis die Richter sich zur Urteilsfindung zurückziehen. Mindestens bis Mitte Juli. HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 19/2007
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