07.05.2007

KRIMISGrabungen in der Seele

Die französische Erfolgsautorin Fred Vargas schreibt spannende Romane mit dem forschend-forensischen Blick einer Archäologin.
Die Schreibtischtäterin hat nussbraune Augen, blondes Haar, ein kumpelhaftes Lächeln. Die schmalen Hände umfassen die Kaffeetasse mit der Entschlossenheit, mit der ein Hals zugedrückt wird: Fred Vargas, 49, Frankreichs erfolgreichste Krimi-Schriftstellerin, ersticht, vergiftet, ertränkt, heckt die abscheulichsten Verbrechen aus - und die Fan-Gemeinde ist begeistert.
Dabei bleibt sie bisweilen so rätselhaft wie die Figuren, die ihre Romane bevölkern: der von Tristesse und Instinkt getriebene Kommissar, der enzyklopädisch gebildete Commandant oder der manische Lieutenant, der sich ausschließlich in Alexandrinern ausdrückt.
Fred Vargas ist eine Frau mit ungewöhnlichem Doppelleben. Die mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin hat eine Geschichte vor dem Krimi-Erfolg: Als Wissenschaftlerin wühlt sie in den Mülltonnen der Geschichte, untersucht organische Überbleibsel rund um mittelalterliche Abteien und vorzeitliche Siedlungen.
Die junge Frédérique aus bürgerlichem Elternhaus - der Bruder ist Historiker, die Zwillingsschwester, mit der sie noch heute in Paris zusammenwohnt, Malerin - studierte das Nischenfach zoologische Archäologie, lernte anhand von Tierknochen, die Vergangenheit zu rekonstruieren. "Es bleibt erstaunlich", sagt sie, "was man aus solchen Resten über das Leben unserer Vorfahren ablesen kann - über Sitten wie soziale Strukturen."
Jahrelang arbeitete sie sich durch Schichten von Skeletten - Hasen, Hochwild, Haustiere, Geflügel, Zuchtvieh, Ratten. Bruchstellen von Knochen, Zähne und deren Abnutzungen geben Hinweise auf Essgewohnheiten und wirtschaftliche Zusammenhänge. Mit 28 legte sie nach fünfjähriger Recherche am renommierten französischen Nationalen Forschungszentrum CNRS ein Standardwerk über die Pest im Mittelalter vor. Doch da empfand sie plötzlich ihr Fach als "rigoroses, spartanisches Gewerbe". Neben Kolloquien, Grabungskampagnen, Unterricht, dem Ernst der Arbeit, suchte sie "eine parallele Spur".
So beschloss sie, einen Krimi zu schreiben. Für das Erstlingswerk "Les jeux de l'amour et de la mort" (Spiele von Liebe und Tod), über das sie heute nur mit Widerwillen spricht - "total daneben" -, bekam sie 1986 prompt einen Preis. Seitdem sind zwölf weitere Romane erschienen, manche mit Millionenauflage. Auch in Deutschland findet sie längst Beachtung, ihr Buch "Die dritte Jungfrau" steht auf der SPIEGEL-Bestsellerliste*.
Eine verblüffende Popularität, denn die Geschichten passen nicht ins Genre, sind eher sperrige Konstrukte als klassische Krimis. Die personellen Nebenrollen wie Polizisten, Richter und Anatomen, Restaurantbesitzer, Friedhofsgräber und Handlungsreisende ähneln einem Panoptikum sozialer Randexistenzen. Trotzdem bleibt die Darstellung immer glaubwürdig.
Vargas erträumt ihre Geschichten. "Im Bett abends, im
Dämmerschlaf kommen mir die besten Ideen. Ich plane nicht. Ich versuche, passiv zu sein. Ich schalte meinen Intellekt aus. Ich sammle Einfälle, mache Notizen. Das kann ein Jahr dauern. Dann brauche
ich nur noch zuzudrücken wie bei einem Schwamm. Die Erzählung spult sich ab wie in einem Film - mit mir als Zuschauer."
Die Urfassung schreibt sie am liebsten in den Ferien, drei, vier Wochen lang. Sie trinkt Kaffee und Cola und raucht, sitzt bis zu 16 Stunden täglich am Computer und bringt die Träume und Alpträume, die Todsünden der Menschheit zu Papier - Neid, Hass, Eifersucht, Rache. Das Resultat ist ein "Wortbrei, eine ungekochte Suppe". Die rührt sie dann 40-, 50-, 70-mal um. Am Ende ist nicht ein Satz so geblieben, wie er am Anfang war.
Vargas will keine Lehren verkünden, der Leser soll unterhalten werden. Botschaften gehören ihrer Meinung nach nicht in einen Roman. "Politik ist der Mühlstein am Hals der Literatur", zitiert sie Stendhal. Engagement ja, für Umwelt, Immigrantenkinder, aber eben nicht in einem Krimi.
In letzter Zeit hat sich Fred Vargas persönlich weit exponiert mit ihrem Einsatz für Cesare Battisti, einen Kollegen, der früher ein Aktivist der radikalen italienischen Linken war und in seiner Heimat wegen Beteiligung an vier Morden verurteilt wurde.
Battisti hatte in Frankreich eine Art politisches Asyl bekommen, aber ein Appellationsgericht verfügte 2004 seine Auslieferung. Vargas kümmerte sich um den Autor; mit demselben Spürsinn wie ihr literarischer Kommissar überprüfte sie Indizien, entdeckte Widersprüche, Unterlassungen, Fehler der Justiz. Sie hat ein Nachwort zu Battistis Buch "Ma cavale" (Meine Flucht) geschrieben und mit dafür gesorgt, dass der Fall Wellen schlug.
"Mein Herz schlägt politisch links", sagt Vargas, "aber ich bin gegen jede Form von bewaffnetem Kampf und ähnlichen Idiotien. In diesem Fall jedoch geht es um die Verweigerung eines Rechts. Egal ob unschuldig oder nicht, Battisti hat einen neuen, gerechten Prozess verdient."
Mittlerweile haben sich nicht nur Intellektuelle auf ihre Seite geschlagen, auch manche Politiker befürworten ihre Aktion. Da ähnelt die Streiterin für Gerechtigkeit dann doch ihrem literarischen Alter Ego, dem Kommissar Adamsberg. Der folgt seinen Intuitionen, mit Schleifen und auf Umwegen, aber mit ausdauernder Zielstrebigkeit. "Ich benutze die Methode des Zerstäubers", sagt Vargas, "man sieht die Tropfen nicht, aber wenn die Geschichte am Ende ankommt, ist der Leser trotzdem nass." STEFAN SIMONS
* Fred Vargas: "Die dritte Jungfrau". Aus dem Französischen von Julia Schoch. Aufbau-Verlag, Berlin; 480 Seiten; 19,95 Euro.
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 19/2007
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