07.05.2007

SCHRIFTSTELLER „Ich sterbe doch gerne“

Im vergangenen Herbst diagnostizierten die Ärzte bei Walter Kempowski Krebs. Sie gaben ihm noch drei Monate zu leben. Die hat er überschritten und nutzt die Zeit für seinen letzten Roman. Jeder Tag ist ein großes Glück - auch für die Nachwelt. Ein Vorruf. Von Benjamin von Stuckrad-Barre
Auf dem schwarzen Flügel liegen Choral-Noten: "Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen / Dass man ein solch hart Urteil hat gesprochen? / Was ist die Schuld, in was für Missetaten / Bist du geraten?"
Hildegard Kempowski steht neben dem Flügel an der langen Fensterfront des Saals, der für Seminare und Lesungen ans Wohnhaus in Nartum, Niedersachsen, angebaut wurde. "Walter hat gesagt, Sie kommen bestimmt, um dann beizeiten einen hübschen Nekrolog zu verfassen", sagt sie und guckt hinaus auf die Felder.
Sie erzählt von der Krebserkrankung ihres Mannes, dass er inzwischen weitgehend künstlich ernährt wird, dass er an fester Nahrung nur noch Apfelmus und Melonen zu sich nehmen kann. Und die Melonen hätten aber bitte reif zu sein, allerdings auch nicht zu reif. Sie lacht. In Kempowskis Tagebüchern ist öfter zu lesen, dass andere Menschen häufig fragten, wie sie es überhaupt aushalte an der Seite eines solchen Egozentrikers. Hildegard Kempowski hat es gut ausgehalten. Ohne sie, auch darüber geben die Tagebücher Auskunft, hätte er sein umfangreiches und in jeder Hinsicht beeindruckendes Werk nicht in die Welt stellen können. Einer der Lieblingssätze Kempowskis ist dieser: "Kempowski gilt als schwierig" - nur echt mit Schulterzucken und unschuldigem, extra dämlichdurchsichtigem Blick.
Momentan schlafe er, sagt sie, sie gehe dann mal nach oben, ihn zu wecken. Aber er schläft gar nicht, und oben ist er auch nicht, er sitzt nur ein paar Meter weiter, im an den Saal angrenzenden Turm, in sich versunken - vielleicht, wahrscheinlich sogar, hat er uns belauscht.
Da kommt er angeschlurft, trägt einen Rucksack in der rechten Hand, aus dem ragt ein Schlauch, dessen Ende unters Hemd führt, so ernährt er sich. Listig, vergnügt, skeptisch - so hat er immer geguckt, so wird er immer gucken. "Na, mein Herr? Sie sehen aber gut aus, machen Sie Sport?" Nein, niemals. Das, sagt Kempowski, das sei auch gut so.
Und weil man bei ihm bitte immer direkt sein soll, sagt man es eben: Sein gesamtes Werk ist durchwoben von der brutalen, dabei niemals hämischen Variation über das Päckchen, das ein jeder zu tragen hat,
welche Schuld, welches Schicksal einer mit sich auch herumträgt, in welche Missetaten er geraten ist - Kempowski war immer der Rucksack-Experte, den vor allem interessierte, wie dieser jeweils geschultert wurde.
Nun trägt also dieser spätestens durch sein Mammut-Collagewerk "Das Echolot" zum Paradeschulterer des Landes Gewordene seinen Defekt, der gleichzeitig seine Rettung ist, so prosaisch mit sich herum, in diesem Nylonrucksack.
Ohne seine Haftzeit in Bautzen von 1948 bis 1956, das hat er immer wieder gesagt, hätte er all seine Bücher weder schreiben müssen noch können. Und er findet diese Banaldeutung auch gar nicht albern, es ist ja ein Missverständnis, dass man mit ihm nicht reden könne, dass man bei ihm vorsichtig sein müsse. Nein, mit Kempowski konnte und kann jedermann jederzeit reden, außerhalb der bitte zu beachtenden Mittagsruhe. "Ja, Päckchen tragen, stimmt, das ist gut. Man muss dankbar sein. Leicht gesagt, aber das ist eben meine Erfahrung: Je monströser das Leid, das man zu tragen hat, desto leichter ist es vielleicht. Wenn einem die Frau wegläuft, ist das im Grunde kein Problem. Aber dass man die großen schrecklichen Einbrüche im Leben umdrehen kann - darum geht es."
