07.05.2007

PSYCHOLOGIEDrang zum Ding

Gibt es Liebe zu Laptops oder Sex mit Dampfmaschinen? Experten rätseln über die bizarre sexuelle Spielart der Objektophilie.
Der 9. November 1989 war ein grauenvoller Tag für Eija-Riitta Eklöf-Mauer. Eine Horde Entfesselter trampelte in Berlin auf ihrem Ehemann herum, traktierte ihn mit Hämmern, riss ihm ganze Stücke aus dem Leib. "Angesichts all der emotionalen Verbundenheit, tiefen Liebe und den guten Erinnerungen, die mich mit ihm verbunden haben, war der einzige Weg zu überleben, dieses schreckliche Ereignis zu verdrängen", berichtete die Schwedin Jahre später traumatisiert auf ihrer Homepage.
Am 11. September 2001 wurde in New York der Geliebte der Berlinerin Sandy K. auf offener Straße regelrecht hingerichtet. Ort und Tatzeit beider Fälle mögen weit auseinanderliegen, doch die Besonderheit der Umstände schuf aus beiden Frauen eine - wenn auch unausgesprochene - Schicksalsgemeinschaft.
Im Jahr 1979 hatte Eklöf mit der Berliner Mauer den Bund fürs Leben geschlossen. Seither trägt sie, amtlich beglaubigt, ihren Doppelnamen. Sandy K. war seit ihrem achten Lebensjahr heillos verliebt in die New Yorker Zwillingstürme. Weder waren die Lebenspartner der beiden Hinterbliebenen übermäßig gesprächig, noch schienen sie Qualitäten als Verführer zu besitzen. Doch ihren Verehrerinnen galten die Bauwerke als männlich, sexy und ausgesprochen begehrenswert.
Der Drang zum Ding scheint so übermächtig, dass Sandy K., 25, bekennt: "Ich fühle mich im Bereich der Liebe ausschließlich zu Dingen hingezogen, eine Liebesbeziehung zu einem Menschen könnte ich mir nicht vorstellen."
Die radikale Abkehr vom zwischenmenschlichen Begehren machte die junge Frau nicht zur Einzelgängerin. Längst hat sie Einlass in einen Kreis von Gleichgesinnten gefunden, die sich allesamt der Liebe zur Sache verschrieben haben. Sie nennen sich selbst Objektophile oder auch Objektsexuelle. Experten stehen bei der Deutung des Phänomens vor einem Rätsel.
Einzig der inzwischen emeritierte frühere Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, Volkmar Sigusch, glaubt sich auszukennen. In seiner Auslotung moderner "Neosexualitäten" widmet er sich ausführlich dem Hang zum Gegenstand. In ihm sieht der Sexforscher einen Beleg für seine These, dass die Gesellschaft zunehmend in die Asexualität treibe: "Immer mehr Menschen leben erklärtermaßen oder offensichtlich ohne eine intime und vertrauensvolle Beziehung zu einem anderen Menschen." Ein ganzes Heer Vereinsamter bevölkere die Städte: "Singles, Isolierte, Kultursodomiten, viele Perverse und Sexsüchtige."
"Wir sind keineswegs bloße Fetischisten", beteuert Joachim A. und erläutert sogleich den Unterschied: "Für den einen oder anderen wird das Auto zu einem Fetisch, über den er sich selbst in Szene setzt. Dem Objektsexuellen hingegen ist einzig und allein das Auto selbst der begehrte Sexualpartner, um den sich all seine sexuellen Phantasien und Emotionen ranken."
Der 41-Jährige erkannte und akzeptierte seine Neigung als Zwölfjähriger. Damals stürzte er sich Hals über Kopf "in eine emotional und körperlich sehr komplexe, innige und langjährige Beziehung" zu einer Hammondorgel. Inzwischen ist Joachim A. seit einigen Jahren ziemlich fest mit einer Dampflokomotive zusammen. Da seine Hormone besonders durch das technische Innenleben von Dingen in Wallung geraten, endeten in der Vergangenheit besonders Reparaturen im Seitensprung. "So konnte eine Liebesgeschichte durchaus mit einer defekten Heizung beginnen", erinnert sich der inzwischen monogame Liebhaber an die Anbahnung früherer Affären.
Allmählich erkannte Joachim A.: "Seinem Objektpartner kann man sich in einer intimen Art und Weise zeigen und offenbaren, wie man sich keinem anderen Menschen gegenüber offenbaren würde." Dazu gehöre auch der Wunsch, "gemeinsam Sexualität zu erleben".
Zwar stellt die äußere Gestalt der Angebeteten den Wunsch nach partnerschaftlichem Vollzug mitunter vor Probleme - die von vielen Objektsexuellen jedoch sehr pragmatisch gelöst werden: Sandy K. ließ sich ein Modell der Twin Towers im Maßstab 1:1000 anfertigen. Wie beim Vorbild besteht die Fassade der Nachbildung aus eloxiertem Aluminium, "damit sie sich originalgetreu anfühlt". Die metallene Miniatur besitzt einen weiteren handfesten Vorteil: Sie rostet nicht, wenn Sandy K. "einfach mal ein wohltuendes Bad mit ihr zusammen" nimmt.
Der erotischen Erlebnisfähigkeit sind offenkundig kaum Grenzen gesetzt, so etwa, "indem man sich gemütlich im Bett zusammenkuschelt - was mitunter sehr anregend wirkt".
Der Psychologiestudent Bill Rifka - 35 Jahre alt und liiert mit einem iBook - gesteht wiederum, er habe "schon oft mit so manchem süßen Laptop auf Ebay geflirtet und dabei echte Lustgefühle empfangen". Wie alle Objektliebenden ordnet auch Rifka seinem Partner ein eindeutiges Geschlecht zu: "Mein Macintosh ist für mich männlich. Ich lebe also sozusagen eine schwule Beziehung."
Die homoerotische Neigung zum Objekt teilt er mit Doro B., 41. Die verguckte sich während der Arbeit in eine metallverarbeitende Maschine und spürte "auf Anhieb eine weibliche Präsenz". Von Stund an lockt die Apparatur mit "süßem Brummeln", gibt mitunter aber auch Anlass zur Sorge: "Die Süße hat rumgezickt und mal wieder ihr Messgerät geschrottet", notierte B. ängstlich in ihrem Internet-Tagebuch.
Im Alltag muss Doro B. ihre Zuneigung "auf Küsschen und Streicheleinheiten beschränken - da ist es nicht so schlimm, wenn das mal jemand sieht". In den eigenen vier Wänden und "für mehr" holt sie dann ein Teilstück oder ein Modell der Gespielin hervor. Dies sei "allerdings kein Ersatz, sondern eine Ergänzung. Daher ist es für mich auch kein Betrug. Das Modell dient als eine Art Faxgerät, um der Liebsten meine Gefühle zukommen zu lassen".
Als krankhaft mag Sexualforscher Sigusch solche Sonderbarkeiten nicht klassifizieren. "Die Objektophilen schaden niemandem, missbrauchen und traumatisieren keine anderen Menschen", urteilt er und folgert milde: "Von wem kann man das schon sagen?" FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 19/2007
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