DER SPIEGEL



Nackt, grob, scharf

Von Fichtner, Ullrich

Wie Franzosen staunend auf das sich lustvoll wandelnde Deutschland sehen

Es gibt in Frankreich Menschen, denen beim Plaudern mit Deutschen die Frage einfällt, ob es eigentlich deutschen Wein gäbe. Es gibt Franzosen, hinter dem Wald, in der tiefen Provinz des Landes, die meinen, Helmut Kohl sei noch Kanzler in Bonn. Es gibt Leute, die reden über die Welt, als wäre die Berliner Mauer nie gefallen, und dies alles sind keine Metaphern, sondern persönliche Erfahrungen aus jüngster Zeit.

Es gibt ein Frankreich, das beharrlich rein gar nichts von Deutschland weiß, noch wissen will, das sich mit Chipstüten vor den Fernseher setzt, um sich in Endlosschleife Filme darüber anzuschauen, wie schlau die Résistance und wie tumb die Nazis waren. Es gibt Franzosen, die mögen die Deutschen einfach nicht. Aber sie werden, in diesen Jahren, weniger und weniger.

Es ist dabei gut, dass es links des Rheins immer Deutsche gab, die so ganz anders waren als die gängigen Stereotypen. Man kann sagen, heute, dass so unterschiedliche Figuren wie Karl Lagerfeld, Daniel Cohn-Bendit oder Michael Ballack mehr und Wichtigeres für das Bild der Deutschen in Frankreich getan haben als 40 Jahre Staatsdiplomatie. Diese drei, Lagerfeld, Cohn- Bendit, Ballack, sind ungefähr die berühmtesten Deutschen hierzulande, sie haben Heidegger, Nietzsche, Hegel und auch Hitler abgelöst, es ist eine neue Zeit.

Als "Good Bye, Lenin!" Furore machte und die Schlangen vor den Kinos immer länger wurden, staunten die Kritiker über die deutsche Lässigkeit, und einer schrieb das denkbar schönste Lob hin: Er habe sich ganz am Ende gefragt, ob dies wirklich ein Film aus Deutschland sein könne, so geistreich, so humorvoll, so selbstironisch.

Aber man schätzt nicht nur die Komödie. Millionen haben Bruno Ganz als Hitler und Ulrich Mühe als Stasi-Mann gesehen, die Berlinale ist ein fester Termin auch im Pariser Kulturkalender, es schwingt bei alldem eine Lust an der Exotik mit: Das "Ostige", das "Trashige" ist den Franzosen ein faszinierendes Rätsel.

Berlin ist die Hauptstadt dieses Wunderreichs, und sie ist in Zeiten von Easy Jet und Co. plötzlich sehr viel näher gerückt. Am Flughafen von Orly kann man vor den Wochenenden kulturbeflissene Damen, schicke Kleinfamilien und amüsierwillige schwule Pärchen an den Gates warten sehen, hinter denen die Maschinen nach Berlin starten.

In Berlin lernen die Franzosen, dass eine Metropole nicht unbedingt wie eine Pralinenschachtel aussehen muss. In Berlin, und zumal im Osten der Stadt, bekommen sie ein Gefühl für historische Brüche, für realen Sozialismus, und sie stehen klein am riesengroßen Alexanderplatz oder auf der einstigen Stalinallee und schauen hinein in die eurasische Steppe.

Dass die Deutschen sich seltsam lustvoll verwandeln, weiß man nicht erst seit dem schwarz-rot-goldenen Rausch der Fußball-WM. Schon lange zuvor flimmerten die Bilder der "Love Parade" auch in die französischen Wohnzimmer wie eine Postkarte aus einem verblüffend aufregenden, unerhört sexualisierten Land.

Von Frankreich aus, wo doch immer die flüsternde Erotik regiert, sieht das Berliner, das Hamburger, das Kölner Nachtleben aus wie ein Porno. Nackt, grob, scharf, solche Sachen verstören Franzosen; ihre Faszination verhehlen können sie nicht.

Kein Wunder, dass die Pariser Kunstskandale von Deutschen angezettelt werden, und neuerdings gleich reihenweise. Das Regietheater deutscher Machart durfte hier Mozart-Opern zersägen und in Shakespeare-Aufführungen eimerweise Blut fließen lassen. Das bürgerliche Frankreich empörte sich, aber das intellektuelle frohlockte. Und neuerdings gilt sogar die Berliner Politik als Modell.

Dass die Deutschen eine Frau zur Kanzlerin wählten, wurde mit verwunderter Bewunderung zur Kenntnis genommen. Dass sie nun in der Lage sind, zumindest auf Zeit den Graben zwischen links und rechts zuzuschütten, wurde im Wahlkampf als vorbildlich hingestellt, zu schweigen vom neuen Wirtschaftswunder, auf das Frankreich so sehnsüchtig wartet.

Ja, die Franzosen schauen anders herüber zu uns. Aber vor allem sind sie im tiefsten Innern beruhigt. Als die Mauer fiel, ging die Angst um, das vereinigte Deutschland könnte als neuer 1000-Pfund-Gorilla wieder zur Gefahr für den Weltfrieden werden.

Dass die Deutschen nun nicht mit Säbeln, sondern mit Intimschmuck rasseln, dass sie sich als anständige Europäer und entspannte Demokraten entpuppen, lässt Frankreich gelassen bis indifferent neben den Deutschen herleben.

Seltsame Leute bleiben sie ganz am Ende doch, und eine Liebe wird nicht daraus. Wer sich fragt, warum, findet Antworten beispielsweise während der Feierlichkeiten zu 40 Jahren deutschfranzösischer Freundschaft. Damals, vor vier Jahren, wollten die Franzosen ihren Freunden ein großes Fest bereiten, im Schloss von Versailles, wie es sich gehört.

Der ganze Bundestag war eingeladen, mit den französischen Kollegen zu tafeln, aber aus Deutschland kam vorab die Bitte, beim Galamenü auf allzu teure Zutaten, auf Austern, Trüffeln und Champagner zu verzichten. In solchen Momenten fragen sich die Franzosen, ernsthaft, wie der Krieg mit Deutschland je enden konnte. ULLRICH FICHTNER


DER SPIEGEL 20/2007
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