In der Vorbemerkung zum "Echolot" beschreibt Kempowski ein Erlebnis, das als Urknall seines Werks erscheint: Ein "eigenartiges Summen" vernahm er beim Hofgang in Bautzen, und der Wärter erklärte dem Häftling Kempowski, "das sind Ihre Kameraden in den Zellen, die erzählen sich was".
Jede drittklassige Demonstration in Deutschland richtet sich "gegen das Vergessen", wirklich ernst gemacht mit diesem Leitspruch hat aber hierzulande niemand so wie Walter Kempowski, beeindruckt, ja traumatisiert davon, dass in Bautzen damals dieser "babylonische Chorus ausgesendet wurde, ohne dass ihn jemand wahrgenommen oder gar entschlüsselt hätte". Und so ist seine Chronik des deutschen Bürgertums mit all ihren Seitenarmen eine Art Fangnetz, ein Abflusssieb des 20. Jahrhunderts. All denen, die er zitierte und montierte, gab er mit seinem Werk eine Stimme; begonnen hat er damit in Bautzen, wo er tatsächlich eine Weile lang das Amt des Häftlingschorleiters innehatte.
"Faction" nannte er es und trieb ein Verfahren auf die Spitze, dessen sich auch Thomas Mann, Karl Kraus, Georg Büchner und natürlich Goethe schon bedient hatten, aber da Dummheit hierzulande keinen direkten Straftatbestand darstellt, kamen natürlich auch gegen Kempowski immer mal wieder Plagiatsvorwürfe auf. Oder er wurde gefragt, wann er denn endlich mal wieder "was Eigenes" schreiben werde.
Wir nehmen Platz im Teepavillon, draußen scharren die Hühner im Dreck beziehungsweise Futter. Auch wieder sehr Kempowski-literarisch, diese Verfahrensweise. Zwischen Messingstövchen und Lesebrille liegt ein Notizbuch auf dem Tisch, Kempowskis Tagebuch. "Gucken Sie ruhig rein!" Veröffentlicht hat er bislang seine Aufzeichnungen der Jahre 1983 ("Sirius"), 1989 ("Alkor") und 1990 ("Hamit"), als Nächstes folgt 1991. Kempowskis Werk wird - aus zwar erklärbaren, dadurch aber nicht weniger unsinnigen Gründen - häufig für vergangenheitsbesessen, gegenwartsabgewandt und anstrengend gehalten; doch tun dies Leute, die ernsthaft behaupten, gern, oft und mit Genuss etwa Christa Wolf und Günter Grass zu lesen und auf Nachfrage zugeben, keine einzige Zeile Kempowski je gelesen zu haben.
Andernfalls wüssten sie ja auch, dass seine Bücher zum Amüsantesten, Anrührendsten und Bedeutendsten gehören, was in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde. Im Besonderen gilt dies für seine Tagebücher, die sein übriges Werk so glänzend unterfüttern und verbinden, in denen er sich erklärt, verklärt, stilisiert und in Frage stellt, so intim wie distanziert, so ironisch wie ernst. Der Editionssicherheitsabstand zum Entstehungsjahr hat dem erhellenden Lesevergnügen nie geschadet, im Gegenteil.
Und da nun also in actu reingucken? "'Ich habe so wenig Zeit, dass ich, wenn ich pinkele, mir dabei die Zähne putze' - so was würden die meisten doch nie in ihr veröffentlichtes Tagebuch hineinschreiben, aber das gehört doch zum Leben dazu. Goethe hat das auch gewusst, dass man ab und zu mal furzen muss."
