07.05.2007

Glühende Geistesblitze

Band 39 der SPIEGEL-Edition: Rüdiger Safranski erzählt Nietzsches philosophischen Lebensweg als Biografie des Denkens.
Es gibt nur wenige Philosophen, die losspringen wie ein Tiger, heulen wie ein Wolf, sich grimmig verbeißen in ihre gedankliche Beute. Deren Intensität jeden Satz zum Erglühen bringt. Und die zugleich so bewusst sind in ihrem Denken und so gebildet außerdem, dass die akademische Philosophiegeschichte sie zu den Ihren zählt und nicht in die Laienkiste sortiert. Søren Kierkegaard gehört dazu, Arthur Schopenhauer - und Friedrich Nietzsche.
Er ist als Philosoph noch immer eher berüchtigt als bekannt. "Der Wille zur Macht", jene Kompilation von Fälschungen und Zitaten aus seinem Werk, die seine Schwester ihm posthum unterschob (und die vor allem ihren Willen zur Macht bewies), ist sprichwörtlich geworden für die eine Lesart Nietzsches, die berüchtigte: der Autor des "Zarathustra", der Sänger von Kampf und Krieg, der Rassenphilosoph. Sein nichtakademischer Stil, seine aphoristische Sprache, seine Freude an Zuspitzungen (rhetorischer und inhaltlicher Art) laden nicht nur zum Verständnis, sondern mehr noch zum Missverständnis ein. "Es ist durchaus nicht nöthig, nicht einmal erwünscht", schrieb er ahnungsvoll als Mittvierziger, "Partei für mich zu nehmen: im Gegentheil, eine Dosis Neugierde, wie vor einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir."
Eine Biografie Friedrich Nietzsches zu schreiben ist eine besondere Herausforderung: Es scheint so leicht, dass es geradezu tückisch ist. Bei kaum einem anderen Philosophen liegen Leben und Werk so eng beieinander, kann man das Denken so umstandslos als eine Reaktion aufs Leben deuten. Die Entzündlichkeit eines genialen Geistes führt bei einem so sprachmächtigen Neurotiker wie Nietzsche zu herrlichen Ergebnissen im Text, zu Gedankenblitzen in der Philosophie - und sorgt auf der Ebene der Psyche für prompte Vorhersagbarkeit, wahrhaftig einer Seifenoper würdig.
Rüdiger Safranski hat es vermieden, diese Seifenoper zu liefern. Er schrieb keine Biografie Friedrich Nietzsches, sondern eine "Biografie seines Denkens". Was im Ergebnis heißt: keine Galerie von Ahnen, keine Beschreibung der Kindheit, keine psychologische Deutung.
Die biografische Literatur über Nietzsche zitiert er gerade so weit, dass klar wird: Der Biograf "seines Denkens" hat sie zur Kenntnis genommen. Safranski leugnet nicht die Stimmigkeit mancher Deutung, die offensichtliche Überzeugungskraft vieler Beobachtungen, die Treffsicherheit der (Psycho-)Analyse. Auch macht er hin und wieder Gebrauch davon - mit einer Flüchtigkeit allerdings, die nur das Offensichtlichste gelten lässt, um es gleichsam abzuhaken.
Safranski löst die Aufgabe des Biografen, Leben und Werk sinnvoll zu verbinden, indem er auf das "und" verzichtet. Es gibt das Leben; ihn interessiert das Werk. Gerade weil wir so viel über Nietzsches Leben wissen und gerade weil dessen Konstellationen - im Käfig der Familie, in der Spannung zwischen Genius und, später, geistiger Erkrankung - derart dramatisch und sprechend sind, fragt er: "Aber was hat man verstanden, wenn man Nietzsche so versteht?" Und legt als seine Antwort nahe: nichts.
Denn wenn Nietzsches Texte nichts wären als die brillant formulierten Übersetzungen allein persönlicher Erfahrung, dann wären sie zwar immer noch große Dichtung, aber eben nicht Teil der Philosophiegeschichte. Nietzsches Unmittelbarkeit macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Philosophie. Er kann jeden Laien entflammen. Man kann in einer Lebenskrise zu seinen Büchern greifen wie der Patient zur Arznei (oder zum Doping). Doch letzten Endes verhält er sich in seinen Texten als Philosoph, setzt sich in Bezug zu den Texten der Philosophie.
Und so interpretiert Safranski ihn - und sein Leben. Er führt den Leser ein in Nietzsches Lektüre Schopenhauers, in seine Versenkung in Wagners Musik und dessen Wiederbelebung des Mythos. Er situiert ihn als Ausnahmedenker in einer Zeit, die es fertigbringt, "klein vom Menschen zu denken und doch Großes mit ihm anzustellen": die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Positivismus, Empirismus und exzessives Nützlichkeitsdenken griffen ineinander, der deutsche Idealismus und die Romantik waren "überwunden", die Maschinen wurden vergöttert.
"Der Siegeszug des Materialismus", fasst Safranski die Lage, wie immer pointiert, zusammen, "war durch kluge Einwände nicht aufzuhalten, vor allem deshalb nicht, weil ihm ein besonderes Metaphysikum beigemischt war: der Glaube an den Fortschritt." In dieser Zeit war Nietzsche fremd. Und was den unbedingten Glauben an den Fortschritt betrifft, ist sie uns auch fremd geworden. Damit kommt Safranskis Nietzsche-Buch genau zur richtigen Zeit.
ELKE SCHMITTER
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 19/2007
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