Von Hüetlin, Thomas
Es gibt Dinge, die sind nicht vernünftig, aber in England trotzdem überaus beliebt. Das Trinken von sehr viel Bier in sehr kurzer Zeit gehört dazu, ebenso wie das Spazierengehen ohne Socken im Winter. Der Wahn, die englische Nationalmannschaft 41 Jahre nach dem letzten Endspiel um einen internationalen Pokal zur Weltelite zu zählen, muss hier erwähnt werden und natürlich die Tatsache, dass der Hunne im Zeitalter von Osama Bin Laden immer noch der Lieblingsfeind Nummer eins ist.
Die Hunnen, das sind wir, die Deutschen. Und die Abneigung gegen uns ist ein folkloristisches Vergnügen, das zur Insel gehört wie der Linksverkehr oder die Ansicht, Victoria Beckham sei eine Frau mit Klasse.
Der Hunne tritt auf im Nachmittagsfernsehen, in Computerspielen und selbstverständlich vor wichtigen Begegnungen im Fußballstadion. Sportreporter entschuldigen sich zwar dafür, aber sie sind machtlos gegen die Chefs der Titelseiten, und wenn einem, wie 1996, die Zeile "Achtung! Surrender! - For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over" einfällt, dann wird sie gedruckt. "Die britische Presse richtet sich nach dem schäbigsten Appetit ihrer Leser", sagt Professor John Ramsden von der Londoner Queen Mary Universität, der vergangenes Jahr ein Buch über das spezielle Verhältnis zwischen Deutschen und Briten geschrieben hat, Titel: "Don't Mention The War".
Das Ressentiment gegen die Deutschen nach dem Krieg wurde, so Ramsden, noch verstärkt, als der im Feld bezwungene Feind durch das Wirtschaftswunder zu neuer Macht gelangte. Der Hunne, so das Klischee, fährt mit dem Mercedes nach Spanien, wo er in den besseren Hotels wohnt und uns am Strand die Liegestühle wegnimmt. Frustriert fragten sich die Briten, denen nach dem Empire auch die Konkurrenzfähigkeit ihrer Industrie abhanden kam: "Who won the bloody war anyway?" - Wer hat eigentlich den verdammten Krieg gewonnen? Eine Haltung, die Großbritannien manchmal bis in die Machteliten prägte, lautete: "Wenn man den Hunnen nicht zu den Füßen hat, hat man ihn bald an der Gurgel."
Es war dieses tiefe Misstrauen, mit dem sich Margaret Thatcher gegen die deutsche Wiedervereinigung stellte. Auch die EU kam nicht viel besser weg. Nicholas Ridley, Thatchers Industrieminister, sagte, die europäische Währungsunion sei nichts weiter als "ein Komplott der Deutschen, um Europa zu schlucken, da hätte man es ebenso gut Adolf Hitler schenken können". Äußerungen, die Ridley den Job kosteten, von Thatcher aber in ihren Memoiren gerechtfertigt wurden.
Die Wut wandelte sich zu Schadenfreude, als die teutonische Wirtschaftsmaschine während der neunziger Jahre ins Stottern kam und Großbritannien, von Thatchers und Blairs Reformen dereguliert, begann, die Globalisierung zu forcieren. Mit unverhohlener Spottlust wurde auf den "neuen kranken Mann Europas" gezeigt - jenen Michel, der das 21. Jahrhundert zu verschlafen drohte. Gleichzeitig protzten die Briten mit ihrem neuen Reichtum. Das britische Leben gleicht heute oft einer großangelegten Schönheitsoperation: "Besser Aussehen - Besser Wohnen - Besser Kochen", vorexerziert in endlosen Fernsehsendungen. Das Understatement, der Charme, der Stoizismus - früher britische Primärtugenden - verschüttet unter dem neuen Generalwunsch: "Loads of money".
Kein Wunder also, dass das Interesse an Deutschland bei Jugendlichen immer noch gegen null geht. Nur ein Prozent der englischen Abiturienten wählen Deutsch als Fremdsprache.
Auch jungen Engländern scheint es schwerzufallen, sich vom Klischee zu verabschieden, Deutschland sei "das langweiligste, unattraktivste und ärmste Land Europas", dem sogar Bosnien als Ferienziel vorzuziehen sei, wie eine Umfrage vor einigen Jahren ergab. Eine Exkursion sollte britischen Lehrern die moderne, pazifistische, soziale Republik nahebringen - weg vom britischen Lieblingsfokus: the Third Reich. Die Lehrer blieben lernunwillig. Einer bekannte: "Nazis sind sexy. Das Böse ist faszinierend."
Es ist diese dicke Mauer aus Vorurteilen und Desinteresse, die das moderne Deutschland seit nun bald 60 Jahren gern überwinden würde. Zwar können sich inzwischen auch viele Engländer einen Porsche, Mercedes oder BMW leisten und eine Miele-Waschmaschine dazu, aber für das deutsche Wesen mögen sich noch immer recht wenige erwärmen. Der gnadenlos effiziente, aber humorlose Ingenieur mag den SS-Mann neuerdings ersetzt haben - nur: Mit dem ein Bier zu trinken, würden die meisten Engländer vermutlich ablehnen.
Statt "Heil" und "Jawohl" fällt vielen Engländern jetzt der Audi-Slogan "Vorsprung durch Technik" ein.
Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Im vergangenen Jahr zur Fußball-Weltmeisterschaft gaben viele Engländer an, sich durchaus amüsiert zu haben. "Alles in allem nicht so schlecht die Deutschen", urteilte die "Times" gnädig.
Ein Leserbriefschreiber vertraute einer Website der BBC an: "Diese WM öffnet vielen die Augen, dass die Deutschen gar keine erbärmlichen, langweiligen Leute sind."
Keine erbärmlichen, langweiligen Leute. Mehr Wohlwollen kann man als Kontinentaleuropäer von den Inselbewohnern schwer verlangen. Ein Reisebuch über Frankreich, das Engländer gern kaufen, bevor sie sich in den Hochgeschwindigkeitszug Richtung Paris setzen, heißt: "A Year in the Merde". THOMAS HÜETLIN
DER SPIEGEL 20/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.