Er guckt auffordernd, ist ja auch sehr schnell beleidigt, das ist bekannt. Also, Buch auf, und da steht heute: "Früh auf, wg. Tröpfelmann". Er zeigt unerschrocken auf den unterm Hemd verschwindenden Schlauch: "Ich habe hier oben ein Loch, da kommt eine Nadel rein, und dann tröpfelt das. Man muss oft pinkeln davon. Dann kommt früh morgens ein Herr Schulze vom Diakoniewerk und hilft mir bei den diversen Verrichtungen. Der kam neulich eine Stunde zu spät, das habe ich stark gerügt. Ich sagte: ,Ich habe ja auch zu tun. Ich bin ja kein Faulsack.'"
Nein, faul war er wirklich nie. Penibel und stolz hat er immer mitgezählt, wie viele Druckseiten er nun schon zur Welt gebracht hat, an seinem "Echolot" hat er 25 Jahre gearbeitet, und in den Tagebüchern
formuliert er immer wieder die Sorge, vor Fertigstellung von der Erde abberufen zu werden, seine letzten Romane trugen mit "Letzte Grüße" und "Alles umsonst" schon Kempowski-typisch lakonisch winkende Abschiedstitel. Und nun - "reicht es auch, jetzt ist Schluss", sagt er, aber das hat er oft, seit Jahrzehnten schon gesagt, gerade so, als wollte er dem hinter irgendeiner Ecke jeden Menschenlebens ja lauernden Tod schon mal von weitem zurufen: Ich sehe dich, komm ruhig raus, erschrecken kannst du mich nicht.
Nun ist das Ende ziemlich nah, die Ärzte gaben ihm im vergangenen Herbst mit der Krebsdiagnose eine Prognose von "noch drei Monaten". So gesehen befindet Kempowski sich längst im Bonusbereich. "Eine Chemotherapie in meinem Alter, das ist doch albern, was soll man denn das Leben so künstlich verlängern? Ich wäre gerne noch 80 geworden, schon wegen der Thomas-Mannschen runden Lebenszahl, aber nun werde ich wohl", er klopft grinsend dreimal mit dem Gehstock auf den Boden, "immerhin noch 78, da kommt die '8' ja wenigstens drin vor."
Hildegard Kempowski guckt zur Tür herein, wie es und ob es noch gehe. Es geht: "Jetzt reden wir gleich über die Beerdigung, Hildegard!", verscheucht er seine Frau. Man möchte ihn küssen, so albern-egozentrischliebenswert, wie er ist. Und tut es natürlich nicht, dafür sind wir beide zu norddeutsch. "Das Schlimmste ist, wenn Menschen, von denen man das gar nicht geglaubt hätte, jetzt in meiner Gegenwart plötzlich fromm werden. Da gibt es so einen rechtslastigen Lyriker, der nicht mal Mettwurst von Leberwurst unterscheiden kann, und der sagte neulich am Telefon: ,Ich bete für dich.' Da dachte ich, ich werd nicht mehr! Was bedeutet denn Beten? Was es da alles für verschiedene Arten gibt, die Laudatio, die Adoratio und so weiter. Da kann man nicht einfach sagen: ,Ich bete für dich.' Ja, was denn nun? Was betet er denn? Ich sterbe doch gerne. Ich freue mich doch darauf."
Diese letzten beiden Sätze hat er schon mal gesagt, das merkt man, er kennt ihre Wirkung, freut sich am Platzen der Bombe und heimst für ein besonders gelungenes Bonmot auch einfach gern mehrmals Applaus ein, wie etwa für das folgende, bei unseren zwei letzten Treffen dreimal untergebrachte: "Neulich war ein Pastor hier. Ich fragte: 'Ist das eigentlich frivol, wenn ich sage: Ich freue mich darauf?' 'Nein', sagte er, 'das ist nicht frivol.' Aber weiter hat er nichts dazu gesagt. Gut, nicht?" Er freut sich über Unbeholfenheiten, Unzulänglichkeiten und Fehler, er sucht, notiert und betont sie.
