Von Smoltczyk, Alexander
Torsten Frings und die Fünfprozentklausel. Das hohe Rentenalter und die niedrigen Abgeordnetendiäten. Lidl-Märkte und die 3er BMW. Windkrafträder, die Hauptstadtmieten, das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm, die "Agenda 2010" und das Schalke-Stadion und die SPD und Angela Merkel - sofern sie sich nicht gerade von Paparazzi im Badeanzug erwischen lässt.
Um all das beneidet Italien zurzeit die Deutschen. Unglaublich, aber wahr. Das Gemeinsame aller Punkte auf dieser Liste: Sie werden als Hinweise verstanden, dass es auf Erden vernünftig zugehen kann. Jedenfalls beim Nachbarn.
"In Italien fehlt es an einer Signora Merkel. Leider", erklärte Außenminister Massimo D'Alema gerade erst wieder.
Die Kanzlerin erscheint den Italienern als Fleischwerdung des Kantschen Traums einer rationalen Regierung. Unter ihrer Führung, so glauben sie, setzten sich die Lager zusammen, redeten sachlich, wägten Für und Wider ab, und heraus kommt die reine Vernunft.
Dass zivilisatorische Errungenschaften wie Rauchverbot, Bierdeckel-Steuererklärung, Tempolimit in Italien eingeführt wurden, wird nicht zur Kenntnis genommen. Höflich geschwiegen wird auch über die Mühen der deutschen Tiefebenen, die Grotesken bei Gesundheitsreform, Dosenpfand und Mautgebühr.
Es ist, als habe Utopia eine Postadresse, seit in Berlin "La Grande Coalizione" gemacht wird. Vor den Kameras mag die Kanzlerin "bruttissima figura" machen - aber genau das imponiert im Land der Gelifteten, der Großschwätzer und Mediokraten. Die Merkel ist offensichtlich anders.
Wie selbstverständlich wird in Gesprächen angenommen, dass nun alles zum Besten bestellt sei. "Hier in Rom gibt es keine Krippenplätze, bei euch dagegen bekommt ja jedes Kind einen ..." - "Eure Politiker setzen sich an einen Tisch und finden eine Lösung, bei uns würden sie eher den Staat zugrunde gehen lassen, als dem anderen recht zu geben." Das sagt Giancarlo Cignozzi, Rechtsanwalt, toskanischer Winzer und Freund von Otto Schily.
Vielleicht steckt dahinter der alte Pinocchio-Komplex der Italiener - die Überzeugung, bei aller Anstrengung letztlich doch nur ein hölzernes Kerlchen zu sein, lustig, liebenswert, aber nie ganz ernst genommen.
Immer wenn es um das Übergewicht des Leviathans geht, den ungeheuren Appetit des Staatsapparats, wird neidisch über die Alpen geschaut. In Rom verdient ein Parlamentarier knapp das Doppelte seines Berliner Kollegen. Der bundesrepublikanische Staat dagegen erscheint von Italien aus gesehen so schlank und geschmeidig wie ein Model bei den Armani-Frühjahrsdefilees.
Seit Monaten wird in Rom etwa über ein neues Wahlrecht disputiert. Wie gern würden Romano Prodi und Silvio Berlusconi eine Fünfprozentklausel einführen, um all jene Ein-Mann-Parteien loszuwerden, die jede politische Debatte in Pfründen-Management verwandeln. Es geht nicht. Schon allein deshalb, weil man zur Reform die Stimmen der Kleinen brauchte.
Mit der Fünfprozentklausel ist es wie mit den Deutschen im Allgemeinen und wie mit dem Papst im Besonderen. Man bewundert sie und lobt sie - umso mehr, als man weiß, dass die Welt für Prinzipien viel zu kompliziert ist.
Benedikt XVI. wird bestaunt, weil er so klar denken kann und praktisch keine Fehler macht. Geliebt wird er nicht. In der Wahrnehmung der Italiener ist der Papst die Große Koalition auf dem Stuhl Petri. Eine Messlatte, sehr präzise und sehr fern.
Es ist ein gegenseitiges Beäugen, bei dem Bewunderung schnell in Spott umschlägt, wie immer, wenn etwas unerreichbar ist.
Natürlich liegt an den Kiosken immer noch der Comic "Sturmtruppen" aus, harmlos doofe Schwejkiaden aus der Welt der deutschen Schützengräben, in deren Sprechblasen es von "Ach!" und "Achtung!" wimmelt. Die "Sturmtruppen" waren bis in die Neunziger durchaus populär, wohl als Trostbüchlein mit der Botschaft: Auch transalpine Disziplin führt nur ins Chaos.
"Ich spüre in Wirtschaft und Politik durchgängig einen an Bewunderung grenzenden Respekt davor, dass wir die Strukturprobleme nicht nur benannt, sondern auch Reformen aufgelegt haben - dazu noch mit Erfolg", sagt Michael Gerdts, seit drei Jahren Botschafter in Rom. Es sei schon manchmal irritierend, mit welcher Verve italienische Politiker darauf drängten, dass Deutschland Führung übernehmen sollte. "Wir sind eine Art Referenzmarke in vielen Bereichen - angefangen von den eigenen Reformabsichten bis zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums", sagt Gerdts. Deswegen seien auch Siege gegen Deutschland beim Fußball so wichtig: "Das hat eine regulative Kraft."
Als während der WM eine Online-Satire dem Italiener an sich eine zwischen Mamma und Gattin pendelnde "parasitäre Existenzform" bescheinigte, war das Land deshalb aufrichtig gekränkt. Und prompt fiel mancher Kommentator wieder zurück in den "Sturmtruppen"-Slang.
Zum Glück fürs beiderseitige Verhältnis wurde Frings gesperrt und Italien Weltmeister. ALEXANDER SMOLTCZYK
DER SPIEGEL 20/2007
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