Abends liest er jetzt manchmal in der Bibel ("So ein herrliches großes Epos, wer mag das geschrieben haben?"), Kirchenmitglied ist Kempowski nicht mehr, "leider nicht. Das ist für die Beerdigung ein Problem, aber ich habe eine nette Pastorin aus Frankfurt am Main, die will das machen. Eine gewisse Form muss es schon haben".
Kempowski hat schließlich Spaß an Regeln und Bürokratie, man kann so schön dagegen anschimpfen. Sowieso sein Schönstes: Er schimpft auf die gestern gehörte Johannes-Passion ("Mit 80 Sängern und Trompeten, so ein Alarm, furchtbar!"), auf seinen Bruder ("Im Grunde kann ich ihn nicht ausstehen"), die gegenwärtige RAF-Hysterie ("Ich neige zu ,Schwamm drüber'") und natürlich immer schon gern auf Günter Grass ("Na ja, er wird jetzt 80. Da ist man schon ein bisschen gaga"). Er testet Provokationsballons, legt den Kopf schief. Wer darauf reinfällt - selber Schuld.
Ein Hustenanfall, ein Schluck Tee, und weiter geht's. Noch. "Natürlich wird die Sache mit jedem Monat kritischer. Jetzt habe ich dauernd so tolle Fieberschübe mit 40 Grad Fieber. Zwei Tage geht das, und dann weiß ich gar nicht, wer ich bin. Aber ich will nicht klagen."
Natürlich arbeitet er, so lang es geht. Die Tagebücher, auch ein weiterer Roman (",Kleine Liebe zu Trompeten' wird der heißen, hübscher Titel, nicht? Ich diktiere jeden Tag ein paar Seiten, mal sehen, ob es noch mehr als ein Fragment wird"). Gerade überarbeitet hat er außerdem einen Gedichtzyklus über seine Haftzeit in Bautzen, 80 Poeme. "2003 habe ich damit angefangen. Plötzlich meldete sich die Einzelhaft in Bautzen. Ich habe meine ganze Haftzeit im 'Block' so ein bisschen grotesk beschrieben, fast ein bisschen lächerlich. Plötzlich wurde mir klar, dass das so nicht stehenbleiben kann. Und da habe ich, ohne dass ich es eigentlich wollte, Gedichte darüber gemacht, die sich nicht reimen, die nur so, ganz ernst, die Institution darstellen." Sie sollen posthum erscheinen.
Die Tagebücher will er "im Krankenhaus dann" weiter korrigieren und zur Veröffentlichung vorbereiten. Einschüchtern lässt er sich von der Krankheit nicht: "Vorgestern waren hier 70 Leute zu einer Lesung. An dem Tag hatte ich aber 41,2 Grad Fieber. Da führten mich meine süße Tochter und meine Frau runter, vor die Gesellschaft. Die waren natürlich verblüfft. Und da habe ich gefragt: ,Ist hier ein Pastor?' Da stand einer auf: ,Ja, ich!' Ich sagte: ,Lesen Sie bitte den ersten Teil, und den zweiten liest meine Frau.'"
Es ist lustig, was er da und wie er es erzählt, das weiß er, er schmunzelt, wenn er an das ratlose Publikum denkt. Und mein Lachen über die schmissige Geschichte feuert ihn an, sie und sich jetzt noch zu übertreffen. Oder, noch besser, jetzt die Stoßrichtung ändern, abrupter Witzelei-Stopp - und schließliche Auflösung mittels Rührung. "Aber ich meine: Irgendwann scheißt man sich auch mal ein. Und dann ist das die Sache meiner Frau. Wir sind jetzt 50 Jahre zusammen, eine so schöne Zeit wie jetzt mit meiner Frau habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Es wird immer schöner, inniger. Das ist unglaublich."
Wie bei jedem Besuch schiebt Kempowski nun sein Poesiealbum rüber, da muss jeder Besucher was reinschreiben und sich selbst zeichnen. Es ist immer eine Qual, das weiß er und das ist ihm durchaus ganz recht so. Während ich mich abmühe, stellt er noch eine indiskrete Frage, und um mich hernach wieder aufzurichten, möchte er ebenfalls etwas Unangenehmes beisteuern, Kempowski mag als schwierig gelten, aber fair ist er immer gewesen: "Jetzt dürfen Sie auch mir indiskrete Fragen stellen. Aber bei mir liegt ja meist alles offen."
Das stimmt wohl. Und er legt trotzdem was in die Waagschale: "Mit dem Geld
wird es bei mir langsam knapp, das könnte ich Ihnen erzählen als Indiskretion. Ich habe ja von meinen Lesungen gelebt. Wenn ich nicht 30 Jahre lang Schulmeister gewesen wäre, hätte ich keine Pension. Und jetzt lebe ich praktisch von meiner Pension. Für meine Bücher kriege ich fast nichts. Ich habe für das letzte halbe Jahr 3500 Euro vom Verlag gekriegt."
Anfallsweise kommt bei ihm, im Gespräch oder in Selbstauskunftspassagen seines Werks, diese Wut auf das Zukurzgekommensein, nicht ernst genug genommen, nicht ausreichend beachtet, gelobt und gekauft worden zu sein. Da muss man ihm jetzt schnell danken für bestimmte Bücher, am besten aus dem Gedächtnis einige Passagen, möglichst genau, zitieren. Sofort wird sein Blick wieder weicher, und er fragt, ob man noch einen Tee möchte. Er hat immer darunter gelitten, speziell von jüngeren Autoren und Kritikern als "liberales Schwein" rechts liegengelassen zu werden; seine biografisch ja nun wirklich fundierte Abneigung gegen das andere, von vielen westdeutschen Linksspießern kurioserweise jahrzehntelang als "das bessere" bezeichnete Deutschland hat ihn ins Abseits gestellt, und er stand dort und wunderte sich.
Wir gehen zurück in den Saal, da steht der Flügel, da liegen diese Noten, was ist denn mit denen? "Ja, ich spiele immer gerne morgens und abends einen von diesen Bach-Chorälen. Die geben bei einer gewissen Leichtigkeit doch einen hundertprozentigen Effekt." Tja, der Text - Urteil, Schuld, Missetaten, das sei wohl wahr, unbedingt aufbauend sei der nicht gerade, manchmal singe er ein bisschen mit, "und dann fange ich meist an zu weinen".
Drei Wochen später, Kempowskis 78. Geburtstag. Derselbe Choral liegt auf dem Klavier. Das kann heißen, dass Kempowski seit unserem letzten Treffen nicht mehr Klavier gespielt hat - oder immer wieder dieses Stück. Beide Möglichkeiten machen sofort traurig.
Ich habe einen Strauß Spree-Nelken dabei, weil er sich doch so nach Berlin sehnt (dort wird am 19. Mai in der Akademie der Künste die große Kempowski-Ausstellung eröffnet; er hofft so sehr, bei der Eröffnung dabei sein zu können, außerdem spielt ja sein gerade entstehender Roman dort), und drei Bilder, die ich den Hamburger Maler "4000" anfertigen ließ, darauf sind in krakeliger, bunter Kinderschrift alle Werke Kempowskis untereinander aufgelistet, ein Triptychon.
Herr und Frau Kempowski schlafen noch, Treffpunkt ist, natürlich!, das Archiv, es empfangen der Sohn Karl-Friedrich und die Mitarbeiterin Simone Neteler, beide sind dem Kempowski-Leser aus den Tagebüchern bestens bekannt, als "KF" und "Simone". KF also kümmert sich um die Blumen und um Kaffee, Simone sortiert die korrigierten Gedichte.
Die Stimmung ist gedrückt, es geht Kempowski seit ein paar Tagen deutlich schlechter. "Und jetzt hängen ihm sogar schon die Thomas-Mann-Tagebücher zum Hals raus", sagt KF. Wir schneiden den Kuchen an und rühren wie bescheuert im Kaffee, gerade so, als würde das irgendwie helfen. Mein Triptychon finden sie schön, nachdem sie erst mal argwöhnisch kontrolliert hatten, ob auch kein Titel fehlt; er hat sie wirklich gut abgerichtet.
Am Morgen hat KF wie jedes Jahr die alte Mecklenburg-Fahne aus dem Keller geholt und vor dem Haus aufgeflaggt. Dann erscheint Hildegard Kempowski, sagt, er habe weiterhin Schüttelfrost, die Medikamente würden nicht anschlagen, sie müsse jetzt den Arzt anrufen. Sie stellt die Spree-Nelken in eine Vase, lobt sie und bringt mich nach oben, denn aufstehen wird er heute nicht können.
Und da stehe ich vor dem Bett, halte gemeinsam mit Frau Kempowski die Bilder hoch, er liegt zitternd unter der Decke, bleich, versucht zu grinsen. Kempowski schickt seine Frau weg, wir hätten jetzt von Mann zu Mann zu sprechen, sagt er. Wohl ist mir nicht. Vielleicht geht das alles jetzt zu weit. Ich setze mich neben das Bett, Kempowski spricht mit dünner Stimme vom "nun kommenden biologischen Abschied", dem er "fröhlich nicht, aber doch heiter" entgegensehe. Er glaube, dass er "da drüben nicht unwillkommen" sei, und mehr könne er auch gar nicht mutmaßen, alle menschlichen Vorstellungen über das Jenseits seien schließlich "so Kinderbibelartig, da wird es dann albern". Schweigen.
Ob ich was Bestimmtes wolle, fragt er. Nein, sage ich, ob er einen Schluck Wasser wolle? Gute Idee sagt er, und ich reiche ihm das Glas. Im Flur telefoniert seine Frau mit dem Arzt. Wir reden über Glenn Gould, dieses spinnerte Genie, da kennen wir uns beide aus, da gibt es immer was zu schmunzeln. Kempowski: "Rätselhaft ist ja das Verhältnis zu seiner Cousine. Die hat er mal im Klo eingesperrt und hat dann ihr Aufsatzheft zerrissen und die Schnipsel unter der Tür duchgeschoben, um sie zu ärgern."
Wenn er am Thema vorbeispreche, müsse ich einfach Bescheid geben, sagt er, schließt die Augen und erzählt von seiner Zeit als Dorfschullehrer, wie er die Kinder dazu gebracht hat, ihm zuzuhören: einfach etwas an die Tafel schreiben. Oder einen Ohnmachtsanfall vortäuschen. Zur Not auch mal einen Störenfried hochheben und ins Bücherregal legen. Oder fragen, wer lieber Vanillepudding mag und wer lieber rote Grütze; oder nach den Vornamen der Großväter. Schweigen. "Verehrter Kempowski - puh!" "Ja, ja", sagt er.
Wie verabschiede ich mich jetzt? Hand schütteln geht nicht, seine Hände liegen unter der Decke. Umarmung würde ihn erschrecken. Ich tätschele unbeholfen seine Schulter. Ihm jetzt "viel Kraft" zu wünschen wäre ebenso töricht wie die Fürbitte des Leberwurst-Lyrikers. Ich murmele: "Danke."
Und im Zug fällt es mir ein, ich hatte alles dabei, war auf die Minute pünktlich, hatte ein sauberes Hemd an, eine Krawatte, sorgsam ausgewählte, schmeichelnd Werkkennerschaft verratende Geschenke hatte ich dabei, nur habe ich, so peinlichst darauf bedacht, alles richtig zu machen, peinlichsterweise vergessen, ihm zu gratulieren, also dann jetzt, hier: Herzlichen Glückwunsch, lieber Walter Kempowski, auch, aber nicht nur zum Geburtstag! Nachträglich - und als Vorruf. Wer weiß, ob Sie es sonst noch zu hören kriegen, auf Gott ist schließlich irgendwie kein Verlass.
Von Stuckrad-Barre, Benjamin von

DER SPIEGEL 19/2007
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